Karl Poppers "Offene Gesellschaft" als Produkt und Forum der Kritik


Seminararbeit, 2009
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1 Einführung

2 Die offene Gesellschaft als Produkt der Kritik
a) Poppers Kritik an Hegel
b) Poppers Kritik an Marx
c) Vergleich und Bewertung

3 Die offene Gesellschaft als Forum der Kritik
a) Rückgriff auf Ideen der Aufklärung
b) Soziologische Prämissen
c) Der kritische Rationalismus
d) Die Stückwerk-Technologie

4 Zusammenführung und abschließende Betrachtung

5 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Eines der bekanntesten und bedeutendsten Werke des Philosophen und Wissenschaftstheoretikers Karl Popper, der am 28. Juli 1902 in Wien geboren wurde und am 17. Dezember 1994 in London starb, trägt den Titel Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Dieser Titel der zweibändigen Arbeit, die 1945 erschienen ist, gibt bereits eindeutig die argumentative Richtung vor, die Popper innerhalb des Werkes einschlägt und konsequent verfolgt: Die Feinde der offenen Gesellschaft sind die Begründer und Verfechter geschlossener, totalitärer Gesellschaftsmodelle. Wer damit gemeint ist, wird in den Untertiteln der beiden Bände deutlich: Der Zauber Platons (Band I) sowie Hegel, Marx und die Folgen (Band II).

Diese Hausarbeit über Poppers Gesellschaftsmodell gliedert sich in zwei Hauptabschnitte: Die offene Gesellschaft als Produkt der Kritik (2. Kapitel) und Die offene Gesellschaft als Forum der Kritik (3. Kapitel), woraufhin eine Zusammenführung dieser beiden Abschnitte mit einer abschließenden Betrachtung folgt, bevor die für die Anfertigung dieser Arbeit verwendete Literatur genannt wird. Im Kapitel Die offene Gesellschaft als Produkt der Kritik wird gezeigt, wie Poppers Gesellschaftsmodell einer offenen Gesellschaft aus der Kritik an den bereits genannten Denkern und durch die scharfe Abgrenzung zu deren Theorien Konturen gewinnt. Der Fokus wird in dieser Arbeit aus Gründen, die zu Beginn des zweiten Kapitels erläutert werden, auf Poppers Auseinandersetzung mit Hegel und Marx gelegt. Diese Kritiken werden anschließend verglichen und bewertet. Das Kapitel Die offene Gesellschaft als Forum der Kritik ist in vier Unterpunkte gegliedert. Der erste Unterpunkt befasst sich mit Poppers unübersehbarer Sympathie für die Ideen der Aufklärung und mit seiner Bezugnahme auf Immanuel Kant. Der darauf folgende Unterpunkt Soziologische Prämissen thematisiert Poppers Grundpositionen im Bereich der Soziologie, die innerhalb seines Gesellschaftsmodells relevant sind. Wie eingangs erwähnt, war Karl Popper auch ein äußerst einflussreicher Wissenschaftstheoretiker: Seine Philosophie, der kritische Rationalismus, enthält die Wissenschaftstheorie des Falsifikationismus, deren Anwendung auf sein Gesellschaftsmodell im dritten Unterpunkt skizziert wird. Der vierte Unterpunkt beschäftigt sich mit der so genannten Stückwerk-Technologie, die Popper für die adäquateste Form der Sozialtechnik hält. Das letzte inhaltliche Kapitel Zusammenführung und abschließende Betrachtung stellt zusammenfassend dar, wie Popper aus der Kritik an den Gesellschaftsmodellen anderer Denker zu einer eigenständigen Theorie gelangt, in der dann wiederum die Fähigkeit und die Bereitschaft zur Kritik entscheidende Elemente sind. Unter Berücksichtigung des geschichtlichen Kontextes wird darüber hinaus vor einigen abschließenden Anmerkungen geklärt, wie Popper das Werk verstanden wissen möchte.

2 Die offene Gesellschaft als Produkt der Kritik

a) Poppers Kritik an Hegel

Die Kritikpunkte Poppers an Platons und Hegels Ideen ähneln sich teilweise stark. Während Popper sich aber hinsichtlich der Kritik an Hegel, der für ihn „ein direkter Nachfolger von […] Platon“ gewesen ist (Popper 2003b, S.35), auf ein Kapitel beschränkt, umfasst die Kritik an Platon nahezu durchgehend alle zehn Kapitel des ersten Bandes des Werkes. Eine detaillierte Ausarbeitung all jener Kritikpunkte würde den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen, deshalb werden einige Elemente der Platon-Kritik bei Bedarf an den entsprechenden Stellen thematisiert.

