Der Wandel der japanischen Familie im demographischen Kontext


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Die ie-Familie: Grundlagen

3.0 Transformationsprozesse innerhalb derjapanischen Familie
3.1 Transformation des ie
3.2 Die Familie heute

4.0 Japans Familie in der Krise?

5.0 Demographische Auswirkungen

6.0 Schlussteil und Ausblick

7.0 Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung

Die „Familie in der Krise“ ist ein viel diskutiertes Thema in Japan, die Leitartikel der Zeitungen sprechen von dramatischen Entwicklungen für die japanische Bevölkerung (The Japan Times v. 21.12.2006: „Studie: Bevölkerungsrückgang um 30% bis 2055“), die Rede ist von Überalterung und Kinderlosigkeit. Die japanische Familie hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts grundlegend gewandelt. In dieser Ausarbeitung geht es um den Bezug zwischen dem Wandel der Familienstrukturen und der demographischen Entwicklung, es geht darum, zu klären, in wieweit eines auf das andere eingewirkt und es verändert hat. Dabei wird im ersten größeren Abschnitt der Transformationsprozess der japanischen Familie nach dem zweiten Weltkrieg aufgezeigt und evaluiert. Hier soll deutlich werden, worin die jeweilige Familie zu unterschiedlichen Zeiten im Kern bestand, und unter welchen Rahmenbedingungen sich Veränderungen vollzogen haben. Daraufhin wird dieser Prozess auf seine demographischen Auswirkungen hin untersucht. Dabei soll auch an Stellen die Problematik innerhalb der öffentlichen Debatte zwischen einer jungen Generation und der noch immer konservativ geprägten politischen Administration aufgezeigt werden.

2.0 Die Ze-Familie: Grundlagen

Im Hinblick auf den Wandel der Familienstruktur in Japan ist eine kurze Betrachtung der Grundlagen des ie-Systems unerlässlich. Obwohl sich die ie-Familie im 20. Jahrhundert stark verändert hat, wie noch in Abschnitt 3.2 deutlich werden wird, gibt es auch eine gewisse Kontinuität.

Im Mittelalter war das ie Grundlage sämtlicher sozialer Beziehungsnetzwerke und in seiner Formation und Funktionsweise mit der politischen Administration durchaus vergleichbar. Der Mann war Vorstand des Hauses, die Ehefrau häuslicher Vorstand (household head und domestic head)[1], d.h. sie war ihrem Ehegatten zwar unterstellt, nichtsdestotrotz aber Verantwortlich für die Vorgänge innerhalb des Haushalts. Insofern beschränkte sich ihre Rolle nicht auf die Kindesgeburt. Trotz der nach außen wirksamen Hierarchie war die Machtstellung zwischen Mann und Frau in gewisser Weise gleichartig. Die Koexistenz dieser häuslichen Autorität mit dem Patriarchat wurde im Mittelalter keinesfalls als Widerspruch empfunden, vielmehr ließ sich beides schwerlich trennen.[2]

Erst die Meiji-Periode veränderte mit ihren Reformen dieses Gefüge und beschränkte die Rolle der Ehefrau im Zuge des modernen Patriarchats auf die Reproduktion.

Wichtigste Grundlage des ie ist und war die Kontinuität; dies bedeutete, immer einen männlichen Nachkommen zu haben, der das gesamte ie übernehmen kann. Andere Kinder verlassen bei Volljährigkeit das Haus. Der älteste Sohn, der alles geerbt hat, lebt mit seinen Eltern gemeinsam unter einem Dach; es ist die Pflicht seiner Ehefrau, die Pflege seiner Eltern im Alter zu gewährleisten.

Dieses Grundprinzip hat sich bis in die jüngste Zeit gehalten; noch immer gibt es Fälle, in denen ein Mann seinen gesamten Besitz dem ältesten Sohn vermacht, auch wenn er aus bestimmten Gründen von einem anderen seiner Kinder gepflegt wurde.[3] Die im Ursprung stark konfuzianisch geprägte Tradition lebt in der älteren Generation noch immer fort, vor allem im Kern die Tugend der kindlichen Pietät (oyakôkô).

