Der literarische Widerstand


Diplomarbeit, 2010
111 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Einfuhrung
1.2 Forschungsfragen
1.3 Inhalt und Aufbau

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Zum Begriff der „Inneren Emigration1'
2.2 Zeitgeist vs. Zeugenschaft
2.3 Das Spannungsverhaltnis zwischen Identifikation und Identifizierung
2.4 Voraussetzungen des Schreibens im Nationalsozialismus
2.5 Historische Camouflage
2.6 Zum Verhaltnis von Literatur und Politik
2.7 Naturlyrik

3 Ausgewahlte deutsche Schriftsteller der inneren Emigration
3.1 Werner Bergengruen
3.1.1 Zum Autor
3.1.2 Werner Bergengruens Werk - Kurze Ubersicht
3.1.3 Bergengruens Lyrik
3.1.4 „Der GroRtyrann und das Gericht“ (1935)
3.1.5 „Am Himmel wie auf Erden“ (1940)
3.2 Reinhold Schneider
3.2.1 Zum Autor
3.2.2 Reinhold Schneiders Werk - Kurze Ubersicht
3.2.3 „Las Casas vor Karl V.“ (1938)
3.3 Ernst Wiechert
3.3.1 Zum Autor
3.3.2 Ernst Wiecherts Werk - Kurze Ubersicht
3.3.3 „Der weiRe Buffel oder von der groRen Gerechtigkeit“ (1937)
3.3.4 „Einfaches Leben“ (1939)

4 Zusammenfassung

5 Anhang
5.1 Abkurzungsverzeichnis
5.2 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Einfuhrung

Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus, als sich eine neue deutsche Literatur wieder in der heimischen Offentlichkeit prasentieren konnte, waren es die Autoren der „Inneren Emigration", die zunachst die weiteste Rezeption erfuhren, nicht etwa jene der Autoren des Exils.1 Thomas Mann hatte zwar ein verdammendes Urteil gesprochen und den Buchern, die wahrend des NS-Regimes im Deutschen Reich erschienen waren generell die Existenzberechtigung abgesprochen, indem er erklarte:

„Es mag Aberglaube sein, aber in meinen Augen sind Bucher, die von 1933 bis 945 in Deutschland uberhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an. Sie sollten alle eingestampft werden.2

Dies richtete sich naturlich nicht allein gegen die Bucher, sondern auch gegen jene, die sie verfasst hatten, die also wahrend der NS-Herrschaft nicht das Deutsche Reich verlassen hatten. In diesem Zusammenhang aber ist darauf hinzuweisen, dass auch die uberwaltigende Mehrheit der Emigrierten den Schritt ins Exil nicht freiwillig, sondern allein aufgrund einer konkreten Bedrohung und Gefahr unternommen hatte.3

Bereits beim ersten groReren Zusammentreffen der Vertreter des Exils und jener der ,Inneren Emigration’ auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress, der vom 4. bis 10. Oktober 1947 im sowjetischen Sektor Berlins stattfand, kam es zum Konflikt zwischen den Autoren der beiden Gruppen, wobei die wahrend des NS-Regimes in Deutschland Verbliebenen nun fast alle in den Westzonen ansassig waren.4 Ein Dialog war kaum noch moglich, die Nachkriegsdebatte zwischen den beiden Gruppen ist vielmehr ein „Dokument der totalen Entfremdung.5

Die vielfache Diffamierung aber vermochte dem Interesse an dieser Literatur zunachst nur wenig Abbruch zu tun, auch wenn der Streit zwischen ,innerer’ und ,auRerer’ Emigration die intellektuelle und literarische Entwicklung im Nachkriegskriegsdeutschland negativ beeinflusste, 6 wobei aufgrund der Diffamierung der Emigranten in der Adenauer-Ara zunachst die Vertreter der ,Inneren Emigration’ die bundesdeutschen Lesebucher beherrschten.7 Die drei hier untersuchten Autoren Werner Bergengruen, Reinhold Schneider und Ernst Wiechert zahlen nach der Zerschlagung des NS-Regimes zu den Vertretern der alteren Generation von Schriftstellern, „denen ihre asthetische bzw. moralische Vorreiterrolle bereits in den dreiRiger Jahren zugewachsen war und nun nach kurzer Quarantane bzw. ohne Verzug wieder zugebilligt wurde. 8

Erst spater, zuerst 1961 wieder durch Franz Schonauer, kam es zur intensiven Auseinandersetzung um die “Innere Emigration1'. Schonauer fand hier aufgrund der Verantwortung des Burgertums fur den Aufstieg des NS keine Literatur, „die die herrschende Ideologie verneinte, sondern nur eine Literatur, die vor gewissen Praktiken dieser Ideologie die Flucht ins Erbauliche ergriff. Die Literatur der sogenannten inneren Emigration war Flucht.“9 Zwar verleugnete Schonauer keineswegs die positiven Seiten dieser Literatur, erkannte diese gar explizit an, weigerte sich aber auch, sie zum Widerstand zu zahlen:

„Sie hatte eine humanistische Funktion insofern, als sie wahrend des Dritten Reiches die Abscheu gegen die verbrecherischen Praktiken des Hitler-Regimes wachhielt und die privatmenschliche Substanz des deutschen Burgertums bewahren half. Aber dieser Abscheu fuhrte weder zu einem wirklichen geistigen, noch gar zu einem effektiven politischen Widerstand.10

Gerade diesem Burgertum aber lastete Schonauer an, dass es durch seine apolitische und idealistische Einstellung erst die Machtubernahme der Nationalsozialisten ermoglicht habe. Es bleibt also als Essenz des Schonauerschen Textes die Verurteilung des Burgertums wie der Schriftsteller, die seine Bedurfnisse adressierten, aber so wie ihr Publikum in ihrer Innerlichkeit verharrten, sich allein auf „das bewahrte und damit Problemlose" 11 besinnend anstatt Umsturzbestrebungen unternehmend. Solch eine das System der NS-Herrschaft im Endeffekt stabilisierende Literatur musste mit gutem Gewissen als wertlos, die Beschaftigung mit ihr als obsolet erachtet werden, nachdem die Restaurationsbemuhungen der funfziger Jahre abgeschlossen waren und deren antikommunistische Ressentiments verblassten. So bewirkte die ,Zensur der Nachgeborenen12 einen Wechsel der Gewichtung, die Autoren der „Inneren Emigration1' gerieten weitgehend in Vergessenheit, und zwar nicht nur beim Lesepublikum, sondern auch in der wissenschaftlichen Fachwelt, so dass noch Mitte der siebziger Jahre die Sparlichkeit der Beitrage zur Analyse dieser Richtung beklagt wurde13. Dies hat sich seitdem allerdings deutlich geandert, mittlerweile liegen zahlreiche Analysen einzelner Werke und Aufarbeitungen der Anschauungen der Vertreter der „Inneren Emigration" vor, die sich auch durchaus differenzierter Einschatzungen befleiRigen,14 denn der schwierigen Situation innerhalb Nazideutschlands „kann die Alternative Dissens und Opposition oder Mitlauferschaft und Kollaboration nicht gerecht werden."15 Es erfolgte bereits in den siebziger Jahren auch eine gewisse Rehabilitation, die Schriftsteller der ,inneren Emigration’ erschienen nun teilweise gar „als Bestandteil einer antifaschistischen Volksfront."16, andererseits aber auch als Ausdruck einer spezifisch deutschen Lebensform.

