Aktuelle Debatten zu den Themen Staat, Globalisierung und Migration


Essay, 2009

19 Seiten

Anonym


Leseprobe

Ich werde in diesem Essay anhand von Justin Stagls Werk „Politikethnologie“ Nichtstaatlichkeit als eine mögliche Form politischer Organisation im Kontrast zur Staatlichkeit beleuchten und im Anschluss mit John Lockes „Zwei Abhandlungen über die Regierung“ in Beziehung setzen.

Angesichts der Tatsache, dass der moderne Staat als politische Organisationsform in dem Maße globalisiert existiert, dass er jeden Flecken Erde in sich einverleibt hat, erscheint es nicht verwunderlich, dass Staatlichkeit als allgemeiner Maßstab des politischen Denkens herangezogen und vornehmlich mit Höherentwicklung konnotiert wird. Die daraus postulierte Diskrepanz zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Gesellschaften äußert sich in negativ besetzten Begriffen wie „archaisch“, „primitiv“ oder „schriftlos“, welche Letzteren zugeschrieben werden, während „hochentwickelt“ und „zivilisiert“ als Prädikate staatlicher Gesellschaften gelten.

Dabei herrscht keineswegs Einklang darüber, was „Staat“ überhaupt bedeutet. Eine von vielen Staatsdefinitionen leistet der Soziologe Max Weber, der den Staat als die Zusammenfassung einer einigermaßen homogenen Gesellschaft innerhalb eines bestimmten Territoriums durch eine zentrale Instanz bestimmt. Diese zentrale Instanz hat als Gewaltmonopol das „Recht“ als Mittel zur Durchsetzung der Ordnung nach Innen und „Krieg“ als Möglichkeit zur Durchsetzung der Ordnung nach Außen inne (Vgl. Stagl 1998, S.198).

Dass der Staat aber nicht die einzig mögliche politische Organisationsform darstellt, zeigt der Anthropologe Justin Stagl in seinem 1983 erstmalig publizierten Werk „Politikethnologie“. Hier wirft Stagl das Hauptaugenmerk auf jene nicht- oder vorstaatlichen Gesellschaften[1]. Er zeigt dabei die Dichotomie zwischen den beiden Organisationsformen auf. Demnach kann der Zwiespalt –staatlich und nichtstaatlich- als die Genese von der einfachen zur komplexen Organisationsform, an dessen glorreichen Höhepunkt der Staat gesetzt wird, interpretiert werden. Dieser Auffassung folgt zum Beispiel John Locke, auf den ich später eingehen werde. Sie kann aber auch als Degeneration verstanden werden, die den Staat als schmählichen Niedergang einer vormals besseren, da staatslosen Gesellschaft betrachtet. Da der Staat auch Unterdrückung und Ausbeutung bedeutet und sich historisch auch und vor allem durch gewaltsame Eroberungen und Einverleibungen geformt hat, liegt das Interesse an Alternativen nahe. Stagl räumt in diesem Zusammenhang ein, dass nichtstaatliche politische Organisationsformen von Ethnologen oft idealisiert und ihre ihr sehr wohl innewohnenden Herrschaftsstrukturen verkannt werden. Politische Führung und Herrschaft ist demnach auch in nichtstaatlichen Gesellschaften vorhanden, mit dem Unterschied, dass diese nicht wie im modernen Staat zentralisiert sondern dezentralisiert, flexibel und diffus verteilt existiert.

Eines der Hauptmerkmale nichtstaatlicher Gesellschaften, erläutert Stagl, ist die Multifunktionalität von Handlung, Rollen und Institutionen. Während moderne Staaten hochdifferenziert und anonym sind, findet in nichtstaatlichen Gesellschaften das soziale Leben meistens innerhalb sehr kleiner Personenkreise statt, wobei eine Handlung oft multifunktional sein kann, also gleichzeitig beispielsweise verwandtschaftliche, politische oder wirtschaftliche Funktionen erfüllt. Multifunktional sind in nichtstaatlichen Gesellschaften ebenso Rollen und Institutionen, wonach einer Person gleich mehrere Rollen oder einer Gruppe von Personen gleich mehrere Institutionen zugeschrieben werden.

