Judith Butlers Kritik am binären Geschlechtermodell und dessen sozialen Implikationen


Seminararbeit, 2009

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das philosophische Konzept der ‚Dekonstruktion‘ und der Begriff ‚gender’

3. Judith Butler: „Zwischen den Geschlechtern“

4. Fazit und Bezüge zur sozialpädagogischen Arbeit

Literatur

1. Einleitung

In dieser Arbeit werde ich zuerst das für Judith Butlers Werk grundlegende Konzept der Dekonstruktion erläutern und den für ihren Aufsatz „Zwischen den Geschlechtern. Eine Kritik der Gendernormen“ elementaren Begriff des ‚gender‘ darlegen und seine Entstehung kurz umreißen, bevor ich mich ihrem Aufsatz selbst zuwende. In diesem geht es zum einen um die Macht der Norm, die sich nach Butler in der Repetition der Anwendung selbst erzeugt und so Realität erschafft. Zum anderen wirft sie die Frage nach den Grenzen solcher im Vorhinein determinierten Normen auf, speziell inwiefern man jemand gerecht werden kann, der in die etablieren Dimensionen von Geschlecht nicht hineinpasst. Wie werden Normen, nach Butler die impliziten Standards des Normalen, eingesetzt, wie können sie untergraben werden und „was [könnte] es bedeuten […], restriktiv normative Konzeptionen des von Sexualität und Gender bestimmten Lebens aufzulösen.“[1]

Daran schließt sie Überlegungen über marginalisierte Lebensbedingungen bestimmter Teile der (globalen) Gesellschaft auch in Bezug auf die politische Praxis internationaler Rechtsgrundsätze auf der Basis einer gemeinsamen Minimal-Moral[2] an und kritisiert vor allem die künstliche Norm des ‚Menschlichen‘ als Grundlage multinationaler und –kultureller Rechtschaffung. In ihrer Conclusio stellt Butler diese Themen in den Zusammenhang mit der „Frage nach der sozialen Veränderung“[3] und Renovation der Geschlechterbeziehungen, wobei sie davon ausgeht, „dass Theorie selbst verändernd wirkt“,[4] gleichzeitig aber evidiert, dass sich die Theorie und ihr Vertreter gesellschaftlich und politisch einmischen müssen, um Veränderungen zu erwirken.

Dieser Argumentation folgend liefere ich im Fazit einige Beispiele aus dem konkreten sozialpädagogischen Arbeitsumfeld im Spiegel von Geschlechterrollen sowie den Menschenrechten Kultur und Religion.

2. Das philosophische Konzept der ‚Dekonstruktion‘ und der Begriff ‚gender’

Das Konzept der Dekonstruktion geht ursprünglich auf den französischen Philosophen Jaques Derrida und seine Kritik an der westlichen Philosophie der Moderne und dem ihr inhärenten systemischen und totalitären Denken zurück. Bei ihm stehen in jeder intellektuellen Auseinandersetzung mit einem Gegenstand[5] die Teile im Fokus, die sich nicht in ein System einfügen lassen, also die „Auflösung der Beziehung zum Anderen, zum Heterogenen, ohne Hoffnung und ohne Wunsch nach Totalisierung.“[6] Der dekonstruktivistische Ansatz greift die dem Gegenstand immanenten metaphysischen Hypothesen sowie die binären Gegensatzpaare und deren implizite hierarchische Gliederung an. Die bis dato durch Repression und Isolierung bzw. Marginalisierung gekennzeichnete Seite des Gegensatzpaares wird hierbei in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt, indem das instinktive Spannungsverhältnis zur etablierten Beziehung ausdrücklich mitvollzogen wird. Auf diese Weise wird die hergebrachte Hierarchie demontiert und zu einer Differenz umgewandelt, die ohne hierarchische Denkmuster funktioniert. Die Intention liegt bei diesem Prozess nicht in der Schaffung erneuter Determinationen und totalitärer Strukturen, sondern in der Aufweichung derselben.[7]

