Die Bedeutung der Schlacht auf dem Lechfeld 955 für Otto I. und die deutschen Herrschaftsgebiete


Hausarbeit, 2010
18 Seiten, Note: 3,0
Moritz Leopold (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Politische Ausgangslage
2.1. Was ist „Deutschland“ im Frühmittelalter?
2.2. Die Magyaren – Gefahr aus dem Osten
2.3. Otto I. und der Kampf um politische Stabilität

3. Die Schlacht auf dem Lechfeld
3.1. Zur Lage des Lechfelds
3.2. Kurzer Abriss der Schlachtdarstellung

4. Folgen der Schlacht
4.1. Folgen der Schlacht für die Herrschaft Ottos I
4.2. Folgen für die Herrschaftsgebiete auf deutschem Territorium

5. Fazit

A Quellenverzeichnis

B Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Schlacht auf den Lechfeld 955 zählt bis heute nicht nur zu den populärsten Schlachten der mittelalterlichen deutschen Geschichte, sondern gilt auch als eine der bedeutendsten für die Gebiete des späteren deutschen Reiches. Die Gründe dafür sind sehr verschieden und sollen in den folgenden Gliederungspunkten erläutert werden.

In der vorliegen Arbeit wird untersucht, welche Auswirkungen die Schlacht auf dem Lechfeld für die weitere Herrschaft Ottos des Großen und für die gesamten Herrschaftsgebiete unter deutschem Einflussbereich hatte. Wichtige Punkte meiner Arbeit werden dabei die politische Ausgangslage am historischen Vorabend der Schlacht sein und der Einfluss dieser Situation auf den Einfall der Ungarn und das Zustandekommen der Schlacht überhaupt. Des Weiteren wird erläutert werden, welche Folgen das Aufeinandertreffen von Deutschen und Ungarn[1] auf dem Lechfeld hatte. Der genaue Verlauf der Schlacht wird nur in einem kurzen Abschnitt behandelt, da er für den Inhalt dieser Arbeit keine direkte Rolle spielt.

Zeitlich bezieht sich die Darstellung der Ereignisse nicht nur auf das Jahr 955, sondern auch auf die Monate und Jahre vor der eigentlichen Schlacht. Um die Folgen und Bedeutung der militärischen Konfrontation auszuarbeiten, ist es unerlässlich, die politische Entwicklung innerhalb des Herrschaftsbereiches Ottos bis zum Zeitpunkt der finalen Auseinandersetzung mit den Ungarn in Ausschnitten darzustellen. Räumliche bezieht sich diese Arbeit sowohl auf das Lechfeld[2], als auch auf die verschiedenen deutschen Gebiete.

Die umfassendste und damit auch wichtigste Quelle[3] aus dieser Zeit bildet Widukind von Corveys „Res gestae Saxonica“, eine Geschichte des Sachsenreiches, die er in den Jahren 967/968 schrieb und 973 ergänzte[4]. Die drei Bücher dieses Werkes sind Mathilde, der späteren Äbtissin des Stifts Quedlinburg und Tochter Ottos I., gewidmet. Dementsprechend wird eine beschönigende Darstellung[5] der sächsischen Geschichte vorgenommen, sodass eine Objektivität in Widukinds Berichten nur bedingt anzunehmen ist.

Ergänzend werde ich die „älteste Lebensbeschreibung des Heiligen Ulrich“[6] hinzuziehen, der die Belagerung Augsburgs durch die Ungarn 955 miterlebte. Ich möchte dabei so vorgehen, dass ich zunächst überblicksweise die politischen Verhältnisse im deutschsprachigen Raum schildere, anschließend kurz den Ablauf der Schlacht skizziere und abschließend eine zusammenfassende Darstellung in einem Fazit vornehme.

2. Politische Ausgangslage

Um zu verstehen, aus welchen Gründen sich die beiden Heere im August 955 am Lech gegenüberstanden und um die weitreichenden Folgen der Schlacht einordnen zu können, ist es wichtig, die politische Situation zu kennen. Zunächst einmal muss jedoch erläutert werden, was genau „Deutschland“ eigentlich zu der damaligen Zeit ist.