Aus der Perspektive des höchst differenzierten modernen Staates wird diese Multifunktionalität als verwerflich, so z.B. die Begünstigung von Verwandten als „korrupt“ wahrgenommen. Des Weiteren zeichnen sich nichtstaatliche Gesellschaften durch die Diffusität der Gemeinwesen aus. Als „politisches Gemeinwesen“ ist als die Gesamtheit aller politischen Handlungsebenen zu verstehen, auf das sich als oberster Bezugspunkt alles politische Handeln beruft. Während in modernen Staaten das politische Gemeinwesen in der zentralen Instanz vereinigt ist, ist es in nichtstaatlichen Gesellschaften höchst diffus: es zerfällt in verschiedene, voneinander unabhängige Ebenen, die sich nach einer oder mehrerer der drei Grundprinzipien - Verwandtschaft (z.B. Familie, Sippe), Territorialität (z.B. Haushalt, Nachbarschaft) und Assoziation (willentliche Gefolgschaft) - organisieren. Stagl differenziert dabei folgende zwei Ebenen. Die unterste und bedeutsamste Ebene zur politischen Entscheidungsfindung sind sogenannte „Primärgruppen“ oder „Face-to-Face-Gruppen“, wie zum Beispiel Familie, Nachbarschaft oder Lineage. Diese Gruppen sind klar umgrenzte Gebilde, die sich durch die effiziente Handlungskoordination durch Führer und durch die gleiche soziale Positionierung aller Angehörigen, wie auch durch die Bestimmung von Rechten und Pflichten gegenüber anderen Gruppen integrieren. Als zweite Ebene gelten demgegenüber größere und zerstreutere Gruppen, sogenannte „Sekundärgruppen“, als die organisatorisch Schwächeren, wie zum Beispiel Sippen oder Stämme, die sich über ein historisch gewachsenes Zusammengehörigkeitsgefühl integrieren. Die Funktionen der politischen Organisation sind dabei auf die zwei verschiedenen Ebenen verteilt, ähnlich wie auch in den meisten modernen Staaten die politische Organisation mit der Gewaltenteilung in drei Ebenen ausdifferenziert wird. Dabei können sich die bestehenden Gruppierungen in „Supergebilde“ zusammenfassen oder in „Subgebilde“ untergliedern, was auch „segmentäres System“ genannt wird: Ein Baukastensystem, das sich durch die verschachtelte Anordnung verschiedener Teilgebilde auf verschiedenen Ebenen auszeichnet.

Politik hat, so Stagl, in nichtstaatlichen Gesellschaften einen überaus „latenten“ Charakter: sie spielt im Alltag eine eher untergeordnete Rolle. Politik als Regelung gemeinsamer Angelegenheiten, wie zum Beispiel rechtlicher, kultischer oder militärischer Fragen, kommt im Zuge zyklischer Zusammenkünfte, sogenannter „Amphiktyonien“, zum Ausdruck. Im Gegensatz zu modernstaatlichen Debatten orientiert sich die Politik hier an der augenblicklichen Situation und beinhaltet keine grundsätzlichen Fragen nach Recht und Unrecht. Dadurch aber, so beurteilt Stagl diese Form äußerst positiv, reiche der Geltungsanspruch normativer Konzepte wie Recht und Unrecht in nichtstaatlichen Gesellschaften weit über die „Wechselfälle der Politik hinaus“ und garantiere somit die „Unwandelbarkeit der Rahmenbedingungen politischen Handelns.“(Stagl 1998, S.204)

Die naive Annahme, dass nichtstaatliche Gesellschaften herrschaftsfreie Gesellschaften seien, widerlegt Stagl vollends. Er differenziert in Anlehnung an Morton H. Fried drei verschiedene nichtstaatliche Gesellschaftstypen, denen jeweils ein eigenes Führungssystem innewohnt: Egalitäre, Rang- und Stratifizierte Gesellschaften. Herrschaftsstrukturen sind allen drei Gesellschaftstypen maßgeblich immanent.

