Die Gleichberechtigung beider Geschlechter wurde bei der Formulierung des Grundgesetzes festgeschrieben und sollte als selbstverständliches Leitbild unserer Gesellschaft gelten. Rund 35 Jahre später stellt 1983 ein eineinhalbjähriges Mädchen fest:
„Frau nackig […] Mann redet.“
Nun gut, seit dem sind immerhin bereits 26 Jahre vergangen.
Während bis in die 1970er Jahre das traditionelle Familienleitbild mit dem Mann als Alleinernährer und seiner Frau als treu sorgende Hausfrau und Mutter bestimmend war, sieht die heutige Realität um einiges anders aus. Doch wie sieht eine Realität aus, in der angehende Abiturientinnen sich aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit bestimmte Fähigkeiten absprechen bzw. sich hinter diesen als Ausrede verstecken? Wie sehen die heutigen Frauen(leit)bilder aus? Wie wichtig Bilder für die Wahrnehmung und Beeinflussung der Realität sind betont u.a. die visuelle Kommunikationsforscherin und Politologin Marion Müller:
„Bilder verändern unsere Realität. Bilder beeinflussen unsere Selbstwahrnehmung, aber auch die Wahrnehmung unserer Umwelt.“
Dadurch dass sich im Alltag durch Bilder verständigt wird, folgt, dass unsere Gesellschaft nicht durch Bilder repräsentiert, sondern konstituiert wird. Bilder sind nach Bohnsack handlungsleitend. Sie sind in die vorreflexiven, impliziten und „atheoretischen“ Wissensbestände eingelassen – wodurch insbesondere das habitualisierte Handeln beeinflusst wird.
Ziel dieser Arbeit ist es aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive heraus, die Darstellung von Frauen in der heutigen Gesellschaft zu analysieren. Die Bildinterpretation ist als Methode in den Sozialwissenschaften noch relativ „jung“. Eine der erfolgreichsten Bildinterpretationsmethoden ist die des Kunsthistorikers Erwin Panofsky.
Die Arbeit ist so gegliedert, dass zunächst die Bildinterpretationsmethode Panofskys beschrieben und anhand eines kurzen Beispiels dargestellt wird. Im Anschluss wird, um das Frauenbild in der heutigen Gesellschaft anhand der Bildinterpretationsmethode zu analysieren, auf ein Titelblatt einer der meistgekauften Zeitschriften Deutschlands, „DER SPIEGEL“ zurückgegriffen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bildinterpretationsmethode nach Panofsky
2.1 Vorikonographische Beschreibung
2.2 Ikonographische Analyse
2.3 Ikonologische Interpretation
2.4 Da Vinci „Das letzte Abendmahl“
3. Bildinterpretation
3.1 Vorikonographische Beschreibung
3.2 Ikonographische Analyse
3.3 Ikonologische Interpretation
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Darstellung von Frauen in der heutigen Gesellschaft aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive mittels der Methode der Bildinterpretation nach Erwin Panofsky zu analysieren, um bestehende Rollenbilder und gesellschaftliche Zuschreibungen zu hinterfragen.
- Methodische Grundlagen der Bildinterpretation nach Panofsky
- Anwendung des ikonographisch-ikonologischen Dreischritts
- Analyse von Medienbildern zur Rolle der Frau
- Diskussion des Spannungsfeldes zwischen Karriere und Familie
- Untersuchung gesellschaftlicher Leitbilder in Deutschland
Auszug aus dem Buch
2.1 Vorikonographische Beschreibung
Bei der vorikonographischen Beschreibung geht es im Wesentlichen um die Frage: Was ist dargestellt? Es sollen alle sich auf dem Bild befindlichen Gegenstände, Personen etc. beschrieben werden.
Die vorikonographische Analyse gliedert sich in die tatsachen- und ausdruckshafte Bedeutung. Zur Verdeutlichung dieser Aufgliederung führt Panofsky folgendes Alltagsbeispiel an: ein Mann hebt seinen Hut und sieht dabei jemanden an. Unter einem rein formalen Gesichtspunkt ist lediglich eine Veränderung der Farben-, Linien- und Körperumrisse feststellbar. Die tatsachenhafte Bedeutung liegt darin, dass die Gebärde des Mannes als Hutziehen verstanden wird. Die Tatsachenbedeutung wird demnach erfasst, wenn bestimmte (sichtbare) Formen mit Gegenständen identifiziert werden, die wiederum durch die praktische Erfahrung bekannt sind.
