Einhard in Sage und Legende


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2008

28 Seiten


Leseprobe

Einhard in der Legende

1. Die Lorscher Chronik

Es gibt wohl kaum eine mittelalterliche Sage, die älter, weiter verbreitet und besser erforscht ist als die Sage von Einhard und Imma. Sie spielt um das Jahr 800, entstanden ist sie wohl in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Dutzende Autoren aus ganz Europa – Historiker, Romanciers, Literaturwissenschaftler, Komponisten und Theaterschriftsteller - haben sie erwähnt, verändert, ausgeschmückt oder mit gelehrten Kommentaren versehen. Aus einem Feld, das schon so oft und hingebungsvoll beackert worden ist, sind natürlich keine bisher unentdeckten Schätze mehr zu heben, und die vorliegende Abhandlung kann demnach nichts Neues bieten, sondern sie begnügt sich damit, das verstreut liegende Material zu sammeln und zu sichten (1).

Am Anfang unserer Betrachtung steht natürlich die Darstellung der Legende in der Lorscher Chronik, die im Zusammenhang mit Einhards Übergabe seiner Besitzung in Michelstadt an Lorsch steht. Einhard erhielt bekanntlich 815 von Ludwig d. Fr. die Güterkomplexe Michel-stadt und (Ober- und Unter-) Mühlheim, aber schon 819 übergab er Michelstadt an den hl. Nazarius, also an das Kloster Lorsch. Die Umstände dieses Besitzwechsels seien hier nicht erörtert. Aber im Zusammenhang mit dieser Erwerbung, die in der Lorscher Chronik natürlich vermerkt ist (2), fügte der Chronist auch alles an, was ihm zu dem großzügigen Wohltäter, also Einhard, einfiel. Dieser war natürlich auch im Lorsch des 12. Jahrhunderts kein Un-bekannter. Seine Bedeutung zeigt sich u. a. darin, dass er in mittelalterlichen Handschriften als Miniatur zu finden ist (3); welcher Zeitgenosse, sofern er weder heilig noch Regent war, könnte das von sich behaupten?

Einhard, der als Biograph Karls d. Gr. berühmt war und der Nachwelt als der Vater der karolingischen Geschichtsschreibung galt, war schon allein deswegen eine fast legendäre Figur, und es fehlte nur ein kleiner Schritt, um ihn zum Schwiegersohn des Kaisers zu stilisieren. Und damit sind wir bei unserem Thema, nämlich der Legende von Eginhard und Imma. In der Lorscher Chronik heißt es:

Einhard und Imma verlieben sich am Aachener Hof, Einhard besucht Imma in ihrer Kammer. Als Einhard seine Imma am frühen Morgen verlassen will, stellen beide fest, dass es über Nacht geschneit hat. Um verräterische Spuren zu vermeiden, nimmt Imma Einhard auf die Schultern und trägt ihn aus ihrem Gemach. Kaiser Karl, dem das leidige Rheuma den Schlaf geraubt hat, steht am Fenster und sieht die merkwürdige Szene. Einhard, welcher glaubt, dass seine Besuche bei Imma auf Dauer doch nicht unbemerkt bleiben, entschließt sich, um seinen Abschied anzuhalten. Der Kaiser kennt natürlich das Motiv Einhards, erbittet sich aber Bedenkzeit, beruft seinen Rat ein, um ein Urteil über Einhards Verfehlung zu erhalten. Im Rat gehen die Meinungen – Hinrichtung, Verbannung, Begnadigung - auseinander, Karl be-schließt, die Sache in Güte beizulegen, indem er Einhard die Tochter zur Frau gibt und damit das unstatthafte Verhältnis legitimiert. Das Paar heiratet und erhält eine großzügige Mitgift.

Aus Seligenstädter Sicht ist der Ausgang der peinlichen Affäre ganz und gar unbefriedigend; denn es fehlt das, worauf es uns ankommt, nämlich: Einhard und Imma werden vom Hof verstoßen, bzw. fliehen vor der zu erwartenden Strafe in den finsteren Tann weitab von Aachen. In Obermühlheim lassen sie sich nieder. Nach Jahren kommt Karl auf der Jagd in diesen Teil des Wildbanns Dreieich, bittet um ein Nachtlager in einer Jagd- oder Köhlerhütte. Imma erkennt sofort ihren Vater, er sie aber zunächst nicht...

Wir sehen hier bereits: Die Sage hat Veränderungen durchgemacht, sie wird ausgeschmückt, erhält andere Akzente, mit anderen Worten: sie lebt. Sehr schön hat dies Julius Ludwig Ideler, der Verfasser von ‚ Leben und Wandel Karls des Großen, beschrieben von Einhard’, in seinem Buche ausgedrückt. Er schreibt: „Auch sie (die Sage) gehört zu jenem Kreise wandernder Sagen, die, mit der Zeit fortschreitend, an die Stelle des Alten, so viel sie davon vergessen haben, das Neue setzen, weshalb aber auch das Neue neben dem Alten ungesondert stehen bleibt; jenen Leukippischen Atomen vergleichbar, die in dem weiten Weltall umherziehend, sich allmälig zu größeren Massen zusammenballen und gestalten. Völker sind ausgestorben, ihre Kunde verhallt; aber die lieblichen Sagengebilde, die Erzeugnisse ihrer poetischen Kindheit, tauchen in späteren Jahrhunderten...wieder empor...“ (4).

2. Die einzelnen Aspekte der Sage

Um auf die Ursprünge der Legende zu stoßen, müssen wir ihre Bestandteile näher ins Auge fassen und kurz auf Einhard, die Hauptperson, eingehen.

Einhard hat, ohne es zu ahnen, die Grundlage für die Entstehung der Sage, in deren Mittel-punkt er steht, selbst gelegt. Denn er schreibt in der Vita Caroli Magni auch über Karls Familienleben, und hier erwähnt er Karls Eigenheit, seine Töchter von einer legitimen Heirat abzuhalten. Einhard: „Da sie ungemein schön waren und von ihm aufs zärtlichste geliebt wurden, so ist es zu verwundern, dass er keine von ihnen einem seiner Mannen oder einem Fremden zum Weibe geben wollte; aber er sagte, er könne ohne ihre Gesellschaft nicht leben und behielt alle bis zu seinem Tode bei sich im Hause. Darob musste er, sonst so glücklich, die Tücke des Schicksals erfahren; er ging jedoch so über die Sache hinweg, als wäre nie der geringste Verdacht ob eines Fehltritts gegen sie entstanden, oder ein Gerücht darüber laut geworden“ (5). In der Tat hat keine der zehn oder elf Töchter Karls (6) jemals geheiratet. Einhard meint also vielsagend, Karl wäre so manche Enttäuschung erspart geblieben, wenn er seine Töchter nicht nach außen hin zur Ehelosigkeit gezwungen hätte. So aber musste er hin und wieder Fehltritte und Affären tolerieren, die sich nach höfischer Etikette eigentlich gar nicht ereignen durften.

Felix Dahn, den man mindestens als Autor von ‚Ein Kampf um Rom’ kennt, hat sich zu dieser Eigenart Karls in seiner Schrift ‚Kaiser Karl und seine Paladine’ (7) wie folgt geäußert: „ Auch etwa, was freilich sehr ernsten Schaden anrichtete, aber doch im Gemüte wurzelte, in einer Schwäche gegenüber seinen Töchtern. Wohl hatte er treffliche Erziehungsgrundsätze Die Töchter wurden, auf dass sie nicht durch Müßiggang stumpf würden, im Spinnen, was übrigens auch ein altgermanischer Zug war, mit Spindel und Rocken unterrichtet und zu aller Ehrbarkeit erzogenAllein mit diesen wunderschönen (pulcherrimae) Mädchen erlebte er doch trotz dieser „Erziehung zur Ehrbarkeit“ viel Verdruß, nicht ohne eigene schwere Schuld In diesem Sinne hat die Sage munter fortgearbeitet und die schöne Liebe von Emma und Einhard erfunden. Die Zustände im Palast waren so schlimm, dass Karl selbst noch durch ein Capitular ungute Weiber aus seiner Pfalz wies. Aber es blieb doch so arg, dass Ludwig der Fromme sofort nach des Vaters Tod eine grimmige Säuberung des Palastes vornahm; man sieht, Sage, Dichtung und Klatsch fanden hier reichen Stoff“. Unter den Verbannten war auch die Kaisertochter Bertha.

Historisch verbürgt ist die unstatthafte Liebesbeziehung dieser Berta mit dem Höfling und Laienabt Angilbert, aus welcher zwei Söhne, Nithard und Hartnid, hervorgingen. Nithard hat sich später selbst in seiner ‚Geschichte’ über seine illegitime Herkunft geäußert. Er schreibt: „Am 5 Nov. (842) wurde der berühmte Angilbert zu Centula – das heutige St. Riquier bei Amiens - feierlich erhoben und man fand ihn, 29 Jahre nach seinem Tode, ohne dass er ein-balsamiert worden wäre, in völlig unversehrtem Zustande…. Angilbert zeugte mit einer Tochter dieses großen Königs namens Berchta meinen Bruder Hartnid und mich, Nithard mit Namen“ (8). Was will Nithard uns damit sagen? Dass Angilbert (um 750-814) trotz seines Fehltritts heiligmäßig war, in St. Riquier (9) auch (am 18. Februar) als Heiliger verehrt wird, und dass Gott offenbar an Angilberts Lebenswandel nichts auszusetzen hatte, ganz im Gegen-satz zu dem kleinkarierten Onkel Ludwig, der seine Schwester wegen ihrer Liebe zu Angilbert bei seinem Regierungsantritt aus dem Palast warf.

Historiker nehmen an, dass diese amouröse Beziehung später die Sage von Einhard und Imma veranlasst hat; auch dass das Liebespaar zwei Söhne gehabt haben soll, wie es die Sage bisweilen behauptet, rührt von Berta und Angilbert her; dieser ist in fast jeder Hinsicht mit Einhard zu vergleichen, was seine Karriere und seine Stellung am Aachener Hofe betrifft. So konnte Einhard auch leicht in die Rolle Angilberts als Liebhaber einer Kaisertochter schlüpfen. Die Berta-Angilbert-Affäre dürfte als erstes und auslösendes Moment den Anstoß zur Legendenbildung abgegeben haben.

Zweitens findet sich eine ähnliche Geschichte bei William v. Malmesbury (1080/95-1143) über Kaiser Heinrich III., dessen Schwester ebenfalls eine unstatthafte Liebesbeziehung zu einem Kleriker unterhalten haben soll, der, wie Einhard, von einem verräterischen Schneefall überrascht wurde. Diese Geschichte wird auch in der ‚Belgischen Chronik’ des Johann von Leyden berichtet. Der bereits erwähnte Julius Ideler hat beide Varianten seiner Darstellung der Eginhard- und Emma-Sage im Wortlaut beigefügt. Dort heißt es bezüglich Heinrichs III. und seiner Schwester: „Heinrich liebte seine Schwester, eine Nonne, so über die Maßen, dass sie nicht von seiner Seite weichen durfte, sondern immer bei ihm leben musste. Als er nun in einem Winter, der mit Schnee und klirrendem Frost das Land heimsuchte, länger an einem Ort festgehalten wurde, da vertrieb sich ein vertrauter Kleriker am Hofe, der dem Mädchen mehr als schicklich zugetan war, in dessen Kammer oft des Nachts die Zeit. Und obwohl er mit vielerlei Ausflüchten seine Schande zu bemänteln suchte, bemerkte dies doch jedermann (es ist nämlich schwer, ein Verbrechen in Mienenspiel und Gesten nicht preiszugeben), und allenthalben sprach man darüber. Nur der Kaiser wusste als einziger nichts davon und wagte, seine Schwester für sittsam zu halten. Als sie aber eines Nachts die Umarmungen der Liebe genossen und die Wollust sich länger hinzog, graute der Morgen und Schnee hatte den Boden völlig bedeckt. Da überredete der Kleriker seine Geliebte, um nicht von den Spuren im Schnee überführt zu werden, ihn aus dieser Notlage zu befreien, indem sie ihn auf dem Rücken heraustrug. Diese wies zunächst sein unverschämtes Ansinnen zurück, aber, um üble Nachrede zu vermeiden, hob sie den Liebhaber auf den Rücken und schaffte ihn so aus dem Palast. Zufällig aber hatte der Kaiser sich erhoben und vom Fenster des Speisezimmers aus den reitenden Kleriker gesehen. Zunächst hatte ihn der Anblick erblassen lassen, aber nach sorgfältiger Prüfung der Sachlage verstummte er vor Scham und Unwille. Inzwischen ergab sich, als der Kaiser noch unschlüssig war, ob er die Verfehlung straflos durchgehen lassen oder die Sünder in aller Form Lügen strafen solle, die Gelegenheit, dem Kleriker eine freigewordene Bischofstelle zu übertragen. Er flüsterte ihm die Worte ins Ohr: ‚Empfange Du das Bischofsamt und sieh zu, dass Du ferner nicht auf einer Frau reitest’. Desgleichen übergab er seiner Schwester ein Nonnenkloster und sagte: ‚Sei Äbtissin, damit Du künftig nicht einen reitenden Kleriker ertragen musst’ (10).

