Moderne deutsche Geheimsprachen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

21 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Sprache Drogenabhängiger
2.1. Zur sprachwissenschaftlichen Betrachtung
2.2. Befragung in Hamm und Dortmund
2.3. Ergebnisse
2.4. Der Wortschatz
2.5. Funktion der Drogensprache

3. Geheimsprachen unter Kindern und Jugendlichen
3.1. Die Löffelsprache
3.1.1. Verfremdungssystem der Löffelsprache
3.2. Ein literarisches Beispiel für eine Kindergeheimsprache
3.2.1. Verfremdungssystem der Räubersprache
3.3. Funktion der Kinder- und Jugendgeheimsprachen

4. Geheimsprache im CB-Funk
4.1. Zur Sprache im CB-Funk
4.2. CB-Funk unter Fernfahrern
4.3. Funktion der Geheimsprache unter CB-Funkern
4.4. Ein Lied über die Sprache im CB-Funk

5. Geheimsprache der Taxifahrer

6. Schluss

7. Literatur

8. Internetquellen

Moderne deutsche Geheimsprachen

1. Einleitung

Die meisten alten Geheimsprachen, wie beispielsweise das Rotwelsch, waren Sprachen sozialer Randgruppen, die ihre Sprache als Geheimsprache gebrauchten, um Dritte aus den verschiedensten Gründen vom Verständnis auszuschließen, meist erfunden und benutzt von Händlern und von Kleinkriminellen.

Die Schöpfung von Geheimsprachen und deren Gebrauch mit dem Ziel der Verschlüsselung jedoch sind keine Besonderheiten der Vergangenheit. So existierten und existieren moderne deutsche Geheimsprachen, die in ihrer Funktion aktuell benutzt wurden oder werden: Sondersprachen also, die heute von bestimmten Sprechergemeinschaften mit der Absicht der Tarnung aktiv gebraucht werden. In der Drogenszene, bisweilen unter Kindern und Jugendlichen, unter Fernfahrern und im Funkverkehr von Taxiunternehmen scheinen eine Reihe von Codes zu existieren, die zur chiffrierten Verständigung untereinander benutzt werden können.

Durch die Befragung von letzten noch lebenden Sprechern alter Geheimsprachen kann – da schriftliche Quellen von Geheimsprachen bisweilen rar sind – heute wichtiges Sprachmaterial gesichert werden, bevor diese Sondersprachen mit ihren letzten noch lebenden Sprechern aussterben.

Die Forschung hat aufgrund dieser Gefahr des Aussterbens zunächst die älteren, bisweilen beinahe vergessenen Geheimsprachen untersucht und dokumentiert, welche heute selten oder beinahe überhaupt nicht mehr aktiv in Gebrauch sind, da sich die Umstände geändert haben, die eine Geheimsprache von Nöten gemacht hatten (z. B. soziale Stellung der Sprecher). Diesem Umstand zufolge zerfielen Sprechergruppen bisweilen bis auf einzelne Sprecher. Ein Beispiel für eine historisch benutzte Geheimsprache ist das Welsch, das von bestimmten Einwohnern der Ortschaft Frammersbach im Spessart benutzt wurde und das heute von der Sondersprachenforschung mit Hilfe von noch lebenden Sprecherinnen und Sprechern dokumentiert werden kann.

Die Forschungslage hinsichtlich moderner Geheimsprachen jedoch stellt sich aus diesen Gründen als spärlich dar.

Eine Schwierigkeit für die Wissenschaft besteht zudem in dem Problem, Sprecher ausfindig zu machen, die bereitwillig Auskunft über ihre Sprache geben, die noch in Gebrauch ist und deren wichtigstes Merkmal daher in der Geheimhaltung besteht.

Die vorliegende Arbeit stellt Projekte und Ansätze zu möglichen Forschungsfeldern der sprachwissenschaftlichen Sondersprachenforschung im Hinblick auf moderne deutsche Geheimsprachen vor.

2. Die Sprache Drogenabhängiger

Der Wortschatz der Drogenszene ist seit Ende der 60er Jahre ebenso wie die damit verbundenen gesellschaftlichen Fragen und sozialen Probleme in das öffentliche Interesse gerückt. Da offensichtlich schon früh ein abweichender Wortschatz gegenüber der Standardsprache festzustellen war, entstanden Sammlungen zur Dokumentation dieser Wortschatz-Abweichungen: Veröffentlicht wurden Begriffssammlungen und Wörterbücher. Die Sprache von Drogenabhängigen wurde somit mit Entstehen der Drogenszene als Sondersprache wahrgenommen.

Thorsten Weiland weist in seiner Arbeit über die Sprache von Drogenkonsumenten aus Dortmund und Hamm[1] darauf hin, dass solche Wörterbücher, wie beispielsweise „Die internationale Drogenszene – Der Geheimcode . Über 7000 Begriffe“[2], zumeist nicht unter Berücksichtigung sprachwissenschaftlicher Kriterien und Methoden erstellt wurden.

Das Ziel dieser Veröffentlichungen bestand vielmehr in der großflächigen Decodierung der Drogensprache; bereits im Titel des obengenannten Wörterbuches wird mit der umfassenden Sammlung geworben. Daher wird so viel Material wie möglich zusammengetragen, damit möglichst viele Begriffe auch aus der allgemeinen Umgangssprache abgedeckt – also erläutert und decodiert – werden. Ziel war die Decodierung im Hinblick auf kriminalistische Interessen, jedoch auch auf außen stehenden Betroffenen wie Eltern und Angehörige: Die Kenntnis des Szenenjargons könnte Vorbeugung der Rauschgiftkriminalität und die Möglichkeit einer Diskussion über Drogenprobleme darstellen.

