Die Gründe für Ciceros Ermordung im Jahr 43 v. Chr.


Hausarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Offizieller, präventiver und symbolischer Aspekt
2.2. Persönliche Motive des M. Antonius und M. Aemilius Lepidus
2.3. Persönliche Motive Octavians

3. Schluss

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

5. Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Nach den Iden des März 44 v. Chr. und den darauf folgenden wechselvollen Ereignissen schlossen sich die drei bedeutendsten Militärs des Westteils des Römischen Reichs zusammen. Allesamt waren sie entschiedene Anhänger des ermordeten C. Iulius Caesar: M. Antonius, Caesars Mitkonsul im Jahre 44, M. Aemilius Lepidus, magister equitum Caesars, und der von Caesar testamentarisch als Sohn und Haupterbe adoptierte C. Octavius, ein gerade zwanzigjähriger Jüngling. Die Triumvirn fanden Ende 43 v. Chr., als sie ihr militärisches Übergewicht (und annäherndes Kräftegleichgewicht untereinander) im Pakt von Bononia in einer Militärdiktatur festschrieben, eine schwierige Situation vor. Die republikanischen Truppen um M. Brutus und C. Cassius standen im Osten des Reichs, wo beide ihre Finanzen aufbesserten und ihre Heere vergrößerten. Um die Caesarmörder bekämpfen zu können, war es für die Triumvirn notwendig, ihre Kräfte zu bündeln und vor allem die Voraussetzungen einer auswärtigen Kriegsführung zu schaffen. Das musste einerseits bedeuten, immense Geldsummen zu beschaffen, um Rüstung betreiben und die Soldaten auszahlen und versorgen zu können. Andererseits musste man den Gefahrenherd ausschalten, der von den innenpolitischen Gegnern der Triumvirn ausging. Dies wurde von den Dreimännern im Stile Sullas, also durch Proskriptionen, erreicht.

M. Tullius Cicero starb im Zuge dieser Proskriptionen am 7. Dezember des Jahres 43. Er wurde von einer Häscherbande gestellt und getötet, sein Leichnam in Folge grausam verstümmelt. Seine Ermordung bedeutet im römischen Staat eine besondere Zäsur. Die Symbolkraft und Bedeutung Ciceros, neben seiner schriftstellerischen und philosophischen Tätigkeit, als eine Säule der alten Senatsaristokratie und Verfechter der res publica libera erklärt wohl auch, dass uns gerade sein Schicksal in zahlreichen historiographischen Werken überliefert wird. Zeitgenössische Quellen sind für die Proskriptionen bis auf eine Inschrift[1] nicht erhalten geblieben, wie wir bei Appian erfahren, scheinen jedoch viele Römer nach diesem Ereignis ihre Schicksale niedergeschrieben zu haben[2]. Durchaus begründet sieht Bengtson (Proskriptionen, S. 9) den Verlust dieser Literatur darin begründet, dass in der Zeit des Prinzipats niemand ein Interesse hatte, gegen Augustus zu agitieren. Die Quellenlage stellt sich für die Zeit der Proskriptionen recht günstig dar. Bei den zu den senatorischen Geschichtsschreibern zählenden Cassius Dio[3] und Velleius Paterculus[4] ist jedoch eindeutig eine Tendenz contra Mark Anton und abgeschwächt auch contra Lepidus zu erkennen, was den Wert dieser Quellen aber aus ereignisgeschichtlicher Sicht nicht schmälern soll. Dass M. Antonius die emotional gewichtigsten Motive für die Proskription von Cicero hat, steht völlig außer Frage, aber es wird in diesen Quellen auch klar ersichtlich, dass Octavian in einem möglichst günstigen Licht erscheinen soll[5]. Die Argumentation soll deshalb mehr auf den Quellen von Plutarch, in Form der Vitae von Cicero und M. Antonius, und denen Appians (drittes und viertes Buch der Bürgerkriege) aufbauen. Von Plutarch ist bekannt, dass er über eine große Privatbibliothek verfügte und ihm so wohl auch eine breite Quellenbasis zur Verfügung stand[6]. Ein weiterer Vorteil, den man allerdings auch Velleius nicht abschreiben kann, ist die zeitliche Nähe zum Geschehen, in der er schrieb. Trotz dass er dies als Moralist tat, ist seine Darstellung durchaus objektiv. Der hohe Grad an Objektivität[7] und die Ausführlichkeit der Schilderungen lassen auch Appian als günstige Quelle erscheinen. Bei ihm ist auch das Proskriptionsedikt überliefert, welches einige Anhaltspunkte über mögliche Motive der Triumvirn liefert. Außerdem stützt sich die Argumentation auf ausgewählte Beispiele von Ciceros Briefkorrespondenz und seiner Philippischen Reden, die ein sehr gutes Zeugnis der Ereignisse der betreffenden Jahre 44 und 43 v. Chr. darstellen und darüber hinaus handlungsleitende Motive der Akteure erkennen lassen, in jeweils einem Fall auf den Tatenbericht des Augustus und die Tusculanen Ciceros.

Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, wo die Motive der Triumvirn für das Proskribieren Ciceros liegen könnten, mit der Annahme, dass die Ächtung eher eine Konsensentscheidung der Triumvirn als ein Alleingang Mark Antons gewesen ist. Dafür sollen verschiedene Gründe für die Proskriptionen, wie sie in den Quellen zu finden sind, an seinem Beispiel geprüft werden. Besonders soll hierbei auf persönliche Beweggründe der Triumvirn eingegangen und speziell die Rolle Octavians kritisch hinterfragt werden.

2. Hauptteil

2.1. Offizieller, präventiver und symbolischer Aspekt

Da der Frage nachgegangen wird, warum alle drei Triumvirn ein gesteigertes Interesse an Ciceros Tod gehabt haben könnten, sollen hier zunächst die Gründe angeführt werden, die für Antonius, Lepidus und Octavian gleichermaßen gelten mussten. Diese von den Triumvirn promulgierten Gründe finden sich bei Appian[8], aber sind natürlich aufgrund der Tatsache, dass es sich um eine öffentliche Bekanntmachung handelt, nicht ausreichend um die Proskriptionen zu erklären. Im Gegenteil: zwei ganz maßgebliche Gründe, nämlich der finanzielle Aspekt und der Aspekt von persönlicher Feindschaft zu den Proskribierten, werden in diesem Edikt verständlicherweise nahezu negiert[9], nur die „allerschlechtesten und allerschuldigsten Menschen“[10] sollten gerächt werden. Diese Tatsache war auch Appian bewusst, der schreibt, dass die Triumvirn auch persönliche Feinde, ja sogar Verwandte und Freunde (civ. 4,16) ächteten und finanzielle Motive sehr wohl bedeutend waren (civ. 4,18). Aus dieser Quelle geht auch hervor, dass es ein Ziel dieser Proskriptionen war, mächtige Gegner der Triumvirn in Italien auszuschalten[11] und diese innenpolitischen Säuberungen auch im Hinblick auf den sich anbahnenden Krieg im Osten durchzuführen[12]. Auf keinen kann dieses Motiv mehr zutreffen als auf Cicero. Appian[13] und Plutarch[14] betonen beide die Führungsrolle, die er spätestens seit Ende des Jahres 44 v. Chr. im Staat einnahm. Dass Cicero nicht zum unmittelbaren Kreis der Caesarmörder gehörte, sollte sein Schicksal nicht abwenden. Alle drei Triumvirn müssen gesehen haben, wie groß Ciceros Einfluss in Roms Tagespolitik war und wie vielseitig seine politischen Kontakte, so z.B. auch zu seinem Freund M. Brutus, C. Cassius und vielen Statthaltern. Es musste für die Dreimänner klar sein, dass Ciceros energisches Eintreten für die res publica eine Schonung unmöglich machte[15]. Er koordinierte die Reihen der Republikaner und konnte dadurch die Stellung des Triumvirats gefährden. Wenn man schon Proskriptionen ausschrieb, warum hätte gerade der einflussreichste Verfechter der Republik geschont werden sollen? Southern sieht es für unmöglich an, dass man Cicero aktiv in Rom belassen konnte[16]. Auch die Formulierung des Proskriptionsediktes[17] legt nahe, dass man nicht nur die Caesarmörder, sondern auch (geistige) Unterstützer der Tat erfassen wollte[18] und sich der einflussreichen Republikaner wie Cicero entledigen konnte. Hätte man ihn begnadigt, so hätte er wohl Unruhe in Rom gestiftet oder sich zu M. Brutus und C. Cassius abgesetzt und dort die beiden weiter unterstützt- ebenfalls potentielle Gefahren für die Triumvirn[19]. Finanzielle Motive wiederum spielten wohl bei Cicero keine Rolle, denn er befand sich in Geldnöten[20] und lieh sich häufig bei Atticus.

