Abtönung im Deutschen und im Französischen

Ein Übersetzungsvergleich des Romans "Herr Lehmann" von Sven Regener


Bachelorarbeit, 2010

71 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Das Phanomen der Abtonung

2. Abtonung im Deutschen
2.1 Modalworter
2.2 Modalverben
2.3 Modifizierende Verben
2.4 Tempusformen mit Modalfaktor
2.5 Prapositionalgruppen
2.6 Ethi scher Dativ
2.7 Explizit-performative Formulierungen
2.8 Abtonungspartikeln
2.8.1 Heterosemie
2.8.2 Nichtbetonbarkeit
2.8.3 Nichtsatzgliedfahigkeit
2.8.4 Positionierbarkeit
2.8.5 Kombinierbarkeit
2.8.6 Distribution
2.8.7 Nichtvorhandensein referentieller Semantik
2.8.8 Skopus
2.8.9 Funktion

3. Abtonung im Franzosischen
3.1 Performative Verben
3.2 Modalverben
3.3 Kognitionsverben
3.4 Adverbien
3.5 Idiomatisierte Wendungen
3.6 Vergewisserungsfragen
3.7 Rhetorische F ragen
3.8 Gliederungssignale
3.9 Interjektionen
3.10 Abtonungspartikeln

4. Ubersetzbarkeit von Abtonungsformen

5. Ubersetzungsvergleich des Romans Herr Lehmann von Sven Regener
5.1 Die Abtonungspartikel ja
5.1.1 Ja in Deklarativsatzen
5.1.1.1 Ja als bekanntheitssignalisierendes Element
5.1.1.2 Ja als kommentarsignalisierendes Element
5.1.1.3 Ja als erwiderungssignalisierendes Element
5.1.1.4 Ja als erklarungs- und rechtfertigungssignalisierendes Element
5.1.1.5 Ja als einraumungssignalisierendes Element
5.1.2 Ja in Nebensatzen
5.1.3 Ja in Exklamativsatzen
5.1.4 Fazit
5.2 Die Abtonungsartikel eigentlich
5.2.1 Eigentlich in Deklarativsatzen
5.2.1.1 Eigentlich als oppositionssignalisierendes Element
5.2.1.2 Eigentlich als verstarkendes Element der personlichen Meinung
5.2.2 Eigentlich in Verbindung mit Satzaquivalenten
5.2.3 Eigentlich in Verbindung mit der Negationspartikel nicht
5.2.4 Eigentlich in Interrogativsatzen
5.2.5 Fazit
5.3 Veranderte Wirkung bei Nullubersetzungen

6. Schlussbemerkung

7. Bibliographie

8. Anhang

0. Einleitung

"Herr Lehmann erklarte es ihr noch einmal, dann bat er sie, sich die wichtigsten Eckpunkte doch einfach mal eben1 zu notieren, und dann wurde sie pampig und sagte, daB er ganz schon frech sei (Regener 102003 : 256). Dieser amusante Auszug aus dem Roman Herr Lehmann (Regener 102003) von Sven Regener zeugt von einer sprachlichen Besonderheit des Deutschen und vermittelt eine erste Vorstellung eventueller Probleme, die bei der Ubersetzung dieses Werkes auftreten konnen. Mit welcher Intention macht Sven Regener in dieser Textstelle - bewusst oder auch nicht - Gebrauch der Worter doch, einfach, mal und eben? Zeugt die Verwendung dieser sogenannten Abtonungspartikeln schlichtweg von umgangssprachlichem oder gar schlechtem Stil? Oder verleihen sie der Aussage vielmehr eine bestimmte Nuance, die bei der Auslassung dieser Partikeln verloren ginge?

Die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit liegt in der Klarung dieser und weiterer Fragestellungen, die in die Kategorie des sprachlichen Phanomens der Abtonung fallen. Das primare Bestreben liegt darin, zu analysieren, ob und inwieweit der von Sven Regener im Ausgangstext zum Ausdruck gebrachte Stil, der von den gehauft auftretenden Abtonungspartikeln geradezu lebt, auch auf den Leser der franzosischen Ubersetzung eine entsprechende Wirkung entfaltet. Um dies herauszufinden, werden in einem theoretischen Teil zunachst die Moglichkeiten der Abtonung im Deutschen und im Franzosischen aufgezeigt und anschlieBend die Frage ihrer Ubersetzbarkeit beleuchtet. Das Hauptaugenmerk soll hierbei auf die Abtonungspartikeln, die im Deutschen die relevanteste Subkategorie der Abtonungsformen darstellen, gerichtet werden. Diese theoretischen Uberlegungen dienen als Grundlage fur den anschlieBenden Ubersetzungsvergleich des Romans Herr Lehmann (Regener 102003) hinsichtlich der Abtonung; so soll anhand konkreter Beispiele zu den Partikeln ja und eigentlich aufgezeigt werden, welche Methoden die Ubersetzerin Colette Kowalski zur Losung der spezifischen Ubersetzungsprobleme, die sich durch die Komplexitat des Phanomens der Abtonung ergeben, angewandt hat. Es soll herausgearbeitet werden, ob die franzosische Ubersetzung von Kowalski hinsichtlich der Abtonung als aquivalent zum deutschen Original des Romans Herr Lehmann (Regener 102003) bezeichnet werden kann.

