Ausgewählte Methoden der Problemlösung und ihre Bedeutung für die Gruppenarbeit mit Jugendlichen in der kirchlichen Gemeindepraxis


Diplomarbeit, 1994

136 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

0. 1. Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung
0. 1. Inhaltsverzeichnis
0. 2. Einfuhrung

1. Gemeindeprobleme im biblischen Kontext
1.1. Einsetzung von Helfern fur Mose (2.Mose 18,13-27)
1.1.1. Problemerkenntnis
1.1.2. Zielfindung
1.1.3. Aktionsplanung und Ausfuhrung
1.1.4. Anregungen fur die gemeindliche Gruppenarbeit
1.2. Die Wahl der Sieben Armenpfleger (Apg. 6,1-8)
1.2.1. Konflikt und Ursache
1.2.2. Der LosungsprozeG
1.2.3. Anregungen fur die gemeindliche Gruppenarbeit
1.3. Das Apostelkonzil (Apg.15)
1.3.1. Unterschiedliches Schriftverstandnis als Problem- und Konfliktursache
1.3.2. Die Vermittlerrolle der Jerusalemer Gemeinde
1.3.3. Problemlosung
1.3.4. Anregungen fur die gemeindliche Gruppenarbeit
1.4. Streit um einen Mitarbeiter (Apg.15,36-41)
1.4.1. Der Konflikt
1.4.2. Trennung statt Konfliktlosung
1.4.3. Anregungen fur die gemeindliche Gruppenarbeit
1.5. Mirjam gegen Mose (4.Mose 12,1-16)
1.5.1. Zweischichtige Konfliktursache
1.5.2. Konfliktlosung durch ein Gottesurteil
1.5.3. Konfliktlosung und Vergebungsbereitschaft
1.5.4. Anregungen fur die gemeindliche Gruppenarbeit
1.6. ProzeR der Problemlosung bei Nehemia
1.6.1. Problemerkenntnis und Betroffenheit (Neh.1,2-4a)
1.6.2. Gebet (1,4b-11)
1.6.3. Informationssammlung (1,2-3; 2,11-15)
1.6.4. Zielsetzung (2,5.17.18)
1.6.5. Planung (2,5-8)
1.6.6. Betroffenheit wecken, Helfer gewinnen (2,17)
1.6.7. Organisation, Delegation und Motivation (3,1-37)
1.6.8. Konfliktlosung (5,1-13)
1.6.9. Anregungen fur die gemeindliche Gruppenarbeit

2. Ausgewahlte Methoden der Problemlosung
2.1. T. U. Schall: Konfliktursachen und Konfliktlosungen
2.1.1. Konfliktursachen
2.1.1.1. Wahrnehmungen
2.1.1.2. Uberzeugungen
2.1.1.3. Werte
2.1.1.4. Emotionen
2.1.1.5. Verhaltensrepertoire
2.1.2. Der larvierte Konflikt
2.1.2.1. Wirkungslosigkeit
2.1.2.2. Manifester Konflikt
2.1.2.3. Konfliktverlagerung
2.1.3. Konfliktlosung
2.1.3.1. Drei Grundfragen
2.1.3.2. Konfliktlosungsverfahren
2.1.4. Anmerkungen zur Konfliktlosung nach T. U. Schall
2.2. Thomas Gordon: Managerkonferenz
2.2.1. Problemlosung und Bedurfnisbefriedigung
2.2.2. Der Fuhrer als Helfer bei der Problemlosung
2.2.2.1. Gesprachstechniken
2.2.2.2. Aktives Zuhoren in der Praxis
2.2.3. Der Fuhrer als Betroffener bei der Problemlosung
2.2.4. Konfliktlosung: Die Jeder-gewinnt-Methode
2.2.5. Anmerkungen zur Problemlosung nach Th. Gordon
2.3. S. Pokras: Problemlosung und Entscheidungsfindung
2.3.1. Grundlagen
2.3.1.1. Die Methode im Uberblick.
2.3.1.2. Dynamik der Kommunikation
2.3.2. Schritt 1: Problemerkennung
2.3.3. Schritt 2: Problembenennung
2.3.4. Schritt 3: Analyse der Problemursache
2.3.5. Schritt 4: Losungsalternativen
2.3.6. Schritt 5: Entscheidungsfindung
2.3.7. Schritt 6: Aktionsplanung
2.3.8. Anmerkungen zu S. Pokras

3. Grundsatze zur Problemlosung in der Gruppenarbeit mit Jugendlichen in der kirchlichen Gemeindepraxis
3.1. Arbeitsfeldbeschreibung
3.2. Grundsatze
3.2.1. Wurzelbehandlung: Der Sache auf den Grund gehen
3.2.1.1. Wahrnehmungsfehler als Storung bei der Problemdefinition
3.2.1.2. Konfliktpotential bei der Zieldefinition durch unterschiedliche Sozialisation
3.2.1.3. Konfliktpotential bei der Zieldefinition durch unterschiedliche Lebensziele
3.2.1.4. Konfliktausweitung durch Konfliktverlagerung
3.2.2. Kommunikation: Einander verstehen lernen
3.2.3. Teamarbeit: Die Vorteile der Gruppe nutzen
3.2.4. Moderation: Der Rahmen muG stimmen
3.2.4.1. AuGerlichkeiten
3.2.4.2. Der Moderator
3.2.4.3. Der Berater
3.2.5. Meditation: Nach dem Willen Gottes fragen
3.2.5.1. Evangelisation: Aufruf zum Glauben an Jesus Christus
3.2.5.2. Lehre: Verkundigung der biblischen Botschaft
3.2.5.3. Diakonie: Bedurfnisorientierte Lebenshilfe
3.2.6. Ausdauer: Nicht auf der Strecke bleiben
3.2.6.1. Immer wieder den Standort bestimmen
3.2.6.2. Gelegentlich auf das Ziel besinnen
3.2.6.3. Gute Methoden zur Gewohnheit machen
3.2.7. Transparenz: Methoden und Ziele sichtbar machen
3.2.8. Realismus: Die Grenzen akzeptieren
3.2.9. Wertschatzung: Einander achten und offen begegnen
3.2.9.1. Das Vorbild Jesu
3.2.9.2. Das segnende Gebet
3.2.9.3. Die Bitte um Entschuldigung

4. Darstellung eines Problemlosungsprozesses fur die Gruppenarbeit mit Jugendlichen in der kirchlichen Gemeindepraxis
4.1. Die Voraussetzungen schaffen: Voruberlegungen
4.1.1. Wer hat das Problem?
4.1.2. Wer bereitet die Sitzung in ihren AuGerlichkeiten vor?
4.1.3. Wer leitet und das Gesprach?
4.2. Der Sache auf den Grund gehen: Ist-Stand - Analyse
4.2.1. Biblische Besinnung
4.2.2. Brillen der Wahrnehmung
4.2.3. Definition des Ist-Standes
4.3. Das Kind beim Namen nennen:
Problemdefinition und Konfliktpotential
4.3.1. Biblische Besinnung
4.3.2. Gemeinsame Soll-Vorstellungen definieren
4.3.2.1. Formulierung: Gute Ziele sind unmiUverstandlich
4.3.2.2. MeUbarkeit: Wann ist das Ziel erreicht?
4.3.2.3. Prioritaten: Die Reihenfolge der Behandlung festlegen
4.3.2.4. Aktionsvorbereitung: Was ist vor dem Aktionsplan zu bedenken?
4.3.3. Unterschiedliche Soll-Vorstellungen definieren
4.3.3.1. Konfliktverlagerung erschwert die Zieldefinition
4.3.3.2. Den Konflikt zu seinen Anfangen zuruckverfolgen
4.3.3.3. Den Interessenskonflikt definieren
4.4. In Gang kommen: Aktionsplan
4.4.1. Biblische Besinnung
4.4.2. Sieben Schritte zum Aktionsplan
4.4.2.1. Ursachenforschung: Welche Faktoren fuhrten zum Problem?
4.4.2.2. Aufstellung von Losungsalternativen
4.4.2.3. Erste Ausscheidung von Alternativen
4.4.2.4. Bewertung und Gewichtung verbleibender Alternativen
4.4.2.5. Festlegung der Problemlosungsschritte
4.4.2.6. Aufgabenverteilung und Kontrolle
4.4.2.7. Aktion und Zielrevision
4.5. Den Stier bei den Hornern packen: Konfliktlosung
4.5.1. Biblische Besinnung
4.5.2. Verfahren zur Konfliktlosung
4.5.2.1. Die Regelung
4.5.2.2. Der KompromiU
4.5.2.3. Den Konflikt ertragen
4.5.2.4. Ruckzug
4.5.2.5. Situationsanderung
4.5.2.6. Vermittlerurteil
4.5.2.7. Zufallsurteil
4.5.2.8. Machtkampf
4.5.2.9. Trennung
4.5.2.10. Die Entscheidung uber Losungsverfahren vertagen
4.5.3. Aktionsplan
4.5.4. Vom Umgang mit Verletzungen
4.5.4.1. Versohnung und Vergebung
4.5.4.2. Achtung der Person und Wertschatzung
4.5.5. SchluUbemerkung
4.5.5.1. Einteilung in Gesprachsgange und Ubersicht
4.5.5.2. Die Verantwortung des Moderators
4.5.5.3. Konfliktprophylaxe

5. Praxis der Problemlosung: Protokoll einer Gesprachsfuhrung
5.1. Vorbereitungen zur Problemlosung
5.2. Technische Bemerkungen zu dem folgenden Protokoll
5.3. Der ProzeR der Problemlosung
5.3.1. Die Definition des Ist-Standes
5.3.2. Problemdefinition und Konfliktpotential
5.3.3. Aktionsplan
5.3.4. SchluRbemerkungen zum Fallbeispiel

