Nächstes Jahr ändere ich mein Leben. Warum gute Vorsätze so oft scheitern

Selbststeuerung und Sportteilnahme beim Fitnesstraining - Gesundheitsverhalten mit Hilfe der PSI Theorie von Julius Kuhl betrachtet


Thesis (M.A.), 2009
73 Pages, Grade: 2,7

Excerpt

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie
2.1 Motivation und Volition
2.1.1 Motivation
2.1.2 Volition
2.2 Motivationale Modelle zur Erklärung von Gesundheitsverhalten
2.2.1 Health Belief - Modell
2.2.2 Selbstwirksamkeitstheorie
2.2.3 Selbstbestimmungstheorie
2.3 Volitionale Modelle zur Erklärung von Gesundheitsverhalten
2.3. 1 Rubikon - Modell
2.3. 2 Health Action Process Approach
2.4 Die PSI - Theorie
2.4.1 Willensbahnung und Selbstwachstum
2.4.2 Affektregulation
2.4.3 Selbstregulation und Selbstkontrolle
2.5 Fazit und Forschungsfrage

3. Methode
3.1 Hypothesen
3.1.1 Hypothesenblock A: Selbststeuerung und Erleben
3.1.2 Hypothesenblock B: Selbststeuerung und Verhalten
3.1.3 Hypothesenblock C: Selbststeuerung
3.2 Allgemeiner Versuchsplan
3.3 Stichprobenbeschreibung
3.4 Aufbau der Fragebögen
3.4.1 Erleben des Sports
3.4.2 Sportverhalten
3.4.3 Selbststeuerung beim Sport
3.5 Untersuchungsdurchführung
3.6 Verfahren der Datenauswertung

4. Ergebnisse
4.1 Vorbereitende Analysen
4.2 Hypothesenprüfung
4.2.1 Selbststeuerung und Erleben
4.2.2 Selbststeuerung und Verhalten
4.2.3 Selbststeuerung

5. Diskussion der Ergebnisse
5.1 Kritische Betrachtung der Untersuchung
5.2 Diskussion der Ergebnisse
5.3 Ausblick für die weitere Erforschung der Sportteilnahme

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1. Health Belief - Modell

Abbildung 2. HAPA - Modell

Abbildung 3. Darstellung der PSI-Theorie

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1. Untersuchungsplan mit dem Inhalt der jeweiligen Erhebungen und den Erhebungszeiträumen

Tabelle 2. Zusammensetzung der befragten Personen unterteilt nach Untersuchungszeitpunkten und Teilnahme

Tabelle 3. t - Test zur Überprüfung auf geschlechtsspezifische Unterschiede der Mittelwerte der Skalen Selbstregulation, flexible Selbstkontrolle und rigide Selbstkontrolle

Tabelle 4. Zusammenhangsanalyse zwischen Alter und den Skalen Selbstregulation, flexible Selbstkontrolle und rigide Selbstkontrolle

Tabelle 5. Selbststeuerungsskalen mit Beispielitems und interner Konsistenz

Tabelle 6. Liste der Items der Skala Selbstregulation mit Mittelwert, Standardabweichung und Trennschärfe r

Tabelle 7. Liste der Items der Skala rigide Selbstkontrolle mit Mittelwert, Standardabweichung und Trennschärfe r

Tabelle 8. Liste der Items der Skala flexible Selbstkontrolle mit Mittelwert, Standardabweichung und Trennschärfe r

Tabelle 9. Gruppenzusammensetzung zur Überprüfung eines Unterschieds der Ergebnisse aufgrund erfolgter oder nicht erfolgter Teilnahme

Tabelle 10. t - Test auf Mittelwertunterschied der Ergebnisse des 2. Fragebogens der Gruppen A und B+D

Tabelle 11. t - Test auf Mittelwertunterschied ausgewählter Ergebnisse des 3. Fragebogens der Gruppen C und A+B

Tabelle 12. t - Test auf Mittelwertunterschied ausgewählter Ergebnisse des 3. Fragebogens der Gruppen A und C

Tabelle 13. t - Test auf Mittelwertunterschied ausgewählter Ergebnisse des 3. Fragebogens der Gruppen A und B+C

