Inszenierung im polnischen Dokumentarfilm der 60er Jahre

Am Beispiel von "Feuer, Feuer, endlich ist was los" und "Das Amt"


Hausarbeit, 2002

10 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zum Geleit

1. Historischer Rahmen des polnischen Dokumentarfilms der 60er Jahre

2. Inszenierung im polnischen Dokumentarfilm der 60er Jahre?

3. „Feuer, Feuer, endlich ist was los“, 1967
3.1 Beschreibung
3.2 Eine Art Satire

4. „Das Amt“ (Urząd), 1966
4.1 Die Handlung
4.2 Die Wirklichkeit beschreiben

5. Schlußwort

6. Literatur

Zum Geleit

Der polnische Dokumentarfilm strebte schon immer an, sich von einer Reportage zu unterscheiden. Krzysztof Kieślowski und Marek Piwowski verdienen einen Vergleich, weil sie mit dem Dokumentarfilm ihre Karriere begannen, während zum Beispiel Krzysztrof Zanussi im Spielfilm debütierte. Hans-Joahim Schlegel meint in seinem Buch „Die subversive Kamera“, dass „es eine enge Beziehung zwischen den beiden Gattungen gibt.“[1]

Sowohl „Feuer, Feuer, endlich ist was los“ (Pożar, pożar, nareszcie coś się dzieje, 1967) von Marek Piwowski als auch „Das Amt“ (Urząd, 1966) von Krzysztof Kieślowski kommen aus der zweiten Hälfte der 60er Jahre, die in Polen wie auch in vielen osteuropäischen Ländern etwas Neues versprachen und zu bedeutenden Veränderungen und Reformen führten. Beide Filme sind in der Tradition des inszenierten Dokumentarfilms entstanden.

Gleichzeitig ironisieren die Filme die gesellschaftliche Situation der 60er Jahre. Sie zeigen, wie schwierig und kompliziert werden Dinge gemacht, die viel einfacher zu lösen sind.

Kieślowski beschreibt direkt die Auseinandersetzung der älteren Menschen mit der Bürokratie, die durch ihre Perfektion die Menschen zum Leiden bringt. Er nutzt die Montage als Mittel zur Inszenierung des täglichen Ablaufes in dem Rentenamt. Durch die Bild und Tonmontage gelangt er an den Punkt der Ironie über die polnische Bürokratie. Sie muss kompliziert sein.

Piwowski macht die Gesellschaft lächerlich, indem er verschiedene Geschehnisse zusammenstellt, die miteinander wenig zu tun haben. Er fängt komische Situationen innerhalb eines Ereignisses auf, wie zum Beispiel die Panne eines Feuerwehrwagens während des Festmarsches oder Anzünden eines neuen Feuers während einer Rettungsaktion. Durch solche Montage macht er deutlich, wie chaotisch die gesellschaftlichen Umstände der 60er Jahre waren.

Mit meiner Hausarbeit möchte ich die Inszenierungsfrage im weiteren Sinne anhand der beiden Dokumentarfilme vorstellen. Inszenierung im Dokumentarfilm unterscheidet sich von der im Spielfilm, indem die Realität nicht nachinszeniert, sondert nachahmend abgebildet wird. In diesem Fall bedeutet die Inszenierung auch Point of View der dargestellten Personen und des Regisseurs, der sich durch Auswahl des Themas und den Blick auf die gefilmten Personen äußert.

Im weiteren Kapitel möchte ich die Bedeutung der Montage, besonders für den Dokumentarfilm von Kieślowski vorstellen. Denn die Inszenierung hängt in großem Maß mit der Montage des Bildes und des Tons, sowie mit der Einstellung und der Perspektive der Kamera zusammen.

1. Historischer Rahmen des polnischen Dokumentarfilms der 60er Jahre

Um den Dokumentarfilm der 60er Jahre zu verstehen, muss man sich die politische Situation Polens vor Augen halten. Nach dem Krieg spielte der Antikommunist Władysław Gomułka eine große Rolle, denn nach dem Zurückweichen der deutschen Besatzungsmacht 1945 und Wiederherstellung der polnischen Eigenstaatlichkeit, begann der Stalinismus. Im Dezember 1948 gründeten die Sozialisten und Kommunisten die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei. Drei Monate davor wurde Gomułka von der Generalsekretärstelle entmachtet und aus dem Zentralkomitee ausgeschlossen.

Das Land wurde nur von einer Partei geherrscht, industrialisiert und die Landwirtschaft sollte kollektiv werden.

Im Oktober 1956 wurde der Parteichef, Bolesław Bierut tot. Auf dem Plenum des Zentralkomitees der PZPR wurden die Beschlüsse von 1948/49 rückgängig gemacht. Gomułka konnte wieder an die Macht zurückkehren. Er machte neue Schritte in Richtung Demokratisierung und Gewaltenteilung. Die wirtschaftlichen und kulturellen Freiheiten konnten wieder aufgebaut werden.