1. Das Phanomen der Abtonung

Abtonung ist ein sprachliches und kulturell determiniertes Universal, das heute als "semantische GroBe" (Feyrer 1998: 17) betrachtet wird und den "Bezug des Sprechers zum Gesagten" (Weydt 1969: 63) ausdruckt, so dass dessen Aussagen mit einer bestimmten Subjektivitat behaftet werden. Beim Sprechen und Schreiben werden demzufolge nicht nur Sachverhalte dargestellt, sondern auch "bestimmte sprachliche 'Handlungen'" (Koch/Oesterreicher 1990: 67) vollzogen. Waltereit (2006: 25) konstatiert unter Bezugnahme auf Austin und Searle, dass "jedes Sprechen [...] ein 'Tun' [...] und nicht nur eine Beschreibung von Sachverhalten der Welt" ist. Zu diesen sprachlichen Handlungen zahlen die illokutionaren Akte wie "Informieren, Befehlen, Warnen, Sichverpflichten [sic] und so weiter, d.h. wir tun AuBerungen, die eine bestimmte (konventionale) Rolle spielen" (Austin 22002: 126). Searle unterscheidet in seinem Werk Sprechakte (Searle 1967) zwischen funf Kategorien, den Reprasentiva (z.B. behaupten, informieren, mitteilen), den Direktiva (z.B. bitten, befehlen, verbieten, erlauben), den Kommissiva (z.B. versprechen, vereinbaren, drohen), den Expressiva (z.B. danken, klagen, jemandem etwas wunschen) und den Deklarationen (z.B. ernennen, taufen, verhaften) (vgl. Hindelang 52010: 44). Der Sprecher verfolgt mit seiner AuBerung demnach stets einen bestimmten illokutionaren Zweck, d.h. kommunikative und praktische Absichten (vgl. Hindelang 52010: 44). Somit kann Sprache auch als "Instrument des Handelns" (Waltereit 2006: 26) betrachtet werden.

Auch die Abtonung kann als "illokutionare Operation" (Waltereit 2006: 37) betrachtet werden. So ist sie im Gesprach an illokutionare Akte gebunden, durch Abtonungen werden Erwartungen oder Bedingungen angedeutet (vgl. Koch/Oesterreicher: 68). Zu diesen gehoren z.B. indirekte Befehle oder Aufforderungen, die Verbindlichkeiten oder Anspruche implizieren, ohne dabei etwas zur eigentlichen Aussage beizutragen. Sie drucken Einstellungen, Haltungen, Annahmen, (Vor-)Urteile und Gefuhle des Sprechers aus, ohne sie zu verbalisieren. Es handelt sich hierbei um "konversationelle Implikaturen" (Waltereit 2006: 29), die "nicht explizit versprachlicht werden, von denen der Sprecher jedoch mochte, dass sie als Mitteilungsabsicht verstanden werden" (ibd.: 29).

Das Phanomen der Abtonung lasst sich sowohl auf der Ausdrucks- als auch auf der Appellebene definieren. Eine Illokution (z.B. Aufforderung) wird seitens des Sprechers auf der Ausdrucksebene auf hofliche Weise abgetont, gleichzeitig wird indirekt-suggestiv auf der Appellebene an die Haltung oder das Handeln des Gegenubers appelliert (vgl. hierzu auch: Buhler 1978: 24 ff.). Koch/Oesterreicher (1990: 67 f.) definieren den Begriff der Abtonung folgendermaBen:

"Ein besonders interessantes, im weitesten Sinne dialogisches Verfahren nahesprachlicher Kommunikation besteht [...] darin, bestimmte interaktionell relevante Kontextbedingungen illokutionarer Akte lediglich durch auBerst sparsame sprachliche Elemente anzudeuten." (Koch/Oesterreicher 1990: 67 f.)

Eben diese von Koch/Oesterreicher (1990: 68) sogenannten "auBerst sparsame[n] sprachliche[n] Elemente" der "nahesprachliche[n] Kommunikation" (ibd.: 67) gehoren den vielfaltigen Mitteln der Abtonung an. Anhand dieser Mittel kann das "Gemeinte" implizit durch das Setzen von Signalen vermittelt werden: Mit Hilfe dieser Signale, die sprachlicher als auch auBersprachlicher Natur sein konnen, kann dem Gesprachspartner das Gemeinte vermittelt werden, ohne direkt zu werden, ohne bereits Bekanntes zu wiederholen und ohne Emotionen wie Arger, Erstaunen, Ablehnung, Unsicherheit, Traurigkeit oder Ermunterung zu explizieren (Feyrer 1998: 11).

Durch das Mittel der Abtonung konnen Aussagen abgeschwacht oder emphatisiert werden, es wird jedoch vom Sprecher stets versucht, seine emotionalen Haltungen deutlich zu machen, um sich selbst als Individuum einzubringen. Feyrer (1998: 11), die den Terminus der Modalitat verwendet, definiert diesen m. E. sehr treffend:

"Modalitat in unsere Aussagen einzubringen heiBt, uns selbst als Sprecherpersonlichkeiten einzubringen und aus einer rein informativen, objektiven Aussage eine subjektive, von der eigenen individuell-personlichen Weltsicht gepragte zu machen. Ohne Modalitat ware unsere Sprache trocken, nuchtern und um vieles armer, es wurde ihr an Individualitat und Expressivitat mangeln." (Feyrer 1998: 11)

Im Folgenden sollen die Moglichkeiten der Abtonung im Deutschen vorgestellt werden. Dabei soll das Hauptaugenmerk auf die Abtonungspartikeln gerichtet werden, da diese ein besonderes Charakteristikum der deutschen Sprache darstellen.

2. Abtonung im Deutschen

Im Deutschen gibt es vielfaltige Moglichkeiten zur Abtonung, zu denen in der direkten gesprochenen Sprache auch nonverbale Mittel wie Mimik und Gestik und intonatorische Mittel gehoren. Da diese Mittel in der geschriebenen Sprache nicht vermittelt werden konnen, kann die abtonende Wirkung in diesem Fall anhand von Modalwortern, Modalverben, modifizierenden Verben, Tempusformen mit Modalfaktor, explizit-performativen Formulierungen (vgl. Waltzing 1986: 15), Prapositionalgruppen (vgl. Helbig/Buscha 141991: 512) und dem ethischen Dativ (vgl. Waltereit 2006: 12ff.) erzielt werden. Die groBte Subkategorie der Abtonung stellen im Deutschen die Abtonungspartikeln dar, die vor allem in der direkten gesprochenen Sprache, aber auch in verschriftlichter gesprochener Sprache wie z.B. in Theaterstucken oder anderer dialoghaltiger Literatur vorkommen.