Tabelle 14. Zusammenhänge von Selbstregulation mit Zufriedenheit und Anstrengung.40 Tabelle 15. Zusammenhänge von flexibler (flex.) Selbstkontrolle mit Zufriedenheit und Anstrengung

Tabelle 16. Zusammenhänge von rigider (rig.) Selbstkontrolle mit Zufriedenheit und Anstrengung

Tabelle 17. Zusammenhänge zwischen Selbststeuerung, Selbstregulation und den einzelnen Trainingshäufigkeiten an UZP1 - 3 (Training) sowie der gesamten Trainingsmenge über UZP1 - 3 (Training gesamt)

Tabelle 18. Zusammenhänge zwischen flexibler (flex.) und rigider (rig.) Selbstkontrolle und den einzelnen Trainingshäufigkeiten an UZP 1 - 3 (Training) sowie der gesamten Trainingsmenge über UZP1 - 3 (Training gesamt)

Tabelle 19. Zusammenhänge zwischen Selbstregulation sowie gesamter Selbststeuerung und der Menge des betriebenen Sports pro Woche

Tabelle 20. Zusammenhänge von Selbstregulation, rigider und flexibler Selbstkontrolle mit der Menge des betriebenen Sports pro Woche

Tabelle 21. Mittelwertvergleiche der Variablen Selbstregulation, flexible und rigide Selbstkontrolle nach 1. und 3. UZP getrennt

Tabelle 22. Zusammenhänge der Skalen Selbstregulation, rigide (rig.) und flexible (flex.) Selbstkontrolle zwischen UZP 1 und UZP 3

1. Einleitung

Die positiven Wirkungen von Bewegung und Sport, wie die Verringerung von Erkrankungs- und Verletzungsrisiken sowie Verbesserung des psychischen Wohlbefindens, sind bekannt und werden als eines der kostenwirksamsten Mittel zur Förderung der öffentlichen Gesundheit angesehen (Thiex, 2006; WHO, 2005). Durch körperliche Inaktivität verursachte Erkrankungen des Bewegungsapparats und des Herz-Kreislaufsystems sind ein gesamtgesellschaftliches Problem, das neben Einschränkungen in der Lebensqualität der Betroffenen hohe Kosten für das Gesundheitssystem und die Volkswirtschaft verursacht. Gleichzeitig sind sich nach Auffassung von Thiex Menschen in Deutschland durchaus bewusst, dass sie ihren Gesundheitszustand durch sportliche Aktivität verbessern können (Thiex, 2006). Auch stellt er fest, dass ihnen ein breites sportliches Angebot von kommerziellen Anbietern und Sportvereinen zur Verfügung steht. Das ungenügende Bewegungsverhalten großer Teile der Bevölkerung liegt demnach an fehlender oder unzureichender Motivation oder an dem Scheitern bereits unternommener Sportteilnahmsversuche.

Der Erfolg von möglichen Therapien, Ansätzen zu gesundheitsbewusstem Verhalten oder von Rehabilitationsmaßnahmen hängt jedoch von der Mitarbeit und der Motivation der Teilnehmer entscheidend ab. Damit eine dauerhafte Verbesserung des Gesundheitszustandes und der Leistungsfähigkeit von Menschen erreicht werden kann, ist es unerlässlich, dass durch Sportkurse oder Therapien erlernte Übungen in den Alltag integriert werden und die Sportteilnahme zur Gewohnheit wird. Prävention und dauerhafte positive Gesundheitseffekte lassen sich nur durch eine Regelmäßigkeit des Verhaltens, wie z. B. wöchentliches Kraft- oder Ausdauertraining erreichen (Thiel et. al, 2008).

