Der Kampf um das Elsass in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

35 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die geopolitische Situation im Elsass vor dem Westfalischen Frieden

3. Der Westfalischen Frieden - Ausgangspunkt des Streits um das Elsass

4. Das Ringen um die elsassische Dekapolis 1648-1672
4.1. Das Elsass nach dem Westfalischen Frieden
4.2. Die Entwicklung seit der Regierungsubernahme Ludwigs XIV. 1661

5. Der Kampf um das Elsass im Schatten des Hollandischen Krieges 1672-1679
5.1. Die Eroberung der Dekapolis und der weitere Kriegsverlauf am Oberrhein
5.2. Der Frieden von Nimwegen

6. Reunionen, Regensburger Stillstand und der Friede von Rijswijk - Das Elsass wird Teil der franzosischen Monarchie

7. Schlussbemerkungen

8. Literatur
8.1. Primarliteratur
8.2. Sekundarliteratur

1. Einleitung

Nach dem Ende des verheerenden DreiBigjahrigen Krieges fand sich das Elsass seit 1648 in einem die Existenz der elsassischen Reichsstande bedrohenden Spannungs- feld zwischen Frankreich, dem Kaiser und dem Heiligen Romischen Reich Deut- scher Nationen wieder. In der zweiten Halfte des 17. Jahrhunderts entbrannte dar- aus der Kampf um das Elsass, der mit der Ausnahme der militarischen Auseinan- dersetzungen im Hollandischen Krieg 1672-1679 und im Pfalzischen Erbfolgekrieg 1688-1697 groBtenteils diplomatisch ausgefochten wurde. Dabei verfing sich die Elsass-Problematik in Verbindung mit der Frage nach der Grenzziehung zwischen Frankreich und dem Reich zunehmend in dem heraufziehenden Dissens zwischen den Hausern Bourbon und Habsburg und den Interdependenzen der groBen europa- ischen Politik

In der vorliegenden Arbeit soll die rund 50 Jahre andauernde Entwicklung, an de- ren Ende das Elsass ein Teil der franzosischen Monarchie wurde, nachgezeichnet werden. Nach einer Bestandsaufnahme der politisch-territorialen Gegebenheiten im Elsass und deren Veranderungen durch die Bestimmungen des Westfalischen Frie- dens von 1648, dem Ausgangspunkt der Auseinandersetzung zwischen Frankreich und dem Reich, liegt dabei ein Schwerpunkt auf der Darstellung des langwierigen Rechtsstreites um die Elsassische Dekapolis. Daran anknupfend soll die Eroberung des Zehnstadtebundes und der sechsjahrige Kampf am Oberrhein wahrend des Hol­landischen Krieges, der eine Entscheidung dieses Konfliktes zu Gunsten Ludwigs XIV. herbeifuhrte, geschildert werden. Den Abschluss der Betrachtung bilden die Reunionspolititk, mit der die verbliebenen elsassischen Reichsstande franzosischer Souveranitat unterworfen wurden, und die Umstande, die es dem Sonnenkonig an- schlieBend ermoglichten, sich den Besitz des gesamten Elsass durch das bedrohte Reich volkerrechtlich sanktionieren zu lassen.

2. Die geopolitische Situation im Elsass vor dem Westfalischen Frieden

Die Zeitgenossen des 17. Jahrhunderts verwendeten den Begriff „Elsass“ in erster Linie in Bezug auf die geographische Region im Sudwesten des Reichs als solche und assoziierten damit nicht etwa ein politisch und kulturell homogenes Territori- um mit gemeinsamer Identitat.1 Der Naturraum Elsass wird durch die landschaftli- chen Gegebenheiten, den Oberrhein im Osten und die unwegsamen Hohenzuge der Vogesen im Westen, mehr oder weniger eindeutig begrenzt, so dass er sich als etwa 200 km langer Streifen von der Lauter im Norden bis zu den Auslaufern des Ber- ner-Jura auf der Hohe von Basel und Belfort im Suden erstreckt. Ein Landgraben sudlich von Schlettstadt, dem heutigen Selestat, trennt die Region in das Unterel- sass und das Oberelsass mit der Landschaft Sundgau.

