Die Dämmerung eines neuen interkulturellen Paradigmas

Ein Entwurf


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2010
17 Seiten

Leseprobe

DIE DÄMMERUNG EINES

NEUEN INTERKULTURELLEN PARADIGMAS

EIN ENTWURF

Nach der Schaffung von interkulturellen Professuren an beinahe allen Hochschulen zu urteilen erkennt man offenbar in Deutschland nach zwei Weltkriegen und einer extremen Rassenpolitik, nach Spaltung und Wiedervereinigung durch die Handlungen der eigenen und anderer Kulturen und Nationen, daß es eine eigene und fremde Kulturen gibt. Nun möchte man sich dieses Sachverhalts annehmen und sich damit auseinandersetzen, insbesondere soweit er die wissenschaftlich-technische und daher wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit tangiert.

Zu wenig und vor allem zu spät, könnte man sagen. Der Mangel an kulturellem und ethischem Bewußtsein oder an Bewußtsein schlechthin hat insbesondere im Laufe des vergangenen Jahrhunderts einen myriadenfachen Blutzoll gefordert,der von Hofstede, dem Wegbereiter der modernen interkulturellen Forschung auf zwischen 50 und 100 Millionen beziffert wurde. Ist die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit nun soviel wichtiger als es die Integrität des individuellen und kollektiven Lebens war und ist? Die kulturelle Herausforderung bestand schon immer, heute ist sie nur an jeder Haustür angelangt, in die Ritzen und Fugen der intimsten Bastionen der Privatsphäre eingedrungen. Quo usque tandem?… ist man in vieler Hinsicht geneigt zu fragen. Raum und Zeit überbrückend werden wir durch die globalen Medien mit den Geschehnissen in Kandahar und Swat Valley synchronisiert, die uns bis in unsere Träume begleiten, ganz zu schweigen von dem weltweit Furcht und Schrecken verbreitenden blinden fundamentalistischen Terror.

In anderen Bereichen wird gekürzt und gestrichen, hier wird investiert. Ist es eine Management Modeerscheinung, wie sie in steter Regelmäßigkeitauftreten und verklingen, die niemand ernsthaft auf den Prüfstand stellt, um nicht altbacken und nicht auf dem Stand der globalisierenden Gesellschaft zu erscheinen? Vielleicht glaubt man auch seitens der strategischen Entscheider, die die Mittel dafür bereit stellen, daß man dadurch auch noch eine anarchische Immigrationspolitik durch die Hintertür der Geschichte und damit den sozialen Frieden wieder in den Griff bekommen kann, während man sich im internationalen Geschäft, eingedenk der deutschen Exportabhängigkeit, besser positioniert. Letzteres scheint der Motor der Zuwendung zu den bislang stiefmütterlich bedachten Kulturbelangen sein, denn Immigranten wurden schlichtweg von ihrer Kultur abstrahiert,damit kein Sand - keine Komplikationen - ins Getriebe der wohl geölten Wirtschaftsmaschinerie eindringt. Das eigene kulturelle Erbe ist auch zu delikat, die Identität nicht unproblematisch und ausgereift und schon gar nicht konsolidiert, so daß die Auseinandersetzung mit intrakulturellen Belangen nur unwillkommenen Wirbel und Verunsicherung verursachen würde, was man, so man Hofstedes interkultureller Forschung vertraut, in Deutschland mit seinem hohen Unsicherheitsvermei-dungsbedarf, unter allen Umständen zu vermeiden sucht.

Ganz nüchtern betrachtet kann man sagen, daß sich die Bundesrepublik ohne besonderes interkulturelles Bewußtsein zum Exportweltmeister entwickelt hat, denn bis Ende der siebziger Jahre war der Begriff des „Interkulturellen“ selbst in internationalen Expertenkreisen sehr vage, konturlos, ohne exakte Bedeutung. Die Exportleistung der BRD war deshalb möglich, weil sie ihre eigenen kulturellen Werte als Wissen, Waren und Dienstleistungen weltweit erfolgreich vermarkten konnte. Daraus könnte man folgern, daß es die Stärke der eigenen Kultur, sowie deren Stärkung im Bildungssektor ist, die der eigentliche Motor des wirtschaftlichen Erfolgs sind und nicht so sehr das Eingehen auf fremdkulturelle Belange, soweit sie nicht unmittelbare technisch-juristische Anpassungserfordernisse der exportieren Produkt tangieren. - Früher hat sich ausgereifte und zuverlässige deutsche Technologie von selbst verkauft. Doch der nunmehr unerbittliche globale Wettbewerb fordert von jedem Akteur des transnationalen Wettbewerbs das weltweite Ausspähen von Nischen und Ressourcen jeder Art und deren schnellstmögliche weltweite Valorisierung. - Dies würde also eine Priorisierung der eigenen Kultur bei gleichzeitigem differenzierterem fremdkulturellem Bewußtsein erfordern. Nicht zuletzt weil die Produkte des Wissenszeitalters anders als Maschinen viel enger mit dem Faktor Mensch, der die jeweilige Kultur verkörpert, einhergehen. Der Reichtum der globalen Akteure besteht in ihrem Wissen und dies ist kulturell verpackt. Um es zu entpacken und zu valorisieren, bedarf es des kulturellen Schlüssels. Und je mehr die produzierende Industrie dem globalen Wissenszeitalter weicht, desto mehr kulturelle Anstrengungen müssen unternommen werden, um den Exporterfolg in der gegenwärtigen in die kommenden Phasen der Globalisierung hinüberzuretten.