Zwar sind die Autoren der ,inneren Emigration’ keineswegs zu den Vertretern der Fundamentalopposition zu rechnen, war ihr Widerstand und Dissens doch oft nur partiell17 konnen aber auch nicht zu den stutzen des NS-Regimes gezahlt werden, selbst wenn naturlich „alle geduldete Literatur eine Funktion innerhalb der nationalsozialistischen Gesellschaft ausubte18. Zu dieser Funktion gehorten Belehrung, Erbauung und Trost, deren Wirkungen letztlich nicht dem Widerstand, sondern vielmehr dem Hitlerregime zu Nutzen waren.19

Widerspruchlichkeit kennzeichnet also diesen Terminus, umfasst er doch einerseits den resignativ anmutenden Ruckzug in sich selbst, andererseits aber auch den rebellischen, wenn auch gut zwischen den Zeilen versteckten, literarischen Widerstand.20 Eben diese Vieldeutigkeit aber lieR die Leistungen und das Versagen der literarischen Inneren Emigration nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs zum Gegenstand eines offentlichen Streits werden, dessen Wertungen sich zwischen emphatischer Betonung des Widerstandspotenzials und konsequenter Verurteilung des Anpassungscharakters verorteten21. Die „Innere Emigration1' ist dabei keineswegs allein Widerstand, sondern auch zu verstehen als Strategie „literarischer Selbstreinigung und kollektiver Entlastung22. Sie reprasentiert die sog. „guten Deutschen“, die sich nicht an den Graueln des NS-Regimes beschmutzten, zwar sich innerhalb dessen Machtbereich bewegten, aber dadurch auch Bericht zu erstatten vermochten, zumindest theoretisch also zur Zeugenschaft uber die Zerstorung der Menschlichkeit und der Grundlagen der Zivilisation durch den Nationalsozialismus befahigt waren. Andererseits aber mussten auch immer wieder „Konzessionen an das NS-Regime23 gemacht werden. Diese Ambivalenz der Aussage und auch der politischen Position,24 ihre Uneindeutigkeit war es, die im Gefolge des Paradigmenwechselns nach 1968 die Vertreter der ,Inneren Emigration’ in den 1970er und 1980er Jahren uberwiegend Ablehnung seitens der Germanistik und Literaturwissenschaft erfahren lieR. Die Bedingungen des NS-Regimes nicht berucksichtigend wurde so diesen Autoren eine affirmative Nahe zum NS bzw. dessen zumindest indirekte Stabilisierung unterstellt, was sich aber in den folgenden Jahren wieder anderte,25 nun kamen Konzeptionen wie der ,Magische Realismus’26 auf.

1.2 Forschungsfragen

Anhand der exemplarisch untersuchten Texte der drei Vertreter der ,Inneren Emigration’ soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern diese der Opposition oder gar dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus hinzu gerechnet werden konnen.

Hinsichtlich der Wirkung ihrer Werke und ihrer Inhalte wird im Weiteren der Frage nachgegangen inwiefern die betrachteten Autoren zu aktiven Zeugen der Verbrechen des NS-Regimes geworden sind oder ob sie vielmehr teilhatten an deren Verdeckung und Verschleierung.

1.3 Inhalt und Aufbau

Nachdem zunachst eine kurze Einfuhrung in die Thematik erfolgt und die zu untersuchenden Fragestellungen umrissen werden, geschieht im Kapitel Zwei die theoretische Grundlegung.

Es wird dabei sowohl der Begriff der ,Inneren Emigration’ in seiner historischen Entwicklung dargestellt und kritisch erortert als auch die Konflikt beladenen Verhaltnisse von Zeitgeist und Zeugenschaft sowie Identifikation und Identifizierung, da diese beide den Rahmen des Schreibens im Nationalsozialismus bestimmen. Es wird sodann die wesentliche Technik dessen fur die ,Innere Emigration’ allgemein, vor allem aber fur die drei hier naher untersuchten Autoren, die historische Camouflage analysiert und deren Methoden vorgestellt, aber auch deren Einfluss auf die politische Reichweite der Texte erortert. Deren radikale Selbstbeschrankung seitens der Autoren in einigen ihrer Werke wird anhand der Naturlyrik dargestellt.

Im dritten Kapitel erfolgt sodann die Untersuchung anhand dreier Vertreter der ,Inneren Emigration’, wobei aufgrund ihrer groRen Bedeutung fur die damalige literarische Landschaft Werner Bergengruen, Reinhold Schneider und Ernst Wiechert ausgewahlt wurden. Diese Autoren werden jeweils hinsichtlich ihrer Biographie und ihrer Gesamtwerke kurz vorgestellt. Von jedem der drei Autoren werden sodann ein oder zwei ihrer Werke detaillierter untersucht hinsichtlich der Rezeptionsgeschichte und des moglicherweise vorhandenen oppositionellen Inhalts.

AbschlieRend geschieht die Zusammenfassung der Analyseergebnisse und es werden die Beantwortung der Forschungsfragen vorgenommen sowie die Eroffnung von Perspektiven potentieller weiterer Forschungsvorhaben erortert.