Doch gerade die längerfristige Aufrechterhaltung von körperlicher Aktivität oder von anderem gesundheitsbewussten Verhalten scheint vielen schwer zu fallen. Nach Achtziger & Gollwitzer tun sich selbst hoch motivierte Personen häufig schwer, ein bestimmtes Vorhaben auch wirklich in die Tat umzusetzen (Achtziger & Gollwitzer, 2006). Einmal gebildete Vorsätze, wie z. B. das Rauchen aufzugeben oder regelmäßig Sport zu treiben, werden von vielen Menschen nach wenigen Wochen oder Monaten wieder aufgegeben. Sogenannte gute Vorsätze zum neuen Jahr, z. B. mehr Sport zu treiben, scheitern zu 80%, davon 23% in der ersten Woche (FAZ, 2007). Nach Radinger (2001) gelingt es beispielsweise nur 3 von 10 Fitnessanfängern ihre sportliche Aktivität über einen längeren Zeitraum in ihre Alltagsgestaltung aufzunehmen. Neben mangelnder Motivation ist auch die Umsetzung oder Beibehaltung begonnener Sportvorhaben ein entscheidendes Problem auf dem Weg zu gesundheitsbewusstem Verhalten. So spricht Thiex von Abbruchsquoten bei Sportangeboten in Höhe von 40 bis 70% (Thiex, 2006). Es stellt sich die Frage, wie Menschen bei der Verwirklichung ihrer Vorsätze und Ziele auf dem Weg zu gesundheitsbewusstem Verhalten unterstützt werden können.

Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit liegt darin, herauszufinden, mit welchen Theorien und Modellen das Verhalten und Erleben beim Sport möglichst zuverlässig beschrieben und vorhergesagt werden kann. Anhand einer solchen Vorhersage wäre es möglich, empfundene Schwierigkeiten und Barrieren bei der Sportteilnahme zu prognostizieren und bereits im Vorfeld an ihrer Abmilderung oder Überwindung zu arbeiten. Großes Erklärungspotential für Phänomene bei der Vorbereitung und Durchführung von Handlungen gerade bei Schwierigkeiten bietet die PSI - Theorie von Julius Kuhl. Während sie in anderen Forschungsbereichen bereits vielfältige Anwendung findet, hat sie im Sport bis auf wenige Ausnahmen kaum Verwendung gefunden. Daher wird sie im folgenden Kapitel in Hinblick auf ihre Anwendbarkeit für die Fragestellung der Arbeit dargestellt.

2. Theorie

Zur Erklärung des Verhaltens von Menschen in Bezug auf ihre Gesundheit existieren eine Vielzahl von Theorien, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen und sich teilweise überschneiden (Thiex, 2006). Um einen Überblick zu ermöglichen, werden zunächst die Begriffe der Motivation und Volition (=„Wille“) voneinander abgegrenzt und definiert. Sodann werden Theorien vorgestellt, die motivationale und volitionale Vorgänge zur Erklärung menschlichen Handelns in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellen.

2.1 Motivation und Volition

Motivation und Volition werden je nach Ansatz als aufeinanderfolgende Phasen oder als sich ergänzende Steuerungslagen von Verhalten aufgefasst. Der Begriff Motivation bezieht sich nach Achtziger und Gollwitzer (2006) auf den Prozess der Zielbildung während die Volition sich auf die konkrete Umsetzung bezieht.

2.1.1 Motivation

Die Motivationspsychologie befasst sich mit den Beweggründen menschlichen Handelns; es existieren unterschiedliche Ansätze mit verschiedenen Auffassungen darüber, was Beweggründe sind (Kuhl, 2006). Nach Kuhl können Beweggründe sowohl kognitiv repräsentierbar sein (Ziele, Projekte, Bestrebungen) als auch subkognitiv das Handeln beeinflussen (z. B. Bedürfnisse, Affekte). Ziele sind explizite, sprachlich ausdrückbare Motive, während implizite Motive individuelle Dispositionen sind, sich in gleichen Situationen ähnlich zu verhalten (Heckhausen & Heckhausen, 2006). Die Wechselwirkung von Motiven und Situation führt zur Motivation und gegebenenfalls zu Handlungen (Heckhausen & Heckhausen, 2006).