Auch wenn in der Gegenwart vom Niedergang des ie gesprochen wird, ist dessen Nachwirkung bis in unsere Zeit nicht zu unterschätzen. Im Folgenden wird dargestellt, in welchem Verhältnis das ie-System zur Entstehung anderer Familienstrukturen steht.

3.0 Transformationsprozesse innerhalb der Japanischen Familie

Die japanische Familie hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts einem signifikanten Wandel unterzogen, der hier in seinen Grundzügen nachgezeichnet und im Hinblick auf seine Bedeutung für die demographische Entwicklung evaluiert werden soll. Zuvor wurden bereits die Grundlagen des ie-Systems erläutert, jener traditionsreichen Familienstruktur, die in sich als spezifisch japanisch angesehen werden kann. Bei der Untersuchung des Strukturwandels sollen nun jedoch vor allem auch äußere, d.h. allgemeingültige Faktoren hinzugenommen werden, um eine zu enge Einordnung des Problemfeldes als „spezifisch japanisch“ zu vermeiden. Es muss hervorgehoben werden, dass trotz besonderer kultureller Eigenarten viele Entwicklungsverläufe allgemeinen Einflüssen unterliegen und auf demographischer Ebene hergeleitet werden können; sie sind somit vergleichbar vor allem mit anderen Industrienationen. Gerade auch Erklärungsmodelle, die überwiegend auf kultureller Eigenarten verweisen, laufen Gefahr, die Tatsache außer Acht zu lassen, dass sich die untersuchten Kulturen im jeweiligen Zeitraum selbst ebenfalls verändern.

Im Hinblick auf das 20. Jahrhundert müssen wir die schärfste Trennlinie am Ende des zweiten Weltkriegs ansetzen; dies zum einen, weil die später näher erläuterte Kernfamilie erst durch eine verstärkte Annäherung an den Westen an Bedeutung gewinnen konnte, zum anderen, weil die viel zitierte Generation der „Baby-Boomer“, die für Japans demographische Entwicklung bis heute eine so wichtige Rolle spielt, in die Zeit von 1947-49 fällt. Diese zahlenmäßig so große Generation war nach Kriegsende Zeichen eines Neuanfangs für viele und ist bis heute mit keiner späteren Geburtenwelle vergleichbar. Als Folge des ersten Baby-Booms gab es Anfang 1970 eine zweite, jedoch schon deutlich geringere Geburtenwelle der erstgenannten Generation, die nun das heiratsfähige Alter erreicht hatte.

Die Bedeutung des ie-Systems für die japanische Gesellschaft bis 1945 ist zweifelsohne prägend gewesen, doch die nahe liegende Annahme, durch das Aufkommen der Kernfamilie im Nachkriegsjapan sei die althergebrachte Tradition rasch abgelöst worden, erweist sich als falsch, wie im Folgenden deutlich werden wird. Aber zunächst soll noch ein anderer Eindruck in diesem Zusammenhang richtig gestellt werden: das Bild der Hausfrau als traditionelles Relikt des ie. Wie in fast allen agrarischen Gesellschaften war es auch im Vorkriegsjapan üblich, dass auch Frauen auf dem Feld arbeiteten, selbst wenn sie erst vor kurzem ein Kind zur Welt gebracht hatten. Die Hausfrauenrolle ist schließlich erst ein Produkt der Nachkriegsära, zahlreich vertreten vor allem durch die Generation der Baby-Boomer. Die aktuelle Debatte um die Forderung vieler Frauen, mehr Anerkennung im Berufsleben zu erhalten und sich von der ihnen lange Zeit zugewiesenen Funktion des Kinderaufziehens und der Haushaltsführung zu lösen, steht also nicht in Beziehung zu den konservativen Werten der ie-Gesellschaft. Dies gilt es stets zu beachten, wenn ie-System und Kernfamilie bei der Analyse ein trennscharfes Profil erhalten sollen.

