Zur neueren exegetischen Diskussion um die Bedeutung der "Deuteworte"

Darstellung einiger Thesen und kritische Auseinandersetzung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
39 Seiten, Note: 1-2

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

0. EINLEITUNG
1. DEFINITIONEN
2. METHODIK

I. K.-P. JÖRNS: ABSCHIED VOM SÜHNEOPFERMAHL
1. AUTOR
2. DARSTELLUNG UND KRITIK
2.1 These
2.2 Literarkritische bzw. redaktionsgeschichtliche Annahmen
2.3 Formgeschichtliche Annahmen
2.4 Religionsgeschichtliche Annahmen
2.5 Hermeneutische Annahmen
2.6 Auslegung der Deuteworte
2.7 Bewertung

II. K. HAACKER: IST - ZUM SINN DER DEUTEWORTE
1. AUTOR
2. DARSTELLUNG UND KRITIK
2.1 These
2.2 Textanalytische Annahme
2.3 Auslegung der Deuteworte
2.4 Bewertung

III. E. MOLTMANN-WENDEL: ABENDMAHL AUS FEMINISTISCHER SICHT
1. AUTORIN
2. DARSTELLUNG UND KRITIK
2.1 These 16
2.2 Literarkritische Annahme
2.3 Textanalytische bzw. redaktionsgeschichtliche Annahme
2.4 Auslegung der Deuteworte
2.5 Bewertung

IV. P. TRUMMER: DASS ALLE EINS SIND
1. AUTOR
2. DARSTELLUNG UND KRITIK
2.1 These
2.2 Textanalytische Annahme
2.3 Auslegung der Deuteworte
2.4 Bewertung

V. SCHLUSS
1. ERGEBNIS
2. EIGENER DEUTUNGSVERSUCH

Anhang:
- Anlage 1: Synopse der Deuteworte
- Anlage 2: Argumentationstypen in der Diskussion zur Bedeutung der Deuteworte
- Anlage 3: Deuteworte und Bundesschluss - Vergleich der Deuteworte mit Ex 24,8 und Jer 31,31
- Anlage 4: Analogien zu den Deuteworten - Nominalsätze mit der Struktur "Nomen X = Nomen Y"
- Literaturverzeichnis
- Endnotenverzeichnis

0. EINLEITUNG

1. Definitionen

Die Grenzen dieser Seminararbeit sind durch die Themenstellung abgesteckt:

- „Deuteworte“

Die sog. „Deuteworte“ sind Höhepunkt der Szene des letzten Mahles Jesu mit den Seinen. Es ist die wörtliche Rede Jesu im Zusammenhang der Austeilung von Brot („Brotwort“) und Kelch („Kelchwort“).1 Die Evangelisten Markus (Mk), Matthäus (Mt), Lukas (Lk) sowie Paulus (Pls) haben die Deuteworte in ähnlicher Weise überliefert.2 Gemeinsam sind ihnen inhaltlich die „Kernbegriffe“3 und formal die Parallelität4. Dies ist in der Synopse der Deuteworte (Anlage 1) gut zu sehen.

Beim Evangelist Johannes (Joh) finden sich nur Anklänge an die Deuteworte, deshalb gehe ich in dieser Arbeit nicht näher auf Joh ein. Außen vor bleiben muss auch der nähere Kontext, also die „Danksagung“ und der „eschatologischen Ausblick“. Auf die Mahlszene insgesamt und ihren Kontext wird nur soweit notwendig eingegangen.

- „neuere exegetische Diskussion“ und „einiger Thesen“

Ich untersuche in dieser Seminararbeit vier Veröffentlichungen5 zur Mahlszene von evangelischen und katholischen Theologen/innen6 aus den letzten ca. 10 Jahren.7 Eine Übersicht der Argumentationstypen in der Diskussion zur Bedeutung der Deuteworte findet sich in Anlage 2.

- „Darstellung“ und „kritische Auseinandersetzung“

Unter Darstellung verstehe ich die Nennung und Herleitung der These. Zur kritischen Auseinandersetzung wäre eine Exegese der Deuteworte optimal, dies ist im Rahmen dieser Arbeit (max. 30 Seiten) aber nicht möglich.