Mit anderen Worten, kulturelles Diversitätsbewußtsein bringt im Fall der BRD insbesondere eine bewußte Verpflichtung zur Wahrung und Veredelung der eigenen Kultur mit sich, denn sie hat sich wirtschaftlich-technisch als erfolgreich erwiesen. Doch die ausschließliche Zuordnung der Kultur zum technisch-wissenschaftlich-wirtschaftlichen Komplex weist einen hohen Grad an kultureller Kurzsichtigkeit aus, der sich beispielsweise innen- und weltpolitisch bitter gerächt hat und dies immigrationspolitisch weiterhin tut.

Die kulturellen Erfordernisse sind nicht das Monopol des globalen Managements. Kultur muß als etwas viel Umfassenderes betrachtet werden, das alle Bereiche der menschlichen Zivilisation miteinschließt; die Wirtschaft und die afferente Wissenschaft stehen gegenwärtig im Rampenlicht, ebenso der von Huntington popularisierte und prognostizierte Kulturkampf; politische, strategische, akademische und andere Subsysteme der Gesellschaft mögen es zu einem anderen Zeitpunkt sein. Schließlich sind alle institutionellen Umfelder einer Gesellschaft aus einer kulturellen Matrix hervorgegangen.

Allein die aus einem starken eigenkulturellen Bewußtsein resultierende starke kulturelle Identität erfüllt auch, über die globalen Managementbelange hinaus, die Pflicht der eigenen Kultur in Bezug auf die Myriaden von Weltkulturen. Nur wenn jedes Mitglied eines Orchesters seinen Part der Partitur bewußt internalisiert hat kann eine harmonische Orchester-Gesamtleistung entstehen. Dies erfordert Kenntnis der Parts der andren, ein gewissenhaftes Hinhören und eine gegenseitige Abstimmung, aber insbesondere die virtuose Beherrschung des eigenen Instruments. Diese kulturelle oder virtuose Eigenleistung fördert durch ihre hohe Qualität und Prognostizierbarkeit das entsprechende Leistungspotential aller anderen Konzertanten oder internationalen Akteure. Es entsteht eine wechselwirkende gegenseitig Förderungund Befruchtung: sich endlos höher schwingende Synergien der Kreativität, deren Ausgangspunkt in der perfekten Beherrschung der eigenen Kultur oder um bei der Orchestermetapherzu bleiben, der eigenen Rolle im Orchester besteht. Die Optimierung des Eigenen versetzt das Fremde in die Lage sich gleichermaßen zu optimieren, denn die kulturellen Werte sind interdependente, lebendige, dynamische Prozesse, die auf einem bipolarisierten Kontinuum interagieren. Die wechselwirkende Spirale der diversen Optima, die sich gegenseitig beflügeln, begründet eine auf der Diversität aufbauenden, kreativen und innovativen Synergie, deren mathematische Formel 2+2 = 5 ist. Vergessen wir nicht, daß Synergie vom altgriechischen sun-ergo (zusammenarbeiten) kommt. Eine Zusammenarbeit, in der die Perfektionierung des eigenen Parts die Prämisse für die Perfektionierung des fremden Parts ist.

Daraus könnte man eine eigenkulturelle Ethik, sowie eine fremdkulturelle Ethik ableiten. Die fremdkulturelle Ethik ist die, die die diversen anderen Akteuren in ihren Rollen in Bezug auf die Gesamtleistung des Orchesters als interdependent erkennt, respektiert und fördert. Wir setzen den Akzent also auf die Beherrschung der eigenen Kultur und die eigenkulturelle Ethik und beginnen keineswegs mit dem Erlernen der anderen Parts, die wir ja letztendlich nicht mit derselben Virtuosität beherrschen können und wollen wie jene, denen diese Parts quasi von der Wiege an vertraut sind. Dennoch wissen wir aber, daß die Erkenntnis der eigenkulturellen Werte und Präferenzen nur unter Bezugnahme auf fremdkulturelle Werte und Präferenzen denkbar ist. Das Eigene und das Fremde sind ein untrennbares, interdependentes Konstrukt, wobei das Erstere ohne das Letztere und das Letztere ohne das Erstere, gleich den Seiten zweier Münzen, nicht denkbar sind. Oder hat jemand eine physische Münze mit einer Seite gesehen? Das wäre ebenso enigmatisch wie das Zen Koan, das das Klatschen mit einer Hand fordert, eine Aufforderung, die die Grenzen der menschlichen Vernunft übersteigt. Die scheinbare Unmöglichkeit, dieser Aufforderung zu folgen, läßt uns kapitulieren oder resignieren oder sie löst einen Reflex aus, der versucht in diese Aufforderung mit andren geistigen Mitteln einzudringen und gänzlich neue Erkenntnisse zugewinnen.

[...]

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Details

Titel
Die Dämmerung eines neuen interkulturellen Paradigmas
Untertitel
Ein Entwurf
Veranstaltung
Interkulturelles Management
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V159802
ISBN (eBook)
9783640791644
ISBN (Buch)
9783640791637
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interkulturelles Management, transkulturelles Management, internationales Diversitätsmanagement, intercultural management, trnascultural management, international diversity management, cross-cultural management, multicultural management, paradigm shift, Paradigmawechsel
Arbeit zitieren
D.E.A./UNIV. PARIS I Gebhard Deissler (Autor), 2010, Die Dämmerung eines neuen interkulturellen Paradigmas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159802

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