Diese Hausarbeit aus dem Bereich der Gender Studies im Rahmen des Masterseminars "Lateinamerikanische Autorinnen der Moderne" beschäftigt sich mit dem Theaterstück "Polyxene und das Küchenmädchen" von der argentinischen Autorin Alfonsina Storni aus dem 20. Jahrhundert.
Themenschwerpunkt der Arbeit bildet die Analyse der Figurenkonzeption nach Pfister und der Frage, wie Storni in ihrem Stück "Polyxene und das Küchenmädchen" die traditionelle Frauenrolle des zwanzigsten Jahrhunderts infrage stellt und ein eigenes Bild mithilfe der Figur und des Küchenmädchens neu konstruiert.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung.
- 2. Die Autorin und ihr Werk.
- 2.1 Alfonsina Storni: Biografischer Kontext
- 2.2 Polyxene und das Küchenmädchen-Inhalt und zentrale Themen
- 2.3 Mythologische Vorlage: Polyxena in der griechischen Tradition
- 3. Historischer und gesellschaftlicher Kontext
- 3.1 Frauenbild in Argentinien zurzeit Stornis
- 3.2 Die politische Situation der Frauen und feministische Bewegungen in Argentinien.
- 4. Theoretische Grundlagen
- 4.1 Pfisters Theorie zur Dramatischen Figur
- 4.2 Literarischer Kontext
- 5.1 Figuren als Spiegel patriarchaler Strukturen.
- 5.2 Feministischer Widerstand
- 5.3 Polyxene als dekonstruiertes Weiblichkeitsbild.
- 7. Literatur.
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern Alfonsina Storni in ihrem Theaterstück „Polyxene und das Küchenmädchen“ das traditionelle Frauenbild in patriarchalen Strukturen umkehrt und alternative Perspektiven auf Geschlechteridentität und weibliche Selbstbestimmung aufzeigt.
- Dekonstruktion traditioneller Frauenbilder
- Analyse von Alfonsina Stornis Theaterstück „Polyxene und das Küchenmädchen“
- Mythologische Vorlage: Polyxena in der griechischen Tradition
- Historischer und gesellschaftlicher Kontext des frühen 20. Jahrhunderts in Argentinien
- Feministische Theorie und ihre Anwendung auf literarische Figuren
- Manfred Pfisters Theorie zur dramatischen Figur
Auszug aus dem Buch
Figuren als Spiegel patriarchaler Strukturen
Ein markantes Beispiel für die patriarchale Gewalterfahrung zeigt sich in der Bedrohung gegenüber dem Küchenmädchen:
Junger Mann [...] Warum machst du dich über mich lustig, Schlampe? Was kommst du mit einem Zettelchen? Was bildest du dir ein? Er packt ihren Arm. Soll ich dir die Schnauze polieren?" [...] Dreckige Schlunze; Hure!38
Das aggressive Packen ihres Armes überschreitet eine klare Grenze und manifestiert die überlegene Stellung des jungen Mannes. Die Kombination aus verbaler und körperlicher Gewalt charakterisiert die Figur explizit-figural im Dialog, gleichzeitig offenbart sich implizit-figural seine patriarchale Perspektive gegenüber Frauen. Ein herausragendes Beispiel für die Abwertungen in Bezug auf das Küchenmädchen sind die folgenden Bezeichnungen wie „Schlampe“, Hure“ oder „dreckige Schlunze“ sowie „Küchenschabe".47 Diese Beleidigungen stellen eine explizite Form der Demütigung dar, die zugleich ihre soziale Stellung herabsetzt und sie als Frau entwürdigt. Eine weitere Demonstration patriarchaler Machtausübung zeigt sich in der Bedrohung durch die Gruppe junger Männer, die sich vor dem Klappfenster der Küche versammeln. Bevor diese sich ihr nähern, reagiert das Küchenmädchen panisch und ruft dem Stubenmädchen zu:
„Die Musik hat aufgehört, nimm meine Hände, nimm mich in den Arm! Geh nicht weg!". Geh nicht weg! Sie verlassen das Zimmer...Sie kommen die Hintertreppe herunter. [...] Sie gehen nie dort hinunter...Wollen sie durch den Dienstboteneingang auf die Straße? Hoffentlich!48
Ihre Angst und Verzweiflung, von den Männern belästigt zu werden, wird hierbei betont. Zusätzlich verstärkt der Ort der Szene die Atmosphäre, da er die angespannten Machtverhältnisse und die Isolation des Küchenmädchens verdeutlicht: „Sie kommen die Hintertreppe hinunter...Wollen sie durch den Dienstboteneingang auf die Straße?" Die Lokalisierung der Treppe im hinteren Teil des Hauses für das Dienstpersonal hebt die Unsichtbarkeit des Küchenmädchens hervor, das im Verborgenen arbeiten muss. Zudem symbolisiert die räumliche Anordnung der Figuren die ungleiche Machtverteilung: Die Männer stehen vor dem Fenster und blicken auf das Küchenmädchen herab. Diese Perspektive hebt nicht nur die physische Überlegenheit der Männer hervor, wiederum verweist sie auch auf ihre höhere soziale Stellung. Sie bewegen sich frei außerhalb des Küchenraums, wohingegen das Küchenmädchen in diesem Raum, der traditionell mit der unteren sozialen Schicht assoziiert wird, gefangen bleibt. Die gesellschaftlichen Unterschiede werden implizit verdeutlicht und lassen sich nach Pfister der implizit-figuralen Charakterisierung zuschreiben. Somit definiert der Raum die weibliche Figur und transportiert die damit verbundenen gesellschaftlichen Einschränkungen, die sie in Isolation und schutzloser Unterordnung halten.