2. Methodik

Die ausgewählten Veröffentlichungen werde ich in zwei Hauptschritten analysieren:

- Autor

Jede Deutung ist subjektiv. Wir sind alle "Wahrnehmungsoriginale"8. Wie sich im Ergebnis zeigen wird, sind die Thesen zur Bedeutung der Deuteworte von den Vorverständnissen der Autoren/in geprägt. Deshalb beginne ich jeweils mit einer Betrachtung9 des Autors und seiner Vor- verständnisse.

- Darstellung und Kritik

Die Darstellung10 beginnt jeweils mit der These zu den Deuteworten sowie grundsätzlichen Annahmen. Die einzelnen Auslegungen und Deutungen stelle ich dann anhand der Kernbegriffe11 dar.

Die kritische Auseinandersetzung mit der These vollziehe ich jeweils durch kritische Anmerkungen und abschließende Bewertung. Eine Trennung von Darstellung und kritischer Auseinandersetzung hätte zu unnötigen Wiederholungen geführt.

I. K.-P. JÖRNS: ABSCHIED VOM SÜHNEOPFERMAHL

1. Autor

Klaus-Peter Jörns ist nach meinem Eindruck bei der Abfassung des Buches stark vom „hochkirchlichen Umfeld“ (Theologiestudenten, Vikarsausbildung, Theologendiskurse) geprägt.12 Biographische Elemente legt er kaum offen.13 An Vorverständnissen scheint er folgendes mitzubringen:

- Gott ist die Liebe. In diesem Gottesbild gibt es keinen Platz für Heil durch

Gewalt (Sühneopfertod). Dies würde zudem den Menschen ein schlechtes ethisches Vorbild sein (Negative Imitatio Dei).14

- Der historische Jesus ist ein positives ethisches Vorbild, quasi die personifizierte Liebes-Ethik15 Gottes (incl. Gewaltlosigkeit16 und Kritik am Opferkult17 ); Jesus wollte keine Kirche (incl. Rituale) gründen.18

- Der Heilige Geist wirkt nicht nur bei den Autoren des Neuen Testaments,

sondern auch heute bei uns. Deswegen "kann es durchaus sein, dass wir die theologische Gestalt biblischer Zeugnisse zwar respektieren, aber für uns nicht mehr akzeptieren können."19

- Das Menschenbild ist positiv - alle Menschen sind "Gottes Söhne".20

Die Vorstellung eines unperfekten Menschen21 bzw. der Erbsünde22 wird abgelehnt, weil dies die Grundlage für eine Sühneopfer-Theologie ist.

"Wer die alte theologische Denkfigur [des Sühnopfers] festhalten will, muss erklären, ... warum Jesus längst vor seinem Tod Sünden vergeben und seine Jünger bevollmächtigen konnte, in seinem Namen dasselbe zu tun."23

- Kirche soll ein Priestertum aller Gläubigen sein (herkommend von der

Bevollmächtigung zur Sündenvergebung), d.h. ohne ein hervorgehobenes Priesteramt (herkommend vom Opfer-Ritus).24 Außerdem ist die Kirche nicht besonders von Gott erwählt ("Bund" mit Gott als Ethnozentrismus).25

2. Darstellung und Kritik

2.1 These

"Sehen wir die Kelchworte in den vier Ü berlieferungen an, so erweisen sie sich alle als gesteuert von der Wahrnehmung und reflektierenden Erinnerung des Todes Jesu als eines blutigen Opfers. Sie setzen den Tod Jesu und auch schon

diese theologische Deutung voraus Es hat ursprünglich wohl gar kein

Kelchwort gegeben Ich nehme an, dass der sprachliche Gestus des

griechischen Brotwortes ... von dem Kelchwort ... inspiriert worden ist Und

deshalb ist es für mich wahrscheinlich, dass keines dieser beiden Deuteworte

von Jesus gesagt worden ist "26

2.2 Literarkritische bzw. redaktionsgeschichtliche Annahmen

Jörns sieht die Möglichkeit "ein gutes Stück durch dieüberlieferten Texte 'hindurch' - also nicht an ihnen vorbei - etwas näher an den historischen Jesus heranzukommen" und gibt einen Kriterienkatalog27 dafür:

- Historisch: Wo Jesus sich von der Tradition "abhebt"
- Historisch: Wo Jesus als "fragwürdige Gestalt" erscheint
- Historisch: Wo "Konflikte" von/mit Jesus berichtet werden
- Fraglich: Wo "hellenistische Wahrnehmungsmuster" auftauchen
- Fraglich: Aussprüche, die nicht ins "Gesamtbild der Verkündigung" passen
- Fraglich: Ältere Überlieferungsstadien der Texte
- Auch fraglich: Parallelisierungen28

Die ersten drei Kriterien basieren auf der unausgesprochenen Annahme, dass nur Ungewöhnliches berichtenswert ist. Dies scheint mir sowohl für die mündliche wie die schriftliche Überlieferung29 eine plausible Annahme. Kritisch stehe ich dem Aussschluss-Kriterium der "hellenistischen Wahr- nehmungsmuster" gegenüber, denn nicht nur die ersten Christen30, sondern auch der historische Jesus selbst hat auch im kulturellen Einflussbereich hellenistischer Städte gelebt.31 Das "Gesamtbild der Verkündigung" ist meiner Meinung nach selbst ein theologisches Konstrukt. Dieses methodische Kriterium läuft ständig Gefahr, Zirkelschlüsse zu erzeugen.32 Von daher eignet es sich m.E. ebenfalls nicht als Kriterium. Die letzten zwei Kriterien folgen der plausiblen Annahme, dass im Lauf der Zeit die Überlieferungen unbeabsichtigt schlechter oder beabsichtigt verändert werden.33

Die Zuordnung zum Passa-Ritual durch die Rahmenhandlung (Mk 14,14 par) sei redaktionell , da in der Mahlszene nicht näher auf Elemente des PassaRituales eingegangen wird.34

Das Gegenargument dazu hat Jörns bereits selbst geliefert: Warum sollte in der Mahlszene Gewöhnliches (Ablauf des Passa-Rituales) berichtet werden? Und wenn als Adressaten Heidenchristen angenommen werden, kann argumentiert werden, dass die Erklärung des Rituales bzw. die Schilderung einzelner Schritte den erzählerischen Fluss unterbrechen bzw. vom eigentlichen Inhalt ablenken würde.

2.3 Formgeschichtliche Annahmen

Die Mahlszene bei Pls und Lk sind nach Jörns "klar als Kultätiologie zu erkennen: Es ist eine Stiftungsszene, in der Jesus selbst eine in der Kirche zu wiederholende Mahlfeier mit dem Ziel eingesetzt hat, 'meiner zu gedenken'".35 Problematisch bei dieser Einordnung in die Gattung Kultätiologie ist, dass Begriffe für "Kirche" (ἐκκλησία, κοινωνία u.ä.) der Mahlszene selbst nicht vor- kommen, und dass bei Mk und Mt auch kein „Wiederholungsbefehl“ über- liefert ist. Zudem ist Jörns wie gesehen eigentlich der Meinung, dass Jesus keine Kirche gründen wollte. Folglich wirkt dies nicht überzeugend.

Eine weitere Annahme von Jörns ist, dass alle Mahlerzählungen dem in der antiken jüdischen und hellenistischen Welt verbreiteten "Opferritual mit nach folgendem Festmahl" mit dem "Drei-Schritt" von "Nehmen, Schlachten und Teilen" folgen: Gefangennahme Jesu, Hinrichtung Jesu und Teilen im letzten gemeinsamen Mahl bzw. Nehmen von Brot/Becher, Schlachten als "für euch gegeben/vergossen", Austeilen von Brot/Kelch.36

In meinen Augen ist auch diese Gattungsbestimmung nicht überzeugend. Der "Drei-Schritt" wird jeweils nur durch Umstellung erreicht: In den Überlieferungen wird das letzte gemeinsame Mahl vor der Hinrichtung gefeiert bzw. das Austeilen von Brot/Kelch erfolgte vor dem "für euch" der Deuteworte (in beiden Fällen eigentlich: Nehmen-Teilen-Schlachten).