Das Konstrukt Motiv wurde eingeführt, weil beobachtet werden konnte, dass Menschen bei der Auswahl und Verfolgung von Zielen zu Beständigkeit tendieren (Dorsch, 2009). Die Messung oder Diagnostik von Motiven stellt in der Motivationsforschung einen wichtigen Teilbereich dar. Bei einem hohen Leistungsmotiv beispielsweise neigt der Mensch dazu, das eigene Handeln und die eigene Tüchtigkeit zu bewerten und zu messen (Brunstein & Heckhausen, 2006). Wenn eine Motivation den Charakter einer konkreten Handlungsabsicht annimmt, wird sie Intention genannt (Heckhausen & Heckhausen, 2006).

Aus gesundheitspsychologischer Sicht stellt sich die Frage, warum Menschen zu gesundem Verhalten motiviert sind bzw. nicht sind und wie sie zu solchem motiviert werden können. Nach der Auffassung vieler Autoren sagt das Bilden eines Zieles oder einer Intention jedoch nur unzuverlässig die tatsächliche Handlung voraus (Schwarzer, 2004; Heckhausen, 2006). Um das Verhalten von Menschen angemessen zu erklären, sind zusätzlich andere Theorien notwendig.

2.1.2 Volition

Der Wille oder die Volition ist eine Anzahl von zentralen Koordinationsfunktionen, die im Falle von auftretenden Schwierigkeiten das Beibehalten und Erreichen eines aktuellen Zieles optimieren (Kuhl, 2001). Willens- oder Volitionshandlungen werden von Goschke als solche Verhaltensweisen beschrieben, die auf die Erreichung von expliziten Zielen gerichtet sind (Goschke, 2002).

Die Volitionsforschung betrachtet den Prozess der Willensbildung, Verhaltensinitiierung und seiner Aufrechterhaltung und liefert Erklärungen für den Umgang mit Schwierigkeiten und Barrieren. Volitionale Prozesse sind entscheidend bei Tätigkeiten, die nicht oder nicht genug durch die Motivationslage des Handelnden unterstützt werden (Sokolowski, 1993; Kehr, 2004).

Volition ist beispielsweise vonnöten, wenn die Teilnahme eines ungeliebten Sportkurses trotz langer Fahrzeit und schlechtem Wetter durchgesetzt werden soll. Wird der Bus auf dem Weg dorthin verpasst und soll die Absicht entgegen dieser Barriere aufrechterhalten werden, müssen weitere volitionale Vorgänge unterstützend ablaufen. Um angesichts solcher Konflikte Ziele realisieren zu können, ist es notwendig, eine Vielzahl von sensorischen, motivationalen und kognitiven Teilsystemen zu koordinieren (Goschke, 2002). Im Gegensatz dazu werden Handlungen, zu denen ein Mensch ohnehin schon stark motiviert ist oder die bereits Gewohnheit sind, ausgeführt, ohne dass dazu besondere Willenskraft vonnöten wäre. Sie fallen dem Handelnden leicht, da das Verhalten und die zugehörigen Prozesse unwillkürlich geschehen (Sokolowski, 1993). Das Durchsetzten einer Absicht ohne günstige Motivationslage ist dagegen mit Anstrengung verbunden (Sokolowski, 1993). Demnach können Volitionsprozesse nicht permanent aufrechterhalten werden.

Motivation umfasst also die Prozesse, die zu der Bildung einer konkreten Sportabsicht führen, wie z.B. regelmäßig Joggen zu gehen. Die konkrete Umsetzung der Absicht, wie die Planung und Verabredung mit einem Sportpartner oder der Umgang mit Konflikten, wird durch die Volition beschrieben.

2.2 Motivationale Modelle zur Erklärung von Gesundheitsverhalten

2.2.1 Health Belief - Modell

Ein frühes Modell zum Gesundheitsverhalten, das immer noch Einfluss besitzt, ist das Health Belief - Modell (HBM) aus den 1950er Jahren (Schwarzer, 2004). Der Mensch wird bei der Steuerung seines Gesundheitsverhaltens als rational sowie Kosten und Nutzen abwägend aufgefasst. Je höher der Grad der erlebten Bedrohung durch eine mögliche Krankheit, und je größer der erwartete Nutzen, desto eher wird der Mensch nach diesem Modell geneigt sein, sich präventiv oder gemäß ärztlicher Empfehlungen zu verhalten (Schwarzer, 2004).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Health Belief - Modell (Modifiziert nach Schwarzer 2004).

Auch wenn das Health Belief - Modell die Grundlage moderner Diskussionen bildet (Schwarzer, 2004), so wird seine empirische Überprüfbarkeit bezweifelt. Die Annahme eines rational handelnden Menschen ist gerade in Bezug auf Gesundheitsverhalten, das häufig emotional beeinflusst wird, zu bezweifeln. Schwarzer erklärt die empirische Schwäche mit mangelnder logischer Schlüssigkeit und Operationalisierung. Der Einfluss einer möglichen Krankheitsbedrohung wird überschätzt und Prozesse nach einer Zielbildung, nämlich Willens- und Verhaltensprozesse nicht berücksichtigt (Schwarzer, 2004). Andere Autoren wie Fuchs oder Thiex sind der Meinung, dass der Zusammenhang zwischen wahrgenommener Verletzlichkeit und sportlicher Aktivität wie im HBM angenommen, nicht nachgewiesen werden kann (Fuchs, 2003; Thiex, 2006). Erlebte Bedrohung kann zwar zu sportlichem Handeln motivieren, ist aber kontraproduktiv in der Umsetzung und Beibehaltung (Fuchs, 1997). Die fehlende Unterscheidung zwischen motivationaler und volitionaler Phasen wird dem Prozesscharakter gesundheitlichen Handelns nicht gerecht (Schwarzer, 2004). Somit ist das HBM ein theoretischer Erklärungsansatz, der zur Erklärung von Sportteilnahme nicht geeignet ist.

2.2.2 Selbstwirksamkeitstheorie

Das Konstrukt der Selbstwirksamkeit ist Teil der sozial-kognitiven Theorie von Bandura (Bandura, 1979), die nach Fuchs (2003) die am häufigsten benutzte Theorie zur Erklärung von Sportteilnahme ist. Sie misst der eigenen Selbstwirksamkeitserwartung, also der subjektiven Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen einen hohen Einfluss auf die Bewältigung von Aufgaben und Schwierigkeiten bei (Schwarzer, 2004). Je höher diese Erwartung ausgeprägt ist, desto eher werden Anforderungen erfolgreich gemeistert. Selbstwirksamkeit kann nach Schwarzer vor allem durch das Erleben von Erfolgen, durch Nachahmung von Vorbildern oder durch eigene oder fremde Überredung erhöht werden (Schwarzer, 2004).

Die einflussreiche Selbstwirksamkeitstheorie wurde in den letzten Jahrzehnten fortlaufend erweitert und auf unterschiedliche Forschungsfelder angewandt (Schwarzer, 2004). Vor allem beim Umsetzen von ungewohnten Tätigkeiten, wie zum Beispiel der regelmäßigen Teilnahme an einem neuen Sportkurs, wird der Selbstwirksamkeitserwartung ein hoher Stellenwert beigemessen (Schwarzer, 2004; Thiex, 2006). So gibt es zahlreiche Studien, die den positiven Zusammenhang der Selbstwirksamkeit mit körperlicher Aktivität und Sportteilnahme belegen (Fuchs, 2003). Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung sind aktiver und erfolgreicher im Umsetzen ihrer sportlichen Ambitionen. Sie nehmen zudem an Sportangeboten länger teil als Teilnehmer mit einer geringeren Ausprägung (McAuley et al., 2003). Nach Schwarzer (2004) stellt die Selbstwirksamkeit einen Schlüssel zur Selbstregulation dar, die im Sinne von Baumeister und Vohs (2004) als Kontrolle über sich selbst verstanden wird. Selbstregulation und Selbstkontrolle werden in diesem Ansatz nicht wie bei Kuhl als unterschiedliche Steuerungslagen von Verhalten aufgefasst sondern sind austauschbare Begriffe (Baumeister & Vohs, 2004). Das Konstrukt Selbstwirksamkeit wurde in eine Vielzahl von Theorien zum Gesundheitsverhalten integriert (z.B. HAPA siehe 2.3.2).

Wenn Erfolge im Verlauf einer Handlung die Selbstwirksamkeit erhöhen, kann davon ausgegangen werden, dass eine wechselseitige Beziehung zwischen dem Konstrukt und einer Handlung auch während ihres Verlaufs besteht. Diese wechselseitige Beziehung findet sich aber weder in der sozial - kognitiven Theorie von Bandura noch in Modellen zum Gesundheitsverhalten, in denen das Konstrukt Selbstwirksamkeit Verwendung findet (z.B. HAPA 2.2.4). Auch Thiex (2006) ist der Meinung, dass die Selbstwirksamkeit keine konstante Größe darstellt, sondern sich im Verlauf einer Tätigkeit verändern kann.

In einer Zusammenfassung verschiedener empirischer Studien zur Selbstwirksamkeitserwartung bezogen auf sportliche Aktivität verweist er auf inkonsistente Befunde. Selbstwirksamkeit sei ein wichtiger Faktor vor allem bei dem Erwerb neuer und ungewohnter Handlungen, aber sage wenig über die regelmäßige Sportteilnahme über einen längeren Zeitraum aus (Thiex, 2006).

Kuhl weist darauf hin, dass durch einen gemessenen Zusammenhang zwischen einer optimistischen oder pessimistischen Überzeugung und einer Tätigkeit keine Sequenz von Ursache und Wirkung interpretiert werden darf. Nach seiner Auffassung ist eine solche Überzeugung nicht Ursache sondern die Folge von anderen Phänomenen, die er in Zusammenhang mit seiner PSI - Theorie näher erklärt (Kuhl, 2009, siehe Abschnitt 2. 4. 3).

2.2.3 Selbstbestimmungstheorie

Die Self-Determination-Theory (SDT) oder auch Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan geht bei der Erklärung motivierten Verhaltens von den drei Grundbedürfnissen Kompetenz, Autonomie und soziale Zugehörigkeit aus. Die Erfüllung dieser Bedürfnisse führt zu erhöhter Selbstmotivation, allgemeinem Wohlbefinden und Selbstbestimmung (Deci & Ryan, 2000). Sie unterscheiden zwischen intrinsischer Motivation und verschiedenen Stufen extrinsischer Motivation (Deci & Ryan, 2000).

Bei der intrinsischen Form der Motivation entsteht Freude und Interesse durch die Tätigkeit selbst. Intrinsische Motivation führt zur Befriedigung der Grundbedürfnisse, und sie wird durch externe Beeinflussung, wie beispielsweise Belohnungen, Drohungen oder Druck verringert.

Handlungen aus extrinsischer Motivation werden nicht aus ihrer selbst Willen verfolgt sondern erfüllen einen externen Zweck. Die verschiedenen Stufen extrinsischer Motivation unterscheiden sich in ihrem Grad der erlebten Selbstbestimmtheit und Autonomie. Handeln aufgrund von intrinsischer Motivation wird als selbstbestimmtes Verhalten, aufgrund von extrinsischer Motivation als weniger selbstbestimmtes Verhalten aufgefasst (Deci & Ryan, 2000).

Nach Auffassung von Jerusalem et al. (2007) beeinflussen sich die beiden Konstrukte Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung gegenseitig und sind eng miteinander verbunden. Selbstwirksamkeit bedeutet Vertrauen in die eigenen Kompetenzen und Selbstbestimmung wird durch Autonomie, Kompetenzerfahrung und soziale Eingebundenheit erreicht. Selbstwirksame Menschen, die überzeugt sind, ihr eigenes Leben aktiv gestalten zu können, empfinden eine höhere Selbstbestimmung als weniger selbstwirksame Menschen (Jerusalem et al., 2007).

Die Selbstbestimmungstheorie wurde in vielen Forschungsfeldern und Fachbereichen auf ihre Anwendbarkeit überprüft.