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Zum Begriff der „lnneren Emigration“

Der Begriff der Inneren Emigration, der nach eigenen Angaben auf Thomas Mann zuruckgeht,27 obwohl andere ebenfalls ihre Urheberschaft behaupteten, 28 und dessen Gebrauch sich auf jeden Fall fur die Zeit der Herrschaft des NS-Regimes belegen lasst 29, benennt in erster Linie ein politisch-soziales Phanomen, nicht ein literaturhistorisches oder literaturasthetisches Phanomen. Der Begriff der Inneren Emigration ist literarhistorisch ebenso vieldeutig wie umstritten. Der mit scharfen Worten gefuhrte Konflikt zwischen den inneren und auReren Emigranten schuf zwischen diesen beiden Gruppen zwar eine tiefe Kluft, - die von dem DDR- Literaturhistoriker Brekle30 beschworene antifaschistische literarische Volksfront uber alle literarischen Anschauungen und Positionen, aber auch uber die Kategorien der klandestin verfassten und versteckten Texte, uber die illegal verbreiteten bis hin zu den in der ,Sklavensprache’ verfassten noch unter dem NS-Regime veroffentlichten, hinweg gab es spatestens nach dieser Debatte nicht mehr - eine begriffliche oder sozialhistorische Begriffserklarung aber erfolgte nicht.31 Hellmut Seier vermochte es so, mit seiner Bemerkung aus dem Jahre 1959 eine scheinbar ewig gultige Wahrheit auszusprechen, indem er sagte:

„Eine prazise Definition des Begriffs der inneren Emigration hat sich bisher nicht durchgesetzt und ist kaum moglich 32.

Bis ungefahr 1960 wurde „Innere Emigration" schlicht mehr oder minder mit Opposition gleichgesetzt.33 Charles W. Hoffmann entwickelte drei Kriterien, denen ein oppositioneller Text zu genugen hatte. Hierbei handelt es sich um die Selbstaussage des Verfassers, um die zeitgenossische Rezeption durch das Publikum und um die Reaktion der offiziellen Stellen.3334 Denk erganzte dieses Modell um drei weitere Parameter:

- die zeitgenossische Kritik, die die Reaktionen der Leserschaft erschlieRen lasse;
- den Text selbst, den auch der Leser von heute als Kritik an der Diktatur erkennen konnen musse sowie
- die Rezeption in der Germanistik bzw. Literaturwissenschaft, die haufig vernichtende urteile aussprach, die es zu widerlegen gelte bevor ein Werk rehabilitiert und damit wieder nutzbar gemacht werden konne.35

Auch in spateren Jahren aber wurde von verschiedenen Autoren der Begriff der „Inneren Emigration1' noch ohne Ausnahme fur alle Schriftsteller verwandt, die nicht zum NS zu zahlen waren, aber innerhalb seines Herrschaftsbereiches verblieben,36 es kam aber dann in den 1960er und 1970er Jahren doch mehrheitlich zu einer Umdeutung hin auf Irrationalismus und Innerlichkeit, die den ,Inneren Emigranten’ unterstellt wurden.37

Charles W. Hoffmann lehnte die strikte Abgrenzung zwischen angeblich antifaschistischer und angeblich systemaffirmativer Literatur ab, denn fur ihn „lautet die Frage nicht mehr ,Ist dies Opposition zum Dritten Reich oder nicht?’, sondern vielmehr Welches MaR an Opposition, welches MaR an Nicht-Konformitat enthalt dieses Werk?’“38

Vieldeutig ist der Begriff aber vor allem wegen der Widerspruchlichkeit jenes Prozesses, den er benennt: Emigration nach Innen konnte im Dritten Reich Flucht ebenso wie kalkulierten und realitatsgerechten Protest bedeuten. Daher blieb dieser Begriff lange Zeit uber „ebenso unscharf wie umstritten39. Fur Reinhold Grimm bedurfte es daher nicht allein eines, zumindest bei entsprechender Interpretation, nicht faschistischen Inhalts der Texte, sondern vielmehr vor allem einer „Gegenhaltung, die erkennbar war“40, um von ihm zum Kreis der „Inneren Emigration1' gerechnet zu werden. Grimm forderte allerdings auch, sich ”von jeglichem Schubladendenken freizumachen und stets eine gleitende Skala im Auge zu behalten, die vom aktiven Widerstand bis zur passiven Verweigerung reicht.”41 Grimm vermochte es so die verschiedenen Spektren in seine Fassung des Begriffs der 'Inneren Emigration' einzuschlieRen. Hoffmann verweist zurecht darauf, dass es keineswegs selbstverstandlich und zwingend ist anzunehmen, dass das Schrifttum der ,Inneren Emigration’ tatsachlich „einen Komplex an Literatur darstellt, der einfach deshalb in sich zusammenhangt, weil er von Menschen hervorgebracht wurde, die das gleiche Schicksal der Isolation und Entfremdung teilten.42

Eindeutigkeit in der Opposition hatte die Emigration erzwungen bzw. die Eliminierung durch das NS-Regime bewirkt, komplette Kooperation mit diesem Regime aber hatte die Zugehorigkeit zur Richtung der „inneren Emigration" verunmoglicht, deren Vertreter daher stets sich in einem Spannungsfeld zwischen Kooperation und Opposition bewegten, sich dabei jeweils ganz individuell, auch im Laufe der Zeit die Positionen vielfach verandernd, bewegten, also, wie Michael Philipp betont, auch immer innerhalb des Rahmens der gesellschaftlichen Bedingungen betrachtet werden sollten.43 Diese waren, wie Werner Bergengruen 1961 in einer Rede uber seinen Roman „Der GroRtyrann und das Gericht" darlegte, durch eine stets erforderliche Klandestinitat der Kontakte und der bestandigen Bedrohung durch Spitzel gepragt. So lernte auch er bald Vorsicht selbst den kleinsten Dingen des Alltags walten zulassen, da es dieser zum Uberleben bedurfte.44

Auch Ralf Schnell verwahrt sich gegen eine allein immanente Herangehensweise an die Texte, die ebenso wenig zielfuhrend sei wie eine Beschrankung allein auf das soziopolitische Umfeld ihrer Produktion und Distribution. Es seien vielmehr sowohl die "historisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen dieser Literatur zu diskutieren, als auch die Frage, in welcher Weise diese rezipiert worden sind.45 Zu beachten ist dabei, nach Karin Gradwohl-Schlacher, auch der Grad der jeweiligen Eingebundenheit der Autoren in das NS-System, also die Mitgliedschaft in Verbanden und Institutionen, aber auch die okonomische Situation.46

Innere Emigration ist so zunachst einerseits abzugrenzen gegenuber allen Formen eines dezidiert politischen Widerstands, wie er sich bei Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaften und Kirchen findet, denn im protestierenden, kontemplativen oder resignativen Ruckzug auf burgerliche Individualitat und Identitat - dem noch zu zeigenden Kern der Inneren Emigration - bleiben eben jene gesellschaftlichen Verhaltnisse unangetastet, von denen diese Verhaltensweise zuruckweicht oder von denen sie sich abwendet.