Eine grobe Einteilung auf dieser Grundlage schafft drei Phasen, die einander abgelöst haben: die Zeit des Drei-Generationen-Haushalts in der Tradition des ie bis etwa zum Ende des zweiten Weltkriegs, daraufhin das Aufkommen der „modernen“ Kernfamilie mit dem neuen Konzept einer reinen Hausfrau, und schließlich im Zuge der politischen Bewegungen Mitte der 1970er die Kritik beider vorangegangenen Phasen und die Diversifizierung von Familienmodellen, bei denen Single- und Zwei-Personen-Haushalte einen wachsenden Anteil ausmachen.

Bei dieser Aufteilung ist zu beachten, dass die Kernfamilie bereits in den 1930er und 1940er Jahren des 20. Jahrhunderts erste Entwicklungsansätze hatte.[4]

Die beiden letzten Phasen werden nun eingehender ausgeleuchtet. Dabei ist ein Indikator zur Untermauerung der genannten Entwicklungen besonders wichtig: Die so genannte M-Kurve. Diese Grafik zeigt die strukturelle Ungleichheit der Geschlechter bei der Erwerbsbeteiligung und bezieht sich auf die Frauenerwerbsbeteiligung nach Lebensalter. Man kann nach dem Anstieg bis etwa zum 20. Lebensjahr, d.h. ungefähr dem sozialen Gebärfähigkeitsalter, einen starken Abfall festmachen. Erst nach der Kinderpause gibt es einen allmählichen

Wiederanstieg. Diese signifikante M-Form ist in dieser Ausprägung bei westlichen Industriestaaten nicht zu finden. Korea dagegen weist eine ähnliche Kurve auf. Interessant für die Interpretation der Grafik ist allerdings die Aufteilung nach Alterskohorten, bei der deutlich wird, dass der tiefste Einschnitt, d.h. die prozentual größte Anzahl von Müttern, die aufgrund eines Kindes dem Beruf fern geblieben sind, in die Generation der Baby-Boomer fällt. Vorher und nachher waren im Verhältnis weniger Frauen im Gebärfähigkeitsalter zu Hause geblieben. Hieran ist der genannte Einschnitt nach dem zweiten Weltkrieg gut zu erkennen.

Eine weitere strukturelle Veränderung hat sich nach Ende des zweiten Weltkriegs vollzogen. Es geht hierbei um das Bild der Mutter im modernen Sinne, das von der Stellung der Frau innerhalb der Familie noch einmal unterschieden werden muss. Die Entstehung dieser Rolle im 20. Jahrhundert lässt sich im Kontext des Kindheitsbildes erklären. Noch im Mittelalter galten Kinder als „kleine Erwachsene“; die Kindheit war zum einen früh vorüber, zum anderen existierte kein Konzept einer Kindheits- und Jungendphase mit ihren eigenen Rahmenbedingungen. Prägnante Einschnitte wie ein verbindliches Schulsystem schufen erst den geschlossenen Abschnitt der Kindheit. E. Ochiai sieht darin zu recht einen der Gründe, warum Familien in späteren Zeiten weniger Kinder bekamen[5]: das Kind selbst stand inzwischen im Mittelpunkt. Die Moderne sieht im Kind ein Individuum, das gehegt und gepflegt werden muss, macht sich Gedanken um die richtige Erziehung, die notwendigen Bedingungen für ein gesundes Umfeld, usw. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass es nicht mehr in erster Linie um eine möglichst große Anzahl von Kindern zur Sicherung der Nachhaltigkeit der Familie gehen kann. Im Zuge der westlichen Einflüsse nach dem zweiten Weltkrieg schließlich hatte sich das neue Kindheitsbild endgültig durchgesetzt. Hierdurch entstand als Gegenpol das Bild der neuen Mutter, dem nun ein ganz anderer Stellenwert zu kam.

Diese beiden veränderten Rollenbilder - das der Hausfrau und das der Mutter - prägten zu einem Teil die Familienstruktur im Nachkriegsjapan. In ihrer Überzeichnung und Ausschließlichkeit sorgten sie fürjene konservative Ausprägung der modernen Familie, die in den frühen 1970ern zu Protestbewegungen und erhitzten Debatten führte, die endlich in der dritten Phase mündeten.

