In der soziologischen Theorie sind viele unterschiedliche, sich ergänzende, aber auch widersprüchliche und konträre Theorien bezüglich des Begriffs der Wissensgesellschaft zu finden. Schon Klassiker wie beispielsweise Max Weber, Joseph Schumpeter, Werner Sombart oder auch Karl Marx haben in ihren Gesellschaftsanalysen mit dem Konzept der Wissensgesellschaft gearbeitet, wobei die Betonung vordergründig auf die Innovationsdynamik charismatischer Unternehmer und die Wissensbasierung bürokratischer Organisationen gelegt wurde. Die Theorie von Nico Stehr weist jedoch über diese Erklärungen hinaus und legt u. a. Wert auf die neu entstehende ökonomische Struktur und deren gesellschaftliche Grundlagen.
Ich werde mich in den folgenden Ausführungen mit der Problematik des Begriffs der Wissensgesellschaft befassen und der Frage nachgehen, ob wir uns, wie häufig behauptet, in einer solchen befinden, oder ob diese erst ihre Schatten vorauswirft und wir erst auf dem Weg in eine Wissensgesellschaft sind, so wie es Helmut Wilke und Christoph Hubig einst propagierten (vgl. Jäger 2002, S. 1). Schließlich fordert der globalisierte Wettbewerb die systematische Aufbereitung von „Wissen über Wissen“, so dass kein Weg daran vorbeiführt, die Ressource Wissen in der Organisation zu entwickeln und gezielt einzusetzen, um Problemlösungen und Zielsetzungen zu verbessern bzw. zu optimieren. Bevor ich jedoch mit meiner Diskussion beginnen kann, werde ich zunächst die Begriffe Wissen bzw. Wissensgesellschaft, so wie sie Nico Stehr verwendet, definieren.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I Definition des Wissens
II Begriff der Wissensgesellschaft
III Dimension der Wissensgesellschaft am Beispiel Deutschlands
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht auf Basis der theoretischen Konzepte des Kulturwissenschaftlers Nico Stehr, ob die moderne deutsche Gesellschaft tatsächlich als Wissensgesellschaft zu klassifizieren ist oder ob es sich dabei um ein Wunschdenken handelt. Dabei wird insbesondere die ökonomische, technische und soziale Dimension analysiert, um den Status Deutschlands im globalen Wissenswettbewerb kritisch zu hinterfragen.
- Analyse des Wissensbegriffs als Handlungsressource nach Nico Stehr.
- Untersuchung des Phänomens der Entmaterialisierung in modernen Wirtschaftsprozessen.
- Diskussion über das "qualifikatorische Missmatch" auf dem deutschen Arbeitsmarkt.
- Betrachtung der Bedeutung von Innovationsstrukturen und Humankapital.
- Reflektion über ethische Grenzen in der Wissens- und Forschungspolitik.
Auszug aus dem Buch
II Begriff der Wissensgesellschaft
Nico Stehr bezeichnet eine Gesellschaft als Wissensgesellschaft, wenn Wissen in steigendem Maße nicht nur als konstitutives Merkmal für die moderne Ökonomie und deren Produktionsprozesse und –beziehungen erscheint, sondern insgesamt zum Organisationsprinzip und zur Problemquelle der modernen Gesellschaft wird. Für ihn repräsentiert diese Gesellschaftsformation sowohl eine soziale als auch eine ökonomische Welt, in der Ereignisse und Entwicklungen zunehmend „gemacht“ werden, die zuvor einfach nur „stattfanden“. Danach sind demokratische Veränderungen keine schicksalhaften Ereignisse mehr und werden ebenso wenig von übermächtigen Institutionen gesteuert (vgl. ebd., S. 10 f.).
Stehr differenziert jedoch zwischen den frühen Formen von Wissenschaftsgesellschaften, wie z. B. die altägyptische Gesellschaft, und den gegenwärtigen entwickelten Industriegesellschaften. Diese erhalten ihre Bezeichnung insbesondere aufgrund des Vordringens der modernen Wissenschaft und Technik in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen und Institutionen (vgl. ebd., S. 10 f.). Aus diesem Grund ist ihre Struktur zwangsläufig an Fortschritte in den Gebieten des wissenschaftlichen und technischen Wissens gebunden, wodurch dessen Bedeutung ständig zunimmt.
Wissensgesellschaften sind nach Ansicht von Nico Stehr weder das Ergebnis eines einfachen, eindimensionalen gesellschaftlichen Wandlungsprozesses, noch entstehen sie aufgrund eindeutiger Entwicklungsmuster. Sie assimilieren sich vielmehr, indem sie jeweils eigenen Entwicklungsmustern folgen und in bestimmter Hinsicht verschiedenartig bleiben (vgl. Stehr 2000, S. 54 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die soziologische Debatte um den Begriff der Wissensgesellschaft und Vorstellung der zentralen Fragestellung anhand der Theorien von Nico Stehr.
I Definition des Wissens: Herleitung des Wissensbegriffs als soziale Handlungsfähigkeit und Instrument zur Wirklichkeitsveränderung.
II Begriff der Wissensgesellschaft: Theoretische Abgrenzung der Wissensgesellschaft von anderen Gesellschaftsformen und Diskussion ihres Charakters als Organisationsprinzip.
III Dimension der Wissensgesellschaft am Beispiel Deutschlands: Empirisch orientierte Analyse der ökonomischen, technischen und sozialen Aspekte unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Wirtschaftssituation.
Schlüsselwörter
Wissensgesellschaft, Nico Stehr, Wissensbasierung, Entmaterialisierung, Arbeitsmarkt, Humankapital, Innovation, technischer Fortschritt, Forschungspolitik, Wirtschaftswachstum, soziale Dimension, ökonomische Struktur, Wissenspolitik, Qualifikation, Wettbewerbsfähigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Relevanz und Anwendbarkeit des Konzepts der "Wissensgesellschaft" auf die heutige Bundesrepublik Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die ökonomische Struktur, die technische Entwicklung sowie die sozialen Rahmenbedingungen im Kontext von Wissensproduktion und -anwendung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, kritisch zu prüfen, ob Deutschland – trotz struktureller Probleme wie Fachkräftemangel oder Innovationsbarrieren – als moderne Wissensgesellschaft bezeichnet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen Essay, der auf einer theoretischen Diskussion basierend auf den soziologischen Beiträgen von Nico Stehr beruht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Transformation der Wirtschaft durch Wissensbasierung, die Rolle technischer Innovationen für den Arbeitsmarkt sowie die ethischen und politischen Regulierungsfragen in der Forschung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Wissensgesellschaft, Entmaterialisierung, Humankapital, Innovationsdynamik und Strukturwandel beschreiben.
Welche Rolle spielt die "Entmaterialisierung" in der Argumentation des Autors?
Der Autor nutzt den Begriff, um den Wandel von einer rein industriell geprägten zu einer wissensintensiven Wirtschaft zu verdeutlichen, in der der Faktor Wissen neben Arbeit und Kapital tritt.
Wie bewertet der Autor den sogenannten Akademikermangel?
Der Autor hinterfragt den Begriff des Akademikermangels und führt das Phänomen der "Generation Praktikum" an, um zu zeigen, dass Unternehmen den Bedarf an Wissen oft durch kostengünstige, temporäre Lösungen decken.
Inwiefern beeinflussen ethische Grenzen die deutsche Forschung laut dem Text?
Der Text argumentiert, dass strenge deutsche Regulierungen, etwa in der Stammzellenforschung, die Forschungsfreiheit einschränken und somit den internationalen Wettbewerbsvorteil Deutschlands gefährden könnten.
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- Master of Arts (M.A.) Christian Kaufmann (Author), 2010, Wissensgesellschaft Deutschland - Wunschdenken oder Realität?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160445