2.1. Was ist „Deutschland“ im Frühmittelalter?

Ein „ Deutschland “ oder „ Deutsches Reich “ gab es im 10. Jh. noch nicht. Der Begriff „ Heiliges Römisches Reich deutscher Nationen “, mit dem heute im allgemeinen Sprachgebrauch der Zusammenschluss verschiedener deutscher Territorien im Mittelalter und das deutsche Kaiserreich bis 1806 bezeichnet werden, wurde erst rückblickend geprägt. Eine wirkliche Gründung eines deutschen Reiches hat es in diesem Sinne nicht gegeben. Es existierten auf dem heutigen Gebiet Deutschlands zahlreiche Herrschaftsbereiche mit verschiedenen Volksgruppen nebeneinander[7].

Auch Karl der Große, der als erster Deutscher über ein imperium[8] herrschte und damit im Gegensatz zu den ein regnum[9] beherrschenden Königen eine außergewöhnlich mächtige Stellung einnahm, schaffte es nicht, alle deutschen Stämme zu einem Reich zu vereinen. Matthias Springer schreibt dazu: „[…] die Wehrlosigkeit der christlichen Reiche [ist] […] darauf zurückzuführen, dass die spätkarolingischen und erst recht nichtkarolingischen Könige des ausgehenden 9. und des 10. Jahrhunderts die Kräfte ihrer Untertanen nicht zusammenzufassen vermochten.“[10]

Trotzdem gehörten durch die Vorstellung der translatio imperii allen Deutschen zu einem Reich[11]. Ein Schritt in die Richtung eines gemeinsamen Reiches war die Kaiserkrönung Ottos I. 962, mit deren Folgen sich fortan alle folgenden Jahrhunderte auseinandersetzten[12]. 976 sprechen auch die Urkunden von einem Imperator Romanorum[13]. Trotz allem kann man erst ab dem 11. Jahrhundert inhaltlich von einem einheitlichen deutschen Reich sprechen. Seit 1034 nannte sich das Reich Imperium Romanum, 1254 verdeutlichte man die sakrale Legitimation, was zu dem Namen Sacrum Imperium Romanum führte und erst 1409 taucht erstmals der Zusatz „deutscher Lande“ auf[14].

Im Folgenden wird der Einfachheit halber vom deutschen Reich[15] gesprochen werden, wenn die Gesamtheit der auf deutschem Gebiet liegenden Herrschaftsbereiche gemeint ist.

2.2. Die Magyaren – Gefahr aus dem Osten

Die Magyaren[16] waren nicht nur der Gegner der deutschen Soldaten in der Lechfeldschlacht, sondern bedrohten in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts den gesamten mittel- und osteuropäischen Raum. Als nicht sesshaftes Reitervolk ließen sie sich zwischen 894 und 900 in den Ebenen des heutigen Ungarn nieder und starteten von dort aus ihre Beutezüge[17]. Dieses mittelalterliche ungarische Reich umfasste das gesamte Karpatenbecken einschließlich Siebenbürgens[18]. Schon 862 waren sie in der karolingischen Ostmark erschienen und wurden seit ihrem ersten Einfall in Italien 899 für Jahrzehnte zum Schrecken Europas.[19] In den Jahren zwischen 911 und 933 zogen sie in Scharen sogar bis nach Spanien, Frankreich und Dänemark und plünderten hemmungslos alles, was ihnen in die Quere kam.[20] Besonders gefürchtet waren sie wegen ihrer mit Brandpfeilen ausgerüsteten Kavallerie, die Häuser und ganze Dörfer in Brand setzte und niederbrannte.

Man darf nun allerdings nicht annehmen, dass die Magyaren die schlimmsten Übelbringer Europas gewesen seien. Die Berichte über die Einfälle und Zerstörung durch magyarische Plünderer finden wir natürlich vor allem in den erzählenden Quellen. Diese entstanden, da im Frühmittelalter nur wenige Menschen des Lesens und Schreibens mächtig waren, hauptsächlich in den christlichen Einrichtungen wie z.B. Klöstern und Stiftskirchen. Diese besaßen meist einen großen Reichtum, weshalb sie die Magyaren anzogen und besonders unter den Raubüberfällen zu leiden hatten, denen sie sich schutzlos hingeben mussten. Waren es die Kirchen und Klöster wegen ihrer Reliquien und ihrer Heiligkeit doch gewohnt, in christlichen Kriegen verschont zu werden, so konnten sie bei den heidnischen Magyaren jedoch nicht mit Rücksichtnahme rechnen[21].