In Bezug auf Sportteilnahme weisen Lonsdale et al. (2008) in einer Studie mit 528 Studenten darauf hin, dass mit einem höheren Grad an Selbstbestimmung eine höhere und selbstständigere Bewegungsaktivität zu verzeichnen ist. Jacobs und Claes (2008) sind der Auffassung, dass im Rahmen der Gesundheitsförderung eine Unterstützung der Autonomie von Präventionsteilnehmern rigiden Vorgaben überlegen ist. In einer Zusammenfassung verschiedener Studien kommen Ryan et al. (2008) zu dem Schluss, dass Patienten bei einer Unterstützung ihrer Grundbedürfnisse (Kompetenz, Autonomie und soziale Zugehörigkeit) ein verbessertes Gesundheitsverhalten zeigen. Rheinberg (2006) merkt an, dass die oben erwähnten Grundbedürfnisse der SDT als Anreiz zur intrinsischen Motivation zu wenig sind, da es andere wichtige Motivationssysteme gebe. Er nennt in Bezug auf Sportteilnahme u.a. die Anreize Freude am Risiko und an ungewöhnlichen Bewegungszuständen. Desweiteren ist er der Meinung, dass die Definition von intrinsischer Motivation unklar sei und zentrale Zusammenhänge der SDT wie der Korrumpierungseffekt (Belohnung senkt die intrinsische Motivation) empirisch nicht nachgewiesen wurden (Rheinberg, 2006).

Die bis hier beispielhaft dargestellten Theorien konzentrieren sich auf den Aspekt der Motivation, während volitionale Vorgänge weitgehend ausgeklammert werden. Wie das Verhalten nach der Intention zustande kommt, ist größtenteils unberücksichtigt geblieben. Die folgenden Modelle versuchen, die sogenannte Intentions - Verhaltenslücke (Intention sagt nur selten Verhalten voraus) zu schließen.

2. 3 Volitionale Modelle zur Erklärung von Gesundheitsverhalten

Volitionale Modelle berücksichtigen vor allem die Konstrukte und Prozesse, die nach der Intentionsbildung auf Verhalten und Willensumsetzung wirken (Renneberg & Hammelstein, 2006).

2.3.1 Rubikon - Modell

Das bekannteste Beispiel für die phasenbasierende Differenzierung von Motivation und Volition ist das Rubikon-Modell (Heckhausen & Gollwitzer, 1987). Es basiert auf einer Unterscheidung zwischen motivationaler- und volitionaler Handlungsphasen, deren Übergang einen Wechsel von Bewusstseinslagen bedeutet. Je nach aktueller, in chronologischer Abfolge durchlaufender Phase stehen andere Funktionen (Abwägen Planen Handeln Bewerten) im Vordergrund (Achtziger & Gollwitzer, 2006). Die drei Übergänge zwischen den Phasen werden als Handlungsentscheidung oder Intentionsbildung, Handlungsinitiierung und Handlungsbeendung bezeichnet. Das Rubikon - Modell ist ein idealtypisches Sequenzmodell, dessen Vorzüge vor allem in seinem theoretischen Erklärungspotential liegen. Es verdeutlicht die Wichtigkeit der nach der Intentionsbildung folgenden volitionalen Planungsphase für die Handlungsumsetzung. Die in dieser Phase entstehende Vorbereitung und Fokussierung auf die Realisierung der Absicht ist um so wichtiger je schwieriger die Umsetzung ist (Thiex, 2006).

Nach Heckhausen 2006 sowie Brandstätter 2009 konnten die unterschiedlichen Bewusstseinslagen und die Veränderung in der Informationsverarbeitung beim Übergang von der abwägenden zu der planenden Phase empirisch nachgewiesen werden. Im Gegensatz zur abwägenden Bewusstseinslage wird bei der planenden Phase die eigene Person positiver eingeschätzt und die Informationsverarbeitung erfolgt ziel- und umsetzungsorientierter (Achtziger & Gollwitzer, 2006). Ein Mensch würde sich in der planenden Phase nicht mehr damit beschäftigen, ob er Sport machen soll, sondern z.

B. in welches Fitnessstudio er gehen wird oder wer mit ihm zusammen trainieren würde.

Untersuchungen zeigen, dass die Bildung eines konkreten Vorsatzes die Umsetzung der Zielintention unterstützen kann. Vorsätze in Form von sogenannten „wenn - dann“ Plänen führen zu geringeren Reaktionszeiten und erleichtern die Umsetzung schwieriger Vorhaben (Achtziger & Gollwitzer, 2006). Auch andere Autoren heben die Wirksamkeit solcher „wenn - dann“ Beziehungen hervor (Renneberg & Hammelstein, 2006). Wenn beispielsweise das Ziel verfolgt wird, mehr Sport zu treiben, so steigt die Wahrscheinlichkeit der Umsetzung mit dem Grad der Konkretisierung der Planung (Renneberg & Hammelstein, 2006).