Wichtig für seine Proskription ist auch die symbolische Bedeutung Ciceros als herausragender Vertreter der alten Senatsaristokratie[21], die er spätestens seit der Aufdeckung der Catilinarischen Verschwörung einnahm und in Folge immer wieder untermauerte. Mit seiner Ermordung konnten die Triumvirn demonstrieren, dass diese Zeit der freien Republik nun vorbei war und gleichzeitig ein Exempel statuieren[22]. Was für alle Proskribierten gilt, lässt sich am Beispiel Ciceros besonders deutlich erkennen: die abschreckende Wirkung des Terrors sollte späteren Tumulten in Italien vorgreifen. Der Tod Ciceros musst in dieser Hinsicht besonders grauenhaft wirken, die Quellen[23] berichten uns, dass gerade mit seinem Leichnam äußerst bestialisch verfahren und er später auf den Rostra zur Schau gestellt wurde.

[...]


[1] Hermann Bengtson: Zu den Proskriptionen der Triumvirn, in: Bayerische Akademie der Wissenschaften, Sitzungsberichte Jahrgang 1972, Heft 3, München 1972, S. 5.

[2] App. civ. 4,64: „ […] zahlreiche Römer haben in einer Menge von Büchern zu ihrer Zeit hierüber geschrieben.“

[3] Vell. 2,66,1; in 2,66,3-5 findet sich eine besondere Lobpreisung Ciceros, Mark Anton wird explizit die Schuld an Ciceros Tod zugeschrieben.

[4] Cass. Dio 47,7,1; in 47,8,1 wird Lepidus als nicht völlig unnachsichtig dargestellt, wohingegen Antonius in 8,2 als besonders grausam geschildert wird, eine besondere Freude bereitete ihm nach dieser Quelle der Anblick des Kopfes von Cicero (8,3); ähnlich auch App. civ. 4,81.

[5] Nach Vell. 2,66,1 versuchte Octavian den Proskriptionen vergeblich zu widerstreben, in 66,2 ist die Darstellung sogar derart, dass er regelrecht gezwungen wurde Cicero zu opfern; Cassius Dio schreibt, eine Mitschuld fiele deshalb auf Octavian, da er die Macht mit Lepidus und Antonius teilte (47,7,2), er sei aber nach dem Vorbild des Vaters gebildet gewesen (ebd.) und versuchte so im Sinne der clementia Caesaris viele zu retten (8,1); Sueton (Aug. 27,1) stimmt zwar überein, dass er sich gegen die Proskriptionen anfangs verwehrte, betont aber, dass er sie hinterher umso unnachsichtiger durchführen ließ.

[6] Vgl. Plutarch: Cicero, griechisch und deutsch, mit Einleitung, Anmerkungen und Namenindex, übersetzt von Friedhelm L. Müller, Aachen 1998, S. 24-26. Müller spricht von einer „erstaunlichen Fülle von […] Belegen und Quellen“ (S. 25).

[7] Analog Bengtson, Proskriptionen, S. 5 f., 37 f.

[8] App. civ. 4,31-44, Bengtson, Proskriptionen, S. 12 f. hält das Edikt begründet für echt.