Aus diesem Grund ist die Darstellung der Magyaren in den uns überlieferten christlichen Quellen ungewöhnlich hart, wenn man bedenkt, dass die Franken oder Sachsen bei ihren Kriegszügen durch die benachbarten Gebiete nicht weniger grausam und zerstörend agierten. Auch die Kriegsführung von Christen untereinander beschränkte sich nicht auf das Schlagen von Schlachten. Brennen, Plündern und Rauben waren an der Tagesordnung[22]. Der Krieg des Frühmittelalters hat weitaus weniger heroisches, als man das noch aus antiken Darstellungen gewohnt ist. Fakt ist jedoch, dass kein anderes Volk in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts so viel Angst und Schrecken verbreitete, wie die Magyaren es taten.

Erst 933 wurden die Magyaren bei Riade von Heinrich I., dem Vater Ottos I., zum ersten Mal geschlagen, doch fielen sie bald darauf wieder im deutschen Reich, vor allem in den sächsischen und bayrischen Gebieten, ein[23].

So ist es nicht verwunderlich, dass, besonders vor dem Hintergrund der Plünderung christlicher Stätten, schon das bloße Aussprechen ihres Namens Angst verbreitete und dass zu dieser Zeit das Vaterunser durch den Zusatz „… auch befreie uns von den Pfeilen der Ungarn, o Herr!“[24] ergänzt wurde.[25]

[...]


[1] Der Einfachheit halber verwende ich „Deutsche“ und „Ungarn“ als Sammelbegriff für die gesamten beteiligten Stämme der beiden Völker, die zu diesem Zeitpunkt noch keine feste Nation bildeten.

[2] Zur Lage des Lechfeldes siehe 3.1.

[3] M. Springer, 955 als Zeitwende, 199.

[4] G. Althoff, LexMA IX, 1980, 76.

[5] Bis heute streiten Historiker über den Wahrheitsgehalt der Darstellungen Widukinds.

[6] Vita Sancti Uodalrici.

[7] Die Engländer bezeichnen Deutschland nach den germanischen Bewohnern als „Germany“, die Franzosen sprechen wegen der allemannischen Vorfahren von „Allemagne“, die Finnen nach den Sachsen von „Saksa“ und Deutschland selbst hat sich die Teutonen zum Vorbild genommen (noch heute spricht man davon, das etwas „teutsch“ ist und so entstand als Land der Teutonen „Teutschland“).

[8] Von Imperator = Kaiser.

[9] Von Rex = König.

[10] M. Springer, 955 als Zeitwende, 201.

[11] Nach Hieronymus von Stridon, der die Vier-Reiche-Lehre aus dem Buch Daniel deutete, würde nach dem Ende der vier großen Weltreiche Babylon, Persien, Griechenland und Rom das Weltenende eintreten. Dies wurde verhindert, indem man sich selbst als Nachfolger des Römischen Imperiums sah. Nach dem oströmischen Reich Byzanz und dem Frankenreich unter Karl dem Großen war es ab 962 das ostfränkische Reich, dass die Nachfolge für sich legitimierte.

[12] P. Moraw, LexMA IV 1980, 2026.

[13] Ebd.

[14] P. Moraw, LexMA IV 1980, 2027.

[15] Da es sich hier nicht um einen Eigennamen handelt, wird „deutsches“ natürlich klein geschrieben.

[16] Ein mitteleuropäischer Stamm. „Ungarn“ bezieht sich meist auf Bewohner des Königreichs Ungarn, weshalb üblicher Weise das Wort „Magyar“ für einen Angehörigen der frühmittelalterlichen Ungarn verwendet wird.

[17] M. Springer, 955 als Zeitwende, 200.

[18] J.M. Bak, LexMA VIII, 1980, 1226.

[19] Ebd.

[20] J.M. Bak, LexMA VIII, 1980, 1226.

[21] M. Springer, 955 als Zeitwende, 200.

[22] Ebd.

[23] J.M. Bak, LexMA VIII, 1980, 1226.

[24] „… de sagittis Hungarorum libera nos, domine!“.

[25] S. Fischer-Fabian, Die deutschen Kaiser, 62.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Schlacht auf dem Lechfeld 955 für Otto I. und die deutschen Herrschaftsgebiete
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
3,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V159472
ISBN (eBook)
9783640721467
ISBN (Buch)
9783640721924
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Otto I., Lechfeld, Schlacht auf dem Lechfeld, Magyaren, Ungarn, Otto der Große, Lechfeldschlacht, 955, Augsburg, Widukind von Corvey, Heiliges Römisches Reich deutscher Nationen
Arbeit zitieren
Moritz Leopold (Autor), 2010, Die Bedeutung der Schlacht auf dem Lechfeld 955 für Otto I. und die deutschen Herrschaftsgebiete, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159472

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