Gunther Klemm etwa erkennt in den Werken Bergengruens so nicht das politische Moment sondern vor allem die Tendenz zum Religiosen und metaphysischen, die die damalige Geistesgeschichte wieder nachhaltiger zu pragen begann als in den Jahrzehnten zuvor.47

Innere Emigration ist andererseits abzugrenzen gegenuber solchen Formen politischen Mitlaufertums oder gar aktiven Eintretens fur den Faschismus, die vor allem in den ersten Jahren nationalsozialistischer Herrschaft kennzeichnend fur das politische Verhalten eines konservativen Burgertums gewesen sind. 48 Denk unternimmt eine Klassifikation der Literatur der NS-Zeit nach Parteiliteratur, fur den NS vereinnahmbarer Literatur, unpolitischer Literatur und oppositioneller Literatur, wobei Letztere sich aufteilt in antifaschistische Literatur, Widerstandsliteratur, entweder christlicher oder humanistischer Orientierung sowie regimekritische Literatur, die sich ihrerseits wiederum aufteilt in diejenige, die die Diktatur angreift, jene, die sich zentral dem Kampf gegen den Rassismus widmet und zum Dritten die Antikriegsliteratur der Jahre 1939-1945.49 Hierbei fallen fur Denk sowohl Werner Bergengruens „Der GroRtyrann und das Gericht“ als auch Ernst Wiecherts „Der Dichter und die Jugend“ sowie sein „Tobias“ unter die Diktaturkritik, wahrend Reinhold Schneiders „Las Casas vor Karl V.“ von Denk als vordergrundig dem Rassismus und Werner Bergengruens „Am Himmel wie auf Erden“ als zentral dem Krieg entgegengesetzt eingeordnet wird.50 Festzuhalten bleibt, dass alle drei hier betrachteten Autoren keineswegs unpolitisch waren, sondern vielmehr Werke verfassten, die eindeutig als ,Schlusselliteratur’ angesehen wurden.51

Auch hinsichtlich der Einteilung der Autoren entwickelt Denk ein beachtenswert feines Untersuchungsraster. er unterscheidet so hinsichtlich der biographischen Fassung des Begriffs sieben Formen der ,Inneren Emigration’. Hierbei handelt es sich um diejenigen,

1. deren Ruckzug vom NS-Regime meist mittels offener Gewaltanwendung erzwungen wurde,
2. deren Ruckzug freiwillig erfolgte,
3. die sich in totalem Schweigen ergingen, was aber fur Autoren, die ihre Profession auszuuben trachteten, unmoglich war;
4. die ihre bereits zuvor praktizierte Zuruckgezogenheit nur fortsetzten;
5. die sich eines unpolitischen Debuts befleiRigten;
6. die ihr Debut verschoben und zunachst auf Veroffentlichungen verzichteten; sowie zuletzt
7. die von ihm als ,vermeintliche innere Emigranten’ erachtet werden. 52

Hervorzuheben ist dabei, dass alle drei hier naher untersuchten Autoren von ihm zu den ,vermeintlichen inneren Emigranten’ gerechnet werden: „Denn sie haben sich nicht zuruckgezogen, sondern als Autoren immer wieder eingemischt. 53

Zu beachten ist auch die Rezeption der Texte und der Umgang mit den verfassenden durch die Nationalsozialisten selbst. Heidrun Ehrke-Rotermund unterscheidet hier funf Falle oder Grundformen:54

- offizielle Umdeutung und somit erzwungene Integration;
- fraktionierte Bewertung;
- bewusste, organisierte Ignoranz - also volliges Totschweigen;
- Enttarnung der verschlusselten Botschaft mit entsprechenden Sanktionen fur den jeweiligen Titel; sowie als gravierendste MaRnahme
- die Enttarnung der versteckten Botschaft mit anschlieRender Bestrafung des Autors.

Mittlerweile kann, nach Ansicht von Pottier, die ,innere Emigration’ nur noch als „eine Stufe, eine Variante unter anderen55 auf der Skala zwischen Dissens und Widerstand verstanden werden. Zu beachten ist, dass viele Menschen, die dem NS- Regime ablehnend gegenuberstanden, diese Literatur „als moralische Starkung, als lebensnotwendigen Zuspruch erfahren hatten“ 56. Formal lasst sich der Kreis der ,Inneren Emigration’ umfassen als jene Schriftsteller, „die im Dritten Reich lebten und publizierten, jedoch nicht als Faschisten einzustufen sind, sondern in ihren Werken eine zumindest distanzierte Haltung zum faschistischen Regime erkennen lieRen 57. Gemeinsam mit der „auReren Emigration1' ist den Vertretern der „inneren Emigration" der Verlust zwar nicht der geographischen Nahe zur bisherigen Lebenswelt, aber doch das EinbuRen der emotionalen und moralischen Heimat. 58

2.2 Zeitgeist vs. Zeugenschaft

Wir begegnen bei der Betrachtung der Vertreter der inneren Emigration dem Zeugen sowohl in seiner passiven Funktion als Instrument, aber auch als aktiv agierende Kraft. Ulrich Baer bezeichnet Zeugenschaft daher, als "die eigene Person fur die Wahrheit der Geschichte einzusetzen und das eigene Wort zum Bezugspunkt einer umstrittenen oder unbekannten Realitat zu bestimmen, die man selbst erfahren oder beobachtet hat"59. Wesentlich sei "die Zeugenschaft als bislang ubersehenes zentrales Moment in den Auseinandersetzungen um den Umgang mit dem Holocaust und den politischen, intellektuellen und personlichen Entscheidungen uber die Zukunft der Vergangenheit - uber Erinnerungskultur und Entsorgung der Geschichte"60, wie sie von den meisten Deutschen der Nachkriegszeit vorgenommen zu worden sein scheint. Einige Tater wurden immerhin in Nurnberg verurteilt, auf diese konnte nun als Sundenbocke die kollektive Schuld, „die in der Tat unabhangig ist von dem, was man selbst getan hat, und daher weder moralisch zu werten noch gar in strafrechtlichen Begriffen zu fassen ist“61, abgewalzt werden.

