Telemonitoring bei Herzinsuffizienz


Bachelorarbeit, 2010

52 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

II. Abstract

1. Einleitung

2. Konzeptionelle Grundlagen
2.1. Die Herzinsuffizienz und ihre Bedeutung
2.2. Telemedizin: Definition und Einsatzmoglichkeiten
2.3. Telemonitoring: Definition, Ziele und Entwicklung

3. Telemonitoring-Systeme zur Uberwachung herzinsuffizienter Patienten: Moglichkeiten und Einfuhrungsszenario

4. Telemonitoring-Studienlage fur Herzinsuffizienz
4.1. Methodische Anforderungen
4.2. Ergebnisse
4.2.1. Ubersicht von ausgewahlten Reviews uber das Telemonitoring bei Herzinsuffizienz
4.2.2. Klinische, patientenbezogene und okonomische Auswirkungen der Telemonitoring-Anwendungen bei Herzinsuffizienz
4.3. Deutsches Szenario fur das Herzinsuffizienz-Telemonitoring
4.4. Diskussion

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

III. Anhang: Ubersicht von Reviews zum Thema Telemonitoring bei Herzinsuffizienz

I. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: NYHA-Klassifikation bei Herzinsuffizienz

Abbildung 2: Telemedizinisch erfolgreich uberwachbare Vitalparameter

Abbildung 3: Ein telemedizinisches Betreuungsmodell

Abbildung 4: Evaluation von systematischen Reviews in Bezug auf den Ruckgang von Krankenhauseinweisungen bei Herzinsuffizienz

Abbildung 5: Evaluation von systematischen Reviews in Bezug auf den Mortalitatsruckgang bei Patientinnen mit Herzinsuffizienz

Tabelle 1: Akzeptanz und Lebensqualitatseinfluss des Telemonitorings: Anzahl der Einzelstudien und Anteil positiver Ergebnisse

Tabelle 2: Anzahl der Einzelstudien unter den systematischen Reviews mit Angaben uber Kosteninformationen und Kosteneinsparungspotentialen

Tabelle 3: Gesamtkosten und effektivitatsadjustierte Kosten

II. Abstract

Hintergrund: Die Herzinsuffizienz ist ein aktuelles Problem der Offent- lichkeit, dass die Gesundheitssysteme vor die Herausforderung stellt, inno­vative Losungsansatze zu finden. Die gesundheitliche Versorgung von Pati- enten mit Herzinsuffizienz soll bei realisierbaren Kostenreduktionen verbes- sert werden. Zur Erfullung dieser Aufgabe erscheint der Telemonitoring- Ansatz als eine Alternative. Seine zuverlassige Durchfuhrbarkeit und An- wendbarkeit fur die kontinuierliche Uberwachung von Patienten mit schwe- rer Herzinsuffizienz wird in dieser Arbeit uberpruft.

Methode: Erfassung von Literaturbeitragen mit Fokus auf systematischen Reviews und Metaanalysen, die weitgehend auf randomisierte kontrollierte Studien verweisen. Es wurden Datenbanken der Staats- und Universitatsbib- liothek Bremen, PubMed, und DIMDI recherchiert (2003 bis 2009).

Ergebnisse: Trotz der insgesamt geringen Datenlage zeigte sich zusammen- fassend eine Verbesserung in den Endpunkten, insbesondere in der Mortali- tatsrate. Jedoch reicht der Nachweis nicht aus, um Nutzen im Hinblick auf die Hospitalisierungsrate und patientenbezogene Outcomes zu bestatigen. Ein okonomischer Nutzen ist durchaus moglich, auch auf nationaler Ebene.

Diskussion/Schlussfolgerung: Es wird weitere Evidenz benotigt, um die Vorteile des Telemonitoring in der Herzinsuffizienzbekampfung zu bestati­gen. Dies gilt insbesondere in Anbetracht der variablen Wirkungsweisen unterschiedlicher Telemonitoring-Interventionen und angesichts ihrer lang- fristigen Auswirkungen. Ob es Unterschiede im NutzenausmaB je nach Schweregrad der Herzinsuffizienz gibt, ist ebenfalls ein Untersuchungs- punkt.