Im 12. Kapitel des zweiten Bandes (Hegel und der neue Mythos von der Horde) unterzieht Popper die idealistische Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770-1831), die „auf zwei Säulen, der Dialektik und der Philosophie der Identität“ (Keuth 2000, S.277) ruhe, einer umfassenden Kritik. Er wirft Hegel zunächst vor, theoretische Zusammenhänge auf eine solch komplizierte Art und Weise oder derart vage zu formulieren, dass sich die Darstellungen der Kritik entzögen. Popper unterstellt, dass „Hegels schwulstiges und mystifizierendes Kauderwelsch“ (Popper 2003b, S.36) zum Ziel gehabt habe „andere […] zu behexen und hinters Licht zu führen.“ (Popper 2003b, S.37). Es folgt einige Seiten später Poppers Auseinandersetzung mit Hegels dialektischer Triade, die sich aus einer These, einer Antithese und der sich aus dem Widerstreit von These und Antithese ergebenden Synthese konstituiert (Popper 2003b, S.48f.). Popper möchte diesem Modell zwar „einen gewissen deskriptiven Wert für die Darstellung der Entwicklung wissenschaftlicher Theorien“ (Geier 1998, S.82) nicht absprechen, als Entwicklungsmodell der Vernunft und als Erklärungsmodell für die Entwicklung von Gesellschaften im Sinne Hegels hält er es aber für ungeeignet und in höchstem Maße problematisch. Dies liegt daran, dass Hegel laut Popper auf Grund seiner Vorstellungen von den Mechanismen des Modells auf die Widersprüchlichkeit von These und Antithese angewiesen sei, um zu einer, die Gegensätze aufhebenden Synthese auf einer höheren Ebene zu gelangen, auf der sich der Prozess dann wiederhole (Popper 2003b, S.49). Diese erlaubte und sogar notwendige Widersprüchlichkeit bedeute aber „nicht nur das Ende aller Wissenschaft, sondern auch aller rationalen Argumentation“; Popper nennt dies einen „doppelt verschanzte[n] Dogmatismus“ (Popper 2003b, S.49), der in Wahrheit dazu diene, einen tatsächlichen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt aufzuhalten. Seine Kritik zielt aber auch vor allem auf die historizistischen Ideen Hegels. Der Begriff Historizismus ist Poppers Bezeichnung für die Idee eines determinierten und folglich vorhersehbaren Geschichtsverlaufs innerhalb verschiedener sozialphilosophischer Richtungen (Popper 2003a, S.4). Deren

Unzulänglichkeit und Gefährlichkeit zeigt Popper bereits in seinem bedeutenden Werk Das Elend des Historizismus (1944) auf. Popper zufolge ist „Hegels hysterischer Historizismus“ sogar „der Dünger, dem der moderne Totalitarismus sein rapides Wachstum verdankt.“ (Popper 2003b, S.71). Hegel äußert im Vorwort der Grundlinien der Philosophie des Rechts (1820) den viel zitierten Satz: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ (Hegel 2002, S.56). Popper dient dieser Satz als weiterer Ansatzpunkt der Kritik. Hegels Historizismus sei - im Gegensatz zu jenem Platons, der im Grunde eine Verfallstheorie ausgehend von einem ehemals positiven Naturzustand sei (Popper 2003a, S.45ff.) - ein optimistischer, denn laut Hegel sei „[d]as allgemeine Entwicklungsgesetz […] ein Gesetz des Fortschritts“ im Verlauf der Dialektik (Popper 2003b, S.46). Hegel zufolge ist die Weltgeschichte tatsächlich nicht nur ein „Gericht“, sondern auch die „Verwirklichung des allgemeinen Geistes“, der in seiner Freiheit auf der „Entwickelung der Momente der Vernunft“ beruhe (Hegel 2002, S.492). Aus Hegels Dialektik folgt zweifelsohne, dass das zum jeweiligen Zeitpunkt der Betrachtung Bestehende immer das Bestmögliche ist. Daraus zieht Popper den Schluss, Hegel sei ein Apologet der preußischen Monarchie unter Friedrich Wilhelm III gewesen, zumal er im Dienst der Obrigkeit gestanden habe (Popper 2003b, S.39ff.). Deshalb diskreditiert Popper Hegels Philosophie als „ethischen und juridischen Positivismus“ (Popper 2003b, S.50). Für gefährlich hält Popper darüber hinaus Hegels Appelle „an die nationalistischen Gefühle“ (Popper 2003b, S.70), da die Idee des Nationalstaats ein „Traum von Naturalismus und Stammeskollektivismus“ sei (Popper 2003b, S.62) sowie die Möglichkeit, Hegels Philosophie für alle politischen Ideologien zu verwenden: „[S]owohl der extreme linke Flügel der Marxisten als auch die konservative Mitte sowie schließlich die faschistische extreme Rechte [gründen] alle ihre politische Philosophie auf Hegel; der linke Flügel ersetzt den Kampf der Nationen, der im historizistischen Schema Hegels erscheint, durch den Klassenkampf, die extreme Rechte ersetzt ihn durch den Kampf der Rassen“ (Popper 2003b, S.38). Popper unterstellt Hegel eine patriotische und den Krieg grundsätzlich befürwortende Haltung (Popper 2003b, S.82), da sich die Nationen laut Hegel gegeneinander auf der „›Bühne der Weltgeschichte‹“ beweisen müssten (Popper 2003b, S.70).