2.4 Religionsgeschichtliche Annahmen

Jörns sieht die Ursprünge der "Passa-Passio-Tradition" (und damit des Abendmahls als Sühneopfermahl) neben der Erbsündelehre37 und dem antiken Hofzeremoniell38 in der Suche nach Ersatzriten zusammen mit der Frage nach dem Sinn des Kreuzestodes Jesu: "Nach der Trennung vom jüdischen Kult musste das Jesus-Gedenken in eine eigene Kultpraxis integriert werden, wobei der gewaltsame Tod Jesu nicht umgangen werden konnte."39 Die (ersten) Christen mit jüdischen Herkunft verschmolzen nach Jörns die Festerzählung des Passamahles mit der Sterbensgeschichte Jesu: "Indem nun aber Jesu Leiden und Tod als neue Heilsgeschichte in das in das Zentrum des Gedenkens der Judenchristen am Pessachfest eintraten, kam es zu einer Verwandlung des Pessachmahls von innen, von der Festerzählung, her. Dabei verschmolzen das Ritual des Pessachfestes mit seinem Mahlritus, zu dem ursprünglich das Essen der Pessachlämmer gehörte, und die Leidens- und Sterbensgeschichte Jesu."40 Dass sich dieser Ritus bei Christen mit hellenistischen Herkunft halten bzw. gegenüber einfachen Gedenkriten durchsetzen konnte, sei nach Jörns einem Trend zu unblutigen Opfern zu verdanken: "Es könnte sein, dass der neue christliche Opferkult für viele Menschen deshalb besonders attraktiv gewesen ist, weil er zwar eines einmaligen blutigen Opfers (auf Golgatha) gedachte, dieses Gedächtnis aber in einem unblutigen Ritus mit Wein und Brot vollzog."41

Die Herleitung der Passa-Passio-Frömmigkeit wirkt bestechend. Jörns betont aber selbst, dass es beim jüdischen Passaritus nicht um Sühne, sondern um das Gedenken an die göttliche Errettung42 geht. Konnte ein Christ mit jüdischer Herkunft Passa tatsächlich als Sühneopfer missverstehen? Außerdem erscheint auch die besondere Attraktivität des Abendmahles im hellenistischen Umfeld fraglich. Wenn unblutige Opfer „in“ waren, warum sollte dann gerade ein Ritus besonders attraktiv sein, der auf einem blutigen Opfer basiert?

2.5 Hermeneutische Annahmen

Jörns möchte "das christliche Erbe mit dem Selbstverständnis ... verbinden, mit dem wir in unserer Kultur leben."43 Er wehrt sich gegen einen ausschließlichen Rekurs auf die Bibel: "Die Zeugen [die Autoren des Neuen Testamenes] stehen nichtüber dem Bezeugten. Deshalb ist es mit Neuinterpretationen der biblischen Ü berlieferungen allein nicht mehr getan."44 Hier kommt seine Vor- stellung vom Wirken des Heiligen Geistes zum Tragen: "Und da wir Heutigen - das sage ich im Vertrauen auf den Heiligen Geist - auch Zeugen des Auferstandenen sind, ... … [sind] theologische Deutungen der Jesus- Ü berlieferung, die nach eigener Einsicht nicht zu den Jesu Verkündigungen stimmen, ... [nicht] für den Glauben noch für die Liturgie verbindlich."45 Jörns fordert faktisch die Anpassung der Theologie an die umgebende Kultur. Bei dem Wirken des "Heiligen Geistes" und den "eigenen Einsichten" geht es um die m. E. nicht beantwortbare Frage, ob Gottes Offenbarung mit dem Tod des historischen Jesus endgültig abgeschlossen ist oder nicht. Abgesehen davon ist mir nicht klar, wie sich Jörns heutige "Zeugen des Auferstandenen" vor- stellt: Bekennende Zeugen? Auditionen und Visionen?