Weitaus unubersichtlicher gestalteten sich die komplizierten Besitz- und Machtver- haltnisse im kleinraumig aufgeteilten Elsass der Fruhen Neuzeit. Aufgrund ihrer GroBe zahlten bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts die linksrheinischen Gebiete Vor- derosterreichs mit dem Vorort Ensisheim2 und das Furstbistum StraBburg zu den wichtigsten Korperschaften. Wirtschaftliche und politische Zentren des Elsass wa- ren jedoch zweifelsohne die zahlreichen Stadte, allen voran die freie Reichsstadt StraBburg und der Bund zehn freien Reichsstadte, die so genannte Elsassische De- kapolis.3 Zu weiteren Elementen des elsassischen Flickenteppichs geistlicher und weltlicher Domanen formierten sich die kaiserliche Landvogtei Hagenau mit der zughorigen Reichsvogtei Kaisersberg, diverse Grafschaften (z.B. Hanau-Lichten- berg, Rappolstein), und die Gebiete der Reichsritterschaft. Zudem existierten Besit- zungen nicht-elsassischer Herrscher, wie die Landstriche der Wurttemberger um Colmar, oder die des Bischofs von Speyer um WeiBenburg. Eine signifikante Aus- nahme stellte nur Mulhausen (Mulhouse) dar, das bereits im 16. Jahrhundert seinen Status als freie Reichstadt aufgab und sich als Stadtrepublik der Schweizer Eidge- nossenschaft zuwendete.4

Die Elsassische Dekapolis, die Landvogtei Hagenau und insbesondere das beider- seitige Verhaltnis zueinander bedurfen einiger zusatzlicher Bemerkungen, da sich um diese Korperschaften - zumindest aus rein rechtlicher Sicht - ein Schwerpunkt in der Auseinandersetzung um das Elsass zwischen der Krone Frankreichs und dem Reich entwickeln sollte. Seit dem Jahr 1354 hatten sich zehn elsassische, freie Reichsstadte aus eigenem Antrieb und der Initiative Kaiser Karls IV. zu einem auf Dauer angelegten, politisch unabhangigen Stadtebund zusammengeschlossen, der vorrangig zur Sicherung des standig bedrohten Landfriedens beitragen sollte. Im Einzelnen waren dies Munster im Gregoriental, Turkheim, Kaisersberg, Colmar, Oberehnheim, Schlettstadt, Rosheim, Hagenau, WeiBenburg und Landau, das sich selbst dem Speyergau zugehorig betrachtete.5

