Wie hängt der Mensch am Coltan?

Ein Versuch über die Kriegsökonomie in der Demokratischen Republik Kongo während des „Coltan-Booms“


Essay, 2010

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung – Spannungen

2 Der Begriff der Anerkennung
2.1 Liebe/Misshandlung
2.2 Recht/Entrechtung
2.3 Solidarität/Entwürdigung
2.4 Zwischenfazit

3 Kämpfe um Anerkennung, Überlebenskämpfe und Coltan
3.1 Anerkennung und Missachtung in fragmentieren Lebenswelten

4 Kreisläufe
4.1 und Auswege

5 Bibliographie

1 Einleitung – Spannungen

Bei der großen Anzahl konflikthafter Auseinandersetzungen weltweit – im Jahre 2009 etwa sind 365 politische Konflikte dokumentiert, darunter sieben Kriege, vierundzwanzig „severe crises“ und einunddreißig Konflikte, die unter Einsatz massiver Gewalt ausgetragen wurden (vgl. HIIK 2009 : 1) – ist auffällig, dass von diesen nur ein verhältnismäßig geringer Anteil in der medialen Öffentlichkeit thematisiert wird. Deren Aufmerksamkeit ist bisweilen sprunghaft und heftet sich oftmals an solche Konflikte, in welchen die eigene Nation oder deren Bündnispartner in Gestalt der United Nations unmittelbar involviert sind – der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan und noch vielmehr die Diskussion darum, ob sie dort lediglich zivilen Aufbau leiste oder gar einen Krieg führe, wäre hier als ein aktuelles Beispiel anzuführen (vgl. Schmidt 2009; Schuler 2009). Die zuverlässigsten Beobachter andauernder politischer und militärischer Auseinandersetzungen scheinen jene Organisationen und Akteure zu sein, die sich schwerpunktmäßig diesem Feld widmen: überstaatliche Akteure wie das United Nations Department of Peacekeeping Operations (vgl. HIIK 2009 : 6); aber auch Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International (vgl. AI 2008), zivilgesellschaftliche Akteure (vgl. Siebeneicker 2009) und nicht zu vergessen, das breite Spektrum wissenschaftlicher Konfliktforschung.

Manchmal ergeben sich allerdings Konstellationen, die ein gesteigertes gesamtgesellschaftliches Interesse an einem bestimmten Konflikt auslösen. Die Diskussion um das so genannte Coltan[1]und dessen Stellenwert für die Finanzierung des zweiten Kongo-Krieges (1998 – 2003)[2]sind Teil einer solchen Konstellation:

„Geradezu schlagartig schnellte die Nachfrage nach diesem Metall Ende der 1990er in die Höhe, weil es [...] zur Produktion von Bauteilen für Handys, Notebooks und Computer optimal geeignet ist. Die moderne Mikroelektronik wusste das Metall bei der Produktion von kleinsten Kondensatoren mit hoher elektrischer Kapazität und für leistungsfähige Chips bestens einzusetzen und bediente so den Boom in Computer- und Mobilfunkindustrie Anfang des Jahrtausends“ (Kantel/Paes 2008 : 200).