2.1 Modalworter

Durch die Verwendung von Modalwortern kann einer Aussage eine subjektive Note verliehen werden. Zu dieser Gruppe zahlen Worter wie glucklicherweise, klugerweise, offenkundig oder scheinbar:

(1) Bayern Munchen hat am letzten Spieltag verloren.

(2) Bayern Munchen hat am letzten Spieltag glucklicherweise verloren.

Bei Beispiel (1) handelt es sich um eine neutrale Feststellung, Beispiel (2) dagegen erhalt durch das Modalwort glucklicherweise eine abtonende Wirkung. Der Empfanger kann hieraus schlieBen, dass der Sprecher kein Fan des FC Bayern Munchen ist und den Misserfolg des Vereins gutheiBt.

2.2 Modalverben

Die Gruppe der Modalverben setzt sich aus den Verben konnen, sollen, wollen, mussen, mogen und durfen zusammen. Folgendes Beispiel zeigt, dass eine Aussage durch die Verwendung dieser Verben modifiziert werden kann:

(3) Ich fahre nachste Woche nach Bremen.

(4) Ich will nachste Woche nach Bremen _ fahren.

(5) Ich muss nachste Woche nach Bremen _ fahren.

In Beispiel (3) ist kein Modalverb vorhanden, wodurch die Aussage neutral bleibt. Es handelt sich um eine simple Tatsache, nachste Woche nach Bremen zu fahren. In Beispiel (4) wird durch das Modalverb wollen der Wunsch des Sprechers, nach Bremen fahren zu wollen, ausgedruckt; ebenso wird in Beispiel (5) durch das Modalverb mussen die Verpflichtung zu dieser Fahrt manifestiert. Ein abtonender Effekt konnte hier ebenso mit den Modalverben konnen, sollen und durfen erzielt werden.

2.3 Modifizierende Verben

Bei den modifizierenden Verben (vgl. Hentschel/Weydt 1990: 106), die auch als "Modalverben mit subjektiver Modalitat" (Helbig/Buscha 141991: 136) bezeichnet werden, handelt es sich um Modalverben, die eine Vermutung oder eine fremde Behauptung ausdrucken. Dazu gehoren Modalverben wie mussen, mogen oder wollen:

(6) Davon hat Michael nichts gewusst.

(7) Michael will davon nichts gewusst haben.

(8) Michael behauptet, dass er davon nichts gewusst habe.

Bei den Beispielen (6) und (8) handelt es sich um neutrale Aussagen: In Beispiel (6) stellt der Sprecher fest, dass Michael davon nicht gewusst hat, in Beispiel (8) gibt er Michaels Behauptung wieder. In Beispiel (7) hingegen wird die Aussage durch die Verwendung des modifizierenden Verbs wollen abgetont. Der Sprecher verdeutlicht hiermit, der Uberzeugung zu sein, dass Michael lediglich vorgibt, nichts davon gewusst zu haben, er zweifelt dies somit an. Dieser Zweifel wird jedoch nicht explizit, sondern implizit durch das modifizierende Verb ausgedruckt. Daher lasst sich sagen, dass es sich um eine Form der Abtonung handelt.

2.4 Tempusformen mit Modalfaktor

Auch Tempusformen, die einen Modalfaktor enthalten, konnen eine abtonende Wirkung erzielen:

(9) Viola hat die Strafienbahn wahrscheinlich verpasst.

(10) Viola wird die Strafienbahn verpasst haben.

In Beispiel (9) sagt der Sprecher explizit aus, dass Viola die Strafienbahn mit grofier Wahrscheinlichkeit verpasst hat. In Beispiel (10) hingegen wird diese Vermutung durch den Gebrauch des Futur II lediglich impliziert. Die Aussage wird durch den Gebrauch dieser Tempusform somit abgetont.

2.5 Prapositionalgruppen

Ein abtonender Effekt kann ebenso durch Prapositionalgruppen wie dem Anschein nach, ohne Zweifel, meinem Erachten nach erzeugt werden:

(11) Sie war anscheinend nicht zu Hause.

(12) Sie war dem Anschein nach nicht zu Hause.

Die Prapositionalgruppe dem Anschein nach erfullt in Beispiel (12) denselben Zweck wie das Modalwort anscheinend in Beispiel (11). In beiden Fallen druckt der Sprecher indirekt seine Vermutung aus, die Aussagen sind demzufolge abgetont.

2.6 Ethischer Dativ

Ferner kann der Dativus ethicus im Deutschen eine abtonende Wirkung erzielen:

(13) Komm nicht wieder so spat nach Hause!

(14) Du kommst mir nicht wieder so spat nach Hause!

In Beispiel (14) wird durch den Einsatz des Personalpronomens mir das Missfallen des Sprechers bezuglich des offenbar haufiger vorkommenden spaten Nachhausekommens des Empfangers zum Ausdruck gebracht. Der ethische Dativ kann somit zu den Abtonungsformen gezahlt werden (vgl. Waltereit 2006: 12 ff.).

2.7 Explizit-performative Formulierungen

Der abtonende Effekt, der durch Partikeln sowie die oben genannten Mittel erzielt werden kann, kann ebenso durch explizit-performative Formulierungen bewirkt werden (vgl. Waltzing 1986: 15):

(15) Er wird wohl gleich kommen.

(16) Ich nehme an, dass er gleich kommen wird.