Ein weiteres Merkmal für die männliche Machdemonstration ist die Metapher der Herde:
Das Klappfenster oben in der Küchenwand geht auf und das Gesicht des Jungen Mannes erscheint, mit ihm noch vier bis fünf andere Gesichter. Zusammen wirken sie wie eine Herde, die kurz davor ist loszubrechen, um ein Feld zu verwüste; sie grinsen ironisch und beleidigend.39
Die Gruppe junger Männer wird anhand des explizit-auktorialen Fremdkommentar als eine anonyme, unkontrollierbare Masse beschrieben, die ihre hegemoniale Macht auf das Küchenmädchen ausübt. Zusätzlich akzentuiert der explizit-auktoriale Kommentar des ironischen und beleidigenden Grinsens ihre gesellschaftliche Überlegenheit gegenüber dem Küchenmädchen. Darüber hinaus wird der Effekt der Bedrohlichkeit durch die Beschreibung der Männer als identitätslose „Gesichter“ gesteigert. Sie werden als Kollektivität ohne individuelle Züge wahrgenommen, was ihre Unberechenbarkeit und ihre Unmenschlichkeit herausstellen.
Die bedrohliche Situation zeigt sich nicht nur in der physischen Überzahl der Männer, auch in der Art und Weise, wie sie mit dem Küchenmädchen sprechen:
1.Stimme Ist es die da?
2.Stimme Dufte Puppe!
3.Stimme Hallo Jungfrau!
Junger Mann Fünfhundert und keinen Centavo mehr... 1.Stimme
Keinen Centavo mehr.
2.Stimme Und du?
3.Stimme Keinen Centavo mehr...40
Anhand von sexistischen Äußerungen wie „Dufte Puppe“, “Hallo Jungfrau“ wird ein implizit-figuraler Fremdkommentar geschaffen, der die objektifizierende Haltung der Männer gegenüber dem Küchenmädchen verdeutlich und sie auf ihr ihre sexuelle Verfügbarkeit reduzieren. Die Objektifizierung spitzt sich szenisch zu, als die Männer anfangen über Preise zu verhandeln: „Fünfhundert und keinen Centavo mehr“. Einer seiner Mitstreiter bestätigt: „Keinen Centavo mehr“. Die „Preisverhandlung“ unterstreicht auf implizit-figuraler Weise die Betrachtung des Küchenmädchens als Ware. Demnach wird ihr Wert nicht mehr durch ihre Individualität als Mensch bestimmt, vielmehr wird ihr ein monetärer Wert zugewiesen. Die Bereitschaft der Männer für sexuelle Handlungen zu zahlen, demonstriert die patriarchalen Strukturen, in denen Frauen nach ökonomischen Prinzipien bewertet werden. Der Dialog zwischen dem jungen Mann und dem Küchenmädchen zeigt die systematische Unterdrückung von Frauen innerhalb patriarchaler Machtstrukturen. Damit manifestiert sich das hierarchische Machtgefälle durch Sprache, Gewalt und die räumliche Inszenierung, die das patriarchale System visuell verdeutlichen soll.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Führt in die feministische Theorie von Simone de Beauvoir und Judith Butler ein, stellt Alfonsina Stornis Theaterstück „Polyxene und das Küchenmädchen“ vor und formuliert die Forschungsfrage zur Dekonstruktion traditioneller Frauenbilder.
2. Die Autorin und ihr Werk: Beleuchtet das Leben und die schriftstellerische Karriere von Alfonsina Storni, analysiert Inhalt und zentrale Themen ihres Theaterstücks und dessen mythologische Grundlage in der griechischen Tradition.
3. Historischer und gesellschaftlicher Kontext: Untersucht das traditionelle Frauenbild und die politischen sowie feministischen Bewegungen in Argentinien Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.
4. Theoretische Grundlagen: Erläutert Manfred Pfisters Theorie zur dramatischen Figur, einschließlich Figurenkonzeption und -charakterisierung, sowie den literarischen Kontext von Stornis Werk im Modernismo.