In den jahrlich mehrfach abgehaltenen Stadteversammlungen waren alle Mitglieder mit je einer Stimme gleichberechtigt vertreten, obwohl Hagenau wegen seiner Na- he zur Landvogtei und das wirtschaftlich starke Colmar unbestritten als Vororte herausragten. Aus logistischen Grunden traf man sich zunachst in Schlettstadt, spa- ter fast ausschlieBlich auf „neutralem Terrain“ in StraBburg, das zwar zu keinem Zeitpunkt Mitglied der Dekapolis war, aber uberwiegend gute Beziehungen mit den einzelnen Stadten pflegte. Durch den defensiven Charakter des Stadtebundes be- herrschten vor allem innerstadtische Angelegenheiten, Streitigkeiten untereinander und die jahrlichen Gesandtschaften an den Kaiser die Tagesordnungen.6 Die immediaten Stadte der Dekapolis sahen sich lediglich dem jeweiligen Kaiser als Reichsoberhaupt durch einen jahrlich zu erneuernden Eid zur Treue verpflich- tet, entrichteten einen nicht unbetrachtlichen Betrag als Reichssteuer und waren in Fallen der hoheren Gerichtsbarkeit nur den Reichsgerichten unterworfen. Die Reichsstandschaft erlaubte ihnen die direkte Vertretung in den entsprechenden Standeorganisationen des Reichsverbandes: dem Stadtebund, dem Reichstadtetag, dem unterelsassischen Landtag, dem Oberrheinischen Reichskreis und naturlich dem Reichstag, als wichtigste, politische Instanz des Alten Reiches.7 Die Dekapolis etablierte sich im 15. und 16. Jahrhundert als politisch-wirtschaft- licher Machfaktor im Elsass, auch weil es den Kommunen durch einen engen Zu- sammenhalt und das konzertierte Auftreten gelang, ihre stadtischen Verfassungen, Privilegien und den Status ihrer Reichsunmittelbarkeit gegenuber aufstrebenden Landesherren zu verteidigen. Selbst die Zerreisprobe der Reformation - Landau, WeiBenburg und Munster wurden protestantisch, Colmar gemischtkonfessionell - entzweite die Verbundeten nicht. Allerdings wies der Zehnstadtebund mit dem Fehlen einer gemeinsamen Kasse, eigener Truppen und permanent beschaftigtem Personal erhebliche, strukturelle Defizite auf, die ihn potentiell verwundbar er- scheinen lieB.8

Da die Dekapolis demzufolge nie zu einem militarischen Faktor reifen konnte, wurde dem Bund bereits bei seiner Grundung der Landvogt zu Hagenau als Schutzherr durch Kaiser Karl IV. zur Seite gestellt. Die Landvogtei galt seit ihrer Einrichtung im 13. Jahrhundert unumstritten als kaiserliches Lehen, und ging als solches zu Beginn des 15. Jahrhunderts in den Besitz der Habsburger uber. Den Stadtbann von Hagenau ausgenommen, herrschte der Landvogt in Vertretung des Kaisers uber rund 40 umliegende Reichsdorfer, den Hagenauer Reichsforst und einige Kloster. Seine Funktion als Schutzherr der Dekapolis umfasste etliche, indi- viduell mit den Stadten verhandelte Kompetenzen9, war aber nicht mit der Ober- herrschaft eines Landesherren gleichzusetzen.10

In feierlichen, rituellen Amtseinfuhrungen gelobte der Landvogt den Stadten die Bewahrung vor auBeren Bedrohungen und den Erhalt der kommunalen Rechte und Freiheiten. Die Stadte verpflichteten sich im Gegenzug zu Treue und Gehorsam im Namen des Kaisers und des Reichs, und sicherten ihm jeweils in sogenannten Re- versalen die unterschiedlichsten Rechte zu.11 Diese mittelalterlich gepragte, ver- tragliche Verflechtung wurde der Dekapolis und anschlieBend groBen Teilen des Elsass in dem Moment zum Verhangnis, als die Landvogtei 1648 im Vertrag von Munster in den souveranen Besitz der franzosischen Krone uberging.

3. Der Westfalischen Frieden - Ausgangspunkt des Streits um das Elsass

Nachdem Frankreich im Verlauf des 30-jahrigen Krieges die schwedische Stellung in Suddeutschland ubernommen hatte und somit auch das Elsass kontrollierte, suchte man auf dem Westfalischen Friedenskongress Satisfaktion fur die eigenen, erfolgreich vorgetragenen Militaroperationen und die Befreiung aus der „Habsbur- gischen Umklammerung“. Demgegenuber sah sich Wien auch durch die oppositio- nelle Haltung der meisten Reichsstande, die die Zentralisierungs- und Rekatholisie- rungsbestrebungen des Kaisers furchteten, in den Verhandlungen gewissermaBen isoliert. Es ist demnach nicht verwunderlich, dass die Garantiemacht Frankreich seine territorialen Anspruche durchsetzen und neben dem Reich vor allem das Haus Habsburg zur „Aufwandsentschadigung“ hafbar machen konnte.

Das vorrangigste Ziel Kaiser Ferdinands III. in dieser Situation, unter allem Um- standen eine Reichsstandschaft des franzosischen Konigs und damit eine mogliche, spatere Kaiserwahl desselben zu vermeiden, lieB nur eine praktikable Option zu: die gleichzeitige Abtrennung der von Frankreich beanspruchten Titel und Territo- rien aus dem Reichsverband.12 Dieses Schicksal ereilte unter anderem die drei loth- ringischen Bistumer Toul, Metz und Verdun, deren endgultiger Ubergang in fran- zosische Souveranitat insofern erwahnt werden sollte, als dass sie die Ausdehnung Frankreichs bis an die Grenzen des Alten Reiches im Sudwesten bzw. des Elsass bedeuteten und als strategisch vorteilhafte Aufmarsch- und Ruckzugsgebiete fur die spateren Expansionsgeluste Ludwigs XIV. dienen sollten.13

Im Gegensatz zu den unumstrittenen Abtretungen in Lothringen, boten die in der ublichen, unprazis gehaltenen Vertragssprache der Zeit abgefassten Bestimmungen bezuglich des Elsass den Ausgangspunkt fur eine konkurrierende Interpretation in Paris und Wien. In den Paragraphen 73 und 74 des Vertrags von Munster zedierte Kaiser Ferdinand III. samtliche „Befugnisse Eigentumsrechte, Besitzungen und Gerichtsbarkeiten, die bis jetzt ihm, dem Reich und dem Hause Osterreich zustan- den auf die Stadt Breisach, die Landgrafschaft Ober- und Unter-Elsafi, den Sund- gau und die Landvogtei uber die zehn im Elsafi gelegenen Reichsstadte, namlich Hagenau, Colmar, Schlettstadt, Weifienburg, Landau, Oberehnheim, Rosheim, Munster im St. Gregoriental, Kaysersberg und Turkheim“14 an die Krone Frank- reichs.

Wahrend der Umfang des habsburgischen Allodialbesitzes im Sundgau mit seinem administrativen Zentrum Ensisheim als relativ eindeutig einzugrenzen war, gestal- tete sich die konkrete Auslegung der ubrigen Frankreich zugestandenen Titel weit- aus problematischer. Im Zusammenhang mit dem Amt und den Besitzungen der kaiserlichen Landvogtei Hagenau wurden die Stadte der Dekapolis namentlich auf- gefuhrt, ohne jedoch das komplizierte, beiderseitige Verhaltnis hinreichend bei der Formulierung zu berucksichtigen. Dabei ermoglichen sowohl die lateinische Fas- sung als auch die deutsche Ubersetzung15 in Verbindung mit der peniblen Aufzah- lung der Stadte zwei divergierende Lesarten: eine Franzosische, die aus der Schutzherrenfunktion des Landvogts herrschaftliche Anspruche uber die Dekapolis ableitet, und eine Zweite aus Sicht des Reiches und der betroffenen Stadte, die sie ausdrucklich von den Besitzungen der Landvogtei ausklammert.16

Ahnlich missverstandlich in der Reihe der Abtretungen an Frankreich war der, von den kaiserlichen Gesandten in Munster selbst eingebrachte, Begriff des „landgravi- atum superioris et inferioris Alsatiae“17, der Landgrafschaft Ober- und Unterel- sass. Dieser Rechtstitel entpuppte sich insofern als Mogelpackung, da er den Fran- zosen eine territoriale GroBe und Geschlossenheit im Elsass suggerierte, die zwar fur den Sundgau zutreffend gewesen sein mag, jedoch den Besitzverhaltnissen im ubrigen Elsass keineswegs gerecht wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt war „Landgraf im Unterelsass“ ein eher „belangloses Ehrenrecht des StraBburger Bischofs“18, ohne nennenswerte Einflussmoglichkeiten. Trotzdem mussten die elsassischen Reichsstande nun befurchten, dass Frankreich durch eine findige Rechtsauslegung der erworbenen Landgrafschaft die Ausweitung des eigenen Herrschaftsbereichs auf ihre Kosten vorantreiben konnte.19

Um dergleichen auszuschlieBen und auch die Frage der Dekapolis zu klaren, wurde dem Munsteraner Vertragswerk der Artikel Teneatur Rex (IPM §87) hinzugefugt, in dem der franzosische Konig garantierte, „die ubrigen, in beiden Elsafi dem Ro- mischen Reich unmittelbar unterstellten Stande,(...), ingleichen die ehgenannten zehn Reichsstadte, die zur Vogtei Hagenau gehoren, in derselben Freiheit und dem Besitz der Reichsunmittelbarkeit zu belassen, deren sie sich bisher erfreut haben, dergestalt dafi er keine weitergehende konigliche Oberhoheit uber sie beanspru- chen kann, sondern sich mit allen Rechten begnugt, die dem Hause Osterreich zu- standen und durch diesen Friedensvertrag an die Krone Frankreichs abgetreten werden“[20].

Auf den ersten Blick bekraftigte dieser Artikel nochmals den Erhalt der Freiheit fur die Reihe der aufgefuhrten, elsassischen Reichsstande und deren eindeutige Aus- nahme von der Zession an Frankreich. Allerdings relativierte der von der franzosi- schen Delegation angehangte und von der kaiserlichen nicht beanstandete Passus „jedoch so, dafi man jenes gesamte Oberherrschaftsrecht, das oben gewahrt wor- den ist, durch gegenwartige Erklarung in nichts als geschmalert betrachten soil.“21 die an sich klaren Bestimmungen erneut betrachtlich. Anstatt Rechtssicherheit zu schaffen, wurde IPM §87 somit Ausdruck des neu geschaffenen Problems: ein un- aufloslicher Widerspruch zwischen der franzosischen Souveranitat uber die Land- grafschaf und die Landvogtei Hagenau einerseits und dem Fortbestehen der Frei- heiten und der uneingeschrankten Reichsunmittelbarkeit der beim Reich verbliebe- nen, elsassischen Stande auf der anderen Seite.22

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass Frankreich durch die Bestimmungen des Westfalischen Friedens „volkerrechtlich verbindlich"23 in Teilen des Elsass FuB fassen konnte. Die linksrheinisch-habsburgischen Territorien, der GroBteil des Oberelsass, gingen 1648 ebenso in franzosische Souveranitat uber, wie die Land- grafschaf Ober- und Unterelsass und die Landvogtei Hagenau. Der Umstand, dass diese Reichsamter mit ihren umstrittenen Rechten gegenuber anderen reichsunmit- telbaren Standen an Frankreich fielen und gleichzeitig nichts zur Entflechtung der unubersichtlichen Rechts- und Besitzverhaltnisse beigetragen wurde24, verkompli- zierte die politische Situation im Elsass zusatzlich und schuf das Potential fur einen neuen Konflikt.25 Zu verantworten hatte den unpraktikablen, verhangnisvollen Kompromiss vor allem der Wiener Hof, der nicht davor zuruckschreckte, Reichs- korperschaften preiszugeben, um den Schaden fur die eigene Hausmacht moglichst gering zu halten. Wie eng jedoch die Spielraume fur den Kaiser in Munster und Osnabruck tatsachlich waren, wird unter anderem darin deutlich, dass trotz aller Zugestandnisse im Elsass letztlich sogar die strategisch bedeutsamen, rechtsrheini- schen Festungen Breisach (IPM §73) und Philippsburg (IPM §76) zur Restitution Freiburgs und des Breisgaus an Frankreich abgetreten werden mussten.26

4. Das Ringen um die elsassische Dekapolis 1648-1672

4.1. Das Elsass nach dem Westfalischen Frieden

Der Abschluss des Westfalischen Friedensvertrages war fur das Elsass nicht gleich- bedeutend mit dem Ende der unmittelbaren Auswirkungen des verheerenden Krie- Krieges. Schwedische und franzosische Truppen hielten Quartier in den Stadten der Dekapolis und versorgten sich aus dem Umland. Die lothringische Armee Herzog Karls IV., die spanische Garnison Frankenthals (Pfalz) und selbst die kaiserliche Besatzung von Offenburg unternahmen immer wieder Streifzuge durch das Unter- elsass, bei denen sie marodierten und willkurlich Kontributionen einforderten.27 Obendrein wurden die demografisch und wirtschaftlich stark geschwachten Reichs- stande im Elsass zur Satisfaktion der schwedischen Armee herangezogen und mussten sich zum Teil hoch verschulden, um die enormen Summen aufbringen zu konnen. Gut zwei Jahre lang hielt dieser Zustand an, wahrend auf dem Nurnberger Exekutionstag um die praktische Abwicklung des Friedens zah gerungen wurde. Erst im Herbst 1650, nachdem Franzosen und Schweden die Reichsgebiete geraumt hatten, kehrte im Elsass langsam die politische Ordnung gemaB der Vereinbarun- gen von 1648 ein.28

[...]


1 Vgl. Klaus-Jurgen Matz: Das Elsass als Teil der franzosischen Monarchie (1648-1789), in: Micha­el Erbe (Hrsg.): Das ElsaB: historische Landschaft im Wandel der Zeiten. Stuttgart 2002, S. 84­101, hier S. 85; Bernard Vogler: Die Elsassische Dekapolis (1354-1679), in: Bernhard Kirch- gassner/ Hans-Peter Becht (Hrsg.): Vom Stadtebund zum Zweckverband. Sigmaringen 1994, S. 21-28, hier S. 21.

2 Vgl. ausfuhrliche Darstellung des Habsburger Allodialbesitzes im Oberelsass bei: Johann Rainer:

Habsburg und ElsaB, in: Eugen Thurnher: Das ElsaB und Tirol an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. Innsbruck 1994, S. 47-53, hier S. 47-50.

3 Vgl. Christian Ohler: Zwischen Frankreich und dem Reich: die elsassische Dekapolis nach dem

Westfalischen Frieden. Frankfurt/M. 2002, S. 21; Vogler: Dekapolis, S. 21.

4 Vgl. ebd., S. 26; Matz: Das Elsass, S. 84, 87-89.

5 Das Grundungsmitglied Mulhausen verlieB die Dekapolis 1516, Landau hatte sich 1512 aus dem

Besitz des Bischofs von Speyer „freigekauft“ und trat 1521 dem Bund bei. Vgl. Vogler: Deka­polis, S. 21f., 25f.; Ohler: Zwischen Frankreich und dem Reich, S. 19f.

6 Vgl. ebd., S. 20, 27-40; Vogler: Dekapolis, S. 23f.

7 Vgl. Ohler: Zwischen Frankreich und dem Reich, S. 26.

8 Vgl. ebd., S. 20; Vogler: Dekapolis, S. 24-27.

9 Vereinfacht kann hierzu festgehalten werden, dass der Landvogt oder ein von ihm bestimmter

Vertreter den Neubesetzungen der stadtischen Amter beiwohnen durfte, die Reichssteuer ein- zog und in einigen Stadten die Hochgerichtsbarkeit inne hatte. Vgl. Ohler: Zwischen Frankreich und dem Reich, S. 42-44.

10 Vgl. ebd., S. 41f.; Rainer: Habsburg und ElsaB, S. 50; Vogler: Dekapolis, S. 21f.

11 Vgl. Ohler: Zwischen Frankreich und dem Reich, S. 42.

12 Vgl. Dietrich Pfaehler: Die Kapitulation der Reichsstadt Strafiburg am 30. September 1681, ihre

Vorgeschichte und ihre Folgen, in: Wilfried Forstmann u.a. (Hrsg.): Der Fall der Reichsstadt Strafiburg und seine Folgen: Zur Stellung des 30. September 1681 in der Geschichte. Bad Neu- stadt/Saale, 1981, S. 3-54, hier S. 13f.; Matz: Das Elsass, S. 86f.; Ohler: Zwischen Frankreich und dem Reich, S. 48.

13 Vgl. ebd., S. 48f.; Instrumenta Pacis Westphalicae: Die Westfalischen Friedensvertrage. (Quellen

zur Neueren Geschichte 12/13) bearb. von Konrad Muller, 3. durchges. Aufl., Bern 1975, IPM § 70, 71.

14 IPM §73.

15 IPM §73: praefecturamque provincalem decem civitatum imperialium - Landvogtei uber die zehn

Reichsstadte.

16 Vgl. Ohler: Zwischen Frankreich und dem Reich, S. 49-51; Matz: Das Elsass, S. 85, 87.

17 IPM §73.

18 Pfaehler: Reichsstadt StraBburg, S. 14; Peter G. Wallace: Communities and conflict in early mod­

ern Colmar 1575-1730. Atlantic Highlands, NJ 1995, S. 99f.

19 Vgl. Ohler: Zwischen Frankreich und dem Reich, S. 49; Matz: Das Elsass, S. 87; Bernhard

Vogler: Die Politik Ludwigs XIV. im ElsaB und in der Pfalz im spaten 17. Jahrhundert, in: Gerhard Fritz/Roland Schurig (Hrsg.): Der Franzoseneinfall 1693 in Sudwestdeutschland. Ur- sachen - Folgen - Probleme. Remshalden-Buoch 1994, S. 19-26, hier S. 19.

20 IPM §87.

21 IPM §87.

22 Vgl. Vogler: Dekapolis, S. 27; Pfaehler: Reichsstadt StraBburg, S. 13f.; Ohler: Zwischen Frank­

reich und dem Reich, S. 49-51, 56.

23 Ebd., S. 48.

24 Bspw. versuchte Colmar vergebens in Munster auf eine rechtliche Trennung der Dekapolis von

der Landvogtei bzw. Klarung des Rechtsverhaltnisses hinzuwirken, Vgl. ebd., S. 51-55; Walla­ce: Colmar, S. 100.

25 Vgl. Pfaehler: Reichsstadt StraBburg, S. 13f.; Ohler: Zwischen Frankreich und dem Reich, S. 50f.

26 Vgl. ebd., S. 50; Matz: Das Elsass, S. 86; Pfaehler: Reichsstadt StraBburg, S. 14.

27 Vgl. Hans Schmidt: Zerfall und Untergang des alten Reiches (1648-1806), in: Martin Vogt

(Hrsg.): Deutsche Geschichte: von den Anfangen bis zur Gegenwart. Frankfurt/M. 2002, S. 218-296, hier S. 223; Ohler: Zwischen Frankreich und dem Reich, S. 57f., 71f., 80.

28 Vgl. ebd., S. 57f., 66-68; Georg Schmidt: Der Dreissigjahrige Krieg. 6. Aufl., Munchen 2003, S. 77, 89; Matz: Das Elsass, S. 89f.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Der Kampf um das Elsass in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Ludwig XIV. im Kampf gegen Europa
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
35
Katalognummer
V159891
ISBN (eBook)
9783640729623
ISBN (Buch)
9783640730056
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elsaß, Straßburg, Colmar, Dekapolis, Ludwig XIV., Leopold I., Westfälischer Frieden, Devolutionskrieg, Holländischer Krieg 1772-79, Réunionen
Arbeit zitieren
Martin Sittig (Autor), 2009, Der Kampf um das Elsass in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159891

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