Baer verweist in diesem Zusammenhang auf die, von Paul Celan herausgearbeitete, radikale Isolierung und absolute Singularitat des Zeugen. Dies mag insofern fragwurdig erscheinen, als Zeugenaussagen auch durchaus, hinsichtlich wesentlicher Inhalte, ubereinstimmend von ganzen Gruppen von Menschen wiedergegeben werden konnen. Jenseits der hermeneutischen Erklarungsmuster aber, muss doch der historische Kontext, den Erwagungen Baers einbezogen werden. Dieser ist auf deutscher Seite gepragt, durch den Wunsch nach allumfassendem Gedachtnisverlust. Aus diesem resultiert die Selbstreinwaschung. Von judischer Seite aber, gab es nach Kriegsende tatsachlich oft nur ganz wenige Uberlebende, wenn uberhaupt, die von den Orten der Massenvernichtung und von den dort vollzogenen Taten zeugen konnten. Baer uberschreitet bei weitem den Rahmen der ublichen juristischen Logik, wenn er postuliert: "Die Aussage eines Zeugen kann weder durch die Aussage einer anderen Person noch durch eine andere Aussage ersetzt werden."62 Auch die von Baer verlangte "universelle Wahrheit"63, bildet als solche bereits eine Kategorie, die der sorgfaltigsten Erwagung vor ihrer Benutzung bedarf. Wegweisender ist die Tat, statt der Worte, die nur allzu oft verblassen, unter dem Mangel der Bereitschaft der anderen Menschen zum Zuhoren, zum Ubernehmen einer 'sekundaren Zeugenschaft'.64 Ulrich Baer betont so, die Auseinandersetzung mit dem Leid Anderer konne "in verantwortlichem Handeln munden, statt in der unmoglichen Einfuhlung und Identifikation mit den Toten, in Verdrangung, in politisch lahmendem Mitleid, in melancholischer Fixierung oder im stummen Entsetzen uber die schockierende Fremdheit der traumatischen Erfahrung zu enden."65 Gerade das Handeln also vermag eine Perspektive zu eroffnen, der negativen Symbiose zu entrinnen, da die totalitare Herrschaft, ihre Totalitaritat ja erst dann wirklich gewinnt, "wenn sie das privat-gesellschaftliche Leben der ihr Unterworfenen in das eiserne Band des Terrors spannt",66 also auch die Privatsphare zutiefst beruhrt, dort ebenfalls ihre Spuren hinterlasst. Die Melancholie und Todessehnsucht ist es sonst, die den Blick auf die Realitat versperrt und damit die Analyse des Geschehenen so verunmoglicht, wie die Verhinderung eines neuen Unheils. Gerade in diesem Widerspruch aber scheinen die Vertreter der Inneren Emigration gefangen, sind aber auch verstrickt in das Verhaltnis von Identifizierung und Identifikation, welches im nachsten Abschnitt untersucht wird.

2.3 Das Spannungsverhaltnis zwischen Identifikation und Identifizierung

Die Zeugenschaft wurde im Deutschen Reich fur die in ihm lebenden Autoren dadurch erschwert, dass sie gepragt waren durch „eine allgemeine Desorientiertheit, die sich nicht zuletzt aus dem Fehlen einer alternativen Autoritat ergab (wie etwa Kirche oder Konig in Italien), die dem Totalitatsanspruch des nationalsozialistischen Staats und seiner Ideologie hatte Grenzen setzen und Freiraume schaffen konnen.“67

Gerade die hier untersuchten Autoren aber banden sich in jenen Jahren an die selbst gewahlte Autoritat des christlichen Glaubens, der zwar keine organisatorische Bastion gegen das NS-Regime bildete, aber doch einen geistigen Ruckzugsraum darstellte, damit auch die eigene Nicht-Identifizierung mit der totalitaren Herrschaft und ihrem Apparat, in den die Autoren immer wieder eingespannt wurden, als dessen Vertreter sie also auch identifiziert wurden, erlaubend. Beispielhaft wird dieses konfliktgeladene Verhaltnis durch Grete Weil dargestellt.

Die Moglichkeit der Nichtidentifikation mit dem Nationalsozialismus, der inneren Emigration, entfallt fur Grete Weils Helden in ihrem Roman Beethovenstraat, Andreas, in Amsterdam, hier ist er - ob gewollt oder nicht - Vertreter der Okkupanten:

”Ein Feind, ich bin ein Feind, gehore dazu, mehr als in Munchen, bin ein Mitglied der Besatzungsmacht, ganz gleich, ob ich besetzen will oder nicht, niemand wird mich nach meiner Gesinnung fragen, vor dem StoR in die Gracht.”68

Andreas versucht zwar sich der deutschen Identitat zu verweigern, dies aber gelingt ihm nur bruchstuckweise, immer wieder wird er von den anderen Menschen in diese Identitat hineingezwungen. Bei der Verwendung des Begriffs der Identitat wird diese nur selten als dialogischer, interaktiver Prozess69 aufgefasst. Identifizierung basiert einerseits auf dem eigenen biographischen Hintergrund, dem Sozialisationsprozess. ”Zwar erscheint der Mensch in der Umgebung als von dieser weitgehend unabhangig. In Wirklichkeit aber ist sie in ihm, sie ist im ProzeR des Gewordenseins gleichsam geronnen, also ein Teil von ihm.”70

Es ist andererseits aber auch ein gesellschaftlicher Prozess des Zwangs, welcher zum Deutschen stempelt oder zum Juden macht, aber auch zum Oppositionellen oder zum Apologeten des NS-Regimes, immer ist es ein Vorgang, der auf gegenseitiger Identifikation beruht:

"Identitat, die Erfahrung des Identisch-Seins mit sich selbst in sich verandernden sozialen Situationen, basiert auf der (Selbst-) Reflexivitat als einer spezifisch menschlichen Eigenschaft. Sich- Selbst-Identifizieren als reflexiver Akt hangt immer von der Konfrontation mit dem 'Anderen' ab, d.h. von der Unterscheidung vom Anderen und der Anerkennung durch das Andere.71

Gerade die Unterscheidung ist das Wesentliche.

"Identitat ist ein Prozess der standigen Neu-Festlegung auf nur eine Partikularform unter Verzicht auf alle anderen Identifikationsmoglichkeiten.72

Identitat wird so oft statisch mit dem subjektiven Zugehorigkeitsbewusstsein einer Person zu einer Gruppe gleichgesetzt, wobei diese Gruppen sich vor allem in ethnische, religiose und nationale Identitaten unterscheiden lassen.

"Identitat ist damit abhangig von der Art der sozialen Beziehungen, der sozialen Umwelt, ist erfassbar nur vor dem Hintergrund der je spezifischen Gesellschaftsformation."73

Diese Bezugnahme ist umso bedeutender angesichts der Mehrdeutigkeit der hier untersuchten literarischen Zeugnisse, die aufgrund der zeitgeschichtlichen Umstande ihrer Erschaffung sich besonderer Techniken bedienen mussten, welche im folgenden Kapitel analysiert werden.

