Mit dem deutsch-russischen Vertragsabschluss in Rapallo am 16. April 1922 war der Grundstein für ein lang anhaltendes außenpolitisches Trauma gelegt, welches die europäischen Staaten und streckenweise auch die USA nach und nach erfassen sollte. Die westlichen Regierungen sahen einer Zusammenarbeit von Deutschland und dem sowjetischen Revolutionsstaat beunruhigt entgegen. Das Abkommen erbrachte aus ihrer Sicht den Nachweis für die Wankelmütigkeit deutscher Außenpolitik, sowie deren steter Neigung, zwischen West und Ost zu lavieren. Der daraus resultierende Rapallo-Komplex überdauerte mehrere Generationen und bleibt bis in die heutige Zeit ein wirkungsmächtiges Schlagwort, um Bedenken gegen eine allzu enge Kooperation zwischen Deutschland und Russland zu äußern.
In dieser Arbeit soll daher untersucht werden, inwieweit der Rapallo-Mythos einen Einfluss auf die britische Deutschlandpolitik 1989/90 gewinnen konnte und die Entscheidungsträger in Downing Street No. 10 sowie im Außenministerium in ihrer Haltung zur Wiedervereinigung beeinflusste. Dazu gilt es jedoch zunächst, die Entstehungsgeschichte des Rapallo-Vertrages zu beleuchten, um den Wurzeln dieses außenpolitischen Traumas nachzuspüren. Denn wie konnte Rapallo über die historische Dimension hinaus zu einer politischen Bekenntnisfrage avancieren, die auch Jahrzehnte nach der Vertragsunterzeichnung immer wieder neu gestellt wurde? Waren die getroffenen Vereinbarungen zwischen Russland und Deutschland wirklich so bedeutsam, dass ein Rückgriff auf die Rapallo-Politik noch heute als europäisches Schreckensszenario gelten kann? Oder kam es erst in der historischen Rückschau zu jener Legendenbildung, die Rapallo als den Sündenfall deutscher Außenpolitik erscheinen lässt? Ließ sich die britische Politik tatsächlich von einem Rapallo-Komplex leiten, als die Frage nach der deutschen Wiedervereinigung in den Jahren 1989/90 konkret wurde? Gab es unterschiedliche Positionen innerhalb des Regierungslagers oder sahen sowohl Premierministerin Margaret Thatcher als auch ihr Außenminister Douglas Hurd die Gespenster von Rapallo? Ist mit Beendigung des Kalten Krieges dieses alte Trauma nun endgültig seiner Strahlkraft beraubt oder hat der Mythos von Rapallo seinen Schrecken im 21. Jahrhundert noch immer nicht vollends verloren?
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Der Vertrag von Rapallo im Spiegel seiner Zeit
- 2.1 Die Weltwirtschaftskonferenz von Genua 1922
- 2.1.1 Vertragsschluss abseits der Konferenz – Der Pakt der Parias
- 2.1.2 Die Reaktion der Alliierten
- 2.2 Der deutsche Weg nach Rapallo als Forschungskontroverse
- 2.3 Rapallo: Der Geburtsort eines langlebigen Mythos (Zwischenfazit)
- 2.1 Die Weltwirtschaftskonferenz von Genua 1922
- 3. Angst vor einem neuen Rapallo? – Die britische Regierung und die Frage der deutschen Wiedervereinigung
- 3.1 Downing Street No. 10 unter Margaret Thatcher
- 3.1.1 Das Chequers-Seminar: Ressentiments gegenüber Deutschland
- 3.1.2 Die Nicholas Ridley-Affäre: Furcht vor einem ökonomischen Rapallo
- 3.2 Das Foreign Office und seine Beurteilung der Deutschlandfrage
- 3.3 Thatcher vs. Hurd: Die deutsche Einheit und das gespaltene Kabinett
- 3.1 Downing Street No. 10 unter Margaret Thatcher
- 4. Rapallo Quo Vadis? – Ein Mythos und seine Folgewirkung (Schlussbetrachtung)
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Entstehungsgeschichte und den Folgewirkungen des deutsch-russischen Rapallo-Vertrages von 1922. Im Fokus steht der Einfluss des "Mythos Rapallo" auf die britische Deutschlandpolitik im Kontext der Wiedervereinigung 1989/90.
- Entstehung des Rapallo-Vertrages im historischen Kontext
- Analyse der Forschungskontroverse um die Intentionen des Vertrages
- Die Rolle des Rapallo-Mythos in der europäischen Nachkriegspolitik
- Die britische Reaktion auf die Wiedervereinigung 1989/90 und die Frage nach dem Einfluss des Rapallo-Mythos
- Bewertung der Relevanz des Rapallo-Mythos in der heutigen Zeit
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1 beleuchtet die historischen Rahmenbedingungen des Rapallo-Vertrages und untersucht die Motive, die die deutsche Regierung zum Vertragsabschluss mit der Sowjetunion bewegten.
Kapitel 2 widmet sich der Analyse der Forschungskontroverse um die wahre Intention des Vertrages und zeichnet die Mythenbildung von Rapallo sowie ihre Auswirkungen auf die europäische Nachkriegspolitik nach.
Kapitel 3 untersucht die britische Deutschlandpolitik im Vorfeld der Wiedervereinigung und analysiert, ob der Rapallo-Komplex das Verhalten der Entscheidungsträger in Downing Street No. 10 und im Foreign Office beeinflusste.
Schlüsselwörter
Rapallo-Vertrag, Deutsch-russische Beziehungen, Britische Deutschlandpolitik, Wiedervereinigung, Mythos, Trauma, Außenpolitik, historische Forschung, Forschungskontroverse, Historiografie, Post-Kalter Krieg.
Häufig gestellte Fragen
Was war der Vertrag von Rapallo?
Der 1922 geschlossene Vertrag zwischen Deutschland und Sowjetrussland normalisierte die Beziehungen der beiden "Parias" der Weltpolitik und regelte den Verzicht auf Reparationen.
Warum löste Rapallo ein internationales Trauma aus?
Die westlichen Mächte fürchteten eine geheime deutsch-russische Allianz gegen den Westen, was als "Rapallo-Komplex" in die Geschichte einging.
Welche Rolle spielte der Rapallo-Mythos bei der deutschen Wiedervereinigung?
Die britische Premierministerin Margaret Thatcher befürchtete 1989/90, ein wiedervereinigtes Deutschland könne sich erneut Russland zuwenden und den Westen schwächen.
Was war das "Chequers-Seminar"?
Ein Treffen Thatchers mit Historikern im Jahr 1990, um über den deutschen Nationalcharakter und die Gefahren einer Wiedervereinigung zu diskutieren.
Ist der Rapallo-Mythos heute noch relevant?
Auch im 21. Jahrhundert wird der Begriff oft genutzt, um vor einer zu engen deutsch-russischen Kooperation zu warnen, die europäische Partner ausschließen könnte.
- Quote paper
- Florian Rühmann (Author), 2010, Der Mythos von Rapallo, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159308