2.6 Auslegung der Deuteworte

τοῦτό

Auf das Problem des "falschen Genus" im Brotwort geht Jörns nicht ein.46

ἐστιν

"Zum irdischen Jesus passt ... eine Identifizierung von Brot und Leib und von Wein und Blut nicht. Denn Jesus sprach Aramäisch, ... in seiner Muttersprache gibt es das Hilfswort 'sein / ist' nicht als Kopula im Hauptsatz. "47 Wenn es sich nicht um Identifikation handelt, um was dann? Mit seinem Übersetzungsvorschlag "Das: mein Leib" lässt Jörns diese Frage offen.

σῶμά μου

וּגּ], das heißt Ich,פהJörns übersetzt σῶμά mit dem aramä ischen "guf(a) [ Person, Selbst". [48]

וּגּ nur einmal vor (1Chr 10,12)49, und wirdפתIn der hebräischen Bibel kommt in der Septuaginta mit σῶμά als "Leiche" übersetzt. Andere Wörter für "ich" שׂבּ sowieרשׂבּ, hebr. ר) oder "Person" (z. B. aram. אנכי, hebr. אנה(z. B. aram. ) sind wesentlich häufiger.50 Jörns' Übersetzungsvariante ist zwar möglich,נפשׁ aber nicht die Naheliegendste. Zudem wäre das Possessivpronomen μου וּגּפהüberflüssig: "Mein ich" - wessen "ich" sonst? Ein Possesivpronomen bei mit dieser Bedeutung macht m. E. nur Sinn, wenn Dritte gemeint sind.

(ὑπὲρ ὑμῶν)

"Nun hätte dieser Satz ["Das: mein ich für euch"] ... nicht viel Sinn. Wohl aber, wenn er wirklich mit dem Brot zusammen als Bildwort verstanden wird. ... Das Brot konstituiert die Gemeinschaft der Jünger und hält sie im Leben, darum geht es."51

Diese Deutung wirkt nicht überzeugend, weil der Genus von τοῦτό eben nicht mit dem Genus von ἄρτος zusammenpasst. Außerdem bleibt mir (und auch Jörns selbst)52 unverständlich, wie das Brot die Gemeinschaft der Jünger "kon- stituiert", auch dann, wenn es eine Metapher für das Ich Jesu sein soll.

ποτήριον und αἷμά μου

Jörns spricht durchweg vom "Becher Wein" und vom "Blut". Für ihn ist begründungslos klar, dass der Becher Wein enthält. Während Jörns beim σῶμά alternative Übersetzungen ausreizt, wird eine alternative Übersetzung für αἷμά nicht in Betracht gezogen. Außerdem differenziert er nicht weiter, dass Lk und Pls den "neuen Bund in meinem Blut" auf den "Becher" beziehen.

(ἐκχυννόμενον)

"Und wie bei Mose auf die Bundesschließung als faktum zurückgeschaut wird ..., so gibt sich auch das Blutwort unverstellt als rückschauende theologische

Deutung des Kelchritus aus Dieübliche Ü bersetzung tut so, als stünde im

Griechischen eine Art Präsens "53

Ich stimme mit Jörns darin überein, dass die deutsche Übersetzung "vergossen" wie eine Vergangenheitsform klingt. Aber ἐκχυννόμενον ist ein Partizip Passiv Präsens. Von einer "Rückschau" im griechischen Urtext kann also nicht die Rede sein.

"Zum 'Vergießen' im Deutewort zum Becher Wein gibt es keinerlei jüdisches

Ä quivalent, denn Wein wurde in Israel nicht vergossen. Wenn, dann ist hier griechisch-hellenistischer Einfluss wirksam: Im Dionysos-Kult zum Beispiel gab es einen entsprechenden Umgang mit Wein."54

Die Wörterbücher geben hier eine andere Auskunft: ἐκχυννόμενον kommt auch an anderen Stellen (z.B. Mt 9,17) in Verbindung mit οἶνος (sowie auch αἷμά) vor.55 Zudem darf nicht vergessen werden, dass οἶνος in den Deuteworten gar nicht auftaucht, sondern eine Deutung ist.

"Die Rede vom 'vergossenen' Blut passt nicht zur Todesart der Kreuzigung Aber der Tod trat nicht durch einen großen Blutverlust ein, sondern durch einen Kreislaufschock."56

Jörns nimmt hier ganz unbedarft die Perspektive der modernen Medizin ein. Die antiken Evangelisten hatten aber weder das heutige Wissen, noch das Interesse an der genauen Todesursache.

