Problembereich Getrennt- und Zusammenschreibung


Seminararbeit, 2009
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeines zur Getrennt- und Zusammenschreibung
2.1. Grundlagen und Funktionen der Getrennt- und Zusammenschreibung
2.2. Historische Entwicklung der Getrennt- und Zusammenschreibung

3. Die Neuregelung von
3.1. Die geänderte Regelung im Detail
3.1.1. Verbindungen mit Verben
3.1.2. Verbindungen mit Adjektiven
3.1.3. Verbindungen mit Substantiven
3.1.4. Verbindungen mit anderen Wortarten
3.2. Einteilung in Muss- und Kann- Regeln
3.3. Vereinfachte Darstellung der Regeln

4. Schluss

1. Einleitung

Die Getrennt- und Zusammenschreibung gilt als einer der umstrittensten Bereiche der deutschen Rechtschreibung. Lange Zeit war man der resignativen Auffassung, dass sich dafür überhaupt keine systematischen Regelungen treffen lassen. Im Zuge der Rechtschreibreform im Jahre 1996 wurde schließlich erstmals versucht, ein umfassendes Regelwerk für diesen Problembereich aufzustellen und somit auch dem Sprachwandel Rechnung zu tragen. Doch dieses geriet schon bald ins Kreuzfeuer der Kritik und eine Änderung erschien vielen unumgänglich. Die Korrektur erfolgte im Rahmen der Neuregelung 2006. Mit Hilfe von Kann-Regeln, die dem Schreibenden in vielen Fällen eine Wahlmöglichkeit bieten, soll dieser komplexe Bereich vereinfacht und der Unsicherheit der Schreibenden entgegengewirkt werden. In dieser Arbeit soll nun der Versuch unternommen werden, die aktuellen amtlichen Regelungen zur Getrennt- und Zusammenschreibung in einer vereinfachten Weise darzustellen. Ziel ist es, den Regelapparat dabei auf ein Minimum zu reduzieren, um dem schreibenden Laien konkrete und leicht anwendbare Regelungen an die Hand zu geben. Zunächst werden jedoch in einem allgemeinen Teil die Grundlagen und Funktionen der Getrennt- und Zusammenschreibung und ihre historische Entwicklung aufgezeigt. Anschließend folgt eine Darstellung des aktuellen amtlichen Regelwerks zu diesem Bereich. In Form übersichtlicher Tabellen werden die Regeln in Muss- und Kann- Regeln eingeteilt und schließlich vereinfacht zusammengefasst.

2. Allgemeines zur Getrennt- und Zusammenschreibung

2.1. Grundlagen und Funktionen der Getrennt- und Zusammenschreibung

„Die Getrennt- und Zusammenschreibung betrifft Einheiten, die im Text unmittelbar benachbart und aufeinander bezogen sind.“[1] Vor dem Hintergrund der beiden generellen Hauptfunktionen der Schreibung – der Aufzeichnungsfunktion und der Erfassungsfunktion – steht sie „im Dienst der grammatischen Strukturierung des Satzes und damit vorrangig im Interesse des Lesers.“[2] Denn das „[w]ichtigste Gliederungsprinzip für eine Buchstabenschrift bleibt die Abgrenzung der Wortformen durch Wortabstände.“[3] Graphisch markiert wird die Getrenntschreibung durch sogenannte Spatien, Wortzwischenräume. Sie sollen dem Leser eine schnelle und leichte Sinnerfassung gewährleisten und gleichzeitig bestimmte semantische Beziehungen und Zusammenhänge verdeutlichen. So unterstützt eben auch die graphische Zusammenziehung von Wortformen durch die damit erzielte formale Kennzeichnung von Bedeutungseinheiten die Sinnentnahme. Sie dient somit als Lese- und Verständnishilfe und erleichtert das Textverständnis. Außerdem gibt sie Hinweise auf bestimmte Aussageabsichten des Schreibenden. Dieser informiert den Lesenden damit,

in welche[r] Weise er die semantisch-syntaktischen Beziehungen ‚nebeneinanderstehender gedanklich zusammengehöriger Wörter‘ […] interpretieren soll: als syntaktisch und semantisch selbständige Glieder einer Wortgruppe oder als unmittelbare Konstituenten einer Wortbildungskonstruktion in Gestalt eines zusammengesetzten Wortes, eines Kompositums.[4]