Die Zentralisierung von Herrschaft ist das Merkmal moderner Staaten. Diese ist als „politisches Gemeinwesen“ – um Stagls Vokabular zu benutzen – der Bezugspunkt nach dem sich politisches Handeln in Staaten richten soll. Ein Handeln gegen diese Machtinstanz ist aus Staates Sicht nicht legitim oder illegal. Mit seiner Staatstheorie geht der der britische Philosoph und Staatstheoretiker John Locke von der Notwendigkeit einer solchen Instanz aus. Als Kind der europäischen Aufklärung erläutert Locke in seinem Werk „Zwei Abhandlungen über die Regierung“ die Staatsbildung als notwendige rationale Entscheidung. Diese Notwendigkeit leitet er aus dem imaginären Entwurf eines sogenannten „Naturzustandes“(Locke 1998, S.280) ab. Im Naturzustand gebe es die vollkommene Gleichheit und Freiheit aller. Jeder könne über sich und sein Eigentum unumschränkt verfügen. Ebenso aber sei der Naturzustand gezeichnet von Unsicherheit und Sorge um eben dieses Eigentum. Es gebe zwar ein Naturgesetz, dessen oberste Regel sei, Leben, Gesundheit, Freiheit und Besitz anderer Menschen nicht anzutasten, doch durch die Absenz einer richtenden und sanktionierenden Gewalt, seien Verstoße gegen dasselbe möglich. Deshalb sei eine Instanz vonnöten, die dies verhindere und in Streitfällen richte. Via Gesellschaftsvertrag gründeten die Menschen daher den Staat, dessen Aufgabe in erster Linie die Sicherung des Eigentums sei. Dabei solle zunächst das Gesetz als allgemeiner Maßstab zur Bestimmung von Recht und Unrecht gelten, darauffolgend ein unparteiischer Richter für die gesetzesgemäße Beilegung von Zwistigkeiten eingesetzt werden und schließlich eine die Gesetze vollstreckende Gewalt bestimmt werden. John Locke legte damit den Grundstein für die Gewaltenteilung in Exekutive und Legislative in modernen Staaten, die später mit der Hinzufügung der Judikative durch Pierre Montesquieu ergänzt wurde.

Der Staat ist keine ewige und unabänderliche Institution menschlicher Affären. Stagls Politikethnologie zeigt, dass die Staatlichkeit eine Möglichkeit ist menschliches Handeln zu koordinieren, dass es aber auch andere Formen politischer Organisation gibt. Angesichts der Tatsache, dass Herrschaftsstrukturen auch in nichtstaatlichen Gesellschaften existieren, hat sich meine vorherige Annahme zur Nichtstaatlichkeit als herrschaftsfreie Form, bzw. als Lockes „Naturzustand“ entscheidend widerlegt. Dennoch glaube ich, dass die Auseinandersetzung mit anderen Gesellschaftsformen gerade auch heute von großer Relevanz ist. Dies zeigen meiner Auffassung nach zum Beispiel die Popularität und der Zuwachs die Nichtstaatliche Organisationen sowohl im globalen als auch im lokalen Bereich fortlaufend gewinnen. Im Hinblick auf die der Zustimmung der Bevölkerung weitgehend entzogenen Machenschaften die im Namen des Staates vollzogen werden, bieten Alternativen zur Staatlichkeit einen Ausblick. Dabei bringen nichtstaatliche Organisationen Themen wie Soziale Gerechtigkeit, Friedenspolitik, Umweltschutz, Menschenrechte oder Globalisierungskritik zur Sprache, die von staatlicher Seite nicht oder nur unzureichend aufgegriffen werden.

[...]


[1] Stagl benutzt den negativ konnotierten Begriff „primitiv“, den ich in diesem Essay nicht übernehmen werde.

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Details

Titel
Aktuelle Debatten zu den Themen Staat, Globalisierung und Migration
Hochschule
Universität Wien
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V159535
ISBN (eBook)
9783640718214
ISBN (Buch)
9783640718252
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Globalisierung, Staat, Migration
Arbeit zitieren
Anonym, 2009, Aktuelle Debatten zu den Themen Staat, Globalisierung und Migration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159535

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