6. Zusammenfassung und Ausblick

Anhang
1. Methodenblatter fur die Problemlosung
Checkliste "Die Voraussetzungen schaffen"
Ubersicht: "Brillen der Wahrnehmung"
Anleitung "Brainstorm"
Arbeitsbogen "Problemdefinition und Konfliktpotential"
Ubersicht "Konfliktverlagerung"
Arbeitsbogen "Immer wieder Warum"
Arbeitsbogen "Problemlosung: Alternativen und Aufgabenverteilung"
Ubersicht: "Verfahren zur Konfliktlosung"
Ubersicht: "Der ProzeR der Problemlosung"
2. Verzeichnis der Abbildungen
3. Literaturverzeichnis
Erklarung

0.2. Einfuhrung

In meiner Arbeit als Prediger der "Landeskirchlichen Gemeinschaft" und spater als Jugendreferent im "Jugendverband 'Entschieden fur Christus' (EC)" muBte ich immer wieder die Erfahrung machen, daB sowohl bei mir als auch unter den Mitarbeitern in der Jugendgruppenarbeit eine gewisse Verunsicherung uber das angemessene Vorgehen bei Problemlosungsprozessen besteht. Diese Verunsicherung wurde verstarkt, wenn zu ungeklarten Sachfragen noch zwischenmenschliche Beziehungsstorungen und Konflikte dazukamen. Die Managementliteratur liefert fur den Bereich wirtschaftlicher Unternehmen eine Fulle von Problem- und Konfliktlosungsstrategien. Aber die geschilderten Hintergrunde und Verfahren lassen sich nicht ohne weiteres fur den Bereich ehrenamtlicher Tatigkeit in der kirchlichen Gruppenarbeit mit Jugendlichen ubernehmen. Die vorliegende Arbeit versucht einen ProblemlosungsprozeB fur die Gruppenarbeit mit Jugendlichen in der kirchlichen Gemeindepraxis zu entwickeln.

Aufbau der Arbeit

In einem ersten Teil werden biblisch-theologische Zusammenhange zum Thema skizziert. Das folgende Kapitel stellt drei ausgewahlte Methoden der Problemlosung aus Wirtschafts- und Sozialmanagement zusammenfassend dar.

Ein dritter Teil formuliert aus den Erkenntnissen der beiden vorangegangenen Teile Grundsatze zur Problemlosung in der Gruppenarbeit mit Jugendlichen in der kirchlichen Gemeindepraxis.

Das nachste Kapitel entfaltet einen moglichen ProblemlosungsprozeB unter Berucksichtigung der Zielsetzung der Arbeit und der vorgenannten Grundsatze. AbschlieBend wird in einem letzten Teil ein Fallbeispiel zur Problemlosung nach dem vorher beschriebenen Verfahren geschildert und ausgewertet.

Begriffsbestimmung: Problem

Albrecht Muller-Scholl und Manfred Priepke definieren ein Problem als Abweichung des Soll-Standes vom Ist-Stand:

Zunachst ist jedes Problem als die Diskrepanz zu definieren, die zwischen einer Soll-Vorstellung und einer Ist-Gegebenheit besteht. In Zahlen ausgedruckt, kann beispielsweise die erste grobe Problemdefinition so

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Rainer Michael Rahn bringt einen weiteren Aspekt zur Sprache. Von Problemen kann man nur reden, wenn die Moglichkeiten zur Losung des Problems nicht in Sicht sind.

Alles andere sind bestenfalls Schwierigkeiten:

Eine Schwierigkeit unterscheidet sich von einem Problem dadurch, dai die Losung fur die Situation auf der Hand liegt - auch wenn sie (...) mit ZeitaufWand und Kosten verknupft ist. (...) Nachdem es nun sicher gelungen ist, Probleme von Schwierigkeiten abzugrenzen, gilt es den Begriff "Problem" noch etwas genauer zu fassen. Das Wesentliche an einem Problem ist, (...) dai es zunachst keine akzeptable Losung zu geben scheint. Diese Wand, die zwischen der momentanen Situation und einer Losung steht, nennen die Psychologen eine Barriere[2]

Im Sinne der genannten Definitionen soll im folgenden von Problemen die Rede sein als: Eine nicht ohne erheblichen Aufwand und spezifisches Know-how zu beseitigende Abweichung des Ist-Zustandes von einer Soll-Vorstellung.

Begriffsabgrenzung Problem - Konflikt

Die Abgrenzung der Begriffe ist nicht leicht vorzunehmen. Im Sprachgebrauch von Jugendlichen werden die Begriffe vermischt gebraucht, so kann man z.B. horen "Ich habe ein Problem mit meiner Freundin", wenn ein Beziehungskonflikt gemeint ist. Auch in der Problemlosungs- und Konfliktlosungsliteratur gehen die Begriffe ineinander uber: Gordon gebraucht die Begriffe, wie in Kap. 2.2.5. "Anmerkungen zu Gordon" naher ausgefuhrt, nahezu synonym. Schall bringt in seiner "Mitarbeiterfuhrung" kein Kapitel uber Problemlosung, fuhrt aber Problemlosungsprozesse unter "Konfliktlosung" auf.

Nach der Definition des "Problems" kann eine Definition des "Konfliktes" etwas Entwirrung schaffen.

Schall definiert Konflikt als Widerstreit der Interessen:

Vorstehend und nachfolgend soll unter Konflikt Folgendes verstanden werden: Ein latenter (verborgener) oder manifester (offener) Gegensatz oder gar Widerstreit von zwei oder mehreren Interessen, Wunschen oder Bestrebungen, die sich entweder subjektiv (in der Meinung der Konfliktpartner) oder objektiv (nach den Regeln der Logik und allgemeiner Erfahrung) gegenseitig ausschlieien.[3]

Gordon zitiert ein nicht naher bezeichnetes Worterbuch und beschreibt: "Ein Konflikt ist (...) eine Auseinandersetzung oder Meinungsverschiedenheit, eine Kontroverse oder ein Streit, ein Zusammenprall oder ein ZusammenstoB, eine Schlacht oder ein Kampf'[4].

Damit weist er auf die emotionale Seite des Interessenswiderstreites hin, die mit heftigen Reaktionen verbunden sein kann.

Anatol Pikas greift beide Aspekte in seiner Konfliktdefinition auf:

Unter einem Konflikt verstehen wir eine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei oder mehreren Personen, die sich aufgrund dieser Meinungsverschiedenheit negativ zueinander verhalten. Wenn man von einem Konflikt spricht, mussen gemaU dieser Definition drei Bedingungen erfullt sein:

1. Es muU zwei oder mehrere Parteien (Gegner) geben (...)
2. Zwischen diesen Parteien gibt es Differenzen (...)
3. Die Parteien verhalten sich negativ zueinander[5]

Eine Fulle von weiteren Definitionen greift andere Aspekte der Konflikttheorie auf. So nennt Wolfgang Mertens zum Beispiel in Anlehnung an Hofstatter und Lewin den Motivationskonflikt, der sich als innerer Konflikt ohne Partnerbeteiligung abspielt.[6] Diese Seite des Konflikts soll in den folgenden Ausfuhrungen unberucksichtigt bleiben. In Anlehnung an die genannten Definitionen ist im folgenden Konflikt verstanden als: Widerstreit der Interessen und Bedurfnisse zweier oder mehrerer Personen, die im Verhalten zueinander und/oder gegen Aufienstehende diesen Widerstreit zum Ausdruck bringen.

Aus den Definitionen von Problem und Konflikt ergeben sich folgende Abgrenzungen und Zusammenhange:

- Probleme spiegeln vorrangig Differenzen auf der Sachebene, Konflikte behandeln Differenzen auf der Personebene (Beziehung).

- Probleme konnen Konflikte auslosen durch eine unterschiedliche Problemdeutung der Partner.

Beispiel fur unterschiedliche Beurteilung des Ist-Standes als Konfliktursache:

In einer Jugendgruppe herrscht bei einigen Jugendlichen Unzufriedenheit uber die "kalte" Ausstattung des Jugendraums (Problem). Der Jugendleiter findet den Raum so "ganz in Ordnung" (andere Beurteilung des Ist-Standes). Einige Jugendliche reagieren bereits "sauer" auf den Jugendleiter, weil er nichts dagegen ubernehmen will (Konflikt).

Beispiel fur unterschiedliche Beurteilung des Soll-Standes (Zielformulierung) als Konfliktursache:

Die Mitarbeiter der Jugendgruppe in O. sind sich einig, daB der Jugendraum ein neues "Outfit" braucht, sonst ist die Atmosphare einfach zu kalt (Problem). In Mitarbeiterbesprechungen stellt sich heraus, daB einige fur eine Grundrenovierung

pladieren; andere wiederum nicht mehr als ein paar punktuelle "Schonheitsoperationen" wunschen, der Aufwand fur die Grundrenovierung sei zu groB. Nachdem vereinzelt schon Mitarbeiter nicht mehr zu den Besprechungen erschienen, weil die Diskussionen "zu hitzig" verlaufen (Konflikt), einigt man sich auf eine KompromiBlosung.

- Je langer Probleme ungelost in der Schwebe gehalten werden, desto groBer ist die Wahrscheinlichkeit, daB sie latente oder offensichtliche Konflikte mit sich ziehen.

- Fur Problemlosungsprozesse - auch in der vorliegenden Arbeit - ergibt sich daraus folgende Konsequnz: Problemlosung ohne Konfliktlosung ist nicht denkbar und Konfliktlosung ohne Problemlosung fuhrt nicht zum Erfolg.