Eine veränderte Nachfrage in Bezug auf Unterhaltungselektronik und die damit einhergehende wirtschaftliche Notwendigkeit, neue Vorkommen des begehrten Materials zu erschließen, hatten zur Folge, dass in den östlichen Provinzen der Demokratischen Republik Kongo (DRK) einrushnach Coltan, dem „schwarzen Gold“, wie es im dort genannt wird, einsetzte (vgl. Kantel/Paes 2008 : 200). Tausende Menschen legten ihre reguläre Arbeit nieder und komplette Familien zogen alsCreuseurs(“Schürfer“) in die Minen und Flussbetten entlang des rohstoffreichen „Coltan-Gürtels“ zwischen Bunia, Goma, Bukava und Kindu (vgl. Kantel/Paes 2008 : 205). Bergbaugesellschaften wieSOMICOoderSOMIKIVUverkauften Coltan an kasachische, amerikanische, chinesische und deutsche Unternehmen und zwar zu Preisen, die im nachfragestarken Jahr 2000 zwischen 168 und 380 US-Dollar pro Kilogramm lagen (vgl. Kantel/Paes 2008 : 203; Tetzlaff 2008 : 165). Hinter diesen Unternehmen standen neben einzelnen Profiteuren wie beispielsweise dem deutschen Geschäftsmann Karl-Heinz-Albers (vgl. Kantel/Paes 2008 : 204f.) vor allem „Regierungssoldaten, Gefolgsleute der Warlords, zivile oder militärische Mitglieder der Provinz- und Stadtverwaltungen sowie die örtlichen Milizen“ (Tetzlaff 2008 : 165). Militärische Akteure wie die von Uganda und Ruanda unterstützte RCD (Rassenmblement Congolais pour la Démocratie) konnten durch die entstehenden Einnahmen – sie beliefen sich bei der RCD im Jahre 2000 auf schätzungsweise 240 Millionen US-Dollar (vgl. Tetzlaff 2008 : 165) – einen jahrelangen Stellungskrieg in Kivu führen; als verhinderte Regierung gegen die Truppen des damals amtierenden Präsidenten Laurent Kabila, die ihrerseits von Angola, Namibia, Sambia, Simbabwe und Tansania finanzielle sowie militärische Unterstützung erhielt (vgl. Johnson 2008 : 88f.). Später sollte man von „Afrikas Erstem Weltkrieg“ sprechen: „das südliche gegen das östliche Afrika, mit Kongo als Schlachtfeld“ (Johnson 2008 : 88).

Im Anschluss an die am 2. Juni 2000 vom UN-Sicherheitsrat eingerichtete Expertengruppe zur Untersuchung der „illegalen Ausbeutung natürlicher Ressourcen und anderer Formen des Wohlstands“ im Kongo (vgl. Johnson 2008 : 127), erzeugte vor allem die Berichterstattung über den Zusammenhang zwischen der kongolesischen Kriegswirtschaft und Coltan eine breite Resonanz, nicht nur in Expertengremien. Der Fokus der einsetzenden öffentlichen Diskussion, die bezeichnenderweise erst in Gang kam, als der „Coltan-Boom“ schon längst vorbei war, war dabei nach Interessenschwerpunkt durchaus verschieden.[3]Obwohl es durchgängig zu einer Parteinahme für die leidende Zivilbevölkerung kam (vgl. FES 2003), stand für einige der Beteiligten die Kritik am Bayerkonzern im Vordergrund, der über die Tochterfirma H.C. Stark in das Geschäft mit Coltan verstrickt war. Mehr oder weniger direkt war dies auch eine Kritik an einer „[d]unklen Seite der Globalisierung“ (Schulze 2008). Mit Rekurs auf Stimmen aus der kongolesischen Bevölkerung wurde der Rohstoffreichtum der DRK hier zu einem „Fluch“ für das Land (vgl. Wessler 2002). Auch richtete sich das Augenmerk auf die katastrophalen Folgen des Abbaus von Coltan für die Umwelt und die im Kahuzi-Biega Nationalpark beheimateten Elephanten und Berggorillas (vgl. Redmond 2001 : 3f.).[4]Wurden in diesem Spektrum auch teilweise sehr differenzierte Positionen eingenommen (vgl. ngo-online 2007), so ist doch auffällig, dass viele der Artikel – gerade in den Tageszeitungen – mit bildhafter Sprache die beteiligten Unternehmen als „gierige Kongoplünderer“ auf der „blutigen Jagd nach dem heiß begehrten Coltan“ stilisierten (vgl. Bitala 2003; FES 2003; Wessler 2002). Damit wurde offensichtlich auf die Affekte der Leserschaft gezielt. So mag bei manch einem Leser das beunruhigende Gefühl entstanden sein, etwas von diesem Blut könne auch an dem Handy in der eigenen Tasche kleben. Plötzlich schien da ein eigenartiges Nahverhältnis zu bestehen zwischen dem Käufer eines Mobiltelefons und den bewaffneten Milizen im östlichen Kongo, in der Kivu-Region. Durch das unübersichtliche Labyrinth globaler wirtschaftlicher und politischer Zusammenhänge, in welche die Bürger einer Industrienation ganz unwillkürlich eingebettet sind, ob nun als Konsumenten oder als Wähler, ließ sich ein roter Faden von Afrika nach Europa spannen. Scheinbar war der Kongo gar nicht mehr so weit entfernt wie sonst; er war nahe genug, um sich für das dortige Geschehen mitverantwortlich zu fühlen.