Mit anderen Worten, aber gleichen Inhalts, wird diese Sage auch von Johann von Leiden zum Jahr 1099 berichtet. Eine pikante Note erhält die Sage bei ihm noch dadurch, dass der liebestolle Kleriker vom Kaiser listigerweise aufgefordert wird, die morgendliche Messe zu feiern, was der Kleriker unter allerhand Ausflüchten ablehnt. Dies wiederum veranlasste den bereits erwähnten Julius Ideler zu der Fußnote: „Es wurde nämlich für die größte Sünde gehalten, wenn ein Geistlicher nach durchschwelgter Nacht den Gottesdienst versah“ (11). Die Weigerung des Klerikers erwies also sein schlechtes Gewissen und bewog den verständ-nisvollen Kaiser, ihn ‚ex bono corde’ (wohlgesonnen) zu entlassen.

Das Motiv von dem verräterischen Schneefall muss also bereits um 1140 legendarisch verarbeitet worden sein.

Drittens wird gelegentlich die 787 von Karl d. Gr. gewünschte, aber letztlich gescheiterte Verlobung des byzantinischen Prinzen Konstantin VI. mit der Kaisertochter Rotrud ein-geflochten, die hier mit Emma gleichgesetzt wird (12). Diese Verlobung verleiht der Legende mehr Dramatik. Einerseits wird die Entrüstung Karls verständlich, weil durch die Liebesaffäre seiner Tochter mit Einhard seine strategischen Pläne mit Ostrom durchkreuzt werden, andererseits macht sie Immas Hinwendung zu Einhard verständlicher, weil sie nicht als politisches Bauernopfer an einen fremden Hof verschachert werden will.

Viertens scheint auch die Burg Weibertreu bei Weinsberg mit hineinzuspielen, und zwar mit dem Motiv der ihre Liebsten auf dem Rücken tragenden Frauen. Die Burg wurde bekanntlich von staufischen Truppen 1140 belagert, Konrad III. gibt sein Wort, dass die Frauen mit dem, was sie tragen können, die ausgehungerte Burg verlassen dürfen. Also tragen sie ihre Ehe-männer oder Liebhaber heraus, die auf diese Weise gerettet werden (13).

Man kann also die Entstehung der Legende in die Zeit zwischen 1100 und 1150 setzen. Alle vier Elemente werden miteinander verwoben, und je nach dem Grad moralischer Toleranz oder geographischer Vorlieben wird die Sage in mehreren Versionen überliefert.

3. Die drei Varianten der Sage

Die Urfassung, nämlich die Lorscher Fassung, haben wir schon angedeutet. Hier gesteht Einhard vor versammelten Hofrat sein Vergehen, wird begnadigt und erhält Emma zur Frau. Diese Fassung übernehmen auch die Brüder Grimm in ihre ‚Deutschen Sagen’ (14) und Wilhelm Busch (15). Wir nennen sie hier die klassische Version; sie ist kurz und prägnant und endet mit der Hochzeit des ungleichen Paares. Sie hat aber den Nachteil, dass die Verbannung bzw. Flucht Emmas und die Szene von der rührseligen Wiederentdeckung der Kaisertochter in Seligenstadt fehlt. Aus Seligenstädter Sicht ist sie also unvollständig und unbefriedigend.

Ob man nun der klassischen oder der um Seligenstadt erweiterten Form der Sage den Vorzug gibt, so sind jedenfalls drei Varianten festzustellen.