2.1. Zur sprachwissenschaftlichen Betrachtung

Um aus sprachwissenschaftlicher Sicht den sondersprachlichen Wortschatz der Drogenszene angemessen erfassen zu können, müssen weitere Punkte berücksichtigt und unterschieden werden:

Derart zusammengestellte Wortschatzsammlungen reflektieren sicher nicht das Sprachgut von Sprechern einer Sprechergemeinschaft. Auch werden hier Wörter als Bestandteil der Sondersprache geführt, die Teil der Umgangssprache waren oder im Laufe der Zeit geworden sind: beispielsweise Knackie als Bezeichnung für ‚Gefängnisinsasse‘ oder Knast für ,Gefängnis’[3]. Sprachwandel im allgemeinen sollte Beachtung bei einer solchen Publikation finden: Begriffe der frühen Siebziger Jahre sind heute eventuell nicht mehr in Verwendung, wurden vielleicht durch andere Begriffe ersetzt oder haben einen Bedeutungswandel erfahren. Zudem spiegelt auch ein Szenejargon die außersprachliche Realität: Neue Sachverhalte bedingen neue sprachliche Reaktionen.

Weiland führt neben diesen weitere Punkte auf, die beachtet werden sollten, um den sondersprachlichen Wortschatz der Drogenszene dokumentieren zu können:[4]

Bereits nach ersten Kontaktaufnahmen mit Gewährsleuten entstand der Verdacht, dass keine einheitliche Sprache der Drogenszene zu existieren scheine. Vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass sich die Sondersprache bereits auf regionaler Ebene unterscheidet und sogar bei starker räumlicher Nähe nicht von ein- und derselben gesprochen werden kann.

Ein weiterer Punkt, der bei der Dokumentation der Drogenszenesprache berücksichtigt werden sollte, ist der soziale und damit auch verbundene sprachliche Unterschied zwischen Nutzern und Benutzern der Drogen, die jeweils unterschiedlichen Bezeichnungsnotwendigkeiten unterliegen: Die Drogenszene kann nicht als eine soziale Einheit angesehen werden, da sich einerseits die User ihrer Stellung und meist ihrer Herkunft wegen von Dealern unterscheiden. Diese wiederum sind nicht gleichzusetzen mit den Großdealern. Der soziale Kontakt von Usern, Dealern und Großdealern ermöglicht zudem einen jeweils anderen Zugang zu Spendersprachen, aus denen das Wortmaterial der eigenen Sondersprache geschöpft werden kann.

Die Abgrenzung der Drogensprache von anderen Varietäten ist ein letzter Punkt, der bei der sprachwissenschaftlichen Betrachtung dieser Sondersprache nicht außeracht gelassen werden darf: Insbesondere die Abgrenzung gegenüber fachsprachlicher Ausdrücke, hauptsächlich aus dem pharmazeutischen Sektor muss berücksichtigt werden. Hierzu zählen vor allem Bezeichnungen für bestimmte in der Drogenszene relevante Präparate und Ausdrücke aus der medizinisch-sozialpädagogischen Fachsprache.

Aus diesen Überlegungen und der Sichtung existierender Wortschatzsammlungen heraus entstand Weilands Forschungsvorhaben im Raum Hamm/Dortmund, das im folgenden näher dargestellt werden soll.

2.2. Befragung in Hamm und Dortmund

Aufgrund der regional stark begrenzten Sondersprache einer Drogenszene nahm Weiland Kontakt zu einer sozialen Einrichtung Hamm/Dortmund auf, woraus die Kontaktaufnahme zu drei ehemaligen Drogenkonsumenten aus dem Gebiet resultierte. Diese drei Personen stammten einerseits aus regional nicht zu weit voneinander entfernten Gegenden und erfüllten ebenso die Forderung, zur gleichen Zeit Teil der zu untersuchenden Sprechergemeinschaft gewesen zu sein.

[...]


[1] Weiland, Thorsten. Die Sprache Drogenabhängiger aus Hamm und Dortmund. Sprecherbefragungen und Erträge. in: Siewert, Klaus (Hrsg.). Aspekte und Ergebnisse der Sondersprachforschung II. 2002 (im Druck befindlich), Wiesbaden

[2] Harfst, Gerold & Harfst, Holger. Die internationale Drogenszene – Der Geheimcode . Über 7000 Begriffe. 1988, Würzburg

[3] Harfst, Gerold & Harfst, Holger. Die internationale Drogenszene – Der Geheimcode . Über 7000 Begriffe. 1988, S. 244f

[4] vgl. Weiland, Thorsten. Die Sprache Drogenabhängiger aus Hamm und Dortmund. Sprecherbefragungen und Erträge. in: Siewert, Klaus (Hrsg.). Aspekte und Ergebnisse der Sondersprachforschung II. 2002, S. 35f

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Moderne deutsche Geheimsprachen
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Varietätenlinguistik
Note
1-
Autor
Jahr
2002
Seiten
21
Katalognummer
V16040
ISBN (eBook)
9783638209953
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moderne, Geheimsprachen, Seminar, Varietätenlinguistik
Arbeit zitieren
Michael Kaiser (Autor), 2002, Moderne deutsche Geheimsprachen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16040

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