Es gibt umfangreiche Literatur uber Methoden der Problemlosung unter Nutzung von Erkenntnissen aus wissenschaftlichen Zweigen wie Organisationspsychologie und Kommunikationswissenschaft. Dabei werden Losungsprozesse in der Regel fur das Umfeld beruflicher Mitarbeiter - sei es im Wirtschafts- oder im Sozialmanagement - konzipert. Die Gruppenarbeit mit Jugendlichen im kirchlichen Bereich ist in der Regel von ehrenamtlichen Mitarbeitern getragen. Auch hier gibt es Probleme, die qualifizierte Losungsprozesse fordern. Methoden und Prozesse aus dem Management konnen nicht ohne Prufung und Anpassung an den anderen Personenkreis ubertragen werden. Die vorliegende Arbeit versucht einen ProblemlosungsprozeB zu konzipieren, der folgenden Zielen nachkommt:

Zielsetzung der vorliegenden Arbeit

- Problemerkennung und -losung: Mitarbeiter der kirchlichen Jugendarbeit sollen einen ProzeB kennenlernen, der ihnen ermoglicht,

a) Unzufriedenheit an dem bestehenden Ist-Stand zu erkennen und zu formulieren
b) den erstrebten Soll-Zustand zu beschreiben (Zielformulierung)
c) Losungswege fur den Ausgleich der Differenz von Ist- und Sollstand zu finden.

- Konflikterkennung und -losung: Der LosungsprozeB soll Bedurfnisse und Interessen, die von auBen an die Gruppe herangetragen werden (z.B. durch Gemeindeleitung und Hauptamtliche), sowie Bedurfnisse und Interessen der Gruppenmitarbeiter und Gruppenmitglieder zur Sprache bringen. Daruber hinaus soll er Verfahren und Methoden aufzeigen, mit einem Widerstreit der Interessen umzugehen.
- Tiefgang: Die Problemlosung soll - soweit vorhanden - auch latente Konflikte und Probleme bewuBt machen und Losungsmoglichkeiten anbieten.
- Transparenz: Der ProzeB muB in seinem Ablauf allein aufgrund einer kurzen Einfuhrung leicht erfaBbar sein.
- Multiplikation: Die Mitarbeiter, die den LosungsprozeB mit Anleitung in einem aktuellen Fall durchlaufen, sollen durch die eigene Erfahrung und zusatzliche Arbeitsmaterialien befahigt werden, in ihrer Jugendarbeit selbstandig Problemlosungsprozesse anzuregen und durchzufuhren.
- Kurze: Ehrenamtliche Mitarbeiter machen im kirchlichen Bereich in der Regel "Dienst nach Feierabend". Wesentliche Erfolge in der Problemlosung sollten bereits nach zwei bis drei Gesprachsgangen erreicht sein.

1. Gemeindeprobleme im biblischen Kontext

Problemlosung in der Gruppenarbeit mit Jugendlichen in der kirchlichen Gemeindepraxis kann auf vielfaltige Erfahrungen aus dem biblischen Kontext zuruckgreifen. Im folgenden soll eine Auswahl an biblischen Fallbeispielen ausgewertet werden, um Impulse und Anregungen fur den ProblemlosungsprozeB zu erhalten.

1.1. Einsetzung von Helfern fur Mose (2.Mose 18,13-27)

Jethro beobachtet seinen Schwiegersohn Mose wahrend eines Besuchs bei der Erfullung seiner Leiteraufgaben. Er nimmt wahr, daB Mose von der Erfullung weiterer Aufgaben abgehalten wird, weil er den ganzen Tag in Streitfallen Recht sprechen muB. Daraufhin macht er einen Losungsvorschlag, der von Mose uneingeschrankt akzeptiert wird.

1.1.1. Problemerkenntnis

Durch eine Art "Betriebsblindheit" wird Mose von der Erfullung seiner Leiteraufgaben abgehalten. Die Dringlichkeiten vor seinen FuBen halten ihn von der Planung und Ausfuhrung der Wichtigkeiten ab. Dabei scheint Mose den Sachverhalt als MiBstand zu empfinden, denn er widerspricht nicht seinem Schwiegervater in dessen Diagnose: "Du sowohl wie dieses Volk, das bei dir ist, werdet dabei vollig verbraucht" (Nach der Ubersetzung von Martin Noth[7] ). Es handelt sich hier um eine deutliche Differenz von Ist-Stand und Soll-Vorstellung, also um ein echtes Problem. Aber das Empfinden hat noch nicht zu einer Problemdefinition, geschweige denn zu dem Versuch einer Problemlosung gefuhrt. Erst der AnstoB von auBen ("das ist nicht gut, was du da tust") fuhrt das Problem vor Augen und leitet einen LosungsprozeB ein.

1.1.2. Zielfindung

Jethro formuliert - von Mose unwidersprochen - die Aufgabenbeschreibung fur den Dienst des Mose: "Du selbst sollst fur das Volk Gott gegenuberstehen, und du selbst sollst die Angelegenheiten vor Gott bringen und ihnen die Satzungen und Weisungen einscharfen und ihnen den Weg bekannt machen, auf dem sie gehen sollen, und das Tun, das sie tun sollen." (V.19f). Damit ist die Sollvorstellung formuliert, und der nachste Schritt der "Aktionsplanung" kann eingeleitet werden.

1.1.3. Aktionsplanung und Ausfuhrung

Wieder wird der LosungsprozeB beschleunigt durch einen Vorschlag von Jethro:

Delegation der Rechtssprechung an Vertreter und Untervertreter. Nur noch die "groBen Sachen" (V. 22) sollen sie vor Mose bringen, die geringeren Angelegenheiten sollen sie selber entscheiden. Mit diesem Prinzip wurde ein Vorbild fur Gerichtsbarkeit geschaffen, das in der sakularen Rechtssprechung mit Instanzenwegen bis heute auf vielfaltige Weise Anwendung gefunden hat. Martin Noth weist darauf hin, daB mit dieser Losung nicht nur eine hierarchische Unterteilung der Instanzen, sondern auch eine qualitative Aufteilung der Zustandigkeiten vorgenommen wurde:

Die Neuordnung des Rechtssprechungswesens (...) beruht auf einer Trennung zwischen sakraler und "burgerlicher" Rechtssprechung bzw. auf einer Ausgliederung der "burgerlichen" Rechtsprechung aus dem sakralen Bereich.

(...) Der sakralen Rechtssprechung, im vorliegenden Fall also dem Mose, bleibt der "Verkehr mit Gott" (V.19), d.h. die Verkundigung der gottlichen Satzungen und Weisungen, die Bekanntgabe der Direktiven fur den rechten "Weg"

(V.16.20) sowie das "Befragen Gottes" (V.15.19), das wohl vor allem fur schwierige Falle der Rechtsfindung (V.26) vorgesehen war (vgl. dazu z.B. 22,7­10). Alles ubrige soll zuverlassigen Mannern uberlassen werden (...)[8]

Fur Mose wird damit die Moglichkeit geschaffen, sich auf seine Aufgaben nach den Vorgaben der Zieldefinition zu konzentrieren.

1.1.4. Anregungen fur die gemeindliche Gruppenarbeit

Problembewufitsein durch Analyse eines Beobachters

Die laufenden Geschafte der gemeindlichen Gruppenarbeit konnen zu einer "Betriebsblindheit" der Teilnehmer fuhren. Dann wird nur noch erledigt, was gerade vor die FuBe kommt, das Dringende wird zum Feind des Wichtigen. Mittelfristige und langfristige Planung bleiben auf der Strecke, der Gruppe fehlt auf die Dauer die Zukunfsperspektive, Unzufriedenheit macht sich breit. Das Fallbeispiel zeigt, daB vorhandene Probleme, auch wenn sie gefuhlsmaBig wahrgenommen werden, nicht unbedingt lokalisiert und defined: sind. Ein Impuls von auBen kann hier zu einem ProblembewuBtsein fuhren.

Zielfindung und Aktionsplan durch Vorschlag eines Beobachters In dem Beispiel wird der gesamte ProblemlosungsprozeB in einer Sache mit weitreichenden Folgen durch Beratung sehr stark abgekurzt. Dies gilt auch, wenn man davon ausgeht, daB sich die Beschreibung gegenuber dem Sachverhalt auf wesentliche Elemente beschrankt. Problemlosung in der gemeindlichen Gruppenarbeit, auch und gerade mit Jugendlichen, hat es in der Regel mit ehrenamtlichen Mitarbeitern zu tun. Fur ihren "Dienst nach Feierabend" sollten alle Moglichkeiten, die einen ProblemlosungsprozeB verkurzen konnen, genutzt werden. Dazu gehoren auch - soweit moglich - Losungsvorschlage auBenstehender Beobachter. Voraussetzung ist dabei, daB die Vorschlage von dem bzw. von den Betroffenen vollstandig akzeptiert werden.

Grundlagen des Problemlosungsprozesses

Das Fallbeispiel zeigt in drei Schritten immer wiederkehrende Grundschritte der Problemlosung, die auch in der gemeindlichen Gruppenarbeit Beachtung finden sollen:

- Problemdefinition (Ist-.Stand)
- Zieldefinition (Sollstand)
- Aktionsplan (zum Ausgleich der Ist/Soll - Differenz) und Ausfuhrung

1.2. Die Wahl der Sieben Armenpfleger (Apg. 6,1-8)

Nach quantitativem Gemeindewachstum kommt in der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem ein Problem zur Sprache. Die Gruppe der Hellenisten beklagt sich, dab ihre Witwen bei der taglichen Speisung ubersehen werden. Die Leitung der Gemeinde beruft eine "Vollversammlung der Junger" (Bezeichnung nach der Ubersetzung von J. Roloff[9] ) ein und macht einen Losungsvorschlag: Die Gemeinde soll sich sieben Bruder aussuchen, die fur die Aufgabe der Versorgung zustandig sein sollen. Der Vorschlag findet die Zustimmung der Vollversammlung, die daraufhin der Gemeindeleitung sieben Manner zur Einsegnung in ihre Aufgabe vorstellt. Der Bericht endet mit dem Hinweis auf Gemeindewachstum als Folge der Losung - sowohl qualitativ ("das Wort Gottes wuchs") als auch quantitativ ("die Zahl der Junger in Jerusalem nahm gewaltig zu").