Die explizite Ausformulierung des kommunikativen Inhalts der Partikel wohl bewirkt in Beispiel (16) einen ahnlich abtonenden Effekt wie in Beispiel (15), es wird in beiden Fallen eine Vermutung des Sprechers ausgedruckt.

2.8 Abtonungspartikeln

Die Abtonungspartikeln, die von Feyrer (1998: 28) als "mittelbare[n] Trager von Modalitat" bezeichnet werden, stellen im Deutschen die am haufigsten auftretende Subkategorie der Abtonung dar. Der Begriff "Abtonungspartikel" geht auf Weydt (1969) zuruck; weitere Bezeichnungen, die in der Fachliteratur synonym dazu verwendet werden sind u.a. "modale Partikeln", "Modalpartikeln", "Satzpartikeln", "Einstellungspartikeln" und "Existimatoren" (vgl. Diewald 2007: 117). Unter diese Kategorie fallen Partikeln wie ja, doch oder denn in Satzen wie Wie heifit du denn? Oder Ich komme ja schon!, die dem Satz, der ohne Abtonungspartikel objektiv ware, eine subjektive Note verleihen.

Lange Zeit wurden Abtonungspartikeln von der Sprachwissenschaft vernachlassigt. Ihre Verwendung wurde zudem als schlechter Stil bezeichnet, so bezeichnete Reiners (1944: 282 f.) sie in der Deutschen Stilkunst als "Flickworter", die wie "Lause im Pelz unserer Sprache" wimmeln. Dies ist darauf zuruckzufuhren, dass Abtonungspartikeln vor allem in der gesprochenen Sprache vorkommen, der lange Zeit weitaus geringere Wertschatzung als der geschriebenen Sprache entgegengebracht wurde (vgl. Beerbom 1992: 1). Erst im Zuge der pragmatischen Wende um 1970 wurde der Abtonung und somit auch den Abtonungspartikeln Aufmerksamkeit geschenkt, da die Untersuchung der gesprochenen Sprache sowie die Einbeziehung "pragmatischer auBersprachlicher Faktoren des Kommunikationsgeschehens" (Feyrer 1998: 17) immer mehr an Bedeutung gewannen. Das richtungsweisende Werk Abtonungspartikel. Die deutschen Modalworter und ihre franzosischen Entsprechungen (Weydt 1969) ist als Meilenstein der modernen Partikelforschung zu betrachten.

Die Abtonungspartikeln des Deutschen bilden eine Subklasse der Partikeln, die im Handbuch der deutschen Wortarten (Diewald 2007: 118) in eine Kerngruppe und eine Gruppe der peripheren Mitglieder eingeteilt wird. Zu den Kernmitgliedern gehoren die Partikeln aber, auch, blofi, denn, doch, eben, eigentlich, etwa, halt, ja, mal, nur, schon, vielleicht und wohl (vgl. Gelhaus 61998: 379), zu den peripheren Mitgliedern der Abtonungspartikeln gehoren fein, ganz, gerade, gleich, einfach, erst und ruhig (vgl. Diewald 2007: 118). In Weydt (1969: 69) werden sie hingegen in die Gruppe der Abtonungspartikeln und die der "abtonungsfahigen Partikeln" unterteilt, wobei die zweite Gruppe alle Partikeln umfassen soll, die zwar als Abtonungspartikeln fungieren konnen, jedoch nicht zwangslaufig ihrer Definition genugen mussen. Weydt (1969: 68) lieferte in der Anfangsphase der Partikelforschung eine der ersten Definitionen der Abtonungspartikeln, die diese nicht als unnutze Flickworter sieht, die von schlechtem Stil zeugen, sondern ihre Funktion erkennt und anerkennt:

„Abtonungspartikel [sic] sind unflektierbare Wortchen, die dazu dienen, die Stellung des Sprechers zum Gesagten zu kennzeichnen. Diese Wortchen konnen in gleicher Bedeutung nicht die Antwort auf eine Frage bilden und nicht die erste Stelle im Satz einnehmen. Sie beziehen sich auf den ganzen Satz; sie sind im Satz integriert. In anderer syntaktischer Stellung oder anders akzentuiert haben sie alle eine oder mehrere andere Bedeutungen. In dieser anderen Verwendung gehoren sie dann anderen Funktionsklassen an.“ (Weydt 1969: 68)

Diese Definition nennt zwar wichtige Kriterien zur Abgrenzung der Wortart Abtonungspartikeln, sie wurde jedoch im Laufe der Jahre um viele weitere Charakteristika erganzt. So wird im Handbuch der deutschen Wortarten (Diewald 2007: 128) eine aktualisierte Definition der Abtonungspartikeln angegeben, die sich auf dem neuesten Stand der Forschung befindet:

"Die Abtonungspartikeln sind nicht-flektierende Elemente, die nicht satzgliedfahig, nicht erfragbar und nicht erststellenfahig sind, sondern im Mittelfeld auftreten, den ganzen Satz 'modifizieren' bzw. AuBerungssskopus haben, eine nicht-referentielle, relationale und sprecherbezogene Bedeutung aufweisen und affin zu bestimmten Satzarten/Satzmodi sind." (Diewald 2007: 128)

Zur Veranschaulichung dieser Definition sollen im Folgenden verschiedene Einzelaspekte der Abtonungspartikeln erlautert werden.

2.8.1 Heterosemie

Abtonungspartikeln haben sogenannte Dubletten in anderen Wortarten, so kann die Abtonungspartikel schon zum Beispiel auch als Temporaladverb und die Partikel aber auch als adversative Konjunktion fungieren (vgl. Diewald 2007: 125). Bei diesen Dubletten wurde in der Partikelforschung lange Zeit von Homonymen oder Polysemen gesprochen. Im Handbuch der deutschen Wortarten (Diewald 2007: 125) werden diese Bezeichnungen allerdings kritisiert, da u.a. "gleichzeitig ein Wortklassen- und Funktionsunterschied vorliegt". Es wird der Begriff Heterosemie vorgeschlagen, der sich inzwischen in der Partikelforschung durchgesetzt hat und die "abweichende, unterschiedliche Bedeutung des gleichen Wortes in verschiedenen Sprachsystemen" (Internetquelle 1 - Duden - Deutsches Universalworterbuch) bezeichnet.