Die um 1975 entstandenen ‚Gender Studies’, nahmen sich dieses Ansatzes an, da sie es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Differenzen und Relationen von biologischem und soziokulturellem Geschlecht zu untersuchen. Zehn Jahre später entstand auch im deutschsprachigen Raum die Geschlechterforschung als eigene Disziplin, die unterschiedliche separate Diskurse integrierte.[8] Der Begriff ‚gender’ bezeichnet dabei eine soziokulturelle Konstruktion von Sexualität und unterliegt heute einer weit reichenden Verbreitung, was von einem Umdenken hinsichtlich der sozialen Organisation der Geschlechterverhältnisse zeugt.[9] Die fast flächendeckende Verwendung des englischen Begriffs ‚gender‘ statt des deutschen Begriffs ‚Geschlecht’ ist dabei nicht Ausdruck einer oft artikulierten problematischen ‚Amerikanisierung’ deutscher Sprache, sondern resultiert schlicht aus einem Übersetzungsproblem.[10] Das deutsche Äquivalent gibt die Konnotationen des englischen Begriffs nicht exakt wieder, denn es impliziert sowohl den biologischen als auch den sozialen und psychologischen Aspekt in nur einem Wort. Um eine deutliche semantische Differenzierung zwischen biologischem (‚sex’) und sozialem Geschlecht (‚gender’) zu gewährleisten, ist die Übernahme der englischen Termini Technici obligatorisch, denn die deutschen Begriffe ‚Geschlechtscharakter’, ‚Geschlechtsidentität’ oder ‚Geschlechterrolle’ decken immer nur einen Teil der Bedeutung ab.[11]

[...]


[1] Butler, Judith: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt am Main 2009. S. 9.

[2] Vgl. Yu, Kam-por: Human Rights and Cultures. In: Kühnhardt, Ludger; Takayama, Mamoru (Hg.): Menschenrechte, Kulturen und Gewalt. Ansätze einer interkulturellen Ethik. Baden-Baden 2005. S. 65ff..

[3] Butler, Geschlechternormen, 2009. S. 325ff..

[4] Ebd. S. 325.

[5] Der Begriff der Dekonstruktion wurde aus der Literaturwissenschaft übertragen. Der ursprüngliche Gegenstand, der Text, bezeichnet für Derrida genauso eine „Institution, wie eine politische Situation, einen Körper, einen Tanz usw.“ Derrida, Jaques. Zitiert nach: Rötzer, Florian: Französische Philosophen im Gespräch: Baudrillard, Castoriadis, Derrida, Lyotard, Serres, Raulet, Levinas, Virilio. München 1987. S. 70.

[6] Ebd. S. 78.

[7] Vgl. Lamp, Fabian: Soziale Arbeit zwischen Umverteilung und Anerkennung. Der Umgang mit Differenz in der sozialpädagogischen Praxis. Bielefeld 2007. S. 148ff..

[8] Vgl. Hof, Renate: Die Entwicklung der Gender Studies. In: Bußmann, Hadumod; Hof, Renate (Hg.): Genus. Zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften. Stuttgart 2005. S. 4.

[9] Vgl. Hof, Entwicklung der Gender Studies, 1995. S. 13.

[10] Vgl. Stephan, Inge: Gender, Geschlecht und Theorie. In: von Braun, Christina; Stephan, Inge (Hg.): Gender-Studien. Eine Einführung. Stuttgart 2000. S. 58.

[11] Die Übersetzung ‚Geschlechterverhältnis’ kommt der englischen Bedeutung am nächsten.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Judith Butlers Kritik am binären Geschlechtermodell und dessen sozialen Implikationen
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Pädagogisches Institut)
Veranstaltung
Theorien der sozialen Arbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
11
Katalognummer
V159567
ISBN (eBook)
9783640728503
ISBN (Buch)
9783640728923
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judith, Butlers, Kritik, Geschlechtermodell, Implikationen, binär
Arbeit zitieren
Martin Kramer (Autor), 2009, Judith Butlers Kritik am binären Geschlechtermodell und dessen sozialen Implikationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159567

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