Die Wahrnehmung der klassisch-konservativen Kernfamilie mit dem idealisierten Bild der Hausfrau und Mutter spiegelte sich vor allem auch in den Medien wieder. Die Sitcoms der 60er waren oftmals aus den USA importiert und propagierten das Ideal der Kleinfamilie. Dennoch mischten sich auch japanische Versionen darunter, die Familien mit drei Generationen zeigten und so in geradezu nostalgischer Absicht das Bild der ie-Familie dagegen hielten. Dennoch waren auch diese Darstellungen vom Lebensgeiuhl der demokratischen Nachkriegsfamilie durchdrungen.

Auch das Beziehungsgeflecht zwischen den Ehepartnern wurde in der Nachkriegsfamilie öffentlich debattiert. Die sich wandelnde Position der Frau zu Zeiten des ie-Systems vor dem zweiten Weltkrieg ist im Abschnitt 2.0 bereits ausgeleuchtet worden; nach dem Krieg warfen die veränderten Rahmenbedingungen neue Fragen auf. 1959 äußerte der Ethnograph Umesao Tadao, dass aufgrund der Technisierung der Hausarbeit die Ehepartner schließlich zu einer homogenen Beziehungsstruktur finden würden, in der die klassische Funktionen von Ehemann und Ehefrau keine Bedeutung mehr hätten. Diese Sichtweise verdeutlicht das zeitgenössische Bewusstsein einer anstehenden Umwälzung innerhalb der Familienstruktur.

In den 1970ern setzte schließlich die uman ribu (women's lib von women's liberation movement) ein, eine von lautstarken Demonstrationen geprägte Protestbewegung von Frauen, die sich aus ihrer Hausfrauenrolle lösen wollten. Die Bewegungen entstanden im Zusammenhang mit den allgemeinen Protesten gegen das Establishment, die im Grunde in allen industrialisierten Gesellschaften, allen voran den USA, aufkamen. Insofern wurde die Frauenbewegung zu einem zweifachen Antipol, zum einen natürlich gegen die herrschenden Zustände, aber auch gegen eine aus ihrer Sicht falsche Repräsentation innerhalb der Proteste. In der öffentlichen Wahrnehmung waren sie entweder das „liebe Heimchen“ oder wurden mit den agierenden Männern gleichgesetzt. Die Medien nahmen die umanu ribu nicht ernst und verlagerten die Berichterstattung darüber ins Sexuelle. Es dauerte einige Zeit, bis aus den Demonstrationen schließlich ernste Debatten werden konnten. Die Schwierigkeiten lagen dabei vor allem auch an der Transformation des Privaten in die öffentliche Sphäre; innerhalb der politischen Bewegungen der 1970er wurden so die Fragen der Hausfrauenrolle und der Mutterschaft selbst zum Politikum. Dies wurde nicht zuletzt durch Hausfrauen vorangetrieben, die neben den studentischen Protestlern ihre Stimme erhoben. Dabei ging es um die Vereinbarkeit von Arbeit und Kinderkriegen, der Gleichberechtigung im Beruf und allgemein das Bild der Idealmutter, die nicht für sich selbst lebt, sondern nur für die Familie. Die Folge war, dass nun das Konzept der Familie selbst in Frage gestellt wurde. Die politische Linke fügte dem Diskurs eine harsche Kritik an der konservativen Familie hinzu, in dem sie die Ehefrauen in der Zwangslage sahen, nur noch als Gebärmaschine für den Fortbestand des ie, als Sexobjekt und als Produzent unbezahlter Arbeit innerhalb des kapitalistischen Systems zu funktionieren.

[...]


[1] Wakita 2006: 12.

[2] Wakita 2006: 39.

[3] Vgl. Coulmas 2007: 102.

[4] Dazuvgl. Mae-Schmitz 2007.

[5] Ochiai 1997: 47

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Wandel der japanischen Familie im demographischen Kontext
Hochschule
Universität Hamburg  (Fachbereich Japanologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V159742
ISBN (eBook)
9783640724246
ISBN (Buch)
9783640724437
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ie-System, ie-Familie, Überalterung
Arbeit zitieren
Johann Gutjahr (Autor), 2009, Der Wandel der japanischen Familie im demographischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159742

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Wandel der japanischen Familie im demographischen Kontext


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden