Der Zusammenbruch der sozialistischen Regime in Mittel- und Osteuropa1 war das größte politische Ereignis in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieses Ereignis hatte umfassende Veränderungen vieler Sphären des öffentlichen Lebens zur Folge. Eine davon war der Bereich „Medien“. Der Wandel der Mediensysteme in Mittel- und Osteuropa war dadurch gekennzeichnet, dass die Medien – statt wie bisher ein Teil des politischen Systems zu sein – in das gesellschaftliche System umplatziert wurden (vgl. E. Sandschneider 1995; zit. nach Thomaß 2001: 43). Sie erfuhren enorme organisatorische, wirtschaftliche und kulturelle Veränderungen und wurden strukturell unabhängiger von den sie einschränkenden ökonomischen, politischen und kulturellen Bindungen. Zu den Länder des ehemaligen Ostblocks, in denen der Transformationsprozess im Medienbereich am erfolgreichsten verlief, gehört Polen (vgl. Kleinsteuber/Thomaß 2004: 87). Die Medienlandschaft entwickelte sich dort auf ein System zu, dass dem der westlichen europäischen Länder entspricht (vgl. Kleinsteuber 2003: 394). Alte Monopole wurden dort abschafft, pluralistische Strukturen eingeführt, die Zensur aufgehoben und neue Akteure zum Medienmarkt zugelassen. Die vorliegende Arbeit dokumentiert den Prozess, den die Presse und der Rundfunk in zehn Jahren nach der politischen Wende in Polen durchlaufen haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Die Begriffserklärung
2.1. Der Begriff „Transformation“ / „Transition“
2.1.1. Allgemeine Transformation in den postkommunistischen Ländern
2.1.2. Medientransformation
2.2. Der Begriff „Mediensystem“
2.2.1. Funktionen der Medien in demokratischen Gesellschaftssystemen
2.2.2. Beziehungen zwischen Medien und Politik in demokratischen Systemen
2.2.3. Typen von Mediensystemen
3. Der Ausgangszustand - die Medien in der Volksrepublik Polen zu Beginn des Medienwandels im Jahre 1989
3.1. Strukturelle Spezifika
3.2. Juristische Rahmenbedingungen und Zensurbestimmungen
4. Der Transformationsbeginn und die neuen rechtlichen Rahmenbedingungen
4.1. Die Liberalisierung der Medien nach den Beratungen am Runden Tisch
4.2. Die ersten neuen rechtlichen Regelungen
4.3. Die Liquidierungskommission
5. Die Periodisierung des Transformationsprozesses in den polnischen Medien
5.1. Die Phase des stürmischen Enthusiasmus neuer Verleger und Senderanbieter sowie der staatlich gesteuerten Umgestaltung alter Publikationen
5.2. Die Phase scheinbarer Stabilisierung und sog. unterschwelliger Veränderungen auf dem Presse- und Rundfunkmarkt
5.3. Die Phase des offenen Kampfes um den Medienmarkt
5.4. Die Phase der Restrukturierung des Medienmarktes nach der Vergabe der ersten Sendelizenzen für den privaten Rundfunk und der Expansion der „deutschen“ Wochenzeitschriften
5.5. Die Phase der neuen Aufteilung des Medienmarktes und fortschreitenden Spezialisierung
6. Medientransformation
6.1. Legislative Ebene
6.2. Ökonomische Ebene
6.3. Ebene „Staat-Medien“
6.4. Rundfunk
6.4.1. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk
6.4.2. der öffentlich-rechtliche Hörfunk
6.5. Die Presse
7. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert den Transformationsprozess der polnischen Medienlandschaft (Presse und Rundfunk) in der ersten Dekade nach der politischen Wende von 1989 bis 1999. Im Fokus steht dabei die Untersuchung, wie sich das vormals staatlich gelenkte Mediensystem in ein duales, pluralistisches Modell transformierte und welche institutionellen, rechtlichen sowie ökonomischen Faktoren diesen Wandel maßgeblich beeinflussten.
- Analyse des Transformationsprozesses von Presse und Rundfunk in Polen
- Strukturelle Untersuchung des Übergangs vom Einparteiensystem zum dualen Rundfunksystem
- Einfluss von Kommunikationspolitik, Gesetzgebung und privater Investitionen
- Vergleich der polnischen Entwicklung mit westlichen Mediensystem-Modellen
- Phasenmodell der Medienentwicklung nach 1989
Auszug aus dem Buch
2.1.2. Medientransformation
Um zu verstehen, worauf die Medientransformation in postkommunistischen Ländern beruht, ist es zuerst notwendig, die Charakteristika des kommunistischen Modells der Massenkommunikation darzulegen.
