Franz Kafkas "Die Verwandlung": Interpretation der Erzählung und Betrachtung des Märchencharakters anhand kritischer Texte


Seminararbeit, 2002
16 Seiten, Note: Gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltsangabe

3. Interpretation
3.1. Das Erwachen
3.2. Handlungsverlauf
3.3. Die Ausbruchsversuche
3.3.1. Erster Ausbruch
3.3.2. Zweiter Ausbruch
3.3.3. Dritter Ausbruch
3.4. Die Verwandlung vom Mensch zum Ding

4. Betrachtung kritischer Texte

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 als Sohn des Kaufmanns Hermann Kafka und seiner Frau Julie in Prag geboren. Kafkas literarisches Wirken war immer fort von seinem problematischen Verhältnis zu seinem Vater geprägt. Kafka studierte an der Deutschen Universität in Prag zuerst Germanistik und letztendlich Jura Die Entstehung der ,,Verwandlung" wird vor allem durch die Erwähnung in den Briefen an Felice Bauer dokumentiert. Kafka begann mit der Arbeit an dem Text wohl in einer Nacht Mitte November 1912. In einem Brief an Felice Bauer vom 23.11.12 heißt es über den Fortgang seiner Arbeit: ,,Ich habe meine kleine Geschichte weggelegt, an der ich allerdings schon zwei Abende gar nichts mehr gearbeitet habe und die sich in der Stille zu einer größeren Geschichte auszuwachsen beginnt […]. Sie heißt ‚Verwandlung’ […]“1.

Am 01.Dezember berichtet Kafka in einem Brief, dass ,,ein dritter Teil, aber nun ganz bestimmt […] der letzte, hat begonnen sich anzusetzen“2.

Der Erstdruck der ,,Verwandlung" erfolgte in ,,Die weißen Blätter", einer Monatsschrift im Oktober 1915.

In dieser vorliegenden Hausarbeit möchte ich die Erzählung zunächst nach mehreren Gesichtspunkten interpretieren. Dabei gehe ich besonders auf Gregors Verwandlung vom Mensch zum Tier und später zum identitätslosen Gegenstand ein. Die nicht nur körperliche Metamorphose erstreckt sich auf Gregors gesamtes gesellschaftliches Umfeld und hat dadurch höchste Relevanz.

Danach wende ich mich drei kritischen Texten zu, welche die „Verwandlung“ in Hinblick auf ihren Märchencharakter beleuchten. Auf unterschiedliche Weise wird Kafkas Erzählung in Bezug zu der Gattung der Märchen gesetzt. Die Besonderheiten der drei Texte möchte ich erläutern.

2. Inhaltsangabe

Die „Verwandlung“ handelt von dem jungen Mann Gregor Samsa, welcher scheinbar über Nacht zum Käfer mutiert ist. Diese „Verwandlung“ stellt nicht nur eine radikale Veränderung seines eignen Lebens dar, sondern hat auch gravierende Auswirkungen auf das Leben seiner Familienangehörigen. Der ehemals erfolgreiche Gregor beginnt zunehmend unter quälender Einsamkeit, Isolation und Feindseligkeit zu leiden und nach mehreren Monaten geht er daran zu Grunde.

Gregor Samsa erwacht eines Tages „in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“3 und ist zunächst sehr irritiert angesichts der massiven Veränderung. Sein ganzer Körper hat die Gestalt eines übergroßen Käfers. Er liegt auf seinem „panzerartig harten Rücken“4 und kann nur unter Anstrengungen den „gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch“5 sowie die „kläglich dünnen Beine“6 erkennen. Gregor erachtet dessen Mutation als eine Einbildung und glaubt, dass er „alle Narrheiten“7 vergisst, wenn er nur „noch ein wenig weiterschliefe“8. Das zeitige Erwachen „macht einen ganz blödsinnig“9 und Gregor, welcher durch seine Körperform am gemütlichen Weiterschlafen gehindert wird, gleitet in ein inneres Selbstgespräch ab. Erst durch die „sanfte Stimme“10 seiner Mutter, die voller Verwunderung festgestellt hat, dass Gregor das Haus noch nicht verlassen hat, wird er aus seinen Wachträumen gerissen. Sie fragt besorgt nach, ob Gregor nicht wegfahren wollte, doch alles was Gregor erwidern kann, sind schwache Wortfetzen, welche er mit einem „schmerzlichen Piepsen“11 hervorbringt. Die anderen Familienmitglieder werden durch diese kleine Konversation auch langsam auf Gregor aufmerksam und erkundigen sich durch die Türen nach dessen Befinden. Gregor hat Mühe, auf die Beschwörungen der Schwester zu reagieren, da seine menschliche Stimme der fortschreitenden Metamorphose unterliegt. Gregor beschließt, sich aus dem Bett zu wälzen, damit er seiner Tagesordnung nachgehen kann. Indessen besucht der Prokurist der Firma, in deren Diensten Gregor steht, die Familie Samsa, um sich ebenfalls zu erkundigen, was der Grund für Gregors dienstliche Absenz ist. Er bittet ihn durch die verschlossene Zimmertür „ganz ernsthaft um eine augenblickliche, deutliche Erklärung“12 und Gregor schafft es schließlich unter großen Mühen, seinen völlig außer Kontrolle geratenen Körper zur Tür zu manövrieren und diese zu öffnen. Beim Anblick des Ungeziefers gerät die gesamte Familie in Panik und der sonst so beherrschte Prokurist flüchtet voller Entsetzen. Der Vater reagiert im Affekt und versetzt Gregor „von hinten einen jetzt wahrhaftig erlösenden starken Stoß“13 woraufhin dieser „heftig blutend, weit in das Zimmer hinein“14 fliegt.