b) Poppers Kritik an Marx

Karl Marx (1818-1883) ist für Popper „ein echter Wahrheitssucher“, der sich durch eine „intellektuelle Redlichkeit“ ausgezeichnet habe (Popper 2003b, S.97). Er sieht im Marxismus eine pragmatische Methode, die sich vor allem „durch den humanitären Impuls“ und seinen „ehrlichen Versuch rationale Methoden auf die dringlichsten Probleme des sozialen Lebens anzuwenden“ von den politisch rechts orientierten Hegelschulen abhebe (Popper 2003b, S.96). Kritik übt Popper hingegen am Historizismus, durch den auch Marxens Theorie gekennzeichnet ist: Er hält den Marxismus für „die bis jetzt reinste, am weitesten entwickelte und gefährlichste Form des Historizismus.“ (Popper 2003b, S.96). Marx habe sich nicht ganz „von dem verderblichen Einfluß einer Erziehung in der Atmosphäre Hegelscher Dialektik“ befreien können (Popper 2003b, S.97). Wie Hegel ist Marx von einem dialektischen Verlauf der Geschichte überzeugt, nur stehe die Dialektik Hegels auf dem Kopf und müsse deshalb umgestülpt werden (Keuth 2000, S.280). Gekennzeichnet ist der Marxismus durch das Basis-Überbau-Theorem: Die Produktionsverhältnisse und die Klassenstrukturen stellen die Basis dar, der Überbau sind politische, soziale und kulturelle Institutionen sowie gesellschaftliche Ideologien (Prechtl/Burkard 2008, S.59f.). Marx geht davon aus, dass sich die Produktionsbedingungen, die das Klassensystem bestimmen, so lange verbessern, bis sie mit den gesetzlichen und sozialen Beziehungen kollidieren und erkennt im Kapitalismus ein sich ständig vergrößerndes Elend der Arbeiter bei gleichzeitiger Akkumulation der Produktionsmittel und der Macht in der Bourgeoisie. Der Reichtum befindet sich in den Händen weniger (Keuth 2000, S.281ff.). Die proletarische Weltrevolution ist für Marx die Befreiung der Klasse der Beherrschten von der Ausbeutung durch die Klasse der Herrschenden und von den ökonomischen Fesseln im sozialen System, dem „›Reich der Notwendigkeit‹“, das dem „›Reich der Freiheit‹“ weichen wird (Keuth 2000, S.280). Nach einer Übergangsphase der Diktatur des Proletariats folgt laut Marx die klassenlose Gesellschaft des Kommunismus. Die möglicherweise gewaltsame Revolution sei, so Popper, „das bei weitem schädlichste Element des Marxismus“ (Popper 2003b, S.177). Er steht den Visionen Marxens also äußerst ablehnend gegenüber, denn „der Versuch, den Himmel auf Erden zu errichten, erzeugt stets die Hölle.“ (Popper 2003b, S.277). Marx habe auf Grund seiner Annahme eines historischen Determinismus die Ohnmächtigkeit der Politik gegenüber der ökonomischen Macht postuliert (Popper 2003b, S138ff.) und jegliche Sozialtechnik abgelehnt (Popper 2003b, S.146f.). Marxens historischer Determinismus „schließt rationale politische Interventionen aus.“ (Keuth 2000, S.288). Das Ziel der menschlichen Entwicklung ist für Marx die Freiheit, die mit der Umwälzung des Überbaus im Zuge der proletarischen Revolution und der damit einhergehenden Eliminierung der Staatsgewalt entsteht. Für Popper hingegen ist und bleibt „die Staatsgewalt immer ein gefährliches, wenn auch notwendiges Übel“ (Popper 2003b, S.152). Gefährlich sei sie, da Staatsinterventionen zum Verlust der Freiheit des Einzelnen und zur Vergrößerung der Staatsgewalt führen könnten, notwendig sei sie, da die vollkommene individuelle Freiheit die Beschneidung eines anderen in seiner Freiheit impliziert. Dies nennt er das „›Paradox der Freiheit‹“, das Platon als erster verwendet habe (Popper 2003a, S.147).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Karl Poppers "Offene Gesellschaft" als Produkt und Forum der Kritik
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Politikwissenschaft und Sozialforschung)
Veranstaltung
Politische Ideengeschichte IV
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V160203
ISBN (eBook)
9783640731749
ISBN (Buch)
9783640732180
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karl Popper, Kritischer Rationalismus, Offene Gesellschaft, Stückwerk-Technologie, Hegel, Marx, Platon
Arbeit zitieren
Nils Schmidt (Autor), 2009, Karl Poppers "Offene Gesellschaft" als Produkt und Forum der Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160203

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