5.1 Figuren als Spiegel patriarchaler Strukturen: Analysiert die Figurenkonstellation im Stück, wobei das Küchenmädchen als unterdrückte Figur in patriarchalen Strukturen betrachtet wird, die auf Gewalt und soziale Herabwürdigung reagiert.
5.2 Feministischer Widerstand: Beschreibt die figurale Entwicklung des Küchenmädchens von einem Opfer zu einer dynamischen und kämpferischen Figur, die sich gegen patriarchale Machtansprüche zur Wehr setzt und Selbstbestimmung einfordert.
5.3 Polyxene als dekonstruiertes Weiblichkeitsbild: Thematisiert, wie die Figur der Polyxene als idealisiertes Frauenbild dient, das vom Küchenmädchen neu interpretiert und dekonstruiert wird, um konventionelle Weiblichkeitskonzeptionen zu hinterfragen.
6. Fazit: Fasst die Ergebnisse der Analyse zusammen und bestätigt, dass Storni das traditionelle Frauenbild in „Polyxene und das Küchenmädchen“ durch die dynamische Figur des Küchenmädchens hinterfragt und bestehende Geschlechterrollen umstößt.
7. Literatur: Listet die für die Arbeit verwendete Primär- und Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Alfonsina Storni, Polyxene und das Küchenmädchen, Frauenbild, Dekonstruktion, Feminismus, Patriarchat, Gender, Rollenverteilung, Theaterstück, Argentinien, 20. Jahrhundert, Mythologie, Dramentheorie, Figurenkonzeption, Weiblichkeit, Selbstbestimmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Dekonstruktion des traditionellen Frauenbildes in Alfonsina Stornis Theaterstück „Polyxene und das Küchenmädchen“ im Kontext patriarchaler Strukturen und feministischer Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die feministische Theorie (u.a. Beauvoir, Butler), die Analyse von Geschlechterrollen, der historische und gesellschaftliche Kontext Argentiniens im frühen 20. Jahrhundert sowie die Rezeption und Dekonstruktion mythologischer Figuren.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu untersuchen, inwiefern Storni in ihrem Theaterstück „Polyxene und das Küchenmädchen“ das traditionelle Frauenbild in patriarchalen Strukturen umkehrt und alternative Perspektiven auf weibliche Selbstbestimmung aufzeigt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Für die Analyse wird primär Manfred Pfisters Theorie zur Figurenkonzeption und -charakterisierung in Dramen angewandt, insbesondere die Technik der expliziten und impliziten figuralen sowie auktorialen Charakterisierung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse der Figurenkonstellation als Spiegel patriarchaler Strukturen, dem feministischen Widerstand des Küchenmädchens und der Dekonstruktion des Weiblichkeitsbildes anhand der Figur der Polyxene.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Alfonsina Storni, Polyxene und das Küchenmädchen, Frauenbild, Dekonstruktion, Feminismus, Patriarchat, Gender, Rollenverteilung, Theaterstück, Argentinien, Dramentheorie, Figurenkonzeption, Weiblichkeit, Selbstbestimmung.
Wie wird das traditionelle Frauenbild im Stück "Polyxene und das Küchenmädchen" kritisiert?
Storni kritisiert das traditionelle Frauenbild, indem sie die Hauptfigur, das Küchenmädchen, von einer untergeordneten, passiven Rolle zu einer dynamischen und selbstbestimmten Figur entwickelt, die sich patriarchalen Strukturen widersetzt.
Welche Rolle spielt die mythologische Figur der Polyxena für das Küchenmädchen?
Das Küchenmädchen identifiziert sich mit Polyxena als einer starken, ehrenhaften Frau, die sich ihrem Schicksal als Sklavin widersetzt. Es nutzt diese mythologische Figur, um eine alternative Weiblichkeitskonzeption aufzuzeigen und die eigene Unterdrückung zu überwinden.
Inwiefern werden im Stück "Polyxene und das Küchenmädchen" die Grenzen zwischen Realität und Darstellung verwischt?
Am Ende der Inszenierung des Küchenmädchens verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Darstellung, da sich das Küchenmädchen in ihrer Darbietung der Polyxene vollständig verliert und sich selbst umbringt, was als tragischer Akt der Selbstermächtigung interpretiert wird.
Wie trägt der historische Kontext Argentiniens zum Verständnis des Stücks bei?
Der historische und gesellschaftliche Kontext des frühen 20. Jahrhunderts in Argentinien, geprägt von Machismo und der idealisierten "mujer decente", verdeutlicht die gesellschaftlichen Zwänge und das Frauenbild, gegen die Alfonsina Storni in ihrem Werk anschreibt und die sie dekonstruieren möchte.
- Arbeit zitieren
- Natalie Paggel (Autor:in), 2025, Die Dekonstruktion des traditionellen Frauenbildes in Alfonsia Stornis Theaterstück "Polyxene und das Küchenmädchen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1602450