Die Arbeit untersucht das symbiotische Verhältnis zwischen georgischem Nationalismus und der Orthodoxie anhand eines konkreten Fallbeispiels: eines Skandals um phallusförmige Kerzen in einem Souvenirladen in Tiflis. Im Zentrum steht die Frage, wie nationale Symbole – insbesondere die georgische Nationaltracht – sakralisiert und in religiös-politische Diskurse eingebettet werden. Die Analyse erfolgt durch eine Kombination aus Diskursanalyse, digitaler Ethnografie und kritischer visueller Analyse. Dabei wird gezeigt, wie sakrale Bedeutungen durch vernakulare Religion entstehen, wie sie von Akteur:innen wie der georgisch-orthodoxen Kirche oder rechtsextremen Gruppen übernommen und politisch instrumentalisiert werden. Die Arbeit leistet einen Beitrag zur Erforschung religiösen Nationalismus in postsowjetischen Gesellschaften und beleuchtet die Rolle digitaler Medien bei der Reproduktion sakraler und nationalistischer Narrative.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Der Aufbau der Arbeit
2. Theoretischer Rahmen
2.1 Nationalismus und Orthodoxie
2.2 Anti-Westliche Narrative und orthodoxe Kirchen
2.3 Vernacular Religion im Spannungsfeld von Orthodoxie und Nationalismus
3. Die Wechselwirkungen zwischen Nationalismus und Orthodoxie in Georgien
4. Methodik
4.1 Digitale Ethnographie: Das Forschungsfeld ,,Facebook’’
4.2 Methodisches Vorgehen
5. Fallbeispiel: Eine Phalluskerze in einem Tiflisser Souvenirladen als öffentlicher Skandal
5.1 Öffentliche Reaktionen
5.1.1 Kommentare
5.1.2 Mediale Rezeption
5.1.3 Die Reaktion der GOK
5.2. Zum Begriff des Sakrilegs im georgischen Kontext
5.3. Phalluskerze als sibilts’e?
6. Nationaltrachten als sakrale Objekte?
7. Diskussion
7.1. Wer bestimmt das Sakrale?
7.2. Politische Instrumentalisierung des religiösen Nationalismus und ihre diskursiven Effekte
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Bachelorarbeit untersucht das symbiotische Verhältnis zwischen Nationalismus und orthodoxer Religion in Georgien. Dabei wird analysiert, wie ursprünglich profane Symbole wie die georgische Nationaltracht durch gesellschaftliche Prozesse und politische Akteure sakralisiert werden und welche Rolle diese Sakralisierung in der Verbreitung anti-westlicher Diskurse spielt.
- Wechselwirkung zwischen Nationalismus und Orthodoxie in Georgien
- Die Rolle der vernacular religion bei Sakralisierungsprozessen
- Methodik der digitalen Ethnographie in sozialen Netzwerken
- Instrumentalisierung religiöser Identität für politische Zwecke
Auszug aus dem Buch
5. Fallbeispiel: Eine Phalluskerze in einem Tiflisser Souvenirladen als öffentlicher Skandal
Zwei Frauen betreten mit schwerem Atem einen Souvenirladen in der Altstadt von Tiflis. Mit einem Smartphone in der Hand und einem laufenden Livestream auf Facebook stellen sie sich als „Zivilaktivistinnen“ der Bewegung sakartvelo upirveles q’ovlisa vor - Khatia Janashia und Sidonia Khomeriki. Khatia richtet die Kamera auf ein Regal, das sie besonders ins Visier genommen hat. Zwischen georgischen Nationaltrachten, Flaggen und Kreuzen der hl. Königin Tamar, liegen phallusförmige Kerzen in bunten Farben.