1.2.1. Konflikt und Ursache

Die ursprunglich weitgehend homogene Jerusalemer Gemeinde erfuhr im Verlauf ihrer fruhen Geschichte eine Erweiterung durch die Gruppe der Hellenisten. Dabei durfe es sich nach Jurgen Roloff um "christlich gewordene Diasporajuden griechischer Zunge gehandelt haben"[10], denen nun der ursprungliche Personenkreis der "Hebraer", also aus Palastina stammende Juden aramaischer Muttersprache, gegenubersteht. Auf den ersten Blick handelt es sich in diesem Fallbeispiel um einen einfachen Problemlosungsprozeb, der ohne Konflikte abgeht. Folgt man den Ausfuhrungen von Jurgen Roloff, so betreibt Lukas eine vereinfachende Darstellung:

Lukas ist, wie noch mehrfach (15,38-41; 21,15-26;28) zu beobachten sein wird, im Blick auf innergemeindliche Vorgange ausgesprochen konfliktscheu. Er pflegt, darin wohl bereits von seinen Quellen unterstutzt, Spannungen und AuUeinandersetzungen in der Kirche bis zur Unkenntlichkeit zu verharmlosen.[11]

Auch wenn man in dem geschilderten Beispiel vielleicht nicht von einer "Verharmlosung bis zur Unkenntlichkeit" sprechen mub, so liegt doch die Vermutung nahe, dab sich hinter der knappen Schilderung ein groberes Konfliktpotential verbirgt. In der Gemeinde stehen sich zwei Gruppierungen mit unterschiedlicher Sozialisation gegenuber. Im Kreis der Hellenisten wachst die Unzufriedenheit gegenuber den Hebraern. Es entsteht der Vorwurf, dab die hellenistischen Witwen bei der taglichen Nahrungsmittelverteilung gegenuber den Hebraern zu kurz kommen. Ob es sich dabei um eine Tatsache oder um eine verzerrte Wahrnehmung handelt, wird nicht beschrieben. Mit der kurzen

Bemerkung: "Es entstand ein Murren der Hellenisten gegen die Hebraer" wird ein Interessenskonflikt zweier Gruppierungen bezeichnet. Nachdem dieser Konflikt zur Sprache gebracht ist, taucht ein weiterer Interessenskonflikt als Folge auf: Die Gemeindeleitung ("die Zwolf") hort, spurt oder vermutet die Erwartung, daB sie sich selber um die Losung des Konfliktes bemuhen soll. Es entsteht ein Interessenskonflikt zwischen der Gemeindeleitung und den Hellenisten, da "die Zwolf" ihre Aufgabe der Verkundigung und des Gebets nicht vernachlassigen wollen. Eine Konfliktverlagerung fand statt: Vom Interessenskonflikt "Hellenisten gegen Hebraer" zum Interessenskonflikt "Hellenisten gegen Gemeindeleitung".

1.2.2. Der Losungsprozefi

Um zu einer Losung des Konfliktes zu kommen, berufen die Zwolf eine Vollversammlung ein. Sie legen einen Losungsvorschlag vor, der die Interessen der drei genannten Gruppierungen berucksichtigt oder ihnen zumindest nicht im Weg steht. Dabei ist zu vermuten, daB gemaB ihrem Verstandnis der Aufgabenschwerpunkte der ProzeB von Wortverkundigung und Gebet begleitet ist. Der Vorschlag findet die Zustimmung der Vollversammlung, und sie wahlen sieben Manner, die sie fur die Armenversorgung verantwortlich machen. Damit sind zwei Gremien in dem LosungsprozeB beteiligt: die Gemeindeleitung und die Vollversammlung. Die Gemeindeleitung hatte mit dem Losungsvorschlag die Vorarbeit geleistet, ohne dabei die Vollversammlung aller Beteiligten aus der Verantwortung zu entlassen.

1.2.3. Anregungen fur die gemeindliche Gruppenarbeit

Problem und Konflikt

Wenn von einer Gruppe in der Gemeinde oder von einer Gruppe innerhalb einer Gruppe ein Problem zur Sprache gebracht wird, dann stellt die Problemlosung auf der Sachebene einen notwendigen Schritt dar. Zusatzlich gilt es zu beachten, daB im Hintergrund Interessenskonflikte schwelen konnen, die Konfliktlosungsprozesse erfordern. Dies gilt umso mehr, wenn Gruppierungen einen fest umrissenen Personenkreis bilden, der durch eine Charakterisierung beschrieben werden kann.

Konflikt und Verlagerung

Ein Konflikt kommt nicht immer allein. Im Lauf der Konfliktverlagerung konnen plotzlich Personen und Personengruppen (wie hier die Gemeindeleitung) betroffen werden, die mit dem ursprunglichen Konflikt nichts zu tun haben.

Problemlosung und Bedurfnisbefriedigung

Folgt man der Terminologie in Maslows Bedurfnishierarchie[12], so muBte hier ein Bedurfnis der unteren Ebene (physiologische Bedurfnisse: "Speisung") befriedigt werden, damit eine Bedurfnisbefriedigung auf hoherer Ebene ("Gebet und Dienst am Wort") ungehindert weiterlaufen kann. Wenn die Gruppenarbeit kirchlicher Gemeindepraxis der Prioritatensetzung der Jerusalemer Gemeinde folgt, wird sie dafur Sorge tragen, daB Gebetsdienst und Verkundigung der biblischen Botschaft uneingeschrankt laufen konnen. Das geschilderte Beispiel macht gleichzeitig deutlich, daB Bedurfnisbefriedigung auf der "unteren Ebene" ebenfalls berucksichtigt werden will: Nicht trotz der Unverzichtbarkeit von Verkundigung und Gebet, sondern gerade wegen ihr.

Problemlosung und Verantwortung

Das Fallbeispiel zeigt einen Weg, wie Leitungsverantwortung im Konfliktfall wahrgenommen werden kann, ohne daB dabei die beteiligten Gruppen und Gruppierungen aus der Verantwortung entlassen werden:

- Vorarbeit durch die Leitung (Losungsvorschlag)
- Entscheidung durch die Vollversammlung (Losung)
- Ausfuhrung durch die Vollversammlung, der die Verantwortlichkeit ubertragen wird (Ausfuhrung).

Problemlosung und Aufgabenverteilung

Das Fallbeispiel zeigt: Auch wenn die Vollversammlung der Gemeinde fur die Problemlosung verantwortlich gemacht wird, dann muB deswegen noch nicht die gesamte Vollversammlung fur die Ausfuhrung der Losungsschritte zustandig sein.

1.3. Das Apostelkonzil (Apg.15)

Paulus und Barnabas beenden ihre Missionsreise mit der Ruckkehr zur Gemeinde in Antiochien. Dort entsteht eine heftige Diskussion daruber, welche Auflagen man bekehrten Heiden, also Menschen nichtjudischer Abstammung, aus dem Gesetz des Mose machen soil. Der Konflikt kann vor Ort nicht beigelegt werden, und Paulus wird mit Barnabas und einigen weiteren Vertretern der Gemeinde wegen dieser Frage nach Jerusalem gesandt. Dort beschaftigen sich die Apostel und die Altesten mit der Angelegenheit. Auch da kommt es zu heftigen Meinungsverschiedenheiten. Nach einer Stellungnahme von Petrus und einem Losungsvorschlag von Jakobus kommt es zu einem EntschluB der Gemeindevollversammlung: Paulus, Barnabas und Vertreter der Jerusalemer Gemeinde werden mit einem Brief, der das Ergebnis der Beratung nennt, nach Antiochen gesandt. Die Delegation soll das Schreiben uberbringen und mundlich erlautern. In Antiochen angekommen, beruft die Delegation eine Vollversammlung ein und ubergibt das Schreiben, das Zuspruch findet.

1.3.1. Unterschiedliches Schriftverstandnis als Problem- und Konfliktursache

Nach den Berichten des Paulus und Barnabas uber die Bekehrung von Menschen aus nichtjudischem Hintergrund treten in der Gemeinde einzelne Personen mit der Forderung auf, daB sie die Heiden nach dem Gesetz des Mose beschneiden lassen mussen. Mit dieser Forderung gehen sie auch an die Gemeindeglieder in Antiochien heran. Dabei treten sie mit einem gewissen Selbstverstandnis als Lehrer des Gesetzes auf. H.W. Neudorfer erklart den Begriff "lehren" so: "Die von Juda Herabgekommenen auBerten nicht ihre Privatmeinung, sondern traten mit dem Anspruch auf, in der Autoritat Gottes und seines Wortes zu sprechen."[13]

Damit stehen sie im Gegensatz zum Reden und Handeln des Paulus. Sein Schriftverstandnis und seine Deutung des Handelns Jesu faBt J. Roloff so zusammen:

SchlieBlich hat Paulus eine grundsatzliche theologische Klarung des Gesetzesproblems herbeigefuhrt, indem er zeigte: Das Gesetz ist durch Christus als Heilsweg abgetan; es entspricht dem Wesen des Evangeliums, daB es allein auf Glauben hin ergeht, ohne Werke des Gesetzes (Gal 2,16; Rom 3,21f). Den Heiden das Gesetz aufzuerlegen, ware damit gleichbedeutend mit einer Entleerung des Evangeliums.[14]

In diesen Ausfuhrungen wird deutlich, daB es sich bei der Kontroverse nicht um Randfragen des Glaubens, sondern um die zentrale Frage der Rechtfertigung handelt. Damit erhalt die Meinungsverschiedenheit eine Bedeutung, die sich nicht mit einer zweitrangigen Losung zufrieden geben kann. Eine KompromiBlosung auf Kosten der Wahrheit ist fur beide Parteien nicht akzeptabel. Die ungeklarte Frage fuhrt schlieBlich vom Problem zum Konflikt, Paulus und Barnabas kommen mit den judaischen Brudern in "heftigen Zwist und Streit", eine Losung zeichnet sich nicht ab.