Die kommunistische Medienordnung beruhte auf der von Lenin formulierten Medientheorie. Nach dieser Theorie kommen der Presse drei Funktionen zu: die des kollektiven Propagandisten, des kollektiven Agitators und des kollektiven Organisators. Diese dreifache Funktion beinhaltet die Erziehung der Massen im Sinne der Lehre des Marxismus-Leninismus, die autorisierte Interpretation der Politik der Partei, die Mobilisierung der Bevölkerung in Politik und Produktion sowie die Herstellung von Kommunikationsflüssen innerhalb der Parteigliederungen (vgl. Inkeles 1951: 194; zit. nach Voltmer 2000: 127).
„The Soviet doctrine of journalism, based on Lenin’s writings and practice of journalism, and later elaborated by party ideologists, stressed such principles as partymindedness (patiinost), high ideological content (vysokaya ideinost’), truthfulness (pravdivost’), national/popular character (narodnost’), mass character (massovost’), and criticism and self-criticism (kritika and samokritika) […] The truth was conceived as something more then simple facts, as their deeper meaning. […] the party knew the truth, and, therefore, only it could provide correct interpretation and selection of facts” (Goban-Klas 1999: 14-15).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Darstellung des politischen Zusammenbruchs sozialistischer Regime und der darauf folgenden medienbezogenen Transformationsprozesse in Mittel- und Osteuropa, mit besonderem Blick auf Polen.
2. Die Begriffserklärung: Definition und theoretische Einbettung der Begriffe „Transformation“ und „Mediensystem“ sowie Analyse der Medientransformation als Teil des Systemwechsels.
3. Der Ausgangszustand - die Medien in der Volksrepublik Polen zu Beginn des Medienwandels im Jahre 1989: Analyse der strukturellen und juristischen Gegebenheiten des polnischen Mediensystems am Vorabend der politischen Wende.
4. Der Transformationsbeginn und die neuen rechtlichen Rahmenbedingungen: Dokumentation der ersten Liberalisierungsschritte nach dem Runden Tisch sowie der verabschiedeten Zensur- und Presserechtsänderungen.
5. Die Periodisierung des Transformationsprozesses in den polnischen Medien: Detaillierte Darstellung des Medienwandels anhand eines fünfstufigen Periodisierungsmodells von der ersten Aufbruchphase bis zur fortschreitenden Spezialisierung Ende der neunziger Jahre.
6. Medientransformation: Empirische Untersuchung des Wandels auf sechs Ebenen: legislativ, ökonomisch, im Verhältnis Staat-Medien sowie in der Differenzierung von Presse und Rundfunk.
7. Schlussfolgerung: Synthese der Ergebnisse zur erfolgreichen, wenn auch komplexen Medientransformation und Einordnung Polens in die internationalen Transformationsmodelle.
Schlüsselwörter
Medientransformation, Polen, Pressefreiheit, Rundfunkgesetz, Systemwechsel, Demokratisierung, Medienlandschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Mediensystem, Journalismus, Transformationsforschung, Medienmarkt, Privatisierung, Zensur, Parteipresse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Magisterarbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der spezifischen Transformationsprozesse, die Presse und Rundfunk in Polen in den zehn Jahren nach der politischen Wende von 1989 durchlaufen haben.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themenfelder umfassen die rechtliche Neugestaltung des Mediensystems, die ökonomischen Veränderungen, das Verhältnis zwischen Medien und Politik sowie die strukturellen Anpassungen der Medienangebote an marktwirtschaftliche Gegebenheiten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine umfassende Darstellung der Entwicklung der polnischen Medien, eingebettet in die theoretische Transformationsdebatte, um zu klären, welches Modell des Mediensystems sich nach der Wende in Polen herausgebildet hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoriegeleitete Analyse, die einschlägige Literatur aus dem deutsch-, polnisch- und englischsprachigen Raum sowie Rechtsvorschriften und statistische Daten zum Medienwandel auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bestandsaufnahme vor 1989, die rechtlichen Rahmenbedingungen ab 1989, die phasenweise Periodisierung des Prozesses sowie die spezifische Untersuchung der legislativen, ökonomischen und strukturellen Medienebenen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Medientransformation, Demokratisierung, duales Mediensystem, Mediatisierung der Politik sowie die Hallin/Mancini-Modelle der Mediensysteme.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Staates nach 1989?
Der Staat wandelte sich vom direkten Zensor zum regulatorischen Akteur, wobei er insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk weiterhin politischen Einfluss ausübte, während der Pressemarkt weitgehend privatisiert wurde.
Lässt sich das polnische Mediensystem eindeutig in eines der Modelle von Hallin und Mancini einordnen?
Die Autorin stellt fest, dass eine eindeutige Einordnung schwierig ist, da Polen Merkmale aller drei Säulen des Modells (mediterran, demokratisch-korporatistisch, liberal) aufweist und möglicherweise eine vierte Säule für postkommunistische Staaten erfordert.
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- Justyna Purwin (Author), 2007, Die Transformation der Medien in Polen nach 1989, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160371