2.8.2 Nichtbetonbarkeit

Bezuglich der Frage der Betonbarkeit von Abtonungspartikeln besteht in der Partikelforschung bisher kein Konsens: Die Mehrzahl der Autoren geht davon aus, dass Abtonungspartikeln unbetonbar sind und dass "betonte Elemente in der Position von Abtonungspartikeln als heteroseme Adverbien eingestuft werden mussen" (Diewald 2007: 125), andere Autoren halten dagegen, dass auch betonte Vorkommen dieser Partikeln zu den Abtonungspartikeln zu zahlen sind, allerdings im Unterschied zu den unbetonten Vorkommen "Kontrastbedeutung" (Diewald 2007: 125) zeigen. Weydt (1969: 47) konstatiert, dass es fur die Bedeutung in den meisten Fallen "allein ausschlaggebend [ist], ob die Partikel betont ist oder nicht". In folgendem Beispiel andert sich die Bedeutung von denn mit dessen Betonbarkeit bzw. Nichtbetonbarkeit:

(17) Wie heifit du denn? (Weydt 1969: 45)

(18) Wie heifit du denn? (ibd.)

In Beispiel (17) lasst der Sprecher die Frage anhand der Abtonungspartikel denn hoflicher klingen, wohingegen sich das betonte denn in Beispiel (18) wie ein gewohnliches Adverb verhalt und ein Nachsatz wie wenn du nicht Maria heifit denkbar ware. Die Klarung der Frage, ob betonte Partikeln zu den heterosemen Adverbien oder zu den Abtonungspartikeln zahlen, steht in der Partikelforschung folglich noch aus.

2.8.3 Nichtsatzgliedfahigkeit

Allen Abtonungspartikeln ist das Merkmal der Nichtsatzgliedfahigkeit zu eigen, d.h. dass sie nicht die erste Stelle im Satz einnehmen und kein Satzglied bilden konnen (vgl. Weydt 1969: 68), weiterhin sind sie weder "koordinierbar noch erfragbar" (Diewald 2007: 125). Das Charakteristikum der Nichtsatzgliedfahigkeit unterscheidet die Abtonungspartikeln von Adjektiven, Adverbien und Modalwortern:

(19) Er ist schon nett.

(20) Schon sind wir da!

In Beispiel (19) kann die Abtonungspartikel schon nicht die erste Stelle im Satz einnehmen, in Beispiel (20) hingegen ist schon Temporaladverb und somit erststellenfahig.

2.8.4 Positionierbarkeit

Zur Positionierbarkeit von Abtonungspartikeln im Satz existieren diverse Publikationen (vgl. Hentschel 1983), im Folgenden sollen jedoch nur die wichtigsten Merkmale dieses Aspekts zusammengefasst werden. Generell lasst sich festhalten, dass Abtonungspartikeln eine satzintegrierte Mittelfeldposition einnehmen. Dies bedeutet, dass sie "an das Stellungsfeld nach dem finiten Verb und vor den infiniten verbalen Elementen" (Diewald 2007: 126) gebunden sind und dort verschiedene Positionen einnehmen konnen. In der Partikelforschung besteht mittlerweile Konsens daruber, dass die Abtonungspartikeln immer vor dem Rhema des Satzes stehen (vgl. Hentschel/Weydt 1989: 14). Ausnahmen von dieser Regel gibt es nur, wenn die Stellung vor dem Rhema nicht moglich ist, "da das Rhema entweder das Vorfeld besetzt oder vom finiten Verb gebildet wird und die Regel, dab die Abtonungspartikel nicht die erste Stelle einnehmen kann, sich als vorrangig erweist. In diesen Fallen steht die Partikel gewohnlich am Ende des Satzes." (Hentschel/Weydt 1989: 14)

Diese Ausnahme wird in der Exklamation Das siehst du doch! deutlich, in der das Rhema vom finiten Verb siehst gebildet wird. Deshalb kann die Partikel doch hier am Satzende stehen, die Nichterststellenfahigkeit hat Prioritat.

Zur Illustration der Positionierbarkeit von Abtonungspartikeln im Satz soll folgendes Beispiel dienen:

(21) Ich habe (ja) gestern (ja) in Prof. Mullers Vorlesung (ja) einen lauten Lachanfall bekommen.

Hier kann die Abtonungspartikel ja nicht vor dem finiten Verb habe stehen, kann nach dem finiten Verb jedoch verschiedene Positionen einnehmen. An diesem Beispiel ist deutlich zu erkennen, dass ja in diesem Fall vor dem Rhema des Satzes stehen muss; es ist in Beispiel (21) nicht moglich, ja wie in Beispiel (22) nach dem Rhema des Satzes zu positionieren:

(22) Ich habe gestern in Prof. Mullers Vorlesung einen lauten Lachanfall (*ja) bekommen.

2.8.5 Kombinierbarkeit

Auch zur Kombinierbarkeit von Abtonungspartikeln und zu deren "komplexe[n] Kombinations- und Positionsregeln" (Diewald 2007: 126) existieren verschiedene Aufsatze (vgl. Rudolph 1983), an dieser Stelle soll jedoch lediglich eine Zusammenfassung gegeben werden. Generell lasst sich festhalten, dass die deutschen Abtonungspartikeln ausgesprochen kombinations- und kumulationsfahig sind. Diese Anhaufungsfahigkeit wird im Deutschen besonders in der Umgangssprache sehr haufig genutzt:

(23) Undwillst du dann einfach mal eben nach Spanien fliegen?