1.3.2. Die Vermittlerrolle der Jerusalemer Gemeinde

Zunachst scheint sich die Situation in der Jerusalemer Gemeinde zu wiederholen. Auch hier melden sich einzelne Stimmen zu Wort, "einige aus der Partei der Pharisaer, die zum Glauben gekommen waren" (V. 5), und fordern die Beschneidung der Heidenchristen. Sie erweitern diese Forderung noch um den Zusatz, daB man ihnen gebieten musse "das Gesetz des Mose zu halten". Von einem Streit mit der Partei der Pharisaer ist hier nicht die Rede. Die Problemstellung kann sich nicht zum Konflikt ausweiten, da sie sofort an das Leitungsgremium der Gemeinde weitergegeben wird. Die Apostel und Altesten der Gemeinde treten zusammen, um sich mit der Angelegenheit zu befassen. Offensichtlich spiegelt die Gemeindeleitung die Bandbreite der Positionen in den Gemeinden wieder, denn auch hier kommt es zu heftigen Meinungsverschiedenheiten. Roloff schreibt uber die Positionen in der Gemeinde:

Fur die Urgemeinde in Jerusalem war die Zugehorigkeit zu Israel ein das eigene Selbstverstandnis bestimmender Faktor. (...) Beschneidung und Gesetz waren fur sie darum undiskutierbare Gegebenheiten. (...) Einiges deutet allerdings darauf hin, dali dieser strenge Standpunkt in den Jahren nach 40 nicht mehr von allen Gruppen der Jerusalemer Gemeinde geteilt worden ist. So scheint Petrus in jenen Jahren aulierhalb Jerusalems Mission getrieben und dabei die Grenzen des Judentums wenigstens punktuell durchbrochen zu haben, indem er Gottesfurchtige ohne Beschneidung in die Kirche aufnehmen lieli. Dieses Verhalten d urfte bereits zu Kontroversen in der Urgemeinde gefuhrt haben, deren Spuren sich in dem Bericht 10,1-11,18 deutlich abzeichnen. Einen volligen Verzicht auf Beschneidung und Gesetz wird jedoch auch Petrus nicht vertreten haben.[15]

Dabei wird deutlich, daB das Problem um Beschneidung und Auferlegung des mosaischen Gesetzes zwar bereits durch konkrete Handlungen aufgeworfen und in Gesprachen angedacht, aber nicht bis zu konkreten Ergebnissen weitergedacht war.

Das Problem lag uber einen langeren Zeitraum in der Jerusalemer Gemeinde offen. Die Heftigkeit der Auseinandersetzung laBt sogar auf einen latenten Konflikt schlieBen.

Dabei handelt es sich um ein Gemeindeproblem, das auch vor dem leitenden Gremium nicht haltmacht. Die Anrufung als Vermittler zwingt nun die Apostel und Altesten in Jerusalem, den Umgang mit dem Problem bis zu Handlungskonsequenzen zu Ende zu denken.

Wieweit andere, nichttheologische Faktoren in dem Konflikt eine Rolle gespielt haben,

bleibt offen. Roloff weist auf die Moglichkeit weiterer Zusammenhange hin:

Antiochia war in kurzer Zeit zu einem zweiten Zentrum der Kirche geworden; die dortige Gemeinde war vermutlich zahlenmaiig grower als die in Jerusalem, vor allem aber war sie der alten Muttergemeinde hinsichtlich ihrer Ausstrahlungskraft weit uberlegen. Die Jerusalemer Gemeinde war wirtschaftlich schwach und auf Hilfe von auien angewieien, sie war zudem durch die politischen Verhaltnisse seit der Agrippa - Verfolgung (...) in permanenter Bedrangnis. Aber eben diese politischen Verhaltnisse, die bestimmt waren durch eine Starkung des judischen Nationalismus, begunstigten das Wachstum streng judaisierender Stromungen in der Jerusalemer Gemeinde. Jede Annaherung an die Heidenchristen muite in dieser Lage die Gemeinde gefahrlichen Verdachtigungen aussetzen[16]

Die genannten Hintergrunde bleiben allerdings bei der folgenden Problemlosung weitgehend unberucksichtigt.

1.3.3. Problemlosung

Da das Problem auf zwei Ebenen entstanden ist (Antiochien und Jerusalem), muB es nun auf beiden Ebenen verhandelt werden.

Zunachst beschaftigt sich der leitende Kreis der Gemeinde in Jerusalem mit der Fragestellung. Nach heftigen Diskussionen meldet sich Petrus zu Wort und bringt Tatsachen ins Gesprach: Erstens war er ja schon langst zum Heidenmissionar geworden. Er kann in diesem Zusammenhang von seinem Erwahltsein durch Gott reden. Zweitens hat Gott durch die AusgieBung des Heiligen Geistes auf die Heiden selber keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden gemacht. Als Konsequenz schlagt er vor, "kein Joch auf den Nacken der Junger zu legen" (V. 10). Danach erzahlten Paulus und Barnabas, welche groBen Zeichen und Wunder Gott durch sie unter den Heiden getan hatte. SchlieBlich zieht Jakobus als Leiter der Gemeinde unter Berufung auf Amos 9 Zusammenhange aus den alttestamentlichen Schriften zu Rate, die deutlich machen, daB sich Gott den Heiden zuwenden will. Die Zusammenschau von Gottes Handeln in der Geschichte und seinen Willenskundgebungen fuhrt zu einem einmutigen Ergebnis der Vollversammlung der Gemeinde. Das Ergebnis ist mit wenigen Worten beschrieben und enthalt konkrete, uberprufbare Handlungsanweisungen: "Denn es gefallt dem heiligen Geist und uns, euch keine weitere Last aufzuerlegen als nur diese notwendigen Dinge:

- daB ihr euch enthaltet vom Gotzenopfer,
- und vom Blut
- und vom Erstickten
- und von Unzucht."

Die Problemlosung auf der zweiten Ebene, in Antiochien, geschieht durch das Vermittlerurteil der Stammgemeinde. Dabei spielt allerdings nicht nur das Beratungsergebnis in Schriftform eine Rolle, sondern auch die Moglichkeit der Ruckfrage und des Gesprachs. Die Jerusalemer Gemeinde entsendet eine Delegation mit einem Begleitschreiben, das durch eben diese Delegation dann in Antiochien der gesamten Gemeinde naher erlautert werden kann. Die Angehorigen dieser Absonderung werden beschrieben als angesehene Manner (V. 22) und "Manner, die ihr Leben eingesetzt haben fur den Namen unseres Herrn Jesus Christus" (V.26). Sie kommen alle aus dem Kreis der Apostel und Altesten und wurden - nach einem ungenannten Verfahren - von diesem leitenden Kreis und der gesamten Vollversammlung gewahlt.

Sie haben somit folgende Qualifikationsmerkmale:

- Angehorige des leitenden Kreises der Stammgemeinde
- guter Ruf in der gesamten Gemeinde, hohes Ansehen
- Opferbereitschaft fur Jesus Christus bis hin zur Selbstaufgabe

Dazu werden sie in ihrer Aufgabe unterstutzt durch das Wissen, dab sie durch die gesamte Gemeinde ausgesandt wurden.

Das vorgetragene Ergebnis wird in Antiochien von der Vollversammlung der Gemeinde begrubt und akzeptiert.

1.3.4. Anregungen fur die gemeindliche Gruppenarbeit

Theologie ist immer auch Biografie

Problemlosung wie auch Konfliktlosung in gemeindlicher Gruppenarbeit kann und soll im gemeinsamen Gesprach nach dem Willen Gottes und seinen Normen fragen. Der Austausch uber biblische Zusammenhange kann einen Problemlosungsprozeb wesentlich beeinflussen. Das Fallbeispiel zeigt, dab die Berufung auf die Offenbarung Gottes in Antiochien zu einer Verscharfung des Problems und in Jerusalem zur Losung des Problems gefuhrt hat. Die Auslegung biblischer Zusammenhange ist immer auch mitbegrundet durch die personliche Biografie der Ausleger. Unterschiedliche Sozialisation setzt der Wahrnehmung ein Filter vor, das haufig biblische Zusammenhange mit ausgewahlten Schwerpunkten nur einseitig wahrnimmt. Prozesse der Problemlosung brauchen Verfahren, die gewahrleisten, dab Zusammenhange in ihrem "sowohl - als auch" reflektiert werden.

Randfrage oder Kernfrage

In kirchlicher Jugendarbeit spielt die Diskussion um biblische Zusammenhange eine zentrale Rolle. In dem Fallbeispiel kam es zunachst zu keiner Einigung. Keiner der Gesprachspartner wollte sich mit einer Kompromiblosung oder einer Umgehung des

Problems, etwa durch Akzeptanz beider Positionen, zufriedengeben. An anderer Stelle ist Paulus sehr freizugig in der Erkenntnis der Wahrheit. Wenn es um den Stellenwert von Feiertagen und Speisevorschriften geht, stellt er fest: "Ein jeder sei seiner Meinung gewiB." (Rom.14,5). Wo Problemlosung in der Diskussion um biblische Zusammenhange diesem Beispiel folgt, wird sie eine Unterscheidung zwischen biblischen Kernfragen und Randfragen des Glaubens treffen und beides unterschiedlich behandeln.

Die Anrufung von Vermittlern

Die Anrufung von Vermittlern kann in Problem- und Konfliktlosungsprozessen eine wesentliche Hilfe darstellen. Im Gegensatz zu dem neutralen Moderator wird von dem Vermittler ein eindeutiges Urteil verlangt. Soll sein Urteil zur Losung beitragen und nicht noch mehr Verwirrung schaffen, dann ist schon bei seiner Auswahl auf die Qualifikation zu achten. Es ist zu prufen, wie weit die Qualifikationsmerkmale in dem Fallbeispiel auf andere Falle ubertragbar sind.