Die Tage vergehen und Gregor gewöhnt sich allmählich an seinen Körper und die Veränderungen seines Lebens. Er macht sich aber große Sorgen um seine Familie. Durch seine Verdienste als Reisender brachte er genug Geld ins Haus, um die ganze Familie zu versorgen. Diese einzige Einkommensquelle scheint für ihn nun versiegt. Doch der Familie gelingt es, dieses Problem zu lösen, indem Dienstboten entlassen werden, Tochter und Vater einen Anstellung finden, ein weiteres Zimmer vermietet wird und sogar die Mutter verdient durch einfache häusliche Näharbeiten ein wenig Geld.

Die zunehmende Selbstständigkeit der Familie hat für Gregor eine immer größer werdende Isolation zur Folge. „Wer hatte in dieser abgearbeiteten und übermüdeten Familie Zeit, sich um Gregor mehr zu kümmern, als unbedingt nötig war?“15 Gregors Versuche, in Kontakt mit der Familie zu treten scheitern und sein parasitäres Dasein wird trotz der früheren Leistungen als Belastung empfunden. Die Schwester Grete ist die einzige, die sich noch ein wenig um ihn kümmert, doch auch dieses Verhältnis leidet unter der gespannten Situation.

Es kommt zum Eklat, als die Untermieter Gregor erblicken und angewidert daraufhin sofort die Miete kündigen. Jetzt hält selbst Grete nicht mehr zu Gregor und fordert dessen Beseitigung. Voller Zorn will und kann sie die Qualen nicht mehr ertragen, die durch Gregors abartige Anwesenheit entstehen. Sie appelliert an die Eltern. „Ich will vor diesem Untier nicht den Namen meines Bruders aussprechen, und sage daher bloß: wir müssen versuchen, es loszuwerden.“16

Gregor flüchtet sich von Schuldgefühlen geplagt in sein Zimmer und stirbt kurz darauf völlig ausgehungert. Die Familie fühlt sich durch den Tod des Sohnes sehr erleichtert und ist bereit, wieder neue Pläne für die Zukunft zu fassen.

3. Interpretationen

3.1. Das Erwachen

Kafka beginnt die Erzählung, indem er den Leser schon in der ersten Zeile mit einer vollkommen absurden Situation konfrontiert: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“17. Der Leser erlebt hierbei eine Gratwanderung zwischen Ungewohntem und Befremdlichem sowie einer unheimlichen Gefahr. Ihm bleiben Tiefgang und die Konsequenzen des Geschehens noch weitgehend verborgen, also ist der Leser angehalten, entstehende Lücken selbst zu schließen. Nähere Informationen, Beschreibungen oder gar eine Aufklärung wird von Kafka noch nicht geliefert und trotzdem wurde alles gesagt.

Der Text hat seinen Höhepunkt gleich zu Beginn erreicht, wobei es ihm im selben Moment gelingt, die Neugier der Leser zu wecken und auszurichten. „Kafka liebt diese ‚heißen’ Anfänge“18 bemerkt Pfeiffer dazu und beschreibt die Situation des Protagonisten, welche sich gleichzeitig auch auf den Leser übertragen lässt. Beide werden aus ihrem gewohnten Alltagstrott geworfen, fühlen sich dem Geschehen ausgeliefert und werden gezwungen, sich zu positionieren. Die Geschichte „erscheint als Signatur einer Welt, die ihre Überschaubarkeit und ihre rationalen Zusammenhänge verloren hat“19. In diesem ganzen Wirrwarr der Eindrücke liegt für den Leser jedoch auch ein vertrauter Kern: Die Phase zwischen Traum und Erwachen erlebt fast jeder Mensch manchmal als Grenzwelt in der man nicht sicher ist, ob das geträumte der Realität entspricht oder diese sich durch den Traum sogar verändert hat. Die Wahrnehmungsbereiche scheinen sich zwischen Bewusstem und Unbewusstem auf bizarre Weise zu vermischen. Wenn man aus einem bösartigen Traum erwacht, ist man jedoch meist froh, dass die Wirklichkeit diesem Bild nicht entspricht.