Aus der Retrospektive betrachtet spielt Coltan also nicht nur für die Finanzierung des zweiten Kongo-Krieges eine Rolle. Im Kontext einer öffentlichen Diskussion stiftete es zugleich auch eine schwache Verbindung zwischen den europäischen sowie amerikanischen Gesellschaften und der kongolesischen. Mit dieser Sichtbarmachung der Wechselwirkungen zwischen Coltan-Förderung und Kriegsökonomie in der DRK, blieben zugleich wesentliche Faktoren im Dunkeln: die Strukturen und Akteure, die an Ort und Stelle bewirken, dass zwischen der Ressourcenförderung und dem Krieg überhaupt ein notwendiger Zusammenhang bestehen muss. Schließlich spielt Coltan insgesamt nur eine vergleichsweise geringe Rolle, wenn man bedenkt, dass die durch den Export von Kupfer, Gold, Uran oder Diamanten erzielten Gewinne vor, während und nach dem „Coltan-Boom“ ebenso in die Gewaltökonomie flossen (vgl. Neudeck 2008; ngo-online 2007; Tetzlaff 2008 : 163-171). Und der Umstand, dass eine Ressource gefördert wird, ist sicherlich kein “Fluch“, sondern wirkt sich erst deshalb verheerend aus, weil in demfailed stateDRK ohne staatliches Gewaltmonopol und ohne breite demokratische Legitimation die Profite den einzig handlungsfähigen, sprich den militärischen oder wirtschaftlichen Akteuren zukommen. Die verarmte Bevölkerung verfügte kaum über andere Möglichkeiten, als durch die Arbeit in den Minen ihren Teil zu diesem Kreislauf beizutragen.[5]Aber gerade deshalb ist das Phänomen des „Coltan-Booms“ in Kivu während der Jahre 1999 und 2000 geeignet, um an diesem exemplarisch die Motivationen der Akteure und die verantwortlichen Strukturen zu verstehen und alternative Szenarien aufzuzeigen; auch deshalb, weil diese zum Teil nach wie vor weiter bestehen.

„Ein Versuch über die Kriegsökonomie in der Demokratischen Republik Kongo während des ¸Coltan-Booms΄“ muss sich hierbei meines Erachtens zwei Herausforderungen stellen. Zunächst muss ein solchen Unterfangen darlegen können, welche Faktoren für das Zustandekommen der Kriegsökonomie förderlich waren und wie diese aus der allgemein schwierigen Situation der DRK resultierten. Die zweite Herausforderung stellt sich, weil die öffentliche Diskussion um den „Coltan-Boom“ in Deutschland, durch welche auch meine Arbeit letztlich angeregt wurde, nicht bloß die “wahren Zusammenhänge“ verdeckt, sondern selbst Bestandteil des Problems ist: es kann in diesem Rahmen keinen “objektiven“ oder erschöpfenden Zugriff auf das Phänomen „Kriegswirtschaft und Coltan“ im Kongo geben. Dies zeigt sich schon an den verschieden Schwerpunktsetzungen in der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion um den „Coltan-Boom“.[6]Stets bleiben Fragen, wie durch sekundäre Quellen, Statistiken und Berichte gültige Aussagen über die Zusammenhänge von Krieg und Coltan zu treffen sind; welchen Zusammenhängen größere Bedeutung beizumessen ist und wie kulturell vorgeprägten Begriffe und Theorien auf nicht-europäische soziale und politische Strukturen bezogen werden können.

Im Folgenden möchte ich versuchen, den Begriff der Anerkennung, wie ihn Axel Honneth in seinem WerkKampf um Anerkennungskizziert, auf Aspekte der Gesellschaft, der Ökonomie und der Politik in der DRK zu beziehen, um darzulegen, wie das Ausbleiben gelingender Anerkennungsverhältnisse und das Fehlen von Räumen, in welchen Kämpfe um Anerkennung institutionalisiert ausgetragen werden können, militärisches Handeln, den Abbau von Coltan und so die Gewaltökonomie fördern. Um diesen kulturell vorgeprägten Begriff nicht einfach der kongolesischen Gesellschaft “überzustülpen“, will ich versuchen, den Begriff in Auseinandersetzung mit dem Textmaterial über die DRK neu zu formulieren. Hierzu wähle ich die Form des Essays, um den Anerkennungsbegriff kontextspezifisch zu bestimmen. So erlaubt der Essay ein Verständnis des Kongo im Angesicht der Begrenztheit der eigenen Perspektive und zielt mehr auf die bestimmte Deutung des Phänomens, denn auf eine abschließende Kausalerklärung:

„Wie der Essay die Begriffe sich zueignet, wäre am ehesten vergleichbar dem Verhalten von einem, der in fremdem Land gezwungen ist, dessen Sprache zu sprechen, anstatt schulgerecht aus Elementen sie zusammenzustümpern. Er wird ohne Diktionär lesen. Hat er das gleiche Wort, in stets wechselndem Zusammenhang, dreißigmal erblickt, so hat er seines Sinnes besser sich versichert, als wenn er die aufgezählten Bedeutungen nachgeschlagen hätte, die meist zu eng sind gegenüber [...] den unverwechselbaren Nuancen, die der Kontext in jedem einzelnen Fall stiftet“ (Adorno 1974 : 21).

Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich daher möglichst knapp den Begriff der Anerkennung diskutieren und darlegen, warum er sowohl für das Handeln als auch die Identität der Akteure in gesellschaftlichen Kontexten einen hohen Stellenwert einnimmt. Zudem möchte ich deutlich machen, dass der Begriff „Anerkennung“ durch die Verschränkung mit dem Begriff der Identität auch einen Bezug zur Kategorie „Gender“ unterhält. Anschließend werde ich in einem kurzen Essay den Anerkennungsbegriff auf die Lebenswelt des Kivu in den Jahren 1999/2000 beziehen. In Auseinandersetzung mit den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Segmenten, die Bestandteil des Kreislaufs der Kriegsökonomie waren, werde ich die Muster von Idenitätsbildung und die Forderungen nach Anerkennung in der Bevölkerung herausarbeiten und darlegen, wie deren Missachtung einen entscheidenden Einfluss auf das zu verstehende Phänomen hatte. Im letzten Teil werde ich auf diese Auseinandersetzung reflektieren und davon ausgehend mögliche Anknüpfungspunkte für Prozesse des Peacebuilding und Nationbuilding aufzeigen.

2 Der Begriff der Anerkennung

In seinem WerkKampf um Anerkennung – Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikteentwirft Axel Honneth den Begriff der Anerkennung in der Auseinandersetzung mit den Theorien von George Herbert Mead, Georg Wilhelm Friedrich Hegel sowie Karl Marx, Jean-Paul Sartre und Georges Sorel. Ziel dieses Unterfangens ist es, „die Grundlagen einer normativ gehaltvollen Gesellschaftstheorie zu entwickeln“ (Honneth 1994 : 7). Anerkennung wird hierbei als intersubjektiver, konflikthafter Prozess gedacht:

„Den Ausgangspunkt einer solchen Gesellschaftstheorie muß der Grundsatz ausmachen, in dem der Pragmatist Mead mit dem frühen Hegel prinzipiell übereingestimmt hatte: die Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens vollzieht sich unter dem Imperativ einer reziproken Anerkennung, weil die Subjekte zu einem praktischen Selbstverhältnis nur gelangen können, wenn sie sich aus der normativen Perspektive ihrer Interaktionspartner als deren soziale Adressaten zu begreifen lernen“ (Honneth 1994 : 148).

Dem Begriff der Anerkennung ist eigen, dass er den Prozess der Individuierung durch Anerkennungsverhältnisse mit dem der Erweiterung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Anerkennung verknüpft.[7]Die Frage nach der eigenen Identität („Wer bin ich?“) ist bezogen auf die nach den Möglichkeiten ihrer gesellschaftlichen Entfaltung („Wie will ich leben?“):

„Zum Baustein einer Gesellschaftstheorie kann die damit umrissene Entwicklungshypothese jedoch nur in dem Maße werden, in dem sie auf Vorgänge innerhalb der sozialen Lebenspraxis systematisch zurückbezogen wird: es sind die moralisch motivierten Kämpfe sozialer Gruppen, ihr kollektiver Versuch, erweiterten Formen der reziproken Anerkennung institutionell und kulturell zur Durchsetzung zu verhelfen, wodurch die normativ gerichtete Veränderung von Gesellschaften praktisch vonstatten geht“ (Honneth 1994 : 149).

Das so entworfene Konzept umfasst also nicht nur den individuellen Kampf um Anerkennung, sondern verweist im Sinne einer kritischen Sozialtheorie auf das Bestreben ausgeschlossener Gruppen nach gesamtgesellschaftlicher Anerkennung („Wie wollen wir leben?“) und damit auch auf Missachtungserfahrungen durch beschädigte Anerkennungsverhältnisse. Honneth reformuliert die Theoreme zur Anerkennung der frühidealistischen Sozialphilosophie des jungen Hegels und der materialistisch-empirischen Sozialpsychologie Meads in drei Interaktionssphären: Liebe, Recht und Solidarität. Analog dazu beschreibt er drei Formen der Missachtung: Misshandlung, Entrechtung und Entwürdigung. Diese drei Anerkennungssphären werde nun ich nun mit ihren jeweiligen Missachtungsformen kurz abhandeln.[8]

[...]


[1] Eigentlich ist Coltan die Abkürzung für Columbit-Tantalit, das „erstmals 1802 von Anders Gustav Ekeberg entdeckt [wurde]; es handelt sich um eine Verbindung der Metalle Tantalum (Ta) und Columbit (Cb), wobei letztes auch unter dem Namen Niobium (Nb) bekannt ist. Das hervorstechendste Merkmal dieses wertvollen Erzes ist seine Widerstandsfähigkeit gegen Säuren. Dabei bemisst sich der Wert von Coltan vor allem nach seinem Tantalit-Anteil. Tantalit gehört zu den Schwermetallen und ist mit einer Dichte von 16,654 g/cm3 doppelt so schwer wie Stahl. Es hat einen sehr hohen Schmelzpunkt von 2,996°C und zeichnet sich durch seine gute Formbarkeit bei gleichzeitig großer Härte aus. Bei sehr tiefen Temperaturen zeigt Tantalit außerdem, wie auch Niobium, Supraleitfähigkeit“ (Kantel/Paes 2008 : 200).

[2] Der zweite Kongo-Krieg wäre hier als „neuer Krieg“ zu kategorisieren: „Charakteristisch für "neue Kriege" sind [...] die Verbreitung von Kleinwaffen und das Auftreten privater Gewaltakteure. [...] Aufseiten der externen Drittparteien kommen verstärkt neue Akteure ins Spiel, insbesondere Nicht-Regierungsorganisationen (NROs) und internationale Organisationen wie die UNO und ihre Spezialorganisationen. Auch Regionalorganisationen wie die Afrikanische Union, die EU und die OSZE betätigen sich zunehmend. Ein wichtiger Unterschied gegenüber früheren Konflikten besteht darin, wie sich Rebellengruppen mittlerweile finanzieren. Konnten sie während des Ost-West-Konflikts noch darauf hoffen, durch einen der beiden Blöcke Unterstützung für ihren Kampf zu erhalten, sind sie heute darauf angewiesen, die Mittel zur Fortsetzung ihres Kampfes selbst zu erwirtschaften“ (Lambach 2009 : 1). Betreffs des Zusammenhangs der „neuen Kriege“ und der Gewaltökonomien vergleiche auch: (Heupel 2009 : 9-12).

[3] „Der Boom endete im Dezember 2000 nach einer Entscheidung der amerikanischenDefense Logistics Agency(DLA), ihre strategischen Lagerbestände an Tantalit auf den Markt zu werfen, um den weiteren Preisanstieg zu bremsen“ (Kantel/Paes 2008 : 203). So lag der Preis für Coltan 2005 nur noch bei 40 US-Dollar pro Kilogramm.

[4] Aktionen für die Arterhaltung der Gorillas werden bis heute durchgeführt; in zahlreichen Bibliotheken, so auch in der Bibliothek des IPW der RWTH Aachen, finden sich Sammelboxen für Spenden.

[5] Die Zusage H.C. Starks, kein Coltan mehr aus dem Kongo zu verwenden, die ohnehin erst erfolgte, als dieser als Lieferant schon keine Rolle mehr spielte, wird an der internationalen Nachfrage wenig ändern. Im Gegenteil: dass heute viele chinesische Unternehmen Coltan aus der DRK beziehen, wird in der „chinesischen Öffentlichkeit“ wohl auf geringere Resonanz stoßen als in Europa. Mittlerweile soll sich sogar ein neuer „Coltan-Boom“ anbahnen (vgl. Prowildlife 2009), ein weiteres Indiz dafür, dass die alten Strukturen noch immer fortwirken.

[6] Im Zusammenhang mit der DRK wird auch von einem „dominanten Paradigma“ gesprochen, welches der kausalen Erklärung der dortigen Vorgänge und Identifikation relevanter Akteure nicht dienlich sei, da es auf überkommene Stereotypen zurückgreife und deshalb mehr dazu diene, die Interessen „dominanter Akteure“ zu legitimieren, anstatt durch eine Auseinandersetzung mit der kongolesischen Wirklichkeit, eine wissenschaftliche Erkenntnis zu ermöglichen (vgl. Nour 2008 : 42f.). Obwohl mir ein Bezug zur empirischen Wirklichkeit der DRK unabdingbar erscheint und ebenso notwendig wie eine kritische „Reinigung“ der verschiedenen Paradigmen von Annahmen, die nicht haltbar sind, so löst dies noch keineswegs das erkenntnistheoretische Problem der Bedingtheit des eigenen Standpunktes.

[7] Honneths umfassende Rekonstruktion der Theorien von Hegel und Mead vollzieht sich durch eine Arbeit am Begriff, die sich insbesondere im Falle Meads auf empirische Forschungen stützt, welche die Bedeutung intersubjektiver Anerkennungsprozesse für die Entwicklung der frühkindlichen Identität zum Gegenstand haben. Diese umfassenden Forschungsergebnisse werde ich im Rahmen meiner Arbeit nicht rekonstruieren können. Für ein näheres Verständnis der Instanzen normativer Vergesellschaftung (Me, I, self, generalisierter anderer)und neueren Untersuchungen zu frühkindlichen Entwicklung vergleiche: (Honneth 1994 : 114 – 128; 160-174).

[8] Diese Missachtungsformen sind derart auf die Anerkennungssphären bezogen, dass etwa eine Misshandlung das Selbstertrauen zerstört, dass in der Sphäre die Liebe entstehen kann. Der Akt der Misshandlung selbst hat natürlich auch rechtliche Implikationen wie er sich auch auf die Sphäre der Solidarität auswirken kann (vgl. Honneth 1994 : 214f.). Als Beispiel für eine Misshandlung kann hier die Straftat der Vergewaltigung dienen, die das Selbstvertrauen der betroffenen Person zerstört, aber zugleich einen Strafbestand bildet und sozialen Ausschluss nach sich ziehen kann.

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Details

Titel
Wie hängt der Mensch am Coltan?
Untertitel
Ein Versuch über die Kriegsökonomie in der Demokratischen Republik Kongo während des „Coltan-Booms“
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
30
Katalognummer
V159859
ISBN (eBook)
9783640762347
ISBN (Buch)
9783640762422
Dateigröße
831 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Coltan, Congo, Kriegsökonomie, Anerkennung, Essay
Arbeit zitieren
Sebastian Weirauch (Autor:in), 2010, Wie hängt der Mensch am Coltan?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159859

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