Problemlosung bis zum Ende

Das Fallbeispiel zeigt, wie ein ProblemlosungsprozeB, solange er ergebnislos verschleppt wird, ein Konfliktpotential in sich tragt. Die Problemlosung stellt dann allerdings konkrete Anweisungen und Handlungsmuster, deren Einhaltung nachprufbar ist, vor. In der gemeindlichen Gruppenarbeit ist immer wieder zu beobachten, daB Problemlosungsprozesse nur sehr schleppend in Gang kommen und manchmal nicht bis zum Ende durchgezogen werden, sei es aus Angst vor den Konsequenzen oder aus anderen Grunden. Dabei muB sich die Gruppe bewuBt sein, daB sie unter Umstanden das Problem zu einem Konflikt und den Konflikt durch Verlagerung zu einem vielschichtigen Konflikt auswachsen laBt.

1.4. Streit um einen Mitarbeiter (Apg.15,36-41)

Direkt im AnschluB an das Apostelkonzil zeichnet sich ein Mitarbeiterkonflikt zwischen Paulus und Barnabas ab. Die beiden Gemeindegrunder der ersten Missionsreise beschlieBen, die neuen Gemeinden noch einmal aufzusuchen. Es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung uber die Mitarbeiterfrage, die mit einer Trennung der Konfliktpartner endet.

1.4.1. Der Konflikt

Barnabas will, daB sie auch seinen Neffen Johannes Markus mitnehmen, Paulus lehnt dies ab. Aus der sachlichen Klarung der Mitarbeiterfrage entsteht ein Streit, in dem die beiden "heftig aneinander geraten" (V. 39). Uber den Hintergrund des Konfliktes lassen sich nur Vermutungen anstellen, Lukas gibt daruber keine Auskunft. Roloff vermutet:

Der knappe Bericht des Lukas konnte zunachst den Eindruck erwecken, als sei bei dem Streit zwischen Paulus und Barnabas, der zu ihrer Trennung fuhrte, nur Personliches im Spiel gewesen, namlich die Ablehnung eines unzuverlassigen Mitarbeiters durch Paulus und das starrkopfige Festhalten an eben diesem Mitarbeiter durch Barnabas. Zieht man jedoch Gal 2,11-21 als Hintergrundinformation mit heran, so wird deutlich, daft der Streit um die Person des Johannes Markus nur ein Teilausschnitt aus einer grundsatzlichen theologischen Diskussion gewesen sein durfte, in der nicht nur das Einvernehmen zwischen Paulus und Barnabas, sondern auch das Verhaltnis zwischen Paulus und der antiochenischen Gemeinde tiefgreifend gestort worden ist. Paulus fand sich in Antiochia mit dem von ihm vertretenen Standpunkt des gesetzesfreien Evangeliums, der es nicht erlaubte, die Heidenchristen unter die judischen Reinheitsgesetze zu zwingen, gegenuber Petrus, Barnabas und der Mehrheit der Gemeinde isoliert, die in dieser Sache fur einen Kompromift von der Art pladierten, wie er dann wohl auch im weiteren Verlauf in Gestalt des "Aposteldekrets" (s. zu 15,20) zustandegekommen sein durfte.[17]

Auch wenn uber die Ursache des Konflikts nur Vermutungen angestellt werden konnen, kann man aus dem Zusammenang schlieBen, daB es sich um einen tiefgreifenden und vielschichtigen Konflikt handelte. So beginnt eine entscheidende Phase in der christlichen Fruhgeschichte, die zweite Missionsreise, mit einen Streit.

1.4.2. Trennung statt Konfliktlosung

Der Bericht des Lukas ist sehr knapp gehalten. Es finden sich keine Beschreibungen uber Losungsversuche, Alternativen oder das Hinzuziehen von Vermittlern. Der Streit endet mit einer Trennung: Barnabas tritt seine Dienstreise mit Johannes Markus an, Paulus wahlt sich einen anderen Begleiter. Eine Losung des - wie auch immer beschaffenen - ursprunglichen Konfliktes war scheinbar nicht moglich. Es ist anzunehmen, dab Markus spater wieder AnschluB an Paulus fand (vgl. Kol.4,10 u. 2.Tim.4,11).

1.4.3. Anregungen fur die gemeindliche Gruppenarbeit

Die Grenzen der Machbarkeit

Wenn eine Gruppe in einen Problem- bzw. KonfliktlosungsprozeB eintritt, dann muB sie sich von vornherein daruber im klaren sein, daB eine gute Methodenwahl, Erfahrung in Konfliktlosung und geistliche Qualifikation keine Garantie fur "erfolgreiche Losung in jedem Fall" bieten konnen. Die Machbarkeit stoBt auf ihre Grenzen. Eine - vielleicht auch zeitweise - Trennung nach beidseitigem BeschluB kann eine effektivere Losung sein als eine Harmonisierung da, wo es nichts mehr zu harmonisieren gibt.

1.5. Mirjam gegen Mose (4.Mose 12,1-16)

Mirjam und Aaron reden miteinander gegen ihren Bruder Mose. Aus dem hebraischen Text geht hervor, daB Mirjam als die Urheberin der Rede gesehen werden kann. Mose schweigt, und Gott selber spricht Recht in dieser Sache. Dem Urteil folgt eine Verurteilung, Mirjam wird aussatzig. Auf die Furbitte von Mose hin begrenzt Gott die Strafe auf sieben Tage.

1.5.1. Zweischichtige Konfliktursache

Hier handelt es sich nicht um eine gemeinsam definierte Abweichung von 1st- und Sollstand, sondern um einen zwischenmenschlichen Beziehungskonflikt. Mirjam und Aaron bringen gegen Mose zwei Dinge zur Sprache. Erstens: "... um seiner Frau willen, der Kuschiterin. Er hatte sich namlich eine kuschitische Frau genommen." (4. Mose 12,1), und zweitens: "Und sie sprachen: 'Redet denn der Herr allein durch Mose? Redet er denn nicht auch durch uns?' " (V.2)

Zu der Kuschiterin als Ehefrau des Mose schreibt Jakob Kroeker:

Diese Tat hatte nicht der Tradition des judischen Volkes entsprochen. Abraham hatte einst von Elieser, seinem altesten Knechte, einen Schwur genommen, daB er seinem Sohn Isaak kein Weib von den Tochtern der Kanaaniter nehmen wurde. Und als Isaak seinen Sohn Jakob segnete, da gebot er ihm ausdrucklich: "Nimm kein Weib von den Tochtern Kanaans!" (...) Seit den Tagen Abrahams galt es daher in den israelitischen Familien als gottliche Pflicht und heilige Tradition, sich nicht mit fremdlandischen Weibern zu vermischen[18]

Es scheint zunachst so, als steht im Vordergrund des Konfliktes Mirjams und Aarons Urteil uber Moses Bruch mit der Tradition. Dieser Konfliktpunkt wird auch zuerst angesprochen.

Die Frage nach dem "Reden Gottes allein durch Mose" (V. 2) bringt den zweiten Aspekt zur Sprache. Mirjam fuhlt sich offensichtlich in ihrer Rolle als Mittlerin zwischen Gott und Mensch nicht gefragt. Diese Mittlerposition gehorte in Israel zum Amt des Priesters, des Propheten und des Fuhrers. In 2.Mose 15,20 wird Mirjam als Prophetin bezeichnet, in Micha 6,4 wird sie mit Mose und Aaron zusammen als Fuhrerin Israels aufgezahlt. Der Zusammenhang macht deutlich, daB Mirjam sehr wohl Leitungsaufgaben und prophetischen Dienst wahrgenommen hat. Ihr Problem lag nicht darin, daB sie keine Mittleraufgaben zu bewaltigen hatte, sondern lediglich darin, daB sie in diesem Mittlerdienst nicht die Rolle spielte, die sie sich gewunscht hatte. Die verzerrte Wahrnehmung in diesem Konfliktfall fuhrt - in einer Art SchwarzweiBdenken - zu einer ubertriebenen Verallgemeinerung nach dem Motto: "Gott ubergeht uns und gebraucht nur den Mose."

1.5.2. Konfliktlosung durch ein Gottesurteil

Mose schweigt zu den gegen ihn erhobenen Vorwurfen. Sein Verhalten wird als demutig bezeichnet, nach Micha 6,8 ein Verhalten, das Gott von den Menschen fordert. Seine Demut zeigt sich zunachst darin, dab er auf Selbstrechtfertigung verzichtet. Nun tritt Gott selbst mit seinem Handeln auf den Plan. Er nimmt Aaron und Mirjam zur Seite und kommt auf den Kern des Problems zu sprechen: " 1st jemand unter euch ein Prophet des Herrn, dem will ich mich kundmachen in Gesichten oder will mit ihm reden in Traumen. Aber so steht es nicht mit meinem Knecht Mose; (...) Von Mund zu Mund rede ich mit ihm, nicht durch dunkle Worte oder Gleichnisse. Und er sieht den Herrn in seiner Gestalt." (VV. 6-8). Gott beendet den Konflikt durch sein Urteil. Dabei geht er auf die Frage nach dem "kuschitischen Weib" nicht ein. Ofensichtlich liegt hier nicht der Kern des Problems.

1.5.3. Konfliktlosung und Vergebungsbereitschaft

Nach seinem Urteil zieht Gott sich zuruck und bestraft Miram mit Aussatz, einer Krankheit, die sie an den Rand der Gesellschaft drangt und es ihr nicht mehr moglich macht, am gesellschaflichen Leben teilzunehmen. Aaron, der das Gottesurteil akzeptiert und von seinem Verhalten als "sundig" spricht, wendet sich an Mose und bittet fur Mirjam. Mit diesem Verhalten akzeptiert er ebenfalls die hervorgehobene Mittlerposition seines Bruders. Mose bittet daraufhin Gott um Heilung fur Mirjam. Die Strafe wird auf sieben Tage begrenzt. Mit der Bitte um Heilung zeigt Mose Vergebungsbereitschaft. Dabei wird die Vergebungsbereitschaft nicht in Worten ausgesprochen, sondern durch wohlwollendes Handeln ausgedruckt.