Gregor wird als tragischer Held eingeführt, da man erkennt, dass es ihm ganz anders ergeht. Die Wirklichkeit ist zu einem Alptraum geworden und die unruhigen Träume der Nacht waren nur die Vorboten dieser individuellen Katastrophe. Während der Leser zu entscheiden versucht, ob das Schicksal Gregors nur eine Illusion im Delirium oder eine Tatsache ist, wird durch Kafka noch im selben Augenblick der endgültige Bezug zur Realität hergestellt: „Es war kein Traum“20. Gleichzeitig versucht Gregor aus seiner misslichen Lage zu entkommen und versucht zurück in den Schlaf zu enteilen. „Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße“21.

3.2. Handlungsverlauf

Die Erzählung ist grob betrachtet chronologisch aufgebaut, wird jedoch stellenweise von Exkursen in Gregors Vergangenheit unterbrochen. Kafka liefert diese Informationen in allen drei Kapiteln, jedoch gehäuft im ersten und zweiten Kapitel. Durch eigene Gedankengänge von Gregor und verschiedene Äußerungen der anderen Figuren, werden Einzelheiten bekannt. So wird zum Beispiel Gregors von Pflichterfüllung getriebenes Workaholic-Dasein gleich im ersten Kapitel deutlich, schließlich war er „während seines fünfjährigen Dienstes noch nicht einmal krank gewesen“22. Außerdem erfährt man im Laufe der Zeit viele Einzelheiten über Gregors Verhältnis zur Familie, deren Laster und Neigungen sowie verschiedene Begebenheiten in Gregors Vergangenheit. Über die gesamte Geschichte verteilt werden Bruchstücke von Gregors Lebenssituation geliefert, die der Leser selber zu einem Gesamtbild zusammenfügen muss. Diesem Reiz nachgehend, stößt der Leser automatisch auf Widersprüche und Glaubenskonflikte: Soll man den Aussagen des Prokuristen und der Familie oder anderen teilweise im Nebel liegenden Informationen vertrauen? Ist Gregor der dominante Brötchengeber der Familie oder der unterwürfige Sohn? Aufkommende Fragen beantwortet der Leser durch seine eigene Phantasie und taucht dadurch komplett in die Geschichte ein.

„Die Verwandlung“ unterteilt sich in drei Abschnitte, welche allesamt ungefähr die gleiche Länge haben und durch römische Ziffern klar voneinander abgetrennt sind. Die Kapitelanfänge thematisieren durchweg Gregors Erwachen aus immer kürzeren Schlafphasen und Verwundungen, welche er aus Konfrontationen mit der Familie davontrug. Diese treten ebenfalls in jedem Kapitel in Form von stetigen Ausbruchsversuchen von Gregor aus seinem kleinen Zimmer auf, deren Vereitelungen durch die Familie nie lange auf sich warten lassen. Die Plötzlichkeit der Schmerzen, welche durch Verletzungen und durch die Isolation von der Familie entstehen, prägt die Erzählung maßgeblich. Gregor wird hauptsächlich dadurch aus seinem gewohnten alltäglichen Leben geworfen.

[...]


1 Franz Kafka, Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, Hrsg. Von Erich Keller und Jürgen Born. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1951, S. 116

2 ebenda, S. 145

3 Die Seitenangaben zur „Verwandlung“ beziehen sich auf: Franz Kafka, Gesammelte Werke, Hrsg. Von Max Brod. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1951, S. 71

4 ebenda, S. 71

5 ebenda, S. 71

6 ebenda, S. 71

7 ebenda, S. 71

8 ebenda, S. 71

9 ebenda, S. 72

10 ebenda, S. 74

11 ebenda, S. 74

12 ebenda, S. 82

13 ebenda, S. 93

14 ebenda, S. 93

15 ebenda, S. 121

16 ebenda, S. 133

17 ebenda, S. 71

18 Pfeiffer, Joachim: Franz Kafka, die Verwandlung, Brief an den Vater: Interpretationen/ von Joachim Pfeiffer. - 1. Aufl. - München: Oldenbourg, 1998, S. 37

19 Franz Kafka, Gesammelte Werke, a.a.O., S. 71

20 ebenda, S. 71

21 ebenda, S. 71

22 ebenda, S. 74

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Franz Kafkas "Die Verwandlung": Interpretation der Erzählung und Betrachtung des Märchencharakters anhand kritischer Texte
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Germanistische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Einführung in die Literaturwissenschaft – Prosa
Note
Gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V16019
ISBN (eBook)
9783638209779
ISBN (Buch)
9783638758420
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz, Kafkas, Verwandlung, Interpretation, Erzählung, Betrachtung, Märchencharakters, Texte, Proseminar, Einführung, Literaturwissenschaft, Prosa
Arbeit zitieren
Steffen Kuegler (Autor), 2002, Franz Kafkas "Die Verwandlung": Interpretation der Erzählung und Betrachtung des Märchencharakters anhand kritischer Texte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16019

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