Die praktische Anwendung von Behavioral Finance in Zeiten der Krise


Projektarbeit, 2009
27 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Aufbau und Zielsetzung der Arbeit

2 Informationsverarbeitung unter dem Einfluss von Heuristiken

3 Anlegerfehlverhalten bedingt durch Rahmenabhängigkeit

4 Das Auftreten von Herdenverhalten an den Finanzmärkten

5 Auswirkungen psychologischer Einflüsse auf den Finanzmarkt

6 Die Finanzkrise und die aktuelle Verfassung der Märkte

7 Die Anwendung von Behavioral Finance in der Praxis

8 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

1 Entwicklung des DAX Performance Index

2 Entwicklung des S&P 500

3 Bull/Bear- Index

4 Entwicklung der Infineon AG über 10 Jahre

1 Aufbau und Zielsetzung der Arbeit

Um etwa 2000 auf 5600 Punkte1 ist der Dax seit seinem Tief im März 2009 gestiegen, aus fundamentaler Sicht wird dieses auf verbesserte Konjunktur- daten sowie die besser als erwartet ausgefallene Berichtssaison zurückge- führt.2 Auch die durch die Notenbanken geschaffene Liquidität scheint man- gels Alternativen den Weg in die Aktienmärkte zu suchen.3 Es passt ins Bild, dass auch die Kursziele seitens der Analysten angehoben werden, so sieht die Commerzbank den Dax auf Jahressicht bei 6100 Punkten.4 Weit weg scheint also bereits die Finanzkrise, die den Markt noch Anfang des Jahres zum Einbrechen brachte.

Einige Titel, darunter beispielsweise Daimler, konnten sich ausgehend von ihren Jahrestiefs bereits verdoppeln. Noch stärker fiel der Anstieg bei vielen Bankaktien aus. So stand die Aktie der Deutschen Bank im Tief bei 15,38 Euro5, während diese im September bereits mit etwa 53 Euro6 gehandelt wurde. Fraglich ist, ob sich die zugrundeliegenden Fundamentaldaten inner- halb dieser kurzen Zeitspanne derart verändert haben, dass eine solche Neubewertung gerechtfertigt wäre, oder ob es nicht vielmehr weitere Ein- flussfaktoren sind, die für die Schwankung verantwortlich zu machen sind.

Der „Neue Markt“ in Deutschland, mit seinem fulminanten Anstieg und dem darauffolgenden Crash, ist ein Beispiel dafür, dass Investoren sich nicht, wie es die Kapitalmarkttheorie mit dem idealtypischen Menschenbild des homo oeconomicus unterstellt, völlig rational verhalten.

So besagt die Effizienzmarkthypothese, dass alle zu einem Wertpapier vor- handenen Informationen bereits korrekt in den Kursen eingepreist sind. Tat- sächlich aber lässt sich eine Rally, wie die des Neuen Marktes nicht ohne Bezugnahme auf Herdenverhalten und Auswirkung der Marktstimmung be- schreiben.7 Das Verhalten der Marktakteure ist geprägt durch Gefühle wie Angst, Euphorie und Gier, welche das Marktgeschehen wesentlich beeinflus- sen. Laut Börsenspekulant Andre Kostolany kann „die Rolle der Psychologie im Börsengeschehen gar nicht überschätzt werden“8

Somit erklärt sich auch die zunehmende Bedeutung der wissenschaftlichen Forschungsrichtung Behavioral Finance, die sich mit dem Einfluss der Psy- chologie auf das Verhalten der Markakteure und das daraus resultierende Marktgeschehen beschäftigt.9 Es werden typische durch die Psyche bedingte Anlegerfehler untersucht, wie etwa das zu frühe Verkaufen von Gewinnaktien und das zu lange Halten von Verlustaktien. Im Folgenden soll zunächst auf die psychologisch bedingten Verhaltensmuster eingegangen werden, um anschließend deren Einfluss auf die Finanzmärkte zu untersuchen. Deswei- teren ist es das Ziel, mögliche Lösungsansätze zur Vermeidung von typi- schem Anlegerfehlverhalten, welches gerade in turbulenten Zeiten auftritt, zu skizzieren.

2 Informationsverarbeitung unter dem Einfluss von Heuristiken

Die Behavioral Finance beschäftigt sich mit der Auswahl und Verarbeitung von Informationen sowie dem daraus resultierenden Entscheidungsverhalten der Marktakteure.10 Die Komplexität von Entscheidungssituationen, im Spe- ziellen an Kapitalmärkten, macht es dem Menschen unmöglich, diese im vol- len Umfang zu erfassen.11 Zudem wird die Informationsverarbeitung durch den an Finanzmärkten gegeben Erfolgs- und Zeitdruck erheblich erschwert.12