"Und schließlich deutet die Rede vom 'Blut, das für euch vergossen wurde' auf ein Opferritual Sie stellt eine Wendung dar, die nicht zur Kreuzigung als Todesart passt, sondern aus Opferriten stammt".57

Hier werden zwei bereits behandelte Argumente kumuliert: Die Vergangenheitsform und die Todesursache. Um ein Opferritual im Präsens kann es sich nicht handeln, da Jesus das letzte gemeinsame Mahl überlebt hat. Außerdem verläuft eine Kreuzigung nicht unblutig (z. B. das Einschlagen der Nägel oder auch der "Speerbeweis" von Joh 19,34).

(καινὴ) διαθήκη

Jörns sieht bei Mk und Mt den Wortlaut des (alten) Sinaibundes (Ex 24,5-9), bei Pls und Lk den Wortlaut des (neuen) Bundes bei Jeremia (Jer 31,31-34).58 In Jer 31,31-34 taucht aber kein Becher als Bezugspunkt auf. Offen bleibt auch, was Jörns mit "Wortlaut" meint. Den Wortlaut der Septuaginta? Den Wortlaut der hebräischen Bibel?

[...]


1 EKK II/2 S. 241

2 Als „Urtext“ verwende ich die griechische Textausgabe von Nestle-Aland. Auf eine Textkritik verzichte ich vor allem, weil die Textbasis bei den untersuchten Veröffentlichungen so gut wie gar nicht problematisiert wird.

3 Unter „Kernbegriffen“ verstehe ich die griechischen Begriffe, die entweder bei allen vier oder bei mindestens zwei Überlieferungen vorkommen. Im letzteren Fall habe ich die Begriffe in Klammern gesetzt. In ähnlicher Weise definiert dies auch Klauck (Klauck, S. 305).

4 Die Parallelität zeigt sich im Beginn mit τοῦτό und der prädikativen Kopula zu einem Nomen mit ἐστιν. Bei Lk fehlt im Kelchwort wie bei manchen griechischen Sprichwörtern diese Kopula, ist aber gedanklich und in der Übersetzung einzufügen. Vgl. dazu Weiss/Zeller, S. 122.

5 Diskussion ist nicht nur mündliches „face-to-face“- Geschehen. Auch schriftliche Veröffentlichungen haben den Charakter eines Diskussionsbeitrages (vgl. Wermke, S. 232).

6 Exegese ist im weitesten Sinne die Auslegung der Bibel durch Fachleute, d.h. durch Theologen/innen (vgl. RGG II, S. 171). Dabei ist es nicht relevant, welcher Fachrichtung oder Konfession diese angehören.

7 Mündliche Vorgabe war: Mindestens vier Autoren/innen, darunter Jörns und Haacker. Trummer habe ich wegen seinem katholischen Hintergrund und Moltmann-Wendel wegen der feministischen Ausrichtung gewählt.

8 Vgl. Jörns S. 56

9 Im Rahmen dieser Arbeit beschränke ich mich auf die Sachverhalte, die der Autor in der Veröffentlichung selbst explizit oder implizit nennt.

10 Hierbei werde ich die Autoren/innen recht umfangreich selbst in Form von Zitaten (kursives Layout) zu Wort kommen lassen. Originale Formatierungen habe ich nicht übernommen, weil v.a. Jörns öfters kursiv formatiert und ich dies dann nicht darstellen könnte. Auslassungen werden mit Punkten (...) gekennzeichnet, eigene Ergänzungen und Anmerkungen mit eckigen Klammern ([ ]).