Es bestehen zwar Regeln bezuglich der Kombinationsfahigkeit von Abtonungspartikeln, jedoch hangt diese auch sehr stark vom subjektiven Empfinden des Sprechers sowie von der Intonation ab. Durch die Kombination mehrerer Abtonungspartikeln kommt es zu einer leichten Bedeutungsverschiebung, die sich meist nur durch Nuancen bemerkbar macht. Auch die Beziehung der Partikeln untereinander andert sich in Abhangigkeit von der jeweiligen Kombination. Hierbei entsteht eine Bedeutungsanderung dadurch, "dab zu einer Partikel eine zweite hinzutritt und dadurch deren Sinn andert."(vgl. Weydt 1969: 74-80). Weydt (1969: 80) spricht zudem von verschiedenen "Variationen der Kombination" und teilt diese in zwei Falle ein: Einerseits gibt es Falle, in denen beide kombinierten Partikeln jeweils auch allein stehen konnen, andererseits gibt es jedoch auch Falle, in denen nicht alle kombinierten Partikeln allein stehen konnen.

Wenn beide kombinierten Partikel jeweils auch allein stehen konnen, gibt es zwei Moglichkeiten der Kombination. Es konnen entweder beide Partikeln ihre Bedeutung zugunsten einer neuen Bedeutung andern oder aber es andert nur eine Partikel ihre Bedeutung. In Beispiel (25) andern nun und einmal ihre Bedeutung zugunsten der neuen Gesamtbedeutung von nun einmal:

(24) Er geht nun weg. - Er geht einmal weg. (Weydt 1969: 80)

(25) Er geht nun einmal weg. (ibd.: 80)

In Beispiel (27) andert lediglich immer durch das Hinzutreten einer weiteren Partikel die Bedeutung, nur bleibt erhalten:

(26) Lass es dir nur schmecken. - Lass es dir immer schmecken! (Weydt 1969: 80)

(27) Lass es dir nur immer schmecken! (ibd.: 80)

In Fallen, in denen nicht alle kombinierten Partikeln allein stehen konnen, gibt es wiederum zwei Moglichkeiten der Kombination. Es andert entweder die Partikel, die allein stehen kann, ihre Bedeutung, oder aber es andert sich diejenige der unselbstandigen Partikel, die nicht allein stehen kann. Sehr kann wie in Beispiel (29) nicht allein stehen, bei der Kombination mit wohl wie in Beispiel (30) verandert sich lediglich die Bedeutung der Partikel wohl, sehr behalt die Bedeutung bei:

(28) Man kann wohl sagen, dass schones Wetter ist. (Weydt 1969: 80)

(29) *Man kann sehr sagen, dass schones Wetter ist. (ibd.: 80)

(30) Man kann sehr wohl sagen, dass schones Wetter ist. (ibd.: 80)

(31) Man kann wohl sagen, dass schlechtes Wetter ist. (ibd.: 80)

Durch das Hinzutreten von sehr zu wohl kommt es in Beispiel (30) zu einem Wechsel des Satzakzents vom Verb sagen auf die Partikel, durch den eine Bedeutungsveranderung entsteht. Die Partikel wohl hatte diese durch den Wechsel des Satzakzents entstandene Bedeutungsveranderung auch annehmen konnen, wenn man den ersten Satz wie in Beispiel (31) betonen wurde.

In den folgenden Beispielen ist denn als Partikel unselbstandig und andert in der Kombination mit doch die Bedeutung (vgl. Weydt 1969: 80 f.):

(32) Das ist doch die Hohe. (Weydt 1969: 80)

(33) *Das ist denn die Hohe. (ibd.)

(34) Das ist denn doch die Hohe. (ibd.)

Nach der Betrachtung dieser Beispiele lasst sich konstatieren, dass Abtonungspartikeln zwar kombinierbar sind, sich ihre Gesamtbedeutung bei der Kombination jedoch andert und die Kombinationsmoglichkeit keineswegs der Willkur unterliegt.

2.8.6 Distribution

"Abtonungspartikeln sind haufig affin zu bestimmten Satzarten, Strukturtypen oder Satzmodi" (Diewald 2007: 126). Die Distribution von Abtonungspartikeln auf bestimmte Satzarten wurde von Weydt (1969: 24 ff.) ausfuhrlich untersucht, als Ergebnis dieser Untersuchung konstatiert er, dass "gewisse [...] Partikel [sic] mit bestimmten anderen die Distribution gemeinsam" (Weydt 1969: 27) haben. Als Beispiel fuhrt er die Partikeln nur und blofi an, die in manchen Satztypen gemeinsam auftreten, in anderen hingegen gemeinsam unmoglich sind. Dies ist bei sehr vielen Abtonungspartikeln der Fall, so treten z.B. die Partikeln eben und halt, die sich sehr stark ahneln, nur in Aussagen und niemals in Fragen auf, da sie etwas Feststehendes konstatieren und die "Unabanderlichkeit der logischen Konsequenz" (Weydt 1969: 40) ausdrucken. Dieser allgemeine Uberblick zur Distribution von Abtonungspartikeln soll hier als Einfuhrung in das Thema genugen. Im Ubersetzungsvergleich (vgl. Kapitel 5) wird die Affinitat von Partikeln zu bestimmten Satzarten deutlich werden.