Um also die enorme Masse an Informationen bewältigen zu können, bedient sich der Mensch Heuristiken13, durch die er mit einem geringen Aufwand zu einem schnellen Ergebnis kommt. Dieses Ergebnis muss jedoch keinesfalls optimal sein und kann Fehlentscheidungen zur Folge haben.14 Zu berück- sichtigen ist auch, dass Markteilnehmer nicht in gleichem Maße an Informa- tionen gelangen. So dürften institutionelle Anleger auf ein deutlich breiteres Spektrum an Börseninformationsdiensten zurückgreifen als beispielsweise ein Kleinanleger, der sich möglichweise bereits mit dem Wirtschaftsteil seiner Tageszeitung begnügt.15

Auch die Verfügbarkeit von Erinnerungen lässt sich unterscheiden. Informa- tionen, die schneller und leichter verfügbar sind, werden höher gewichtet.16 Diese unterschiedliche Gewichtung von Informationen wird durch die Verfügbarkeitsheuristik beschrieben, welche besagt, dass einem Ereignis eine umso höhere Wahrscheinlichkeit zugeordnet wird, desto verfügbarer Beispiele für ein solches Ereignis sind. Ein Investor, der bereits einen Crash miterlebt hat, wird diesem Szenario eine höhere Wahrscheinlichkeit beimes- sen als ein Anleger ohne solche Erfahrung. Ferner sind aktuell abgespeicher- te Erinnerungen leichter verfügbar und beeinflussen somit unmittelbarer die Einschätzung von Sachverhalten.

Eine entscheidende Rolle spielt auch die selektive Wahrnehmung, die im Wesentlichen auftritt, wenn bereits eine Meinung zu einem Sachverhalt be- steht oder bereits eine Entscheidung getroffen wurde. Dann werden neue Informationen aus der bereits eingenommenen Perspektive wahrgenommen, sodass sie die ursprüngliche Meinung bestätigen.17 Ein auf fallende Kurse setzender Marktakteur wird in jeglichen Nachrichten die Bestätigung seiner Einschätzung suchen, während der steigende Kurse erwartende Anleger umgekehrt die Nachrichten so interpretieren dürfte, dass diese seiner Markt- einschätzung entsprechen.

Eine weitere Heuristik stellt die Repräsentativitätsheuristik dar. In dieser werden individuelle Erfahrungen als repräsentativ angesehen.18 Die Reprä- sentativität wird als hoch angesehen, wenn etwas „in ein Schema passt“19 Ein Beispiel für Repräsentativität ist der Gewinner-Verlierer-Effekt. Laut Werner de Bondt und Richard Thaler ist die Entwicklung der Aktien, die in den vergangenen drei Jahren erhebliche Verluste erlitten, verglichen mit Ak- tien, die in diesem Zeitraum überdurchschnittlich abschnitten, in den darauf- folgenden drei Jahren wesentlich positiver. Ungeachtet dessen ist es jedoch eine Tatsache, dass Analysten bei Gewinnvorhersagen sich oftmals an den Gewinnern der Vergangenheit orientieren und diese daher zu optimistisch einschätzen.20

„Gamblers‘ Fallacy“ ist ein weiteres Beispiel. Wirft man eine Münze fünfmal und liegt jedesmal Kopf oben, gehen die meisten Menschen davon aus, dass bei einem sechsten Wurf die Zahl kommen müsste. Dieser Effekt beruht auf der Vorstellung, dass nach mehrmaligem Werfen einer Münze Kopf und Zahl in etwa gleicher Häufigkeit auftreten. Tatsächlich ist jedoch jeder Münzwurf vom vorherigen unabhängig. Hierbei unterliegt man dem Irrtum, dass das Gesetz des Durchschnittes auch auf kleine Stichproben anwendbar ist.21 Auch in der Finanzwelt begegnet man der „Gamblers‘ Fallacy“. So wird häu- fig bei Aktien, die längere Zeit gefallen sind, entgegen der Börsenweisheit „ins fallende Messer gegriffen“, unter der Annahme, dass sie ja einmal wie- der steigen müssten.

Die Verankerungsheuristik besagt, dass Menschen dazu neigen, sich an einem Ursprungswert (Anker) zu orientieren.22 Dies führt dazu, dass der Ursprungswert bei Schätzungen als Orientierungspunkt dient, welcher anschließend durch eingehende Analyse dem wahren Wert angepasst wird (Adjustment). Hierbei wird dem Ursprungswert jedoch eine zu große Rolle beigemessen, sodass die Anpassung zu gering ausfällt. Schätzt man also die Entwicklung eines Indizes, wird man sich zunächst am gegenwertigen Stand orientieren und diesen abhängig von gegebenen Informationen nach oben oder unten anpassen. Meist wird die die Orientierung am Ursprungswert zu einem zu eng gesetzten Prognoseband führen.23