„Warum bringen Sie so etwas hier rein?“29, ruft Khatia empört, während sie die Kamera auf die Kerzen hält. Im Hintergrund ist die leise Stimme Sidonias zu hören, die mit einer Verkäuferin spricht: „Haben Sie solche Dinge schon mal in Europa gesehen?“30 - fragt die Verkäuferin leicht ironisch. „Europa interessiert mich nicht. Ich lebe in Georgien!“31, unterbricht Sidonia laut, als hätte sie genau auf dieses Stichwort gewartet. „Leben Sie jetzt in Europa? Sind Sie in Europa?“32 Ihre Stimme wird lauter und lauter: „Sie reden, als ob Sie in Europa geboren und aufgewachsen wären.“33 Man merkt direkt, dass die beiden Aktivistinnen sich nicht unbedingt als Europäerinnen fühlen und auch nicht besonders pro-europäisch eingestellt sind, was die EU-Integration Georgiens angeht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Forschungsthema der Symbiose von Nationalismus und Religion in Georgien und Vorstellung der zentralen Fragestellung.
2. Theoretischer Rahmen: Diskussion wissenschaftlicher Konzepte zu Nationalismus, Orthodoxie und dem Begriff der vernacular religion im religiösen Kontext.
3. Die Wechselwirkungen zwischen Nationalismus und Orthodoxie in Georgien: Historische Rekonstruktion der engen Verflechtung von Staat, Kirche und nationaler Identität in Georgien.
4. Methodik: Erläuterung des qualitativen Ansatzes mittels digitaler Ethnographie auf Facebook und diskursanalytischer Methoden.
5. Fallbeispiel: Eine Phalluskerze in einem Tiflisser Souvenirladen als öffentlicher Skandal: Analyse einer konkret inszenierten Provokation, der Reaktionen darauf und der dahinterliegenden Begriffslogik von Sakralität.
6. Nationaltrachten als sakrale Objekte?: Historische Untersuchung der čokha als Identitätsmarker und deren Transformation zum sakralisierten Symbol.
7. Diskussion: Synthese der Ergebnisse hinsichtlich der Deutungshoheit über das Sakrale und der politischen Nutzung religiöser Narrative.
8. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Dynamik zwischen Alltagspraxis, kirchlicher Integration und politischer Instrumentalisierung.
Schlüsselwörter
Nationalismus, Orthodoxie, Georgien, Sakralisierung, vernacular religion, Nationaltracht, čokha, anti-westliche Narrative, digitale Ethnographie, Diskursanalyse, Identität, Religion, Politik, Souvenirladen, religiöser Nationalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem komplexen und symbiotischen Verhältnis zwischen georgischem Nationalismus und der Georgisch-Orthodoxen Kirche.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Sakralisierung nationaler Symbole, die Verbreitung anti-westlicher Narrative und die Rolle gelebter Religion (vernacular religion) bei gesellschaftlichen Konflikten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, exemplarisch aufzuzeigen, wie politisch motivierte Akteure religiöse Gefühle instrumentalisieren, um gesellschaftliche Diskurse zu dominieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin nutzt einen interdisziplinären Ansatz, bestehend aus qualitativer Diskursanalyse, historischer Rekonstruktion und einer digitalen ethnographischen Untersuchung auf der Plattform Facebook.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert ein konkretes Fallbeispiel (den Skandal um eine Phalluskerze in einem Souvenirladen) sowie die historische Entwicklung der georgischen Nationaltracht čokha.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Nationalismus, Orthodoxie, Sakralisierung, Identitätspolitik und vernacular religion.
Wie definiert die Arbeit das Verhältnis von Alltagspraxis und offizieller Kirche?
Die Arbeit zeigt, dass offizielle kirchliche Institutionen oft erst auf Entwicklungen reagieren, die in der sogenannten vernacular religion (gelebten Religion) entstanden sind, um diese anschließend zu legitimieren oder zu steuern.
Warum wird die Phalluskerze als sibilts’e (Verderbtheit) eingestuft?
Sie wird von Aktivistinnen als Symbol für eine vermeintliche „Verderbtheit“ Europas instrumentalisiert, die im direkten Widerspruch zu den als sakral definierten Werten der georgischen Nation steht.
Welche Rolle spielen soziale Netzwerke wie Facebook in der Argumentation?
Facebook dient als Hauptplattform für die Mobilisierung nationalistischer Gruppen, die durch die gezielte Verbreitung von Inhalten und die Inszenierung von Skandalen gesellschaftliche Stimmung erzeugen.
- Quote paper
- Luka Kitia (Author), 2025, Phalluskerze als Sakrileg? Zum symbiotischen Verhältnis zwischen Nationalismus und orthodoxer Religion in Georgien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1604109