2.8.7 Nichtvorhandensein referentieller Semantik

Bei Abtonungspartikeln handelt es sich um Synsemantika, d.h. inhaltsarme Worter, die ihre eigentliche Bedeutung erst durch den Kontext erhalten (vgl. Internetquelle 2 - Duden - Deutsches Fremdworterbuch). Sie haben keine semantische Bedeutung, da ihre Funktion im pragmatischen Bereich liegt. Demzufolge treten sie "als strukturelle Formaleinheiten der Satze mit einer subjektiv-modalen Bedeutung auf, die dem ganzen Satz eigen ist" (Krivonosov 1989: 33). Dies lasst sich im Vergleich von Abtonungspartikeln mit heterosemen Adjektiven (z.B. blofi oder ruhig) feststellen: Als Adjektiv drucken diese "konkrete lexikalische Inhalte" (Diewald 2007: 127) aus, als Partikeln jedoch "nur wenige abstrakte semantische Merkmale" (Diewald 2007: 127). Zur Veranschaulichung soll folgendes Beispiel dienen:

(35) Du warst heute den ganzen Tag lang so ruhig!

(36) Du kannst ruhig spater kommen!

In Beispiel (35) hat ruhig als Adjektiv einen konkreten lexikalischen Inhalt und bezieht sich auf das Verhalten des Empfangers, in Beispiel (36) fungiert es als Abtonungspartikel und druckt Freundlichkeit und Gelassenheit des Sprechers aus. Auch wenn es in Beispiel (36) Fall uber keinen unabhangigen semantischen Eigengehalt verfugt, so erfullt dieses Wort doch eine wichtige Funktion, namlich die der Kennzeichnung der "Stellung des Sprechers zum Gesagten" (Weydt 1969: 68). Mit dem Auslassen des ruhig in Beispiel (36) wurde "ein Stuck nicht der denotativen, sondern der konnotativen (subjektiv- modalen) Bedeutung ausgelassen, die durch die entsprechende Intonation ersetzt werden kann" (Krivonosov 1989: 32).

Es herrscht in der Sprachwissenschaft bisher keine Einigkeit uber die Frage des Nichtvorhandenseins referentieller Semantik von Abtonungspartikeln. Einige Autoren sprechen ihnen jeglichen "konzeptuellen Gehalt" und grammatische Bedeutung fur den Satz ab, wohingegen andere Autoren davon ausgehen, dass auch Abtonungspartikeln uber kontextunabhangige semantische Inhalte verfugen (vgl. Waltereit 2006: 9). In dieser Arbeit soll sich der im Handbuch der deutschen Wortarten (Diewald 2007: 127) angegebenen Definition angeschlossen werden, laut der Abtonungspartikeln keine lexikalische Bedeutung haben.

2.8.8 Skopus

Abtonungspartikeln haben "mindestens Satzskopus, meist AuBerungsskopus" (Diewald 2007: 127), d.h. sie beziehen sich mindestens auf den Satz, wenn nicht sogar auf die ganze AuBerung. Teilweise haben sie auch Teile des Satzes als Skopus, "wenn sie durch ihre Position im Satz und durch Intonation auf bestimmte Information innerhalb des Satzes bezogen werden" (Bartsch 1979: 368). Da Abtonungspartikeln "von allen satzintegrierten Partikeln den weitesten Skopus haben" (Diewald 2007: 127), konnen sie "nicht Bezugsausdruck einer Negationspartikel sein" (Zifonun/Hoffmann/Strecker 1997, Bd. 1: 59). Dies lasst sich durch die Wirkung der Negation auf die Proposition erklaren, die ebenfalls den ganzen Satz als Skopus hat.

(37) Hast du etwa Hunger?

(38) *Hast du etwa nicht Hunger?

(39) Hast du nicht Hunger?

(40) Hast du etwa keinen Hunger?

Beispiele (37) und (39) sind korrekt, die Abtonungspartikel etwa und die Negationspartikel nicht haben jeweils Satzskopus. Beispiel (38) dagegen ist nicht korrekt, da auch Negationspartikeln Satzskopus haben. In diesem Fall muss sich zwischen Abtonungs- und Negationspartikel entschieden werden, es kann nur eine von beiden in einem Satz stehen. Soll eine Negation mithilfe einer Partikel abgetont werden, so kann auf eine Satzstruktur wie in Beispiel (40) zuruckgegriffen werden, indem die Abtonungspartikel in Kombination mit einem Indefinitpronomen verwendet wird.

2.8.9 Funktion

Wie in Kapitel 2.8 bereits erwahnt, wurde den Abtonungspartikeln seit der pragmatischen Wende vermehrt Aufmerksamkeit von der Sprachwissenschaft geschenkt. Wahrend sie lange Zeit als nutzlose und somit funktionslose Fullworter angesehen wurden, "begann man nun, aus der vielseitigen Verwendung dieser Wortchen auf ihre (funktionale) Bedeutung zu schlieBen" (Linke/Nussbaumer/Portmann 1991: 271).

Laut Weydt (1969: 60) drucken Abtonungspartikeln "die Stellung aus [...], die der Sprecher dem Gesagten gegenuber einnimmt". In seinem richtungsweisenden Werk bezuglich der Bedeutsamkeit und der Funktion von Abtonungspartikeln unterscheidet Weydt (1969: 61) zwischen zwei Ebenen der Sprache, der "Darstellungsebene" und der "Intentionsebene". Auf der Darstellungsebene druckt der Sprecher "Sachverhalte aller Art" (Weydt 1969: 61) aus, wohingegen er auf der Intentionsebene seine Stellung gegenuber dem Gesagten ausdruckt. Zur Intentionsebene zahlen laut Weydt einerseits auBersprachliche Mittel wie Intonation, Lautstarke und Gebarden, aber auch die Abtonung, die er als sprachliches Mittel sieht, "das den Mitteln des erwahnten auBersprachlichen, physischen Kontextes und der Intonation parallel lauft" (Weydt 1969: 61). Auch Krivonosov (1989: 32) sieht eine enge Wechselwirkung zwischen Abtonungspartikeln und der Intonation in der gesprochenen Sprache, da beide "Mittel zum Ausdruck der subjektiv- modalen Bedeutung" sind und denselben Zielen dienen. Er sieht die Abtonungspartikeln jedoch als "zusatzliche [...] Mittel" (ibd.: 32), denen vor allem in verschriftlichen umgangssprachlichen Dialogen "als Ausdrucksmittel [...] der subjektiv-modalen Bedeutung eine besondere Rolle zuteil" (ibd.: 32) wird, da sie "das einzige eindeutige Mittel [sind], das die subjektiv-modale Bedeutung anzeigt" (ibd.: 32). In der gesprochenen Sprache hingegen kann der Effekt, der durch den Einsatz von Abtonungspartikeln erzielt wird, durch die entsprechende Intonation auch ohne Partikeln erreicht werden.