a) Die sozusagen ‚jugendfreie’ Spielart eliminiert zunächst jede amouröse Absicht des Paares und bringt als Motiv des nächtlichen Besuchs Einhards bei Imma an, diese sei in einer schweren Lebenskrise gewesen, weil man sie nach Byzanz mit einem ihr ganz unbekannten Prinzen des dortigen Kaiserhauses verheiraten wollte. In ihrer Herzensnot habe sie von Einhard, dessen kluge und besonnene Art bei Hofe geschätzt war, Rat erhofft, wie sie sich verhalten sollte. Da der Fall sehr schwierig war und vieles bedacht sein wollte, zog sich das Gespräch eben bis in den frühen Morgen hin, als Einhard dann von dem Schneefall überrascht wurde. Der Kaiser wird Zeuge dieser Szene; er verbannt beide vermeintlichen Sünder Ohne dass der Ort der Begegnung, Seligenstadt, genannt wird, besitzt diese Variante bereits alle Züge der erweiterten Fassung. Diese Version bringt Emil Engelmanns Buch ‚Germanias Sagenborn, Mären und Sagen für das deutsche Haus’ von 1889 (16) . Dort nimmt die Sage acht Seiten ein. Karl stellt Emma, wieder identisch mit der Kaisertochter Rotrud, vor die Wahl, entweder den byzantinischen Prinzen zu heiraten oder ins Kloster zu gehen. Emma ist verzweifelt und sucht Rat bei Einhard. Am Ende werden Emma und Einhard von Aachen verbannt: „Mit ernster Stimme hub nun der Kaiser an: „Wohl dir, Eginhard, dass du der Wahrheit die Ehre gibst und deine Schuld eingestehst. Schweren Frevel hast du verübt. Wo bliebe Zucht im Lande, wenn solche Taten ungestraft am Hof des Kaisers sich vollziehen dürften. Dein Leben ist dir geschenkt, aber ich sage mich von dir los und zugleich von Emma, der ungetreuen Tochter, die sich so schwer gegen mich vergangen hat. Ich stoße euch beide aus, heute noch verlasset ihr den Hof; die der Himmel euch gnädig; in Aachen aber ist keine Stätte mehr für euch!... Zwei Tage und zwei Nächte gingen sie so ohne Speise und Trank, bis sie zum Odenwald kamen, wo Eginhards Bruder Abt in einem Kloster war. Dort schüttete Eginhard dem Gottesmann das Herz aus und vermochte ihn, dass er sie als Mann und Frau zusammengab“. Nun wendet sich doch alles zum Guten: „Es war eine günstige Fügung, dass der alte Förster, der die weitläufigen Wälder des Klosters unter sich gehabt hatte, vor kurzem gestorben war, und so konnte der Abt dem Verbannten diese Stelle als Amt und das einfache Waldhaus als Wohnung anbieten. Es war freilich kein Kaiserpalast, es war nicht viel mehr als eine Hütte, aber es bot Raum für das junge liebende Paar, und als sie einzogen in ihr neues, bescheidenes Heim, knieten sie dankend nieder und beteten: „Vater du in dem Himmel, dein Wille geschehe, vergib uns unsere Schuld und gib uns deinen Segen…“. Zufällig kommt Jahre später der Kaiser an diesen Ort und lässt sich von Emma, die er nicht erkennt, das Essen vorsetzen . „Emma zerlegt das Wildpret kunstgerecht, wie sie es einst zu Aachen geübt hatte, und schnitt dem Kaiser sein gewohntes Lieblingsstück, das sie ihm freundlich lächelnd auf den Teller legte. Karl freute sich ausnehmend; hier war, wie dereinstens in schönerer Zeit daheim in Aachen, alles wie er es liebte, das Gedeck und das schmackhaft zubereitete Wild mit der trefflichen Würze, die er seit Emmas Verlust nie mehr so wohlschmeckend bekommen hatte. „O Emma!“ flüsterte er vor sich hin, eine Träne rollte ihm in den silberweißen Bart, und er schaute schweigend vor sich hin, da er seine Rührung gerne verborgen hätte. Jetzt konnte sich aber Emma nicht mehr halten. „Denket Ihr vergangener Tage, teurer Vater? frug sie und streckte ihm die Arme entgegen“. „O Emma, Emma, süßes teures Kind“, rief da freudig aufspringend der Kaiser, „bist du es denn selbst?“ Es kommt also zur Versöhnung, und als Emma von ihrem Zuhause Abschied nimmt, ruft sie noch aus: „Leb’ wohl, o Du Wald, du wonniger Wald, in dir möchte ich dereinst begraben sein!“ (17). So sei auch der schöne Odenwald zu seinem Namen gekommen.

b) Die amouröse, aber doch noch moralische Variante ist diejenige, wonach entweder vor oder nach dem heimlichen Besuch Einhards bei Emma die Liebesbeziehung durch eine förm-liche Ehe legitimiert wird.