Im Mittelpunkt der Getrennt- und Zusammenschreibung steht somit immer der „kategoriale Unterschied“[5] von Wortgruppe und Zusammensetzung: Handelt es sich um mehrere grammatisch (syntaktisch) selbständige Wortformen einer Wortgruppe oder bilden die Wortteile als Ganzes eine Wortform und fungieren damit als Zusammensetzung? Diese Unterscheidung kann sich im Einzelfall als schwierig erweisen. Dabei treten vor allem dann Unsicherheiten bei der Schreibung auf, wenn die Formative der Glieder einer Wortgruppe in derselben Reihenfolge stehen, wie die Bestandteile der entsprechenden Zusammensetzungen. Dies ist meist im Bereich nichtsubstantivischer Wortarten der Fall. Verstärkt wird diese Problematik durch die Tendenz im Deutschen,

bei bestimmten Typen von Wortgruppen, die einen relativ abgegrenzten, einheitlichen Sachverhalt der Realität (Gegenstand, Eigenschaft, Vorgang, Beziehung) benennen und damit eine den Einwortlexemen ähnliche Benennungsfunktion übernehmen, auch die geschriebenen Formative denen von Einwortlexemen anzugleichen und sie in eine geschlossene orthographische Wortform zu überführen.[6]

Durch diese graphische Univerbierung und durch Inkorporation entstehen ständig neue Zusammensetzungen. „Unter Univerbierung versteht man [dabei] den Prozess des Zusammenwachsens einer zwei- oder mehrgliedrigen syntaktischen Konstruktion zu einem Wort.“[7] „[T]ypische Beispiele dafür sind im Deutschen komplexe Präpositionen wie aufgrund, anstelle, anhand. Sie sind aufgrund eines Sprachwandels zu Wörtern geworden.“[8] Bei dem Vorgang der Inkorporation hingegen wird das Objekt eines transitiven Verbs zum Erstglied eines komplexen Verbs, wie es bei staubsaugen der Fall ist.[9] Zu Problemen führt dies vor allem dann, wenn sich die Wörter noch in einem Univerbierungs- oder Inkorporationsprozess befinden. „So gibt es zu jeder Zeit und natürlich auch gegenwärtig und künftig bei bestimmten Typen von Kombinationen eine Übergangszone von Fällen, die zwar noch die graphische Form von Wortgruppen, aber schon inhaltliche Merkmale eines Kompositums haben.“[10] Im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung kommt es somit zu einer Überschneidung lexikalisch-morphologischen und der grammatisch-syntaktischen Ebene.[11]