11 An dieser Struktur kann auch gleichzeitig die Vollständigkeit der Exegese durch den/die Autor/in geprüft werden.

12 Jörns, S. 17

13 Die Herkunft der liturgiegeschichtlichen Herangehensweise beschreibt Jörns als Resultat des Diskurses mit Karl-Heinrich Bieritz (S. 17). Ob er aber von seinen eigenen Kindern Anstösse, Kritik oder gar Enttäuschung erfahren hat, lässt Jörns offen: "Früher hätten Kinder nicht gewagt, ihren Eltern zu sagen, dass sie ungern in eine Kirche gehen. Und zwar (auch) deshalb ungern, weil ihnen gesagt worden ist, (auch) ihre Sünden hätten Jesus grausames Sterben verursacht. Heute wagen es Kinder zum Glück manchmal." (S. 26) An mehreren Stellen schreibt er, dass er etwas nicht "nachvollziehen kann und will" (z. B. S. 24), lässt aber offen, warum er nicht will.

14 Jörns, S. 28f und S. 35

15 Jörns, S. 100

16 Jörns, S. 28f

17 Vgl. Jörns, S. 137

18 Jörns, S. 118

19 Jörns, S. 61

20 Vgl. Jörns, S. 67

21 Jörns, S. 34f

22 Jörns, S. 21

23 Jörns, S. 39f, vgl. auch S. 67-72

24 Jörns, S. 13f und S. 132f

25 Jörns, S. 1.97 ENDNOTENVERZEICHNI S

26 Jörns, S. 127-129

27 Jörns, S. 58f

28 Jörns, S. 121

29 Schrift-Medien sind zur Zeit Jesu relativ teuer (Kopieren von Hand statt von Maschine), vgl. Metzger, S. 3.

30 vgl. Jörns, S. 42

31 Trummer, S. 134f

32 Beispiel zum Zirkelschluss: Wenn von dem Gesamtbild ausgegangen wird, dass Jesus z. B. die verkörperte Liebe Gottes auf Erden ist, dann passen Szenen mit Gewalt nicht in dieses Bild. Und weil Szenen mit Gewalt dann als unhistorisch ausgeschieden werden, ergibt sich am Ende das Gesamtbild eines historischen Jesus, der die verkörperte Liebe Gottes auf Erden ist.

33 vgl. Metzger, S. 188-209

34 Jörns, S. 110

35 Jörns, S. 111

36 Jörns, S. 112

37 Vgl. Jörns S. 21.34f

38 Jörns, S. 50

39 Jörns, S. 106

40 Jörns, S. 108; vgl. Jörns, S. 119

41 Jörns, S. 109; vgl. Jörns, S. 119

42 Jörns, S. 108

43 Jörns, S. 16

44 Jörns, S. 14

45 Jörns, S. 61

46 S.u.

47 Jörns, S. 120f

48 Jörns, S. 128

49 Gesenius, S. 134

50 Gesenius, S. 53.54.120.514-515.968.980

51 Jörns, S. 128

52 Vgl. Jörns, S. 22

53 Jörns, S. 123

54 Jörns, S. 115

55 Balz / Schneider, S. 1032-1034

56 Jörns, S. 123

57 Jörns, S. 114f

58 Jörns, S. 122.125

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Zur neueren exegetischen Diskussion um die Bedeutung der "Deuteworte"
Untertitel
Darstellung einiger Thesen und kritische Auseinandersetzung
Hochschule
Augustana-Hochschule Neuendettelsau
Veranstaltung
SE Abendmahl
Note
1-2
Autor
Jahr
2009
Seiten
39
Katalognummer
V160227
ISBN (eBook)
9783640733354
ISBN (Buch)
9783640733989
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ausschnitte aus dem Kommentar des Professors: "Eine interessante Arbeit, die gut aufgebaut ist und sich argumentierend mit der herangezogenen Literatur auseinandersetzt. ... Sehr gut - gut (1-2)"
Schlagworte
NT, Neues Testament, Abendmahl, Herrenmahl, Eucharistie, Deuteworte, Einsetzungsworte, Exegese, exegetisch, bedeutung, Jörns, Moltmann-Wendel, Trummer, Haacker, Biographie, Hermeneutik, Sühneopfermahl, Kultkritik, Passa, Didache, Agape, Brotwort, Kelchwort
Arbeit zitieren
Diplom-Verwaltungswirt (FH) Peter Schmidt (Autor), 2009, Zur neueren exegetischen Diskussion um die Bedeutung der "Deuteworte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160227

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