Die erstere Version ist zu finden bei: Pröhle in ‚Rheinlands schönste Sagen’ (18). Hier heißt es, das Paar sei zwar von Karl bei der Huckepack-Aktion gesehen worden, und Einhard habe sich anschließend vor dem gesamten Hofgericht verantworten müssen, aber Karl habe dann doch nach Intervention der Großen des Reichs Gnade vor Recht ergehen lassen und dem Paar seinen väterlichen Segen erteilt, da es bereits vor einem Priester heimlich die Ehe geschlossen hatte. Hier wird die Sage u. a. mit der Widukindgeschichte war in der Weise verknüpft, dass der Abt von Corvey sich erbötig macht, bei Karl dem Großen die durch ihn vollzogene und vorerst noch geheime Eheschließung Einhards und Immas bei passender Gelegenheit anzusprechen. Diese Gelegenheit sieht der pfiffige Kleriker gekommen, als es ihm gelungen war, den Sachsenherzog Widukind zum Christentum zu bekehren. Nun werde Kaiser Karl aus Dankbarkeit seine Bitte nicht abschlagen, die eheliche Verbindung des ungleichen Paares nachträglich gutzuheißen. Das tut der Kaiser zwar widerwillig, verbannt aber das Paar dennoch in den Odenwald, wohin er aber unter dem Vorwand, hier auf die Jagd zu gehen, nach einigen Jahren kommt und dort seine Tochter besucht. Da beide sich ja kennen und Karl weiß, wo seine Tochter sich aufhält, entfällt das überraschende Wiedersehen. Das schmack-hafte Essen bleibt also folgenlos, außer, dass Karl satt geworden ist. Jegliche Spannung entfällt, der Kaiser reist zurück nach Aachen, wo er dann auch stirbt. Pröhle überschreitet die Grenze zum Kitsch deutlich. Er verlegt die Sage nach Ingelheim, aber diese wird so mit hineinphantasierten Begebenheiten romanhaft angereichert und gleichzeitig in die Länge gezogen, dass man geradezu von einer Verstümmelung sprechen muss. Wie verdienstvoll Einhards Wirken beispielsweise im Gartenbau gewesen ist, das erfahren wir hier genau und fragen uns, was dergleichen pseudogelehrte Betrachtungen in einer Sagensammlung zu suchen haben. Da heißt es: „Aber was damals schon von Eginhard und Emma in der Kunst des Gartenbaues geleistet wurde, ist, so bald als das Land der Sachsen sich vollständig beruhigt hatte, gerade in Niedersachsen mit immer wachsender Begierde nachgeahmt worden. So kommt es denn, dass der deutsche Bauerngarten noch jetzt bis an die Elbe, ja bis an die Oder und Weichsel hin, dieselben Einrichtungen aufzuweisen hat, wie sie zuerst in Ingelheim getroffen worden sind. Die Küchengewächse, Obstbäume und Blumen, deren Anblick uns jetzt in jedem Bauerngarten erquickt, hatten sich eben damals an den rheinischen Boden gewöhnt und wurden auf Befehl des Königs Karl unter der Aufsicht Eginhards und Emmas sowie des Abtes von Corvei in Ingelheim gebaut…. Oft unschön waren die Pflaumen und Apfelbäume gestaltet. Aber die Apfelbäume hatten vorsorglich ihre Äste ausgebreitet, um ihre runden Bälle dem reifenden Sonnenstrahl entgegenzuhalten. Unter diesen Obstbäumen sah man Eginhard und Emma im Herbst eifrig hin- und hergehen. Dort bestieg Eginhard vermittelst einer Leiter selbst einen Baum, brach die Früchte in einen Korb und ließ ihn zu der gerade unter ihm stehenden Emma herunter. Aber auch in den Gemüsegarten begleitete Eginhard oft die Geliebte. Hier rankten sich wie jetzt in jedem Bauerngarten noch im Herbste Bohnen und Gurken an Stangen empor. Auch Kohlarten und Salat, sowie Kerbelkraut und Dill, welche den Speisen die Würze geben sollen, war schon ein gutes Plätzchen gesichert… Denn die Blumen, welche jetzt den Landmann erfreuen, haben schon in Ingelheim der Liebe Eginhards und Emmas zugelächelt und die Nelke, welche jetzt der junge Bauer zum sonntäg-lichen Strauße für seine Nachbarstochter abschneidet, wurde in Ingelheim schon durch Eginhard für Emma am Sonntage gebrochen“. In diesem Stil glaubt uns der Autor seiten-weise unterhalten und belehren zu müssen.

Die zweite Version, wonach die Eheschließung erst nach dem ruchbar gewordenen Fehltritt vom Kaiser befohlen wird, um nachträglich der Sache die nötige Legitimität zu verleihen, ist, wie wir gesehen haben, die klassische.