Nach Unruhen 1968 mußte Gomułka 1970 wieder aus dem Politbüro ausscheiden.

Als das Dokumentarfilmstudio in Warschau 1947 gegründet wurde, konnte sich das Genre des Dokumentarfilms in Polen gut entwickeln. Eine bedeutende Rolle spielte die Filmchronik, deren Aufgabe war, das aufzugreifen, „was damals im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses stand.“[2]

Auf dem Kongres der Filmschaffenden in Wisła 1949 wurde beschlossen, daß in der Zukunft nur Filme nach dem Diktat des Sozrealismus – Thesen- und Agitationsfilme - entstehen dürfen, die den Zuschauer politisch indoktrinieren.[3]

Nach dem antikommunistischen Aufstand in Posen im Juni 1956 kam es im Oktober 1956 auf dem 8. Plenum des Zentralkomitees zur Umstrukturierung der Filmindustrie. Dadurch konnten die Filme die Politik im kritischen Winkel darstellen und die Themen wurden innovativer. Man fing an, als Thema, gesellschaftliche Probleme aufzugreifen.

In den Jahren 1956-58 füllte sich das Warschauer Dokumentarfilmstudio mit neuen Nachwuschsregisseuren aus der Filmhochschule in Moskau und Łódź.

„Sie begannen neue Themen aufzugreifen, die stets optimistisch dargestellt wurden, mit einem Optimismus, der nicht aus den Tatsachen erwuchs, sondern aus einer vorbestimmten theoretischen Ausgangsposition.“[4]

Eine neue Welle bildeten Filme, die zur „schwarzen Serie“ und zum „poetischen Film“ gehörten. Man griff Themen auf, die mit Politik wenig zu tun hatten.

Warschau ´56 von Jerzy Bossak und Brzozowski ist ein gutes Beispiel der „schwarzen Serie“, denn er läßt deutlich die Unterschiede in den Methoden des Dokumentarfilmschaffens vor und nach ´56 erkennen. Er zeigt eben nicht den glücklichen und frohen Wiederaufbau der Hauptstadt nach dem Krieg, sondern die Wohnungsnot- und Situation vieler Warschauer.“[5]

Andrzej Munk brach mit „Sonntag Vormittag“, 1955 und „Ein Spaziergang in der Altstadt“, 1956 den Kanon des Dokumentarfilms, da er nach den deklarativen Produktionsreportagen über Arbeiterkollektive einen individuellen Helden einführte.

Der Dokumentarfilm der zweiten Hälfte der 50er Jahre nahm den Charakter einer Antithese zu den Filmen der vergangenen Jahre an.

Die 60er Jahre zeichnen sich damit aus, daß der Dokumentarfilm den Spielfilm fruchtig inspirierte. Der Dokumentarfilm konnte besser das Klima der Zeit wiedergeben, wie zum Beispiel die Disproportionen in der ökonomisch-gesellschaftlichen Entwicklung des Landes. Im Vergleich mit den 50er Jahren war das ein neuer Blick vor allem auf die Dorfgesellschaft. Der Film zeigte nicht mehr das Gesamtporträt der Menschen, sondern befaßte sich immer mehr mit der Denkweise und dem Wert des Lebens eines Individuums, der aus verschiedenen Gesellschaftsklassen stammte. Der Film engagierte sich auch in den Kampf mit der Gesellschaftspathologie, bekämpfte die moralische Verachtung und schenkte eine besondere Aufmerksamkeit älteren Menschen, die durch ihre die Verwandten vergessen wurden.[6]

[...]


[1] Schlegel, Hans-Joahim, S. 47

[2] Iskierko, Alicja, Der Polnische Dokumentarfilm 1956-1960 , in: Klaue, Wolfgang, Dokumentarfilm in Polen, Berlin 1968, S. 67

[3] Klaue, Wolfgang, S. 49

[4] Iskierko, Alicja, S. 67. In den Jahren 1956/57 zum Beispiel nahm der Dokumentarfilm den Charakter einer Antithese zu den Filmen der vergangenen Jahre.

[5] Klaue, Wolfgang, S. 69

[6] Vgl. Łużyńska-Dorobowa, Jadwiga, Kap. V., S. 149-150

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Inszenierung im polnischen Dokumentarfilm der 60er Jahre
Untertitel
Am Beispiel von "Feuer, Feuer, endlich ist was los" und "Das Amt"
Hochschule
Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg  (Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Passagen durch den Dokumentarfilm
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
10
Katalognummer
V160341
ISBN (eBook)
9783640735686
ISBN (Buch)
9783640735938
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Krzysztof Kieslowski, Alicja Wawryniuk, inszenierter Dokumentarfilm, "Das Amt", Marek Piwowski
Arbeit zitieren
M.A. Alicja Wawryniuk (Autor), 2002, Inszenierung im polnischen Dokumentarfilm der 60er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160341

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