1.5.4. Anregungen fur die gemeindliche Gruppenarbeit

Das offensichtliche Problem ist nicht unbedingt das eigentliche Problem

Was zuerst angesprochen wird, ist nicht unbedingt die Wurzel des Ubels. Problem- und Konfliktlosung in der Gruppe braucht eine "Wurzelbehandlung" - der Konflikt mub zu seinen Ursprungen zuruckverfolgt werden. Dies gilt umso mehr, als gerade die Gruppenarbeit im kirchlichen Bereich ein Nahrboden fur das Versteckspiel der "Vergeistlichung" eines Problems bietet. Personliche Schwierigkeiten, Neid und Eifersuchtsprobleme lassen sich nur zu leicht mit einer vergeistlichten Fragestellung verschlusseln.

Vorsicht Falle: Verzerrte Wahrnehmung Konfliktlosung in der Gruppenarbeit hat es bei der Beschreibung der Konfliktursache nicht nur mit Tatsachen zu tun, sondern auch mit den Ergebnissen verzerrter Wahrnehmung. Gesprachsleiter durfen sich deshalb nicht allein auf die Ausfuhrungen einer "Partei" verlassen. Von Problem- und Konfliktdefinition kann nur die Rede sein, wenn die Beteiligten zu einer gemeinsamen Sicht der Ursache gefunden haben.

Konfliktlosung und die Frage nach dem Willen Gottes

Gruppenarbeit in der kirchlichen Gemeindepraxis hat die Moglichkeit, im gemeinsamen Austausch die Bibel als offenbarten Willen Gottes nach Deutungszusammenhangen und Verhaltensnormen zu befragen. Ein Gruppengesprach uber biblische Zusammenhange kann einen ProblemlosungsprozeB beschleunigen.

Konfliktlosung und Vergebungsbereitschaft

Auch unter Christen in der gemeindlichen Gruppenarbeit konnen Konflikte mit schuldhaftem Handeln verbunden sein. Wo verletzende Worte und Handlungen gegenseitig Wunden geschlagen haben, da ist ein Interessensausgleich allein zu wenig. Vergebungsbereitschaft laBt seelische Verletzungen schneller heilen. Dabei konnen Taten groBere Uberzeugungskraft als Worte haben. Wohlwollendes Handeln als Ausdruck der Vergebungsbereitschaft kann ein Neuaufkeimen eines Konf^iktes verhindern.

1.6. Prozefi der Problemlosung bei Nehemia

Vermutlich im Jahr 445 v. Chr. arbeitet der Jude Nehemia als Mundschenk am persischen Konigshof. Von einer Gruppe von Volks- und Glaubensgenossen erhalt er Informationen uber die Zustande in Jerusalem. Daraufhin leitet er einen lange anhaltenden ProzeB der Problemlosung ein, der, begleitet von Ruckschlagen und Konflikten, schlieBlich zum Erfolg fuhrt.

Die Beschreibung der Problemlosung zieht sich durch das gesamte Buch Nehemia. Aus der Beschreibung laBt sich ein ProblemlosungsprozeB in mehreren aufeinanderfolgenden Schritten ableiten.

1.6.1. Problemerkenntnis und Betroffenheit (Neh.1,2-4a)

Die durch Nebukadnezar 586 zerstorte Stadt war von einer ersten Welle der Heimkehrer nach der Deportation zwar wieder aufgebaut worden, aber es war immer noch nicht gelungen, das wieder herzustellen, was man als geordnetes Gemeinwesen bezeichnen konnte. Jerusalem lag da als "offene Stadt" ohne schutzende Stadtmauern und war damit allen Feinden ringsum preisgegeben, so daB immer wieder zerstort, geraubt und gebrandschatzt wurde, was man eben mit Muhe und Not meinte aufgebaut zu haben. A. Gunneweg schreibt zusammenfassend uber die Lage der "ubriggebliebenen" Juden in Jerusalem, die der Vertreibung durch Nebukadnezar und der Verbannung entkommen waren:

Ihre traurige Lage ist indessen in erster Linie nicht durch personliche Umstande, etwa durch Armut oder Hungersnot o.a. bedingt (...). Die Wendung "und die Mauer" ist explikativ zu verstehen: Die Juden sind in Elend und Schande, weil die Mauer eingerissen ist.[19]

Der Bericht der Juden lost bei Nehemia starke Betroffenheit aus: "Ich setzte mich hin und weinte und trug Leid tagelang" (1,4).

1.6.2. Gebet (1,4b-11)

Das Leidtragen des Nehemia ist nicht allein durch Ruckzug und Resignation gekennzeichnet. Nehemia fastet und betet. Fasten bedeutete im AT den vorubergehenden Verzicht auf Nahrungsmittelaufnahme. Nach dem "Lexikon zur Bibel"[20] wurde gefastet:

a) Beim Tode nahestehender Personen (...)
b) Vor grolien Entscheidungen, deren Ausgang allein von Gott abhangig war (...)
c) In Zeiten echter Buie und Demutigung vor Gott (...) oder zum Zwecke einer

intensiven, ungestorten Gemeinschaft mit Gott (...), bzw. um in besonderen Gebetszeiten nicht abgelenkt zu werden und durch das F. die Dringlichkeit der dargebrachten Bitten zu unterstreichen.

Nehemia bittet Gott um Gelingen seines Vorhabens beim Konig und bittet Gott gleichzeitig fur das Volk in Jerusalem. Dabei wird das Vorhaben beim Konig nicht naher bezeichnet, vielleicht ist sich Nehemia selber noch nicht im klaren uber seine Plane. Das Gebet ist durch Fasten begleitet. Dies weist einerseits auf die andauernde Intensitat des Gebets hin, andererseits auf die "demutige" Haltung vor Gott, die von seiner Unterstutzung mehr fur das Gelingen seiner Plane erwartet als von den eigenen Anstrengungen.

1.6.3. Informationssammlung (1,2-3; 2,11-15)

Das Gesprach mit der Gruppe aus Jerusalem bringt fur Nehemia erste Informationen uber die Zustande in Jerusalem. In einer Ortsbegehung findet er spater diese Angaben bestatigt.

1.6.4. Zielsetzung (2,5.17.18)

Nach dem Gesprach mit den Jerusalemern entwickelt sich im Lauf der Fastentage eine klare Zielsetzung: Ich will nach Jerusalem reisen und die Stadt wieder vollstandig aufbauen. Das Ziel ist knapp formuliert und meBbar im Ergebnis.

1.6.5. Planung (2,5-8)

Im Gesprach mit seinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem persischen Konig, entwickelt Nehemia seine Absichten. Nach der Nennung des Ziels bringt er konkrete Bitten vor:

- Begleitbrief an die Statthalter jenseits des Euphrat mit der Bitte um Reiseschutz
- Begleitbrief an den Aufseher der Walder mit der Bitte um Bauholz
- Soldaten als Geleitschutz.

Die Bitten zeigen, daB Nehemia bereits eine konkrete Vorstellung von den einzelnen Schritten seines Vorhabens und eventuell auftretenden Schwierigkeiten hat.

1.6.6. Betroffenheit wecken, Helfer gewinnen (2,17)

Nach der Ortsbesichtigung in Jerusalem ruft Nehemia die leitenden Leute der Gemeinde zusammen, die "Priester, Ratsherren und Vornehmen". In kurzen, aber pragnanten Satzen malt er ihnen die Not vor Augen. Es ist auffallig, daB er, der Fremde ihnen, den Einheimischen, erklaren muB, was sie vielleicht schon seit Jahren vor Augen haben. Vielleicht hatten sie sich in einer Art Betriebsblindheit mit den MiBstanden bereits so sehr arrangiert, daB sie keine Moglichkeit oder Notwendigkeit einer Anderung mehr sahen.

Die ausschlaggebende Motivation zur Mitarbeit nach dem Aktionsplan erhalten die leitenden Jerusalemer durch den Hinweis auf "die gnadige Hand Gottes", die den persischen Konig zur Unterstutzung des Vorhabens gebracht hat.

Es ist auffallig, daB Nehemia die ersten Schritte der Problemlosung bis zur Zieldefinition im Alleingang andenkt und den Jerusalemern dann zur Entscheidung vorlegt. Er hatte auch einen anderen Weg gehen konnen, indem er den Weg von der Problemdefinition uber die Informationssammlung bis zur Zieldefinition gemeinsam mit ihnen beschritten hatte. Sein Vorgehen mag in dem mehr hierarchischen Denken seiner Zeit begrundet sein. Vielleicht spielen aber auch rein praktische Uberlegungen eine Rolle: Durch die Entfernung vom persischen Konigshof bis nach Jerusalem (fast 1000 km) ware die Problemlosung stark verzogert worden. Eine nachtragliche Rucksprache mit dem Konig und die Bitte um Unterstutzung waren nicht ohne erheblichen Zeitaufwand denkbar.

1.6.7. Organisation, Delegation und Motivation (3,1-37)

Den einzelnen Mauerabschnitten werden nun Mitglieder der Jerusalemer Gemeinde als Bauarbeiter zugeordnet. Die Organisation der Arbeit schlieBt nicht nur Fachleute aus dem Baugeschaft mit ein, sondern auch die Priester, den Apotheker und die Goldschmiede, eben nahezu alle Jerusalemer Familien. Offensichtlich war es Nehemia und den leitenden Leuten gelungen, eine groBe Zahl Mitarbeiter zur Erfullung ihres Planes zu gewinnen.

Die Motivation der Mitarbeiter kennt auch Durststrecken. Deshalb stimmen sie nach mehreren feindlichen Angriffen von auBen ein Klagelied uber die Last der Arbeit an. Die Arbeitsorganisation des Nehemia muB auch Verfahren fur den Umgang mit neu auftretenden Schwierigkeiten entwickeln. Nachdem die Mauer bis zur halben Hohe geschlossen ist, faBt das Volk wieder neuen Mut zur Weiterarbeit.