Ihr folgt auch die sogenannte ‚Zimmerische Chronik’ des Grafen Froben Christoph von Zimmern von etwa 1550 dort heißt es u. a.: Hierauf wardt die Imma durch Iren herrn vatter, den Kaiser, dem Einharten selbs an die hand geben und ward also unversehenlich ein hochzeit gehalten. Sie wurt dieser thatt halber in der geschrift nur Imma portatrix genannt. Man findt, das kaiser Karle seiner dochter Imma, auch dem Einharden, seinem dochtermann, ain große haimstewr an parschaft und an klainatern geben hab, insonderheit hat er inen die herrschaft Erpach sampt irer zugehörde, uf dem Ottenwaldt gelegen, eingeben...Und von ime und seiner gemahl...kommen alle schenken und herrn von Erpach biss uf unsere zeiten“ (19).

In ähnlicher Weise hat auch der deutsche Literat Julius Wilhelm Zincgref (1591-1635) in seiner Spruchsammlung „Der Teutschen scharpfsinnige kluge Sprüch, Apophthegmata genant“, die 1626 in Straßburg erschienen, unsere Sage angeführt, und zwar als Beispiel für kluges Bedenken in einem vertrackten Falle. Zincgref schreibt, nachdem er die Affäre bis zum Urteilsspruch des Hofgerichts bereits geschildert hat (S. 13f): „…Da ließ der keyser beide Liebhabende zusampt vorführen und sprach: Seht hier, diese sein es, die ein solches begangen haben, was sagstu nuhn, Eginharde? Und du meine Tochter, die ihr so frech sein dörffen? Diese Herrn haben euch zum Todt verdampt, soll ich nuhn das Urtheil vollziehen lassen oder nicht? Auff der einen seiten ist nur schwere Missethat, die euch bey mir, als einen Richter, anklagt, auff der andern seiten, die erbarmung, die mich als einen Vatter anrufft. So erkennet nun ein Gnädigen Herrn und Vatter an mir, weil ich der Sachen tieffer nachgedacht und befunden, dass durch eure bestraffung die schmach, die Unserer keyserlichen Hocheit durch euch auffgeladen, nicht abgethan, sondern grösser und kundbarer gemacht, auch die schuld dieser Mißhandlung zum theil mir selbsten zuzumessen, dass ich dich meine Tochter nicht bey zeiten Verheuratet, als wollen Wirs euch verzeihen, doch mit dem Geding, dass du Eginharde diese deine Trägerin zum Weib nemmest, und ihr euch deß tragens halben hinfort in andere weg mit einander vergleichet…“.

Eine idealisierende Variante, nämlich eine rein platonische Liebesschwärmerei, die sich erst durch Karls harsche Reaktion zu einer ehelichen Gemeinschaft wandelt, bietet Wilhelm Ruland in seinen ‚Rheinischen Sagen’ (20). Die Geschichte beginnt hier mit harmlosem Unterricht. „Der stille Gelehrte, dessen ernstes, frauenhaftes Jünglingsantlitz sich allemale aus der Schar der wetterfesten Kriegsmannen abhob, gefiel den Frauen des kaiserlichen Hofes nicht minder. Karl hatte den Geheimschreiber in seine Familie eingeführt und vertraute ihm die Unterweisung seiner Lieblingstochter Emma an, dazumal bekannt als die schönste Dame ihrer Zeit… Aus ihren Augen, dunkel wie der Fittich der Raben, glühte das heiße Empfinden ihrer italischen Mutter. Bald fühlte der jugendliche Lehrer sein Herz entflammen an jenen Südlandsblicken, und die Schreib- und Lesestunden folgten einander Tag um Tag….“ Lehrer und Schülerin verlieben sich auf der Stelle, aber bewahren sittsam ihre Keuschheit. Denn „Eginhard besaß wohl ein zärtliches Herz, doch rein wie Sternenlicht war die Flamme seiner Liebe zu der Tochter seines hohen Herrn; keine ungezügelte niedere Leidenschaft trübte ihren unbefleckten Schimmer. Aber der Schein war gegen sie“. Auch der Kaiser kann nicht glauben, dass Einhards nächtliche Besuche bei Imma ganz und gar nur der höheren Minne geweiht gewesen sein sollen. „Er wollte hinunterrasen, die Pflicht-vergessenen zu töten. Er bezwang sich. Unfaßbar wäre die Schmach: Kaiserstochter und Schreiber. Ertappt vom Herrscher von Millionen auf dem Buhlgang. Ein tiefer Seufzer preßte sich aus seiner mächtigen Brust“. Er ruft seine Räte zusammen, es kommt zur Konfrontation. Am Ende steht das Verdikt: „Weil ihr euch liebt… will ich euch nicht trennen. Ein Priester soll euch vereinen, und das nächste Morgenrot findet euch nicht mehr hier Jahre schwanden“. Kaiser Karl kommt auf der Jagd an den Main, verirrt sich bei der Verfolgung eines stattlichen Hirschs, es dunkelt bereits. Aber „eine Hütte winkt, einen Steinwurf vom Ufer, aus dem gelichteten Gehölz… Vielleicht die Klause eines frommen Mannes, denkt er“. Er tritt ein, aber es überkommen ihn „trübe Träume. Er gedenkt der Tage, die nicht mehr sind…. Eine silberne Kinderstimme entriß ihn seinem Brüten. Ein Mägdlein von etwa fünf Jahren, mehr Engel als irdisches Wesen, näherte sich ihm schüchtern und bot dem fremden Gast den Nachtgruß seiner Mutter…. ‚Wie heißt du, Kleine?’ fragte der Kaiser. ‚Emma’ antwortete das Kind… Eine Bewegung entstand. Zu des Kaisers Füßen lagen der blond-bärtige Mann und sein junges Weib und erflehten Verzeihung. ‚Emma, Eginhard!’ ruft Karl mit zitternder Stimme und umarmt sie tiefbewegt. ‚Gesegnet sei die Stätte, wo ich euch wiedergefunden!“.