1. Einleitung

Herzinsuffizienz ist eine in der Haufigkeit weltweit stark zunehmende Er- krankung. Allein in Deutschland ist die Anzahl von Menschen, die an dieser Erkrankung leiden, bemerkenswert hoch (Haverkamp, Kuhnle, 2009). Dies wird durch die Tatsache verscharft, dass Herzinsuffizienz mit einer schlech- ten Prognose, einer hohen Hospitalisationsrate und einer schlechten Lebens- qualitat in Verbindung gebracht wird (Rickenbacher, 2001). Auch die Last dieses Krankheitsbildes auf das gesamte Gesundheitsbudget ist von Bedeu- tung. Hierbei nehmen die Kosten fur stationare Aufenthalte das groBere Gewicht ein. Hervorzuheben ist, dass aktuell die Herzinsuffizienz der hau- figste Grund fur vermeidbare Einweisungen in ein Krankenhaus ist (Heinen- Kammerer et al., 2006). Diese Feststellung und die Gegebenheit, dass Stu- dienergebnisse eine unzureichende Versorgung dieser Erkrankung in Deutschland belegen (SHAPE, 2006), machen die Notwendigkeit von Lo- sungskonzepten zur Verbesserung in der Versorgung von Herzinsuffizienz deutlich.

Die Herzinsuffizienz ist ein ernsthaftes Gesundheitsproblem der Offentlich- keit. Sie zeigt sich nicht nur als eine medizinische, sondern auch als eine gesundheitspolitische Herausforderung. Sie stellt eine besonders hohe Be- lastung fur das Gesundheitssystem dar. Daher ist es aus der Public Health- Perspektive relevant, neuere Losungsansatze zu beurteilen, welche auf eine verbesserte und wirksamere Versorgung von herzinsuffizienten Patienten abzielen1. Dies kann bei der Identifikation des am besten geeigneten Weges zur Behandlung dieser Patientengruppe helfen. Letztlich kann hierdurch eine einwandfreie gesundheitspolitische Entscheidung im Sinne der Patien- ten getroffen werden.

In diesem Zusammenhang ist die Entwicklung innovativer Strategien zur Behandlung der Herzinsuffizienz erforderlich. Telemonitoring ist ein neuar- tiges Hilfsmittel zur Erganzung der traditionellen Behandlung, das die Gesundheitsversorgung herzinsuffizienter Patienten bei realisierbaren Kos- tenreduktionen verbessern kann. Es erlaubt die Moglichkeit, schnell und einfach zu diagnostizieren und zu reagieren. Telemonitoring konnte zur Umsetzung und Bewahrung einer wirksamen Therapie, sowie zur Verringe- rung von sich verschlimmernder Herzinsuffizienz beitragen. Dies verringert die symptomatischen Beeintrachtigungen des Patienten (Myers et al., 2006).

Im Rahmen dieser Arbeit wird uberpruft, ob Telemonitoring fur die kontinu- ierliche Uberwachung von Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz zuver- lassig durchfuhrbar und anwendbar ist. Um diese Frage zu beantworten, ist es sinnvoll festzustellen, welche Parameter es zur Bestimmung der Wirk- samkeit des Telemonitorings gibt. Nach ihrer Bestimmung ist es weiterhin interessant, diese mittels der Evidenz zu untersuchen, um Aussagen uber den moglichen Nutzen der untersuchten Behandlungsmodalitat treffen zu konnen. An dieser Stelle taucht auch die entscheidende Frage auf, ob Tele­monitoring aus medizinischer und gesundheitspolitischer Perspektive eine bessere Alternative zur Behandlung herzinsuffizienter Patienten ist, als die konventionelle Alternative in Deutschland.