2.2. Historische Entwicklung der Getrennt- und Zusammenschreibung

Betrachtet man die historische Entwicklung der Getrennt- und Zusammenschreibung, wird deutlich, dass die Trennung von Wörtern durch Spatien nicht schon immer selbstverständlich war. So wurden Wörter in der Zeit um 600 v. Chr. in frühen lateinischen Inschriften ohne Zwischenräume aneinandergereiht. Erst im ca. 3. Jahrhundert v. Chr. tauchten vermehrt Punkte in halber Höhe zwischen Buchstaben auf, die die Wortzwischenräume markierten. Doch es dauerte noch einige Jahrhunderte, bis sich um etwa 800 n. Chr. in der karolingischen Minuskelschrift immer häufiger Spatien durchsetzten und das Schriftbild optisch besser strukturierten. Mit dieser Trennung der Wörter durch Zwischenräume entstand nun auch die Forderung nach einer Regelung der Getrennt- und Zusammenschreibung. Doch ein systematisches und umfassendes Regelwerk für diesen Bereich der Orthographie ließ lange auf sich warten. „Weder den orthographischen Regelbüchern des 16. Jahrhunderts […] noch denen des 17. Jahrhunderts […] war die Getrennt- und Zusammenschreibung ein regelungsbedürftiges Problem.“[12] Meist existierten in Texten zwei Schreibvarianten von Wörtern nebeneinander. Jedoch kann man schon ab dem Frühneuhochdeutschen eine dem Deutschen von nun an typische Tendenz zur Kompositionsbildung beobachten. Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bahnten sich immer stärker die Entwicklungslinien an, die zum heutigen Stand der Schreibung führten.[13] Jedoch wurde grundsätzlich noch viel mehr getrennt geschrieben als heute. Eine Untersuchung von Texten Johann Christoph Adelungs und Johann Wolfgang von Goethes aus der Zeit von 1774 bis 1787 zeigt, dass besonders im verbalen Bereich eine große Instabilität vorherrschte. In seinem Werk „Vollständige Anweisung zur Deutschen Orthographie“ empfahl Adelung 1788 den Schreibenden: „In zweifelhaften Fällen schreibt man zwey Wörter lieber getheilt, als zusammen gesetzt, weil die Zusammenziehung nicht den mindesten begreifflichen Nutzen hat.“[14] Da sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Forderungen nach einer einheitlichen Schreibung immer mehr verstärkten, versuchte Konrad Duden 1880 diesen in seinem „Vollständigen Orthographischen Wörterbuch der deutschen Sprache“ Rechnung zu tragen. Durch die Aufnahme vieler univerbierter Formen übernahm er fortan eine Vorbildfunktion. Auch die Tatsache, dass auf der II. Orthographischen Konferenz 1901 für die Getrennt- und Zusammenschreibung keine Regelungen getroffen wurden, verstärkte die Rolle des Dudens. In der 9. Dudenauflage 1915 tauchte erstmals ein eigenes, wenn auch noch kurzes Kapitel über die „Zusammenschreibung eng zusammengehöriger Wörter“ auf. Wobei aber schlussendlich festgestellt wurde: „Feste Regeln darüber lassen sich nicht geben.“[15] Seit der 15. Auflage, die im Jahre 1957 erschien, findet sich ein Kapitel „Getrennt- und Zusammenschreibung“ im Duden. In den darauffolgenden Jahrzehnten versuchten die Dudenredakteure durch Einzelfallregelungen und die Beschreibung von Regelhaftigkeiten des Gebrauchs der Unsicherheit der Schreibenden in diesem komplexen Bereich der Rechtschreibung Abhilfe zu schaffen. Doch von einem folgerichtigen und überschaubaren Regelwerk war man noch weit entfernt. Immer größer wurde die Diskrepanz zwischen den mehr oder weniger kodifizierten Regeln und dem Sprachwandel. In den 50er Jahren wurden vor allem Stimmen nach einer Vereinfachung durch verstärkte Getrenntschreibung laut. Ähnlich wie das Erfurter Rechtschreibprogramm (1931) forderten die „Stuttgarter Empfehlungen“ (1954) und „Wiesbadener Empfehlungen“ (1958), nur „echte“ Zusammensetzungen zusammenzuschreiben.[16] Eine Aufnahme der Getrennt- und Zusammenschreibung in das amtliche Regelwerk erfolgte jedoch erst im Jahre 1996. Diese 1996 kodifizierte Neuregelung der Rechtschreibung basierte auf „dem Ansatz, der dem zuerst 1989 veröffentlichten Vorschlag der Kommission für Rechtschreibfragen des Instituts für deutsche Sprache zugrunde liegt.“[17] Erstmals wurde der Versuch unternommen, klare Regeln für die Getrennt- und Zusammenschreibung aufzustellen und somit der zunehmenden Unsicherheit der Schreibenden entgegenzuwirken. Dabei wurde die Getrenntschreibung als Normalfall und die Zusammenschreibung als regelungsbedürftig angesehen. Während vorher vor allem semantische und intonatorische Kriterien als Entscheidungshilfen herangezogen wurden, standen nun formale Proben, wie die Erweiterbarkeit und Steigerbarkeit im Mittelpunkt. So hieß es in den Vorbemerkungen des Regelwerks:

[...]