2.4 Voraussetzungen des Schreibens im Nationalsozialismus

Die Frage der Asthetik kann aber in der Literatur nicht unbeantwortet bleiben. Es ist im Hinblick darauf, was Literatur der inneren Emigration ist, auch nach dem asthetischen Widerstandspotenzial zu fragen, auf jenes Engagement der Artistik, das auf gesellschaftlich Vermitteltes nur antwortet. Es ist deshalb notwendig, sich die Voraussetzungen solcher Vermittlungen klar zu machen, aber auch die individuellen Voraussetzungen der jeweiligen Autoren, Voraussetzungen, die zusammen der poetischen Form der Inneren Emigration zu Grunde lagen.

Nach dem 2. Weltkrieg kam es zu einer Vielzahl von Veroffentlichungen von Seiten zahlreicher Autoren, die im NS-Deutschland geblieben waren. Teile dieser Veroffentlichungen legen nahe, dass es sich um Rechtfertigungsschriften handelt.

Denn zu rechtfertigen gab es vor allem, dass auch nicht-faschistische Autoren in vielerlei Weise die faschistische Herrschaftsordnung mit stabilisierten, so etwa durch die Unterschrift unter eine von Gottfried Benn entworfene Loyalitatserklarung, die die Sektion fur Dichtkunst der PreuRischen Akademie der Kunste gegenuber dem NS- Staat abgab,74 oder durch die Unterschrift unter ein Treuegelobnis fur Hitler, oder durch eine Vielzahl von Beitragen zu NS-Veranstaltungen, Ehrungen und Feiern, auf denen renommierte Autoren als Gaste willkommen waren, weil sich mit ihrer Anwesenheit die kulturelle Verbundenheit des Faschismus mit dem Burgertum auf willkommene Weise offentlich demonstrieren lieR. Insbesondere Hans Carossas Autobiographie „Ungleiche Welten“ (1951 )75 lasst sich als ein Dokument der Anpassung und nachtraglichen Rechtfertigung lesen, weniger hinsichtlich der Fakten, die in ihm verarbeitet sind - Carossas Vorsitz der NS-gesteuerten Europaischen Schriftstellervereinigung etwa -, als vielmehr auf Grund der argumentativen Stereotypen, die diese Autobiographie reprasentiert. Denn Carossa nimmt zur Beantwortung der Frage, was den Faschismus verursacht habe, seine Zuflucht - hier Ernst Wiechert vergleichbar76 - in damonisierenden Erklarungsversuchen, die fur ihn selbst Entlastungsfunktion besitzen mogen. Menschen wie Hitler, so Carossa, erfullen

„einen hoheren Auftrag: sie sind Werkzeuge einer unbekannten Macht, die sich ihrer bedient, um zogernde Krafte zur Entscheidung zu bringen, freilich meistens zu einer andern, als sie meinen. Es ist zweifelhaft, ob sie wissen, was durch sie geschieht. Wenn der Erdgeist sie mit unbandigem Willen und groRer Schlauheit ausstattet, so verruckt er ihnen dafur das AugenmaR fur die wahren dynamischen Verhaltnisse des Zeitalters.“77

Der ahistorische Mystizismus Carossas ist selbst Teil der ideologischen Dispositionen, auf die die Nationalsozialisten partiell schon wahrend der Weimarer Republik zuruck greifen konnten und die sich nach 1933 fur die Nationalsozialisten als nutzliche Illusionen erwiesen. Carossa spaltet mit seinen historisch unhaltbaren „ungleichen Welten“ vergleichbar dem „Doppelleben“ Gottfried Benns (1950)78 in dualistischer Weise eine literarische Existenz- und Uberlebensmoglichkeit in die Bereiche Kunst und Leben, die auch die Entwicklung einer apolitischen Poetik in den 1950er Jahren in Deutschland einleitet.

Nicht als Selbstrechtfertigung, sondern als Selbstreflexion und damit weit eher geeignet, die Voraussetzungen des Schreibens im Nationalsozialismus zu erfassen, erscheinen die Tagebucher und auch Briefe, die zwischen 1933 und 1945 von verschiedenen Autoren geschrieben wurden. Jochen Kleppers „Unter dem Schatten Deiner Flugel“ (1956)79 und Oskar Loerkes „Tagebucher 1903-1939“ (1955)80, Emil Barths „Lemuria“ (1947)81 und Friedrich Reck-Malleczewens „Tagebuch eines Verzweifelten“ (1947) 82, um hier nur einige Beispiele zu nennen, verleihen in ihren Tagebuchern einem reflektierten Leiden an der Gegenwart des Dritten Reichs emporten und bitteren, hasserfullten und zugleich hoffnungslosen Ausdruck. Es sind Dokumente eines hilflosen Antifaschismus. Das Tagebuch ist also auch bei diesen Autoren wesentlich charakterisiert durch die Reflexion, richtet es sich doch an den Verfasser selbst. Und als Schubladenliteratur sind gerade die Tagebucher typische Erzeugnisse der ,Inneren Emigration’, ja geradezu „das Medium der inneren Emigration“.83

Sie offenbaren daher das Schwanken zwischen Anpassung und Widerstand als AuRerungsform einer tief greifenden politisch-gesellschaftlichen und zugleich asthetischen Erschutterung und Krise, die nicht bewaltigbar ist. So lasst sich bei Jochen Klepper ein Festhalten an Illusionen, ein Vertrauen in Einsicht und Menschlichkeit selbst nationalsozialistischer Funktionare durchgehend registrieren, das wohl auch zu der wohlwollenden Aufnahme seines Romans „Der Vater“ (1937)84 durch die offizielle Buchbesprechung seiner Zeit fuhrte. Noch bis zu seinem Selbstmord 1942 hatte Klepper auf eine Existenzmoglichkeit im Dritten Reich gemeinsam mit seiner judischen Ehefrau und deren Tochter gehofft.85 Im Gegensatz hierzu verbindet sich in Oskar Loerkes Tagebuchern die „Verzweiflung uber das Teuflische“ 86 oder der abgrundige Hass auf die faschistischen „Popel“ und „Drecktreter'87 mit einem historischen Agnostizismus, dessen Bedingungen im nachhaltig erschutterten burgerlichen Kulturkonservatismus zu sehen sind:

„Wo das hinfuhren soll, ist dunkel. Nun: es wird dahin fuhren, wohin es fuhren muft. Goethe sagte, kein Volk wisse, was in ihm vorgehe. Was vorgegangen ist, wird erst nachtraglich klar.“88

Noch anders stellt sich Reck-Malleczewen dar, dessen Hass auf den Faschismus ebenso radikal ist wie sein Kulturpessimismus und sein Insistieren auf die Geschichtsmachtigkeit des Irrationalen, sein Beharren auf die Einsicht, „daft vierhundert Jahre rationalistischer Weltsteuerung und rationalistischer Haresien abgelaufen sind und daft es wieder das ganz grofte Geheimnis und die Irrationale selbst ist, die an die morschen Tore der Menschlichkeit pocht.“89

Daneben gibt es Existenzweisen, die die „verhangnisvolle Macht der Gewohnheit“90 zu einem problematischen Arrangement mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit gefuhrt hat. Dieses Argument sei, so Emil Barth, „eine Gabe, in der soviel Schmach wie Barmherzigkeit liegt, daft sie uns einerseits das Leben selbst unter sehr harten und erniedrigenden Bedingungen ertraglich macht und uns andererseits die Kraft raubt, immer weiteren Entwurdigungen Einhalt zu gebieten.“91

Bei aller Unterschiedlichkeit der hier beispielhaft ausgewahlten Dokumente, die uber die Voraussetzungen des Schreibens im Dritten Reich Auskunft geben, kommt doch eine entscheidende Gemeinsamkeit zum Vorschein: Das Beharren darauf, dass der Schreibakt selbst als ein Medium der Verarbeitung von Realitat und auch gerade unter dem Faschismus Geltung behalt. Oskar Loerke hat das Schreiben von Gedichten gar als eine „Zuflucht in der Bedrohung der Existenz hier92 begriffen, als Moglichkeit, in der literarischen Arbeit ein notwendiges Minimum an Individualitat und Identitat bewahren zu konnen gegenuber dem Gleichschaltungszugriff des NS- Staates.

Es waren gerade die Tagebucher, mit denen sich die Autoren der ,Innere Emigration’ sich bestandig ihrer „humanistischen Substanz“ 93 vergewissern, diese dadurch aufrechterhalten konnten. nach 1945 aber wurden vor allem diese Tagebucher auch von ihren Verfassern im Rahmen der „sofort allgemein einsetzenden Rechtfertigungsbestrebungen“94 selbst als Beweis fur ihre eigene Integritat angefuhrt. Dies wurde allerdings keineswegs von allen Zeitgenossen akzeptiert, sondern vielmehr teilweise als vollig untauglicher Nachweis bewertet, wie etwa durch den von den Nationalsozialisten mit Publikationsverbot bedachten und zu Zwangsarbeit verurteilten Heinz Rein, der in diesem Zusammenhang das folgende Verdikt formulierte:

„Die geistige Verfassung der sogenannten inneren Emigration kann von niemandem besser geschildert werden als von ihr selbst, nur sie vermag die geistige Zwitterstellung, in die sie sich selbst begab, zu bezeichnen, nur sie kann das magere politische Skelett ganz enthullen, das sie mit dem Fleische der Menschlichkeit, der reinen Geistigkeit und der Selbstaufopferung, der burgerlichen Wohlanstandigkeit und dem Abscheu vor dem braunen Pobel zu bekleiden sich bemuhte, nur sie hat es endlich auch notig, sich selbst und vor allem der Welt zu beweisen, daR die braune Schlammflut nicht ganz uber ihr zusammengeschlagen ist.95

Die in Form der Tagebucher vorgelegten Selbstzeugnisse vermochte Rein nicht als hinreichend fur einen solchen Nachweis zu erachten, auch wenn er dergestalt eine durchaus extreme Position hinsichtlich der Bewertung der Vertreter der ,Inneren Emigration’ bezog.

2.5 Historische Camouflage

So umstritten wie die „Innere Emigration1' allgemein ist auch die Anwendung der Technik der historischen Camouflage, die einige Autoren und Analysten fur konstitutiv fur diese Literaturrichtung halten, wahrend andere, wie Ernst Junger, diese Bezeichnung fur ihre Art zu Schreiben ablehnten.96 Verstandlich ist diese Ablehnung angesichts des Anruchigen, welches der Literatur anhaftet, die nicht eindeutige Anti- Nazi-Position beziehen konnte, sondern innerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs erzeugt und auch publiziert werden sollte, wobei es sowohl der Camouflage einerseits, andererseits aber auch der Anbiederung an die allgewaltigen Machthaber bedurfte, wie Charles w. Hoffmann betont:

„Veroffentlichen bedeutete per Definition, etwas getarnt auszudrucken und Kompromisse zu schlieRen. Und wenn auch die Erwartung gerechtfertigt ist, daR auf wirkliche Opposition bedachte Autoren daher fur eine heimliche Verbreitung hatten schreiben sollen, gibt es einige zwingende Grunde fur die Einschrankung der Erwartung, daR solche Werke die Menschen auf die Barrikaden getrieben hatten.“97

Die historische Camouflage verwendet vergangene geschichtliche Episoden um untergrundige Bezuge auf die Gegenwart zu gestalten, indem diese sich den Lesern als Parallelfall enthullen, wofur es aber der Distanzierung des Lesers vom historischen Gegenstand der Erzahlung bedarf, da sonst die wahre Bedeutung nicht entschlusselt werden kann. 98

Eine Unterscheidung lasst sich daher treffen zwischen der normalen Literatur und jener, die vom Leser erst zu entschlusseln ist, in der ”der auRerasthetische Kommunikationszusammenhang und die Zeitgebundenheit eine wesentliche Rolle spielen. Der Leser bzw. die auserwahlte Leserschaft, der es moglichst ist, bestimmte Codes zu knacken, ist aufgefordert, das Eigentliche, die Autorintention in Bezug auf Reales, zu erkennen.”99 Es ergeben sich fur die historische Camouflage die Anforderungen, die auch allgemein an den historischen Roman gestellt werden, hat dieser doch „auf symbolische Weise, das heiRt als Kunstwerk, das Absolute in der Geschichte zu offenbaren, was nur er und nicht die Geschichtswissenschaft zu leisten vermag. Damit wird dem Dichter die Rolle des Priesters, Sehers oder Propheten zugewiesen.“100

Die absolute Freiheit allerdings ist dem Erschaffers des historischen Romans nicht zueigen, er ist in gewisser Weise immer eingeschrankt gegenuber dem in seinen Prophezeiungen wie Parabeln vollig ungebundenen Poeten, denn beim historischen Roman steht keineswegs die kunstlerische Gestaltung allein im Vordergrund, es bleibt - soll nicht in das Genre des Phantastischen oder bisher nie Gehorten bzw. des weit freier zu konzipierenden Romans abgeglitten werden - die enge Gebundenheit an gemeinhin bekannte Geschichtsdarstellungen, allein die mehr oder minder emotional und untergrundig eingefarbte Darstellung der Details, die oftmals wertende Einfuhrung und die Arrangierung der einzelnen Ereignisse obliegt den Verfassern des historischen Romans, versuchen sie nicht die Grenzen ihrer Kunst zu sprengen, denn die allzu enge Bindung an die geschichtlichen Details wurde sie zur Geschichtsschreibung zuruck, die allzu groRzugige Gestaltung dieser zum allgemeinen Erzahlen fort fuhren 101. Kennzeichnend fur den historischen Roman ist insgesamt gerade „der starke grad der Ideologisierung. 102

[...]