1.6.8. Konfliktlosung (5,1-13)

Im Lauf der Bauarbeiten tritt ein unvorhergesehener Konflikt auf. Immer mehr Familien verarmen dadurch, daB sich die Bauarbeiten in die Lange ziehen. Wahrend der Arbeit an der Mauer fehlt ihnen die Erwerbstatigkeit, und sie mussen ihr Eigentum an die

Reichen verkaufen, um sich und ihrer Familie den Lebensunterhalt zu sichern. Wer kein Eigentum hatte, der sah sich gezwungen, seine Kinder an die reichen Jerusalemer Burger als Sklaven zu verkaufen. Vereinzelt kam es bereits zu Vergewaltigungen.

Nehemia ist zur Konfliktlosung gezwungen. Wieder zeigt er eine personliche Betroffenheit, wahrend er mit den leitenden Leuten Jerusalems spricht. Er schlagt vor, daB den Jerusalemer Burgern ihr Schulden erlassen werden. Der Vorschlag wird akzeptiert, nachdem Nehemia selber zusagt, daB er mit gutem Beispiel vorangehen wird.

Nachdem Verfahren fur den auBeren und inneren Widerstand gefunden sind, kann der Mauerbau bis zu seiner Vollendung weitergehen.

1.6.9. Anregungen fur die gemeindliche Gruppenarbeit

Betroffenheit

Problemlosung in der Gruppe wird nicht allein durch eine Definition der Ist/Soll- Differenz in Gang gebracht. Das Fallbeispiel zeigt, daB eine ganze Volksgruppe uber Jahre mit dem MiBstand gelebt hatte, ohne eine Losung in Gang zu setzen. Erst durch die personliche Betroffenheit - in diesem Fall eines AuBenstehenden - wird die Energie zur Problemlosung aufgebracht. Erfolgreiche Problemlosung in der Gruppe setzt zumindest die Betroffenheit eines Initiators voraus.

Gebet

Wie beim Apostelkonzil und bei der Problemlosung wegen Moses Uberlastung so spielt auch in diesem Fallbeispiel das Gebet eine groBe Rolle. In der kirchlichen Gruppenarbeit kann das Gebet Ausdruck dafur sein, daB man die Grenzen der Machbarkeit in der Problem- und Konfliktlosung anerkennt.

Aktionsplanung

Gelungene Aktionsplanung bei der Problemlosung basiert auf zwei Grundlagen:

1. Eindeutige Beschreibung des Problems nach grundlicher Informationssammlung

2. Auflistung moglicher Schwierigkeiten im Lauf der Problemlosung.

Der Vorteil der Gruppe in der Problemlosung liegt in der Vielfalt ihrer Mitglieder. Dadurch konnen die Informationssammlung und die Auflistung moglicher Schwierigkeiten leichter vervollstandigt werden.

Betroffenheit wecken

Man kann von einer Gruppe nicht erwarten, daB, sobald ein Problem zur Sprache kommt, alle Gruppenmitglieder sich dieses Problem zu eigen machen. Auch wenn das Problem die ganze Gruppe betrifft, ist damit zu rechnen, daB einzelne Mitglieder sich eher distanziert verhalten. Will man nun gewahrleisten, daB die gesamte Gruppe oder wenigstens der groBte Teil sich auf einen anhaltenden LosungsprozeB einlaBt, dann kann es hilfreich sein, "die Not vor Augen zu malen", sich anhaltend mit dem MiBstand zu beschaftigen.

Multiplikatoren gewinnen

Je groBer eine Gruppe ist, desto schwerer wird es sein, die Gesamtheit ihrer Mitglieder fur die Problemlosung zu gewinnen. Das Beispiel zeigt einen Weg, damit umzugehen: Nehemia gewinnt die Schlusselpersonen der Gemeinde fur sein Vorhaben Die Effektivitat der Problemlosung in einer groBen Gruppe kann dadurch gesteigert werden, daB der LosungsprozeB vorrangig in einer uberschaubaren Gruppe der Multiplikatoren entwickelt wird.

2. Ausgewahlte Methoden der Problemlosung

Fur die Konzeption eines Problemlosungsprozesses ist es hilfreich, vorhandene

Konzepte exemplarisch zu untersuchen. Dazu eine Auswahl von drei Beispielen:

a) T.U. Schall: Konfliktursachen und Konfliktlosungen. Dies ist ein Ansatz aus dem Sozial-Management, bei dem deutlich wird, daB Problemlosung ohne Konfliktlosung nicht denkbar ist.
b) Th. Gordon: Managerkonferenz. Dabei handelt es sich um einen Ansatz aus dem Wirtschaftsmanagement, der in erster Linie Erkenntnisse aus der Gesprachstherapie verwendet und damit wesentliche Aspekte der Kommunikation beleuchtet.
c) S. Pokras: Problemlosung und Entscheidungsfindung. Dieser Ansatz aus dem Wirtschaftsmanagement bringt eine Vielfalt an Methoden und Techniken zur Sprache.

2.1. T. U. Schall: Konfliktursachen und Konfliktlosungen

Traugott Ulrich Schall ist Pfarrer der Lippischen Landeskirche und Diplom-Psychologe. Er promovierte 1983 im Fach Praktische Theologie in Erlangen. In seinem Buch "Mitarbeiterfuhrung in Kirche und Kirchengemeinde" gibt er eine Einfuhrung in Grundregeln von Personalorganisation und Mitarbeiterfuhrung in der kirchlichen Arbeit. Zielgruppe sind Personalvorgesetzte, leitende Mitarbeiter und Untergebene im kirchlichen Dienst, also vorwiegend hauptamtlich beschaftigte Personen.

Schall entfaltet Problemlosungsprozesse in einem Kapitel uber "Konfliktursachen und Konfliktlosungen". Damit beschreibt er den Konflikt als Beziehungsstorung, die Problemstellungen (als Abweichung des "Ist-Standes" vom "Sollstand") beinhaltet. Personebene und Sachebene gehen ineinander uber und mussen in einem LosungsprozeB gemeinsam behandelt werden. Seine Definition von Konflikt:

"Ein latenter (verborgener) oder manifester (offener) Gegensatz oder gar Widerstreit von zwei oder mehreren Interessen, Wunschen oder Bestrebungen, die sich entweder suvbjektiv (in der Meinung der Konfliktpartner) oder objektiv (nach den Regeln der Logik und allgemeiner Erfahrung) gegenseitig ausschlieUen".[21]

Es folgt eine zusammenfassende Darstellung seiner Ausfuhrungen zu Konfliktursachen und Konfliktlosungen.[22]

2.1.1. Konfliktursachen

Grundlage jeglicher Konfliktlosung ist die Einigkeit der Parteien uber die Konfliktursache. Diese Einigkeit begrundet ein Arbeitsbundnis auch bei kontraren Interessen. Solange sie fehlt, muB noch einmal in die Konfliktdiagnose eingetreten werden.

Funf Bereiche von Konfliktursachen:

2.1.1.1. Wahrnehmungen

Unterschiedliche Wahrnehmungen der gleichen Situation durch zwei oder mehrere Menschen bilden eine der haufigsten Konfliktquellen. Auseinandersetzung und Streit entstehen - oft ungewollt - dadurch, daB unterschiedliche Konsequenzen gezogen werden. Vier "klassische Wahrnehmungsfehler" sind:

Stereotype

Darunter versteht man uberdauernde festgelegte Sichtweisen, die oft auf Vorurteilen beruhen. Die Gefahr ist hier eine "self fullfilling profecy". Man sieht bestimmte Dinge so, daB nachher auch das eintrifft, was man befurchtet hat.[23]

Halo-Effekt

Man schlieBt von einer Eigenschaft auf andere, ohne sich zu uberzeugen, ob das auch wirklich zutrfft; z.B. "GroBe Menschen sind stark", "wortgewandte Menschen sind intelligent". Es besteht die Gefahr einer Uber- oder Unterschatzung.

Projektion

Eigene "verdrangte", d.h. nicht wahrgenommene Eigenschafen werden anderen ungepruft zugeschrieben: z.B. ein selbst unordentlicher Mensch erregt sich uber die Unordnung bei anderen. Biblisches Beispiel ist das Wort vom Balken im eigenen Auge (Mt 7,2ff)

Wahrnehmungsabwehr

Dies ist die Weigerung, Unangenehmes wahrzunehmen: "Ich sehe nur das, was mir paBt".

[...]


[1] Muller-Scholl / Priepke S. 60

[2] Rahn S. 11f

[3] Schall S. 80

[4] Gordon Managerkonferenz 1991 S. 155

[5] Pikas S. 18

[6] Mertens S.11

[7] Noth S. 116

[8] Noth S. 120

[9] Roloff S. 106

[10] Roloff S. 108

[11] Roloff S. 107

[12] vgl. die Ausfuhrungen in Kap. 2.2.1. "Problemlosung und Bedurfnisbefriedigung"

[13] Neudorfer S. 88

[14] Roloff S. 223

[15] Roloff S. 223

[16] Roloff S. 223-224

[17] Roloff S. 236

[18] Kroeker S. 117

[19] Gunneweg S. 45

[20] Lexikon zur Bibel Sp. 392

[21] Schall S. 80

[22] Schall S. 78 - 98

[23] Schall S. 82

Ende der Leseprobe aus 136 Seiten

Details

Titel
Ausgewählte Methoden der Problemlösung und ihre Bedeutung für die Gruppenarbeit mit Jugendlichen in der kirchlichen Gemeindepraxis
Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt  (Fachbereich Kirchliche Gemeindepraxis)
Note
1,3
Autor
Jahr
1994
Seiten
136
Katalognummer
V15985
ISBN (eBook)
9783638209519
Dateigröße
803 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Problem- und Konfliktlösung in der Gruppenarbeit
Schlagworte
Ausgewählte, Methoden, Problemlösung, Bedeutung, Gruppenarbeit, Jugendlichen, Gemeindepraxis
Arbeit zitieren
Georg Braß (Autor), 1994, Ausgewählte Methoden der Problemlösung und ihre Bedeutung für die Gruppenarbeit mit Jugendlichen in der kirchlichen Gemeindepraxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15985

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