Auf die Schilderung des besten Staates, seiner Ordnung, der Erziehung
seiner Philosophenherrscher und nach dem Erreichen des
„kompositorischen Gipfels“1 der Politeia im Höhlengleichnis, folgt im VIII.
und IX. Buch eine Darstellung der ungerechten Staatsverfassungen. Das
VIII. Buch beginnt daher zunächst mit einer Bilanz über die im bisherigen
Dialog erreichten Ergebnisse. (543a-c) Gleichzeitig schließt es an Buch V
an, wo die bereits begonnene Behandlung der schlechten Staatsformen
vom Wunsch der sokratischen Dialogpartner, mehr über die Lebensform
im besten Staat zu hören, unterbrochen worden war. (449a)
Nach dem Höhepunkt, der Beschreibung des idealen Staates, erfolgt nun
die „Vollendung des großen Entwurfs“2, weshalb dem besten Staat die
schlechteren und der schlechteste gegenübergestellt werden. An diesem
Vergleich entscheidet sich letztlich die Ausgangsfrage, zu der die
Thrasymachos – Position den Anstoß gab und zu deren Beantwortung die
ganze Politeia angelegt ist: Ob nicht durch ungerechtes Handeln das
größere Glück erreicht wird, als durch die Gerechtigkeit.? Sokrates nimmt
daher zu Beginn des VIII. Buches noch einmal ausdrücklich auf
Thrasymachos bezug.(545a)
Die nachfolgend dargestellten Verfassungen und ihre Abfolge
verdeutlichen Platons Absicht, den Abstand vom besten Staat/ von der
besten Stadt in Stufen zu verdeutlichen. Er legt dabei wiederum die
Analogie zwischen der Ordnung der Polis und der Ordnung der
Seelenkräfte im einzelnen Menschen zugrunde. Die gerechte
Polisordnung bezeichnet Platon als Monarchie oder Aristokratie. (445d-e)
Dort herrschen die Besten, d.h. die durch lange Erziehung zur höchsten
Vernunft Befähigten. Für Platon sind also die politische Verfasstheit und
der Charakter der Individuen nicht voneinander zu trennen, d.h. dass die
äußere Ordnung immer auch Ausdruck der in ihr zur Herrschaft gelangten
Mentalität ist. Im VIII. Buch entfaltet er daher systematisch eine politische
Typologie, indem er bei jedem Staatstypus Entstehung und Wesen erklärt und dann nach demselben Schema den ihm entsprechenden
Menschentypus charakterisiert.
Die Beschäftigung mit diesem Abschnitt seines Werkes ist noch heute
anregend und fruchtbar, weil er auf die Darstellung der „Verfallsreihe“3 der
Staatsformen nicht nur „höchste künstlerische Meisterschaft, sondern
auch die ganze Tiefe seines kritischen Geistes angewendet“4 hat.
1 Demandt, S.86.
2 Zehnpfennig, S.132.
3 Zehnpfennig, S.132.
4 Vretska, S.595 Anm.1.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die ungerechten Verfassungen und die entsprechenden Menschen
2.1 Timokratie und timokratischer Mensch (545c-550c)
2.2 Oligarchie und oligarchischer Mensch (550c-555b)
2.3 Demokratie und demokratischer Mensch (555b-562a)
2.4 Tyrannis und tyrannischer Mensch(562a-588a)
3 Die Kritik Aristoteles’ im Buch V. seiner „Politik“ (1315b-1316b)
3.1 Die Kritikpunkte Aristoteles’
3.2 Einwände gegen die aristotelische Kritik
4 Deutung und Fazit
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht den systematischen Verfall der Staatsverfassungen in Platons Politeia, wie er im VIII. und IX. Buch dargelegt wird, um die Ausgangsfrage nach dem Glück des Gerechten gegenüber dem Ungerechten zu beantworten. Dabei wird Platons politische Typologie analysiert und der Kritik von Aristoteles gegenübergestellt, um den inhaltlichen Kern der platonischen Staatsformenlehre zu erarbeiten.
- Darstellung der Verfallsreihe der Staatsformen von der Timokratie bis zur Tyrannis.
- Analyse der Korrespondenz zwischen den Staatsformen und den dazugehörigen Menschentypen.
- Untersuchung der aristotelischen Kritik an Platons Modell in dessen Werk "Politik".
- Kritische Würdigung der platonischen Typologie hinsichtlich ihrer Absicht und Methode.