[9] App. civ. 4,39: „ Wir hingegen […] werden […] auch nicht alle zu unseren Feinden zählen, die sich mit uns entzweiten oder gegen uns arbeiteten, oder gar jene, die sich bloß durch ihren Reichtum oder großen Besitz oder ihr Ansehen auszeichneten.“

[10] App. civ. 4,40

[11] App. civ. 4,16: „ Sie wählten dabei [beim Aufstellen der Proskriptionslisten] die einflussreichen Persönlichkeiten aus, denen sie misstrauten […].“

[12] App. civ. 4,38: „ Sollen wir aber zu eurem Wohle einen auswärtigen Krieg führen, dann erscheint es weder für eure noch für unsere Sache geraten, die restlichen Gegner hinter uns zu lassen, die sich unsere Abwesenheit zunutze machen und nur auf günstige Gelegenheiten im Laufe des Krieges warten werden.“

[13] App. civ. 4,73: „ Cicero hatte nach dem Tode des Gaius Caesar eine Macht ausgeübt, soweit dies nur die Alleinherrschaft eines Volksführers gestattete.“

[14] Plut. Ant. 17,1; Plut. Cic. 45,4: „ Ciceros Einfluss in der Stadt erklomm damals ihren strahlendsten Höhepunkt, so dass er durchsetzte, was er nur wollte […].“

[15] Patricia Southern: Marc Antony. Stroud 1998, S. 71: „Indeed there was every reason for the removal of Cicero, to prevent him from stirring up further trouble.”

[16] Ebd.: „It have been quite impossible to leave him active and hostile in Rome.“

[17] App. civ. 4,33: „ Nun aber, da wir sehen müssen, dass sich die Bosheit derer, die gegen uns gearbeitet haben und unter deren Händen Caesar starb, nicht zähmen lässt, so wollen wir lieber unseren Gegnern zuvorkommen als unter ihnen leiden.“ civ. 4,35: „ Nach diesem fluchwürdigen Verbrechen aber sandte der Rest, statt die Frevler der verdienten Strafe zuzuführen, sie als Befehlshaber und Statthalter aus […].“ Die Triumvirn machen also auch deutlich, dass die, „ die gegen uns gearbeitet haben“ gleichsam auch die waren „ unter deren Händen Caesar starb“; so konnten auch Männer wie Cicero als Caesarmörder hingestellt werden und gewissermaßen unter die Lex Pedia fallen.

[18] Vgl. auch Bengtson, Proskriptionen, S. 15.

[19] Ebd., S. 16.

[20] wie bei Plut. Cic. 41,4 f. deutlich wird, betrugen seine Schulden viele Zigtausende und er heiratete die viel jüngere Publilia 46 v. Chr. wohl einzig des Geldes wegen.

[21] Vgl. Manfred Fuhrmann: Cicero und die römische Republik, München/ Zürich ²1990, S. 307.

[22] App. civ. 4,46: „ Nicht allein wegen ihrer angesehenen Stellung waren die erwähnten Persönlichkeiten vor den anderen Verurteilten genannt, sondern um Schauder zu erwecken und keine Hoffnung aufkommen zu lassen, dass jemand einen Proskribierten retten könne.“

[23] App. civ. 4,80-82; Plut. Cic. 49; Plut. Ant. 20,2; Cass. Dio 47,11.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Gründe für Ciceros Ermordung im Jahr 43 v. Chr.
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Späte römische Republik
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V160241
ISBN (eBook)
9783640733378
ISBN (Buch)
9783640734047
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Römische Republik, Augustus, Octavian, Ermordung Ciceros, 43 v. Chr., Marcus Antonius, Lepidus, Mutina, Zweites Triumvirat, Mark Anton, Proskription, Octavianus, Oktavian, Caesar, Cicero, Marcus Tullius, Proskriptionen, Appian, Cassius Dio
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Nico Lehmann (Autor), 2010, Die Gründe für Ciceros Ermordung im Jahr 43 v. Chr., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160241

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