Weydt (1969: 90) schreibt den Abtonungspartikeln zusatzlich zu ihrer Funktion des Ausdrucks modaler Subjektivitat eine kommunikative Funktion zu, die "unabhangig von ihrer Bedeutung" ist und nicht der Vermittlung von Informationen dient. Als Beispiel nennt Weydt die Verwendung von Abtonungspartikeln als Form der Hoflichkeit (vgl. Kapitel 2.8.2):

(41) Wie heifit du? (Weydt 1969: 90)

(42) Wie heifit du denn? (ibd.)

An diesem Beispiel lasst sich deutlich erkennen, dass die Partikel denn keinen semantischen Inhalt hat, die Frage jedoch hoflicher klingen lasst und somit sehr wohl eine

Funktion innehat. Sie dient dazu, "die Verbindung zum Horer nicht abreiBen zu lassen" (Weydt 1969: 90) und fungiert als "Appellsignal an den Horer" (ibd.: 90). Ohne diese Signale, die durch den Einsatz von Abtonungspartikeln gegeben werden, wurde sich der Empfanger unhoflich behandelt fuhlen. Abtonungspartikeln haben also eine wichtige Kontaktfunktion inne.

Seit dieser ersten Charakterisierung der Funktion von Abtonungspartikeln von Weydt (1969: 61) wurde deren Beschreibung als Ausdruck der "Stellung des Sprechers zum Gesagten" haufig kritisiert (vgl. Beerbom 1992: 9 ff.; vgl. Diewald 2007: 127) und erganzt. Nach Konig (1977: 117) nehmen Abtonungspartikeln "auf verschiedene Aspekte oder Koordinaten der Sprechsituation - nicht nur und nicht immer auf die Einstellung des Sprechers zum Gesagten - Bezug [...]". Auch Diewald (2007: 127) bezeichnet diese "kategoriedeterminierende Funktionsbeschreibung" als "problematisch". In der Grammatik der deutschen Sprache (Zifonun/Hoffmann/Strecker 1997, Bd. 1: 59) wird die Funktion von Abtonungspartikeln folgendermaBen definiert:

"Die Funktion der Abtonungspartikeln laBt sich (beim derzeitigen Forschungsstand) nur grob bestimmen. Sie tragen zur Einpassung der kommunikativen Minimaleinheit in den jeweiligen Handlungszusammenhang bei, indem sie auf den Erwartungen und Einstellungen des Sprechers und Adressaten operieren." (Zifonun/Hoffmann/Strecker 1997, Bd. 1: 59)

Man kann die Funktion von Abtonungspartikeln somit nicht pauschalisieren und schlichtweg als Ausdruck der Subjektivitat des Sprechers betrachten. Es handelt sich vielmehr um eine "kommunikative Leistung" (Helbig/Buscha 141991: 479) bzw. eine "pragmatische Funktion" (Weydt 1989: 247) dieser Partikeln. Ihre kommunikative Funktion ist zudem polyfunktional, es konnen demzufolge abhangig vom Handlungskontext "die verschiedensten kommunikativen Funktionen" (Helbig/Buscha 141991: 480) durch die Verwendung von Abtonungspartikeln ausgedruckt werden.

So wirken Abtonungspartikeln illukotionsmodifizierend und situationsdefinierend (vgl. Feyrer 1998: 44), da sie dazu dienen, "die AuBerung im konversationellen Kontext zu verankern" (Helbig/Buscha 141991: 480). Burkhardt (1984: 64 f.) hingegen bezeichnet Abtonungspartikeln als "Mittel des Vollzugs von Prasuppositionen, d.h. sprachliche Zeichen, deren Funktion es ist, allgemeine Voraussetzungen, Unterstellungen und situationsbezogene Pramissen des Sprechers [...] zu vollziehen", wobei Burkhardt unter diesen Pramissen "keine eigenstandigen, sondern vielmehr parasitare, fakultativ eingefugte 'Zusatz'-Illukotionen" (ibd.: 64) versteht.

[...]


1 Samtliche Hervorhebungen in allen folgenden Beispielen wurden von der Verfasserin vorgenommen und sind nicht als Hinweis auf die Intonation zu verstehen.

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Abtönung im Deutschen und im Französischen
Untertitel
Ein Übersetzungsvergleich des Romans "Herr Lehmann" von Sven Regener
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Seminar für Übersetzen und Dolmetschen,)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
71
Katalognummer
V159389
ISBN (eBook)
9783640717767
ISBN (Buch)
9783640717828
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Abtönungspartikeln, Abtönung, Existimatoren, Modalpartikeln, Modalität, Übersetzungsvergleich, Übersetzungskritik, Deutsch, Französisch, performative Verben, Modalverben, Kognitionsverben, Adverbien, idiomatisierte Wendungen, Vergewisserungsfragen, rhetorische Fragen, Gliederungssignale, Interjektionen, Skopus, Funktion, Kombinierbarkeit, Positionierbarkeit, Distribution, Nichtsatzgliedfähigkeit, Heterosemie, Herr Lehmann, Sven Regener
Arbeit zitieren
Annika Thoden (Autor), 2010, Abtönung im Deutschen und im Französischen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159389

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