Rulands Spielart der Sage entspricht also ganz dem Sittenkodex des 19. Jahrhunderts. Das Paar sündigt nur dem äußeren Scheine nach, erst die Eheschließung durch einen Priester macht aus den beiden Liebenden ein Ehepaar. Das Wiedererkennen von Vater und Tochter fällt aber sehr blass aus und ist im ganzen unmotiviert, da ihm das Überraschungsmoment der von Emma liebevoll zubereiteten Leibspeise fehlt.

c) Die dritte Variante, eine Weiterentwicklung der Lorscher Fassung, lässt es gar nicht zur Begnadigung und zur Hochzeit kommen. Einhard und Imma werden entweder verbannt oder fliehen vor dem Zorn des Kaisers in die Wildnis, wo sie ein einfaches, aber glückliches Leben führen, bis der Kaiser durch Zufall sich dorthin verirrt und von seiner Tochter erkannt wird. Erst jetzt siegt die Milde über den Zorn, der Kaiser versöhnt sich mit dem Paar und stellt in einer anderen Variante nebenbei fest, dass er zwei Enkelsöhne hat. Als Ort dieser Wildnis gibt die Sage entweder Seligenstadt oder die nahe bei Aachen liegende Emma- oder Eyneburg an. Auf dieser 1902 aufwändig renovierten Burg, die bis 1918 auf deutschem Staatsgebiet lag, wird die Erinnerung an Einhard und Emma bis heute gepflegt, wie ein gusseiserner Brunnen im Burghof beweist, auf dem u. a. Emma zu sehen ist, wie sie ihren Einhard unter den Augen des Kaisers aus ihrer Kammer trägt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Einhard in Sage und Legende
Autor
Jahr
2008
Seiten
28
Katalognummer
V160267
ISBN (eBook)
9783640767540
ISBN (Buch)
9783640767533
Dateigröße
680 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einhard, der Diplomat und Biograph Karls d. Großen und Berater Ludwigs d. Frommen, gilt seit seiner 'Vita Caroli Magni' als Ahnherr der fränkischen Geschichtsschreibung. Schon früh hat auch die Liebesgeschichte, die Einhard angeblich mit Emma, einer Tochter Karls, verband, die Phantasien der Nachwelt beschäftigt. Historiker, Romanschriftsteller, bildende Künstler, Komponisten und sogar Humoristen, wie z. B. Wilhelm Busch, hat die (unhistorische) Romanze zu entsprechenden Werken angeregt. In dieser Abhandlung wird die Entstehung und Rezeption der Sage von Einhard und Emma nachgezeichnet.
Schlagworte
Einhard, Emma, Aachen
Arbeit zitieren
Manfred Schopp (Autor:in), 2008, Einhard in Sage und Legende , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160267

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