Durch die Erfassung der Tatsachenbedeutung werden bestimmte Reaktionen hervorgerufen. Aus der Art und Weise wie der Mann das Hutziehen durchführt, ist z.B. erkennbar, ob er guter oder schlechter Laune ist und wie die Gefühle gegenüber dem anderen sind (z.B. gleichgültig oder feindselig). Diese psychologischen „Nuancen“ benennt Panofsky als ausdruckshafte Bedeutung. Im Gegensatz zur Tatsachenbedeutung, die identifiziert wird, wird die ausdruckshafte Bedeutung durch Einfühlung erfasst.
Die tatsachen- und ausdruckshafte Bedeutung gehören zur Klasse der primären und natürlichen Bedeutung. Es werden reine Formen identifiziert, z.B. Farben und Linien sowie Darstellungen von Menschen, Tieren, Pflanzen oder Häusern etc., „indem man ihre gegenseitigen Beziehungen als Ereignisse identifiziert […].“ Wichtig ist, dass insbesondere auf Details eingegangen wird (z.B. die Position einer Person vor einem Gegenstand, ein leeres Glas etc.), denn diese können bei der Stufe der ikonographischen Analyse von Bedeutung sein. Van Straten betont in diesem Zusammenhang: „Bei der Aufzählung alles dessen, was auf einem Bild dargestellt wird, ist sehr genaues Hinsehen besonders wichtig: es ist die Voraussetzung für jeden weiteren Schritt auf dem Weg zu einer richtigen Interpretation.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Entwicklung der Gleichberechtigung in Deutschland und identifiziert anhand aktueller Beobachtungen die anhaltende Relevanz von Geschlechterrollenbildern.
2. Bildinterpretationsmethode nach Panofsky: Dieses Kapitel erläutert den ikonographisch-ikonologischen Dreischritt von Erwin Panofsky als wissenschaftliches Instrument zur Analyse visueller Inhalte.
3. Bildinterpretation: Hier erfolgt die praktische Anwendung der zuvor beschriebenen Methode auf ein konkretes Fallbeispiel, ein Zeitschriften-Titelblatt, zur Analyse der Darstellung von Frauen.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über die noch nicht erreichte Gleichberechtigung und stellt fest, dass visuelle Medien gesellschaftliche Vorurteile in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiterhin mitkonstituieren.
Schlüsselwörter
Bildinterpretation, Panofsky, Sozialwissenschaften, Geschlechterrollen, Gleichberechtigung, Ikonographie, Ikonologie, Medienanalyse, Familienleitbild, Karriere, Mutterschaft, Vereinbarkeit, Frauenbild, Gesellschaftskonstitution, Rollenzuweisung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Darstellung von Frauen in der heutigen deutschen Gesellschaft unter Anwendung sozialwissenschaftlicher Bildinterpretationsmethoden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themenfelder umfassen die Gleichberechtigung der Geschlechter, das traditionelle vs. moderne Familienleitbild sowie die Rolle visueller Medien bei der Konstitution gesellschaftlicher Wirklichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, mittels der Bildinterpretation nach Panofsky aufzudecken, wie Frauen in den Medien dargestellt werden und inwiefern diese Bilder die Debatte über Kinderlosigkeit und Karriere beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit verwendet den ikonographisch-ikonologischen Dreischritt nach Erwin Panofsky, bestehend aus vorikonographischer Beschreibung, ikonographischer Analyse und ikonologischer Interpretation.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen der Panofsky-Methode dargelegt, gefolgt von einer praktischen Anwendung anhand des „DER SPIEGEL“-Titelbildes „Der neue Mutterstolz“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bildinterpretation, Ikonographie, Ikonologie, Geschlechterrollen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Welche Bedeutung hat das untersuchte Spiegel-Titelbild?
Das Titelbild dient als exemplarisches Fallbeispiel, um zu zeigen, wie durch die visuelle Inszenierung einer schwangeren Frau im Business-Kostüm ein Entscheidungsdilemma zwischen Kindern und Karriere konstruiert wird.
Warum spielt der „nicht dargestellte Partner“ im Spiegel-Cover eine Rolle?
Der fehlende Partner auf dem Bild verdeutlicht laut Autorin die einseitige Fixierung der gesellschaftlichen Debatte auf die Frau als alleinige Verantwortliche für die Vereinbarkeitsproblematik.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Nina Eger (Autor:in), 2009, Eine sozialwissenschaftliche Bildinterpretation nach Panofsky, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160257