[1] Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis. Entsprechend den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung. Überarbeitete Fassung des amtlichen Regelwerks 2004, München und Mannheim 2006: http://www.ids-mannheim.de/service/reform/; 12.03.2010, S. 33.

[2] Dürscheid, Christa: Einführung in die Schriftlinguistik. 2., überarbeitete Aufl. Wiesbaden 2004. S. 163.

[3] Eisenberg, Peter: Wahrig: Grundregeln der deutschen Rechtschreibung. Die deutsche Orthografie auf einen Blick. Gütersloh/München 2007. S. 10.

[4] Herberg, Dieter: Aussageabsicht als Schreibungskriterium – ein alternatives Reformkonzept für die Regelung der Getrennt- und Zusammenschreibung (GZS). In: Aust, Gerhard; Blüml, Karl; Nerius, Dieter; Sitta, Horst (Hgg.): Zur Neuregelung der deutschen Orthographie. Begründung und Kritik. Reihe Germanistischer Linguistik. Tübingen 1997. S. 366.

[5] Jansen-Tang, Doris: Ziele und Möglichkeiten einer Reform der deutschen Orthographie seit 1901. Historische Entwicklung, Analyse und Vorschläge zur Veränderung der Duden-Norm, unter besonderer Berücksichtigung von Groß- und Kleinschreibung und Interpunktion. Frankfurt a. M., Bern, New York, Paris 1988. S. 140.

[6] Herberg, D.: Aussageabsicht als Schreibungskriterium – ein alternatives Reformkonzept für die Regelung der Getrennt- und Zusammenschreibung (GZS). 1997. S. 368.

[7] Dürscheid, C.: Einführung in die Schriftlinguistik. 2004. S. 164.

[8] Fuhrhop, Nanna: Orthografie. Kurze Einführung in die germanistische Linguistik. Bd. 1. Heidelberg 2005. S. 66.

[9] Vgl. Dürscheid, C.: Einführung in die Schriftlinguistik. 2004. S. 164.

[10] Herberg, D.: Aussageabsicht als Schreibungskriterium – ein alternatives Reformkonzept für die Regelung der Getrennt- und Zusammenschreibung (GZS). 1997. S. 368.

[11] Folgende Ausführungen weitgehend nach: Nerius, D.: Deutsche Orthographie. 2007. S. 170 – 175.

[12] Schaeder, Burkhard: Getrennt- und Zusammenschreibung - zwischen Wortgruppe und Wort, Grammatik und Lexikon. In: Aust, Gerhard; Blüml, Karl; Nerius, Dieter; Sitta, Horst (Hgg.): Zur Neuregelung der deutschen Orthographie. Begründung und Kritik. Reihe Germanistischer Linguistik. Tübingen 1997. S. 162.

[13] Vgl. Nerius, Dieter (Hg.): Deutsche Orthographie. 4., neubearbeitete Aufl. Hildesheim 2007. S. 170.

[14] Nerius, D.: Deutsche Orthographie. 2007. S. 170-171.

[15] Ebd.: S. 172.

[16] Vgl. Jansen-Tang, Doris: Ziele und Möglichkeiten einer Reform der deutschen Orthographie seit 1901. Historische Entwicklung, Analyse und Vorschläge zur Veränderung der Duden-Norm, unter besonderer Berücksichtigung von Groß- und Kleinschreibung und Interpunktion. Frankfurt a. M., Bern, New York, Paris 1988. S. 143.

[17] Nerius, D.: Deutsche Orthographie. 2007. S. 177.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Problembereich Getrennt- und Zusammenschreibung
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminat "Orthographie"
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V159779
ISBN (eBook)
9783640724215
ISBN (Buch)
9783640724413
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Orthografie, Rechtschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung, Sprachwissenschaft
Arbeit zitieren
Annika Christof (Autor), 2009, Problembereich Getrennt- und Zusammenschreibung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159779

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