Um einen Einstieg in das behandelte Thema zu erleichtern, folgt im zweiten Kapitel die Darstellung wichtiger konzeptioneller Grundlagen. Somit wird zunachst der Begriff „Herzinsuffizienz“ geklart und sein heutiger Stellen- wert dargelegt. Dies soll der Bedarf an innovativen Konzepten fur die The­rapie von Herzinsuffizienz verdeutlichen. Im Anschluss werden das Kon- zept der Telemedizin und ihre Einsatzmoglichkeiten bestimmt, unter die das Telemonitoring fallt. Die Definition, die Ziele und die Entwicklung des Te­lemonitorings werden einzeln erlautert.

Nach der Einfuhrung der Grundbegriffe folgt im dritten Kapitel eine Vertie- fung des Themas. Das Kapitel befasst sich mit der Rolle von Telemonito- ring-Systemen bei Herzinsuffizienz. Dabei wird zunachst festgestellt, ob das Telemonitoring uberhaupt zur Uberwachung der Herzinsuffizienz anwend- bar ist und auf welche Art und Weise es einen Beitrag leisten kann. AuBer- dem wird kurz untersucht, ob die Einfuhrung dieses Behandlungskonzepts in irgendeiner Weise politisch gefordert wird.

Um Aussagen uber die Effektivitat von Telemonitoring bei Herzinsuffizienz treffen zu konnen, wird im vierten Kapitel die wissenschaftliche Evidenz uber die wichtigsten Parameter in den Mittelpunkt gestellt. Dafur wird zu- nachst die Evidenz nach bestimmten methodischen Anforderungen ausge- wahlt. Die fur die Beantwortung der Fragestellung identifizierte Literatur wird dann ubersichtlich beschrieben. Darauf folgt die Darstellung der aus der Auswertung der Evidenz erzielten Ergebnisse. Hierdurch lassen sich Schlusse in Bezug auf die Fragestellung ziehen. Diese und die anschlieBen- de Darlegung des deutschen Szenarios werden dann in der Diskussion auf- gegriffen.

AbschlieBend wird im Fazit die Fragestellung explizit wieder aufgenommen und es wird versucht, diese durch die gewonnenen Erkenntnisse zu beant- worten.

2. Konzeptionelle Grundlagen

2.1. Die Herzinsuffizienz und ihre Bedeutung

Allgemein ist Herzinsuffizienz definiert als das Unvermogen des Herzens die Bedurfnisse des Organismus trotz genugendem Blutangebot zu befriedi- gen. Das Syndrom der Herzinsuffizienz wurde von der WHO sowohl physi- ologisch als auch klinisch bestimmt. Pathophysiologisch ist das Herz bei der Herzinsuffizienz nicht mehr in der Lage den Organismus ausreichend mit Blut und damit mit genugend Sauerstoff zu versorgen, um seine Bedurfnisse sicherzustellen. Klinisch bestehen dabei charakteristische Symptome wie Atemnot und schnelle Ermudbarkeit, die ursachlich auf eine kardiale Er- krankung zuruckzufuhren sind. Die Diagnose einer Herzinsuffizienz ist das Ergebnis des Nachweises einer kardialen Funktionsstorung zusammen mit dem typischen Symptomenkomplex (Erdmann, 2003).

Die Gruppe von Symptomen setzt den Standard fur die Entscheidung, wie die Herzinsuffizienz abgegrenzt wird: leicht, moderat oder schwer. Wahrend Patienten mit einer leichten Herzinsuffizienz sich trotz Einschrankungen wie Mudigkeit oder Atemnot bewegen konnen, sind Patienten mit einer schweren Herzinsuffizienz stark symptomatisch und Kandidaten fur eine haufige medizinische Versorgung. Die moderate Herzinsuffizienz ist dann dem Rest der Patientengruppe zuzuordnen (ESC, 2008). Diese Abgrenzun- gen spiegeln sich in der Klassifizierung der New York Heart Association (NYHA) wider. Hiernach wird gemaB Abbildung 1 der funktionelle Schwe- regrad der Herzinsuffizienz in vier Klassen eingeordnet:

Abbildung 1: NYHA-Klassifikation bei Herzinsuffizienz

Funktionelle Klassifizierung

I. Herzerkrankung ohne korperliche Limitation. Alltagliche korperli- che Belastung verursacht keine inadaquate Erschopfung, Rhythmus­storungen, Luftnot oder Angina pectoris.

II. Herzerkrankung mit leichter Einschrankung der korperlichen Leis- tungsfahigkeit. Keine Beschwerden in Ruhe. Alltagliche korperliche Belastung verursacht Erschopfung, Rhythmusstorungen, Luftnot oder Angina pectoris.

III. Herzerkrankung mit hohergradiger Einschrankung der korperlichen Leistungsfahigkeit bei gewohnter Tatigkeit. Keine Beschwerden in Ruhe. Geringe korperliche Belastung verursacht Erschopfung, Rhythmusstorungen, Luftnot oder Angina pectoris.

IV. Herzerkrankung mit Beschwerden bei allen korperlichen Aktivitaten und Ruhe. Bettlagerigkeit. Quelle: Hoppe et al., 2005, 490.

Wenn Zeichen und Symptome der Herzinsuffizienz schnell auftreten oder sich verandern, so dass eine dringliche Behandlung notwendig wird, spricht man von einer „akuten Herzinsuffizienz“. Sie kann sowohl die erste AuBe- rung der Erkrankung sein, als auch mit einer schon bestehenden chronischen Herzinsuffizienz in Verbindung stehen. Es gibt sechs unterschiedliche klini- sche Kategorien, die Patienten mit einer akuten Herzinsuffizienz aufweisen konnen. Darunter ist eine Verschlechterung oder dekompensierte chronische Herzinsuffizienz (Haverkamp, Kuhnle, 2009). Diese klinische Presentation ist durch eine bereits behandelte Herzinsuffizienz gekennzeichnet, die sich fortschreitend verschlechtert und eine systemische Kongestion und eine Lungenkongestion (peripheres Odem) aufweist (ESC, 2008).

Epidemiologische Daten deuten eine Zunahme der Inzidenz und Pravalenz der Herzinsuffizienz in den westlichen Landern an. Dies wird auf die veran- derte Altersstruktur und auf die verbesserte Therapie der koronaren Herz- krankheiten zuruckgefuhrt (Heinen-Kammerer et al., 2006). Weltweit gehort Herzinsuffizienz zu den haufigsten Erkrankungen. Laut Schatzungen sind in Europa mehr als 10 Millionen Menschen von dieser Krankheit betroffen. Allein in Deutschland leidet mehr als 3% der Bevolkerung an einer Herzin­suffizienz (Haverkamp, Kuhnle, 2009). Sowohl die Inzidenz, als auch die Pravalenz der Herzinsuffizienz sind vom Alter abhangig. Die Pravalenz wachst mit zunehmendem Alter. Wahrend bei der Altersgruppe der 45- bis 55-Jahrigen weniger als 1% von einer Herzinsuffizienz betroffen sind, lei­den 2% bis 5% der 65- bis 75-Jahrigen und etwa 10% der uber 80-Jahrigen an dieser Erkrankung (Bauriedel et al., 2005). Manner sind etwa 1,5-fach haufiger betroffen als gleichaltrige Frauen (Hoppe et al., 2005). Die Statistik uber Todesursachen des Statistischen Bundesamts von 2008 zeigt, dass Herzinsuffizienz die dritthaufigste Ursache in Deutschland fur einen Sterbe- fall ist.

Die Prognose der Herzinsuffizienz ist als schlecht zu bezeichnen. In der Framingham-Studie betrug die 5-Jahresmortalitat nach Diagnosestellung der Herzinsuffizienz 75% bei Mannern und 38% bei Frauen (Rickenbacher, 2001). Die genaue Bestimmung der Prognose dieser Erkrankung fallt nicht leicht, denn diese beruht auf einer Vielzahl von Faktoren wie Atiologie, Alter, Komorbiditaten und der individuellen Progression (Zobel, 2010). Ein wichtiger prognostischer Faktor bei herzinsuffizienten Patienten ist die gesundheitsbezogene Lebensqualitat. Die korperliche und psychisch- emotionale Lebensqualitat ist bei Herzinsuffizienz so stark beeintrachtig wie bei kaum einer anderen Erkrankung (Laederach-Hofmann et al., 2010). Eine Verschlechterung der 1-Jahres-Letalitat einer unbehandelten Herzin­suffizienz ist von NYHA-Stadium abhangig: I<10%, II~15%, III~25%, IV~50%. Jedoch kann diese durch therapeutisches Verfahren zu einer erheb- lichen Verbesserung beeinflusst werden (Zobel, 2010).

In Europa zeigen die Hospitalisierungsraten aufgrund von Herzinsuffizienz in den letzten 10 bis 15 Jahren eine Verdoppelung (Rickenbacher, 2001). Laut Daten der Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE, 2010a) war im Jahr 2004 eine Herzinsuffizienz mit 260.803 Fallen erstmals der viert- haufigste Grund fur einen stationaren Krankenhausaufenthalt in Deutsch­land. Bereits vier Jahre spater, im Jahr 2008, war die Herzinsuffizienz mit 350.711 Hauptdiagnosen der zweithaufigste Grund fur eine Hospitalisation. Fur einen krankheitsbedingten stationaren Krankenhausaufenthalt war die­ses Krankheitsbild allerdings der haufigste Grund. In 30% bis 60% der Falle mussen Patienten innerhalb des ersten Jahres nach Klinikaufenthalt rehospi- talisiert werden. Ursache ist hier das mangelhafte Case-Management mit Therapiebruchen zwischen Krankenhaus und ambulanter Versorgung ein groBeres Gewicht als die Progredienz der Grunderkrankung. Allerdings ist der Hauptgrund die (Non-) Compliance der Patienten bezuglich eventueller Trinkmengenbeschrankung, Salzkonsumrestriktion und regelmaBiger Medi- kamenteneinnahme (Nikolaus, 2008).

Betrachtet man den oben dargestellten Rahmen, ist es nicht unplausibel, dass die Herzinsuffizienz eine erhebliche okomische Belastung fur das Gesundheitswesen darstellt. In den westlichen Landern wird ca. 1% bis 2% des gesamten Gesundheitsbudgets fur die Behandlung dieser Erkrankung ausgegeben. Davon machen die Krankenhausaufenthaltskosten etwa zwei Drittel aus. Ein Anstieg der Behandlungskosten mit zunehmendem Harte- grad der Krankheit ist vorhanden (Rickenbacher, 2001). So sind Patienten im NYHA-Stadium IV etwa 8- bis 30-mal kostenintensiver als solche im NYHA-Stadium II (Klein, 1999). In Deutschland betrugen die Krankheits- kosten im Jahr 2006 fur Herzinsuffizienz 2,9 Milliarden Euro, d.h. 1,22% der Krankheitskosten im Jahr 2006 (GBE, 2010b). 1,3 Milliarden Euro ent- fielen auf den Bereich der Krankenhausaufenthalte, so dass Herzinsuffizienz im Jahr 2006 2,04% der gesamten Krankheitskosten in Krankenhauser aus- machte (GBE, 2010c).

2.2. Telemedizin: Definition und Einsatzmoglichkeiten

Als Telemedizin wird der Einsatz von Informations- und Kommunikations- technologien bezeichnet, um medizinische Dienstleistungen in der Uber- windung einer raumlichen Distanz zwischen den Teilnehmern zu ermogli- chen. Vielmehr als eine Einzeltechnologie ist Telemedizin ein Teil eines umfassenden Prozesses oder einer Gesundheitsversorgungskette. Es lasst sich ableiten, dass Telemedizin diese Kette verbessern kann und somit zur Steigerung der medizinischen Versorgungsqualitat und -effizienz fuhrt. Weiterhin wird der Telemedizin die Sicherstellung der Transparenz von Behandlungsprozessen und die Ubermittlung von medizinischem Wissen zugeschrieben (Roine et al., 2001; Schultz et al., 2005).

Telemedizin kann sowohl bei der Kommunikation und der Zusammenarbeit unterschiedlicher medizinischer Leistungserbringer (Doc2Doc) behilflich sein, als auch bei der Bereitstellung innovativer Dienstleistungen am Patient (Doc2Patient) (Schultz et al., 2005). Sie umfasst eine gesicherte Transmis­sion von Daten und Informationen mittels Text, Klang, Bilder oder anderen Ubertragungsinstrumenten, die fur die Prevention, Diagnose, Behandlung und Follow-up der Patienten benotigt werden (Palmer et al., 2009). So kon- nen Dienstleistungen der telemedizinischen Betreuung sein:

- Telekonsultation: Fernzugriff zu fallbezogenen, diagnostischen und the- rapeutischen Daten
- Telemonitoring: Hausliche Uberwachung chronisch erkrankter oder fruhzeitig aus der stationaren Betreuung entlassener Patienten
- Teleausbildung: Fernfort- und Weiterbildung
- Teletherapie: Behandlung der Patienten, ohne dass diese ihr hausliches Umfeld verlassen mussen Telemedizinische Anwendungen werden bereits von einigen medizinischen Fachgebieten ubernommen, um eine schnellere Bereitstellung von Untersu- chungsergebnissen uber elektronische Kommunikationskanale zu gewahr- leisten, z.B. von der Teledermatologie, Telegastroenterologie, Telekardiochirugie, Teleonkologie und Teleradiologie (Mohr et al., 2004).

2.3. Telemonitoring: Definition, Ziele und Entwicklung

Unter Telemonitoring versteht man die Uberwachung eines Patienten uber eine raumliche Distanz hinweg. Dafur findet eine Ubertragung von Informa­tionen vom Patienten, der sich i.d.R. zu Hause befindet, zum Gesundheits- personal statt (Riley, Cowie, 2009). Unterschiedliche Wege bieten sich fur diesen Prozess an. In einigen Fallen ist die manuelle Eingabe der Patienten- informationen in einem Gerat erforderlich und weiterhin ihre Ubertragung mit Hilfe eines Telefons oder einer Computerschnittstelle (i.d.R. handelt es sich um Speicher- und Weiterleitungssysteme). Die Information kann in einem Dateiserver gespeichert werden, auf den das Gesundheitspersonal Zugriff hat. Somit konnen Befunde von diesem interpretiert werden. Fortge- schrittenere Technologien bestehen aus der automatischen Datenerfassung, haufig in Echtzeit. AnschlieBend findet die Kommunikation uber die Nut- zung fortgeschrittener Informationssysteme statt, die haufig eine drahtlose Ubertragung beinhaltet (Trueman, 2009).

Die Komplexitat der Uberwachungstechnologie kann unterschiedlich ausfal- len. Auf der einen Seite gibt es die Uberwachung physiologischer Parame­ter. Dabei werden Vitalparameter, wie Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoff- sattigung, Blutzucker oder Korpergewicht uberwacht. Auf der anderen Seite bieten sich komplexere implantierbare Gerate (beispielsweise Herzschritt- machern oder Defibrillatoren) an, deren Funktionen fernuberwacht und mit- unter auch weiter entfernt umprogrammiert werden konnen (Riley, Cowie, 2009) .

Im Allgemeinen zielen die Telemonitoring-Anwendungen auf die Verbesse- rung der Versorgung, der Lebensqualitat und der Prognose chronisch er- krankter Patienten ab (Schmidt et al., 2010). Telemonitoring schlieBt die Patienten praziser in ihrer eigenen Versorgung ein, unterstutzt die Dosisfindung fur Medikamente, verbessert das Compliance und hilft dem Arzt oder dem Pflegepersonal bei der Erkennung fruher Verschlechterungs- anzeichen, z.B. bei vorliegender Herzinsuffizienz, sowie ihrer Auslosefakto- ren. Neben diesen Einsatzbereichen konnte Telemonitoring ebenfalls die hausliche Betreuung oder die fruhe Entlassungsplanung fordern. Hierbei ist das deduzierte Ergebnis die Verringerung der Krankenhauseinweisungen, Krankenhausaufenthaltsdauer und der Mortalitatsraten (Cleland et al., 2005), sodass auch gesundheitsokomische Nutzen entstehen (Schmidt et al., 2010) .

Ein Uberblick uber die Entwicklung des Telemonitorings gewahrt Meystre (2005). Demnach ubertrug Dr. Einthoven im Jahr 1905 EKGs uber das Tele- fon. Im Jahr 1921 wandte Winter einen Seefunk an, um Herztone zu uber- tragen. Die Radiotelemetrie wurde im Jahre 1961 als eine weitere Moglich- keit der Patientenuberwachung erkannt. Im Jahr 1965 wurden EKGs und Rontgenbilder vom Schiff auf das Festland ubertragen und einige Jahre spa- ter uber Radiofrequenz von Rettungseinsatzen in das Jackson Hospital in Miami ubermittelt. Heutzutage geschieht der vorherrschende und vielver- sprechende Einsatz des Telemonitorings in der individuellen hauslichen Umgebung zur Uberwachung risikogefahrdeter Patienten. Die haufigsten Anwendungen fur Telemonitoring sind kardiopulmonare Erkrankungen, wie Asthma bronchiale, Bronchitis und chronische Herzinsuffizienz (Meystre, 2005).

3. Telemonitoring-Systeme zur Uberwachung herzinsuffizien- ter Patienten: Moglichkeiten und Einfuhrungsszenario

Eine chronische Herzinsuffizienz ist anhaltend und kann entweder stabil bleiben oder auch Verschlechterungen zeigen. Letzteres kann zu einer De- kompensation fuhren. Die Berucksichtigung dieses klinischen Befundes ist von Bedeutung bei der Betrachtung der Rolle von Telemonitoring bei Herz­insuffizienz, da eine Dekompensation der haufigste Grund (80% der Falle) fur eine Hospitalisation ist (ESC, 2008). Es besteht grundsatzlich die Mog- lichkeit, die Krankenhauseinweisung von herzinsuffizienten Patienten in 50% der Falle zu vermeiden. Hierfur ist jedoch die rechtzeitige und ange- messene Reaktion seitens des Patienten und des Arztes bei einer auftreten- den Dekompensation notwendig (VDE, 2009a).

Damit tritt die Uberwachung der Herzinsuffizienz in den Vordergrund. Die kontinuierliche Dokumentation von Gewicht und Symptomen, sowie fallab- hangig auch von Vitalparametern wie Blutdruck und Puls ist wegen des in- stabilen Krankheitsverlaufs der Herzinsuffizienz unbedingt erforderlich (Buser et al., 2006). Eine fruhzeitige Erkennung einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes ist zur Ergreifung von GegenmaBnahmen bzw. zur Verhinderung schwerwiegender Komplikationen entscheidend (Scherer et al., 2006). Die konventionelle Betreuung der Patienten mit Herzinsuffizienz besteht jedoch aus Patientenbesuchen in der Praxis des Hausarztes oder aus Hausbesuchen des Arztes (Schmidt et al., 2010).

[...]


1 Aus Grunden des Schreib- und Leseflusses wurde fur die vorliegende Arbeit die mannli- che oder die neutrale Schreibweise gewahlt. Ich mochte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass stets beide Geschlechter gemeint sind und dass ich die Prinzipien der Gleichstellung vertrete.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Telemonitoring bei Herzinsuffizienz
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
52
Katalognummer
V159348
ISBN (eBook)
9783640725441
ISBN (Buch)
9783640725748
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Telemonitoring, Herzinsuffizienz
Arbeit zitieren
Kerstin Sienknecht (Autor), 2010, Telemonitoring bei Herzinsuffizienz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159348

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Telemonitoring bei Herzinsuffizienz



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden