Die Liebesehe als modernes Liebesideal

Von der Verschmelzung bürgerlicher und romantischer Vorstellungen


Hausarbeit, 2010

20 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Beziehungsideale: Historischer Wandel des Verhältnisses von Liebe und Ehe

3 Pflicht oder Vernunft? Zum Bedeutungswandel von Treuekonzepten

4 Warum noch heiraten? Moderne Legitimierungsversuche des Ehekonzepts

Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Unter Ehe sei im Kontext der vorliegenden Arbeit eine auf Dauer ausgelegte, rechtlich legitimierte Lebens- wie Sexualgemeinschaft zweier mündiger und verschiedengeschlechtlicher Partner zu verstehen. Sie ist, wie auch andere Institutionalisierungen, gesellschaftlichen Wandlungsprozessen unterworfen. Daher ist das, was wir heutzutage unter „Ehe“ verstehen, ein anderes Bild als noch vor 50, oder gar 500 Jahren. Im heutigen Verständnis von Ehe ist zumeist die „Liebesehe“ gemeint. Christoph Klotter (1999) zu Folge stellt sie den Prototyp der heutigen Liebe dar. Was jedoch genau unter Liebesehe zu verstehen sei, sei häufig gar nicht eindeutig definiert:

„Mehr als dieses Bild des anfänglichen Verliebtseins wird über die Liebesehe in der Regel nicht berichtet. Vielleicht gibt es Besseres über die Liebesehe nicht zu erzählen als ein aus der Vergangenheit hervorgeholtes oder in die Zukunft gerichtetes irgendwie romantisches Versprechen, das so stereotyp in dieser Kultur vorhanden ist, daß (sic!) bereits jetzt offenkundig wird, daß (sic!) die Liebe zwar individualisiert, dies aber mit einer kulturspezifischen Codierung vonstatten geht.“

(Klotter 1999:13)

Ähnlich formuliert auch Burkart (1990): Ihm zu Folge sei die moderne Liebesehe, also das bürgerliche Liebesideal - Heirat aus Liebe - vermutlich immer noch die vorherrschende Konzeption für junge Paare. Auch Michael Weichselbraun (2006) erläutert, bis auf den heutigen Tag habe die Liebesehe, als Ideal der dauerhaften, romantischen Liebe, nichts an ihrer Anziehungskraft verloren. Da wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, so Weichselbraun weiter, immer auch Auswirkungen auf das familiäre und persönliche Empfinden, auf Entscheidungsmöglichkeiten, Wahl- und Unfreiheiten und vieles anderes haben, erscheint es mir wichtig, zu beleuchten, wie die Vorstellung der Liebesehe entstanden ist, durch welche Merkmale sie sich im Speziellen auszeichnet und warum nach wie vor, trotz vielfach verschiedener Lebensentwürfe, so beharrlich an ihr festgehalten wird.

Zu Beginn meiner Überlegungen versuche ich daher, einen Abriss der historischen Entwicklung von Liebesvorstellungen zu geben, um anhand dieser immer wieder auf den (Nicht-)Zusammenhang zwischen Liebe, Ehe und Sexualität zu verweisen. Schwerpunkt dieser Darstellungen soll vor allem auf den Vorstellungen der romantischen Liebe und der bürgerlichen Ehe liegen, da, so erläutern Weichselbraun (2006), wie auch Burkhart (1997) und Schenk (1987), die moderne Liebesehe als ein Konstrukt betrachtet werden kann, welches aus dem Versuch entstanden ist, romantische und bürgerliche Vorstellungen miteinander zu verschmelzen.

Gefolgt werden soll jenen Überlegungen mit einem der zentralsten Elemente der Ehe: die Treue. Interessant erscheint mir hierbei vor allem die Beleuchtung des veränderten Verständnisses eines Treuekonzepts.

Schließen möchte ich meine Überlegungen zur Liebesehe mit der Frage, aus welchen Gründen in Zeiten der Individualisierung, der Pluralisierung von Lebenswelten und zunehmender Dezentralisierung noch am scheinbar altmodischem Konzept der Ehe festgehalten wird - und ob es sich bei dieser Form des Zusammenlebens zwangsläufig auch um eine Liebes ehe handeln muss.

2 Beziehungsideale: Historischer Wandel des Verhältnisses von Liebe und Ehe

Ehe ich mich vertieft mit dem Konzept der Liebesehe und ihren Wurzeln in der bürgerlichen Ehe und romantischen Liebesvorstellungen auseinandersetze, halte ich es für erforderlich, zunächst die Liebe und ihre unterschiedlichen historischen Verständnisse zu beleuchten.

Christoph Klotter (1999) macht zu Beginn seiner Überlegungen zur „Geschichte der Liebe“ deutlich, dass die Liebe als solche nicht existiere - wohl aber verschiedenste Liebes vorstellungen. Dabei würden die Erfahrungsmuster der Liebe, wie bereist in der Einleitung kurz angerissen, kulturell vergeben. Man spreche von einer „kulturtypischen Codierung“ der Liebe. Klotter (1999) betont, die Idee der romantischen Liebe sei keinesfalls neu - ihre Ursprünge seien jedoch auch nicht nur in der Epoche der Romantik zu suchen. Bereits in der Antike, genauer gesagt in Mesopotamien, fänden sich Gedichte, welche auf romantische Liebesvorstellungen schließen ließen. Auch die Ehe, als heterosexuelle lebenslange monogame Bindung, habe bereits existiert. Diese habe jedoch wenig mit Liebe zu tun gehabt, sondern sei in erster Linie von den Eltern der Zuverheirateten arrangiert worden. - Auch in der griechischen Antike habe die Ehe das vorherrschende Beziehungsmodell dargestellt. Sie sei als Altersversorgung betrachtet worden. Zeitgleich jedoch habe auch die Vorstellung der idealen Ehe bestanden, also einer auf Liebe beruhenden Verbindung. Klotter (1999) verweist dabei auf die in Platons Symposium beschriebene Vorstellung des Menschen als Kugelmenschen1. In Platons Vorstellung existierten Sexualität und Liebe zwar durchaus losgelöst voneinander, jedoch werde der mit Liebe verbundenen Sexualität ein höherer Stellenwert eingeräumt. Trotzdem, daher auch die im heutigen Sprachgebrauch gängige Umschreibung „platonische Liebe“, plädiere Platon für einen tendenziellen Verzicht auf körperliche Liebe, um auf diese Weise eine bestimmte Form der Unsterblichkeit zu erreichen. In diesem Sinne lässt sich Platons Liebesvorstellung als erste Form transzendaler Liebe betrachten (vgl. Klotter 1999). - Ähnliche Vorstellungen zur Verknüpfung von Ehe und Liebe fänden sich, so erläutert Klotter (1999) des Weiteren, auch in der römischen Antike. Ehe und Hochzeit seien als Instanzen rechtlich privater Natur betrachtet worden, d.h. eine Heirat habe einerseits aus finanziellen Gründen, anderseits aber auch aus Tradition und Brauch heraus erfolgt. Dabei sei die Liebe keine Ehevoraussetzung gewesen, sei aber, so doch vorhanden, als glückliche Fügung betrachtet worden. Die Liebe als solche wiederum habe, so bezieht sich Klotter auf Holzbergers Einführung zu Ovid2, in zweierlei Konzipierung existiert: Zum einen in der elegischen Liebe, dem irrationalen Drang, geprägt durch Unterwerfung, zum anderen in der durch Ovid beschriebenen rationalen Liebeskunst, in welcher die Liebe als Form der Kommunikation betrachtet worden sei, durch welche Lust, Freude und ein friedliches Zusammenleben der Geschlechter garantiert werde (vgl. Holzberg 1991, zit. nach: Klotter 1999). Erst in der Spätantike, so beschreibt Klotter (1999) des Weiteren, sei es zu einer zunehmenden Moralisierung der Ehe gekommen. Eine Begründung sieht er vor allem in wesentlichen Modifikationen der Kodifizierung sexueller Praktiken: Sexualität sei als mögliche Quelle moralischer Ausschweifungen betrachtet worden. - Vergleichbare Vorstellungen finden sich auch im Mittelalter wieder. So erläutert Klotter (1999), dass auch die damals in der Ehe praktizierte Sexualität der Ächtung unterworfen gewesen sei, da die Wollust als eine der sieben Todsünden gelte und die Ehe somit zum Ort der Sünde werde. Ein Weg die herrschende Ehemoral zu attackieren habe in der Minne bestanden, welche nicht die sinnliche Befriedigung, sondern die ekstatische Liebe zum Ziel gehabt habe (vgl. Klotter 1999). Erst mit der Renaissance habe ein einschneidender Einbruch hinsichtlich der Liebesvorstellungen bestanden: Die moralischen Werte des Mittelalters seien umgekehrt worden. Sexualität habe als Fundament der Liebe, des Schönen und des Erfreulichen gegolten, bloßes Bekunden des Verliebtseins habe eine Legitimation zum Sex dargestellt. Durch diese Umkehr der mittelalterlichen Sexualmoral habe in der Klassik schließlich, so erläutert Klotter (1999) des Weiteren, eine Relativierung der christlichen Doktrin stattgefunden. Sexualität in der Ehe sei akzeptiert worden, so diese lediglich der Fortpflanzung diene. Die Lust sei also nicht länger aus der Ehe verbannt worden. Allerdings habe die Ehe damit keinesfalls im Zeichen der Leidenschaft, sondern im Zeichen des Debitums, der Schuld gestanden (vgl. Klotter 1999). Die Zeit der Klassik könne gleichzeitig als Übergang von der aristokratischen, inszenatorischen Liebe hin zur individuellen, bürgerlichen Liebe betrachtet werden. - Im Gegensatz dazu sei die Romantik

„anarchisch und entgrenzt und weiß zugleich um die Notwendigkeit zur Lüge, zur Fiktion, ohne die die symbiotische Liebe nicht funktioniert. Sie erscheint anti-bürgerlich, will mit der Aufrichtigkeit und Anständigkeit […] nichts zu tun haben. Sie gibt sich dunkel und rebellisch, definiert sich gleichsam selbst als Kompensation der bürgerlichen Vorstellung, obwohl sie nur Korrelation bzw. Korrespondenz ist.“

(Klotter 1999:72)

Da, wie eingangs erläutert, die moderne Liebesehe als Verschmelzung dieser beiden an sich sich widersprechenden Vorstellungen der Liebe und der Ehe zu betrachten ist, erscheint es an dieser Stelle sinnvoll, beide Konzepte näher zu beleuchten:

Burkhart (1997) beschreibt den Übergang zu dem, was heute unter „bürgerlicher Ehe“ verstanden wird, wie folgt: In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sei ein neues Ehe- und Familienleitbild entstanden, welches die eheliche Liebe zum Zentrum gehabt habe. Die Liebe sei damit zum zentralen ehestiftenden Motiv geworden, welches die bis dahin vorherrschende sachliche und zweckorientierte Einstellung zur Ehe abgelöst habe. Im Zuge der Trennung zwischen der Arbeit als Öffentlichkeit und dem Leben zu Hause als Privatheit hätten sich, so Burkhart weiter, drei wesentliche Veränderungen des familiären Zusammenlebens vollzogen, welche sich auch als „affektiver Individualismus“ (vgl. Stone 1977/1981, zit. nach Burkhart 1997) bezeichnen lassen: das veränderte Erziehungs- und Kinderbild und die daraus resultierende Mutterliebe, das Zuhause als Ort der Privatheit, Intimität und Häuslichkeit und letztlich die Liebe als Grundlage der ehelichen Partnerwahl. Bei der bürgerlichen Konzeption der Liebe jedoch, habe es sich in erster Linie um „vernünftige Liebe“ gehandelt. Nicht leidenschaftliche Liebe oder Sexualität, sondern die geistige Übereinstimmung der Partner habe im Mittelpunkt gestanden:

„In der ‚vernünftigen Liebe’ geht es eher um Tugendhaftigkeit des geliebten Menschen denn um sexuelle Attraktivität. Das spontane, leidenschaftliche, auf Erfüllung drängende Gefühl wird abgelehnt, solange es nicht durch den ‚Filter der Vernunft’ gelaufen ist. Leidenschaft ist irrational. Liebe ist eher mit Freundschaft vergleichbar, Verständnis für die Fehler und Einsicht in die Vorzüge des Partners sind wichtig.“

(Burkhart 1997:28)

[...]


1 Nachzulesen unter: Platon (2006). Symposium. Neu ü bersetzung. Reclam, Ditzingen

2 Nachzulesen unter: Holzberg, N. (1991). Einf ü hrung zu: Ovid, Ars Amatoria Remedia Amoris. Artemis und Winkler, München und Zürich

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Liebesehe als modernes Liebesideal
Untertitel
Von der Verschmelzung bürgerlicher und romantischer Vorstellungen
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Liebe, Leidenschaft und Geschlecht
Note
1.3
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V160026
ISBN (eBook)
9783640728800
ISBN (Buch)
9783640729203
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender Studies, Frauen- und Geschlechterforschung, Geschlechterforschung, Liebe, Ehe, Bürgertum, Romantik, Partnerschaft, Heirat
Arbeit zitieren
Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin, B.A. Angela Wolter (Autor), 2010, Die Liebesehe als modernes Liebesideal, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160026

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