Ein Merkmal vieler Marktakteure ist die Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten (Overconfidence). Der Anleger bewertet seine eigenen Informa- tionen und Prognosen zu hoch, was dazu führt, dass er beispielsweise eine zu h]ohe Handelsaktivität an den Tag legt.24 Es zeigt sich, dass gerade diese sehr aktiven Anleger oftmals eine vergleichsweise schlechte Performance erzielen. Allein schon durch die bei vielmaligem Umschichten anfallenden Transaktionskosten wird ihre Rendite geschmälert. Anfällig für Overconfiden- ce sind insbesondere unerfahrene Anleger. Mit zunehmendem Alter und grö- ßerer Erfahrung tendiert man hingegen zu einer realistischeren Einschätzung seiner Fähigkeiten.25 Dennoch kann man auch bei erfahrenen Anlegern For- men der Selbstüberschätzung feststellen. Analysten überschätzen ihre Prog- nosen und messen ihnen eine zu hohe Eintrittswahrscheinlichkeit zu, wobei sie die Volatilität der Märkte zu wenig berücksichtigen. Eine Umfrage unter Investmentbankern zeigt, dass auch diese Gruppe der Selbstüberschätzung unterliegt. Von 44 befragten Investmentbankern gingen lediglich vier davon aus, dass sie im nächsten Jahr schlechter als der Durchschnitt abschneiden würden.26

3 Anlegerfehlverhalten bedingt durch Rahmenabhängigkeit

Wie bereits oben beschrieben, unterliegen Marktakteure bewussten und unbewussten Fehleinschätzungen bei der Verarbeitung von Informationen und der daraus resultierenden Prognose zukünftiger Entwicklungen.

Einen weiteren Aspekt stellt die Rahmenabhängigkeit dar. So zeigt die Prospekttheorie nach Kahnemann und Tversky, dass Entscheidungsalterna- tiven nicht unter rationalen Gesichtspunkten bewertet werden, sondern von der Situation, der Art der Handlung sowie dem Ergebnis abhängig gemacht werden.27 Der Mensch schafft sich Bezugspunkte, mit denen er die Bewer- tung von Gewinn und Verlust vornimmt. So dient beim Erwerb einer Aktie meist der Kaufpreis als Bezugspunkt. Erwirbt man also eine Aktie zum Kurs von 100, wird man sich an dieser Marke orientieren. Daraus folgt, dass bei einem Kurs von 90 ein Verlust von 10 entstanden ist, während bei einem Stand von 110 der Gewinn 10 Euro beträgt. Entfernt sich der Kurs jedoch immer weiter vom Bezugspunkt, so sinkt auch die Sensitivität. Man freut sich über den ersten Euro Gewinn bereits mehr als über den zweiten gewonne- nen Euro.

[...]


1 DAX Perfomance-Index, Stand 24.09.2009, Schlusskurs: 5.605,21.

2 Vgl. Hackhausen, Nervensache.

3 Vgl. Kuckelkorn, Die Rally trägt sich selbst, S. 1.

4 Vgl. Kramer, US-Arbeitsmarkt schürt Euphorie, S. 17.

5 Tiefkurs erreicht am 21.01.2009.

6 Stand 24.09.2009.

7 Vgl. Weber/Behavioral Finance Group, Idee und Überblick, S. 5.

8 Kostolany, Kostolanys Börsenseminar, S. 254.

9 Vgl. Shefrin, Börsenerfolg mit Behavioral Finance, S. 3 - 5.

10 Vgl. Goldberg/Nitzsch, Behavioral Finance, S. 27.

11 Vgl. Bosch, Behavioral Finance an der Börse, S. 71.

12 Vgl. Goldberg, Irrational, S.58.

13 Daumenregeln.

14 Vgl. Braun, Aktienanalyse, S. 85.

15 Vgl. Goldberg/Nitzsch, Behavioral Finance, S. 56.

16 Vgl. Braun, Aktienanalyse, S. 87.

17 Vgl. Goldberg/Nitzsch, Behavioral Finance, S. 57.

18 Vgl. Bosch, Behavioral Finance an der Börse, S. 78.

19 Goldberg/Nitzsch, Behavioral Finance, S. 72.

20 Vgl. Shefrin, Börsenerfolg mit Behavioral Finance, S. 18.

21 Vgl. Shefrin, Börsenerfolg mit Behavioral Finance, S. 20.

22 Vgl. Schäfer/Vater, Behavioral Finance: Eine Einführung, S. 739 - 748.

23 Vgl. Goldberg/Nitzsch, Behavioral Finance, S. 69 - 71.

24 Vgl. Laschke/Weber, Overconfidence, S. 12 - 14.

25 Vgl. Schäfer/Vater, Behavioral Finance: Eine Einführung, S. 739 - 748.

26 Vgl. Weber, Panikattacken, S. 6.

27 Vgl. Bitsch, Loss Aversion, S. 4.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die praktische Anwendung von Behavioral Finance in Zeiten der Krise
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Villingen-Schwenningen, früher: Berufsakademie Villingen-Schwenningen
Autor
Jahr
2009
Seiten
27
Katalognummer
V160420
ISBN (eBook)
9783640768486
ISBN (Buch)
9783640768943
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Behavioral Finance, Börse, Aktien, Psychologie, Anlegen, Anleger, Dax, Neuer Markt, Hausse, Baisse, Finance, Fonds, Wirtschaftskrise, Finanzkrise
Arbeit zitieren
Johannes Höllerich (Autor), 2009, Die praktische Anwendung von Behavioral Finance in Zeiten der Krise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160420

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