Auszug aus dem Buch
2.1 Timokratie und timokratischer Mensch (545c-550c)
Zu Beginn seiner Ausführungen zur ersten schlechten Staatsform muss Platon einen Widerspruch lösen: Warum hätte denn sein idealer Staat, so er denn verwirklicht würde, keinen Bestand? („Sein Staat ist ideal- schließt das nicht per definitionem die Möglichkeit der Degeneration aus?“5) Sokrates beantwortet diese berechtigte Frage zunächst ganz allgemein:
„Aber da allem Werden ein Untergang bestimmt ist, so wird auch diese Ordnung nicht ewig bestehen, sondern untergehen.“(546a)
Dann ruft er die Musen an (545d), um den Grund für den Niedergang des besten Staates noch zu konkretisieren: Dieser geht deshalb unter, weil die Wächter die „vollendete Zahl“6 (546b-c) falsch anwenden würden, die bis dahin den optimalen Nachwuchs garantierte:
„Wenn ihrer nicht achten eure Wächter, zur Unzeit vermählen den Männern die Bräute, dann werden die Kinder nicht edel und nicht selig.“(546d)
Die Entstehung der ersten schlechten Staatsform ist also einem „zeugungsmathematischen Rechenfehler“7 zuzuschreiben. Denn zunehmend werden die Nachkommen in den Ämtern der Regenten und Wächter unwürdiger und unfähiger sein. Die dadurch hervorgerufene Verschlechterung der Regierungs- und Wächterarbeit führt zu einer wachsenden Unordnung und zu Machtkämpfen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der ungerechten Staatsformen in Platons Politeia ein und stellt die leitende Forschungsfrage nach dem Glück im Kontext der Gerechtigkeit.
2 Die ungerechten Verfassungen und die entsprechenden Menschen: Hier werden die vier Stufen des Staatsverfalls – Timokratie, Oligarchie, Demokratie und Tyrannis – detailliert analysiert und den korrespondierenden Seelenverfassungen des Menschen gegenübergestellt.
3 Die Kritik Aristoteles’ im Buch V. seiner „Politik“ (1315b-1316b): Dieses Kapitel beleuchtet die Gegenposition des Aristoteles, der Platons Modell eine zu geringe empirische Basis und mangelnde Berücksichtigung der tatsächlichen historischen Vielfalt vorwirft.
4 Deutung und Fazit: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen, indem es den Triumph des Gerechten bekräftigt und Platons methodischen Ansatz als typologische Idealkonstruktion verteidigt.
Schlüsselwörter
Platon, Politeia, Staatsverfassungen, Verfallsreihe, Timokratie, Oligarchie, Demokratie, Tyrannis, Gerechtigkeit, Aristoteles, Seelenlehre, Idealtypen, Staatskritik, Politikphilosophie, Politische Typologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung der ungerechten Staatsverfassungen in den Büchern VIII und IX von Platons Werk Politeia und bewertet diese im Kontext der platonischen Seelenlehre.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die verschiedenen Staatsformen, ihre Entstehung durch den Verfall von Eliten, die Korrelation zwischen Staat und menschlichem Charakter sowie die Kritik des Aristoteles an diesem Modell.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, Platons Beweisführung zu analysieren, dass der gerechte Mensch glücklicher ist als der ungerechte, was durch die Gegenüberstellung von Idealstaat und Tyrannis verdeutlicht wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologisch-philosophische Interpretation der entsprechenden Textpassagen unter Einbeziehung politikwissenschaftlicher Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die systematische Beschreibung der vier Verfallsstufen und eine kritische Auseinandersetzung mit Aristoteles' Einwänden gegen Platons Modell.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Politeia, Verfallsreihe, Staatsformen, Gerechtigkeit, Seele, Idealtypen, Aristokratie, Timokratie, Oligarchie, Demokratie und Tyrannis.
Warum ordnet Platon den Staatsformen bestimmte Menschentypen zu?
Platon nutzt die Analogie zwischen der Polis und der menschlichen Seele, um zu verdeutlichen, dass die äußere politische Ordnung immer ein direkter Ausdruck der herrschenden Mentalität bzw. des inneren Seelenzustands der Individuen ist.
Wie reagiert die Arbeit auf die Kritik von Karl Popper an Platon?
Die Arbeit weist Poppers Vorwurf einer historizistischen Absicht bei Platon zurück und argumentiert, dass Platon keine historische Abfolge dokumentieren wollte, sondern eine auf die Seelenlehre bezogene Typologie entwickelte.
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- René Schlott (Author), 2003, Der Wandel der Staatsverfassungen in Platons "Politeia", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15950