1 Vgl. Schnell (1993), S. 74.

2 Vgl. Mann (1974), S. 832.

3 Vgl. Scholdt (1994), S. 24.

4 Vgl. El-Akramy (1997), S. 16f.

5 Vgl. Mayer (1988), S. 37.

6 Vgl. Klapper (2007), S. 134.

7 Vgl. Schnell (1976), S. 1.

8 Vgl. Denkler (2006), S. 5.

9 Vgl. Schonauer (1961), S. 127.

10 Vgl. Ebd.

11 Vgl. Ebd.

12 Vgl. Denk (1995).

13 Vgl. Schnell (1976), S. 5.

14 Vgl. Braun / Guntermann (2007), S. 9.

15 Vgl. Phillipp (1994), S. 13.

16 Vgl. Choi (1996), S. 81.

17 Vgl. Broszat (1986), S. 300.

18 Vgl. Phillipp (1994), S. 13.

19 Vgl. Schonauer (1961), S. 129.

20 Vgl. Wiesner (1970), S. 385.

21 Zur Diskussion eines Widerstandspotenzials der Literatur der Inneren Emigration vgl. die Diskussion

zwischen Frank ThieR und Thomas Mann, dokumentiert und kommentiert in: Grosser (1963).

Zum Vorwurf eines Anpassungscharakters der Literatur der Inneren Emigration vgl. Schonauer (1961).

22 Vgl. Braun / Guntermann (2007), S. 9.

23 Vgl. Rotermund (2007), S. 31.

24 Vgl. Schnell (1976), S. 53.

25 Vgl. Kroll (2007), S. 73f.

26 Vgl. Kirchner (1993); Scheffel (1990).

27 Vgl. Mann (1977), S. 243.

28 -Zur Urheberschaft des Begriffs „Innere Emigration", die nach 1945 auch Frank ThieR beanspruchte,

vgl. Grimm (1972) und Schnell (1976), S. 3.

29 Vgl. Phillipp (1994), S. 11.

30 Vgl. Brekle (1970), S. 72.

31 Vgl. Wogerer (2004), S. 42.

32 Vgl. Seier (1959), S. 319.

33 Vgl. Denk (1995), S. 226.

34 Vgl. Hoffmann (1962), S. 137f.

35 Vgl. Denk (1995), S. 240.

36 Vgl. Brekle (1970 und 1985); Scholdt (1994); Wiesner (1970).

37 Vgl. Denk (1995), S. 232.

38 Vgl. Hoffmann (1973), S. 130.

39 Vgl. Schnell (1976), S. 2.

40 Vgl. Grimm (1976), S. 411.

41 Vgl. Ebd.

42 Vgl. Hoffmann (1973), S. 131.

43 Vgl. Phillipp (1994), S. 15.

44 Vgl. Bergengruen (1961a).

45 Vgl. Schnell (1976), S. 15.

46 Vgl. Gradwohl-Schlacher (1998), S. 74.

47 Vgl. Klemm (1957), S. 5f.

48 Zur Vorgeschichte dieses Prozesses vgl. Sontheimer (1962).

49 Vgl. Denk (1995).

50 Vgl. Denk (1995).

51 Vgl. Bluhm (1991), S. 9.

52 Vgl. Denk (1995), S. 229ff.

53 Vgl. Denk (1995), S. 231.

54 Vgl. Ehrke-Rotermund (1998), S. 41ff.

55 Vgl. Pottier (2007), S. 90.

56 Vgl. Phillipp (1994), S. 12.

57 Vgl. Schnell (1976), S. 5.

58 Vgl. Wogerer (2004), S. 41.

59 Vgl. Baer (2000), S. 7.

60 Vgl. Baer (2000), S. 9.

61 Vgl. Arendt (1986a), S. 25.

62 Vgl. Baer (2000), S. 7.

63 Vgl. Baer (2000), S. 7.

64 Vgl. Baer (2000), S. 11.

65 Vgl. Baer (2000), S. 25.

66 Vgl. Arendt (1986b), S. 727.

67 Vgl. Bluhm (1991), S. 11.

68 Vgl. Weil (1992), S. 22.

69 Vgl. Greverus (1995).

70 Vgl. Wessel (1993), S. 23.

71 Vgl. Stienen / Wolf (1991), S. 81.

72 Vgl. Stienen / Wolf (1991), S. 81.

73 Vgl. Stienen / Wolf (1991), S. 81.

74 Vgl. Brenner (1972), S. 58 ff.

75 Vgl. Carossa (1951).

76 Vgl. hierzu Wiechert (1957b).

77 Vgl. Carossa (1951), S. 30.

78 Vgl. Benn (2005).

79 Vgl. Klepper (1956).

80 Vgl. Loerke (1955).

81 Vgl. Barth (1947).

82 Vgl. Reck-Malleczewens (1966).

83 Vgl. Vogelsang (1985), S. 197.

84 Vgl. Klepper (2003).

85 Vgl. Klepper (1956).

86 Vgl. Loerke (1955), S. 328.

87 Vgl. Ebd., S. 315.

88 Vgl. Ebd., S. 324.

89 Vgl. Reck-Malleczewens (1966), S. 176.

90 Vgl. Barth (1947), S. 27f.

91 Vgl. Ebd.

92 Vgl. Loerke (1955), S. 282.

93 Vgl. Hocke (1986), S. 178.

94 Vgl. Bluhm (1991), S. 27.

95 Vgl. Rein (1950), S. 157.

96 Vgl. Rotermund (2007), S. 17.

97 Vgl. Hoffmann (1973), S. 135.

98 Vgl. Choi (1996), S. 86.

99 Vgl. Wogerer (2004), S. 47.

100 Vgl. Choi (1996), S. 21.

101 Vgl. Klemperer (1923).

102 Vgl. Choi (1996), S. 33.

Ende der Leseprobe aus 111 Seiten

Details

Titel
Der literarische Widerstand
Hochschule
Université Toulouse II - Le Mirail  (für Germanistik)
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
111
Katalognummer
V159311
ISBN (eBook)
9783640722228
ISBN (Buch)
9783640722372
Dateigröße
688 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Widerstand
Arbeit zitieren
Christina Herzog (Autor), 2010, Der literarische Widerstand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159311

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