2.3.2 Health Action Process Approach

Das Health Action Process Approach Modell (HAPA) integriert eine Reihe von Theorien oder Konzepten, die teilweise in dieser Arbeit dargestellt werden. Es ist ein sequentielles dynamisches Modell, das auf einer Unterscheidung von präintentionalen Motivationsprozessen und postintentionalen Volitionsprozessen basiert (Schwarzer, 2004). Selbstwirksamkeitserwartungen werden ein großer Einfluss zu jedem Teil der Sequenz (Zielsetzung Planung Umsetzung) eingeräumt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2. HAPA - Modell (Modifiziert nach Schwarzer 2004).

Der motivationale Prozess wird zusätzlich von der Handlungsergebniserwartung und der Risikowahrnehmung beeinflusst. Der volitionale Teil beginnt mit einer Planungsphase, in der die Handlung vorbereitet und konkretisiert wird. Die Handlung gliedert sich in Ausführung, Aufrechterhaltung und in einen Bewertungsvorgang (Schwarzer, 2004). Auch der Volitionsprozess wird nicht nur durch die Zielsetzung sondern auch durch die Selbstwirksamkeit des Handelnden beeinflusst.

Im HAPA wird nur eine einseitige Beziehung der Selbstwirksamkeit auf Zielsetzung, Planung und Handlung angenommen. Es stellt sich die Frage, ob sich die Selbstwirksamkeit nicht im Planungs- und Handlungsverlauf ändert und somit eine wechselseitige Beziehung angenommen werden müsste (siehe 2.2.2). Thiex (2006) bemängelt die schwache Operationalisierung und empirische Überprüfung des Modells. Er weist darauf hin, dass nur die Bedeutung und Zusammenhänge einzelner Variablen des Modells bisher nachgewiesen werden konnten.

2.4 Die PSI - Theorie

Der Begriff der Selbststeuerung lässt sich als Oberbegriff für Wille und Bewusstheit (Kuhl, 2001) beschreiben. Er unterteilt sich in die Komponenten der Selbstregulation, Selbstkontrolle, der Selbstbahnung und der Willensbahnung (Fröhlich & Kuhl, 2003). Eine hohe Selbststeuerungsfähigkeit äußert sich in dem Bilden und Umsetzen von Zielen, die mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen konform sind, in der Identifikation und dem aktivem Umgang mit Gefühlen und Erfahrungen und bei Bedarf in dem Umsetzen von Handlungen entgegen Schwierigkeiten (Kuhl, 2001). Wie die folgende Theorie zeigt, kann diese Fähigkeit einen großen Beitrag zu sportlicher Teilnahme und zum Erreichen gesundheitsbewussteren Verhaltens leisten.

Die Theorie der Selbststeuerung stammt aus der Persönlichkeit-System- Interaktionstheorie (PSI - Theorie) von Julius Kuhl. Im folgenden Abschnitt werden die Komponenten der Selbststeuerung und die zum Verständnis nötigen Teile der PSI - Theorie kurz erläutert. Der Inhalt stammt, falls keine anderen Verweise erfolgen, aus Kuhls Beschreibungen der PSI - Theorie 2001, 2005, 2006 und Martens & Kuhl 2009. Für einen vollständigen theoretischen Überblick sei auf diese Literatur verwiesen.

Die PSI-Theorie räumt der Kommunikation zwischen verschiedenen psychischen Systemen eine zentrale Stellung ein. Statt bei der Psyche der Menschen von einem homogenen System auszugehen, das vor unterschiedliche Aufgaben gestellt wird, nimmt Kuhl unterschiedliche Konfigurationen von interagierenden informationsverarbeitenden Systemen an. Demnach unterscheiden sich Menschen in ihrer Informationsverarbeitung und in der Interaktion ihrer verarbeitenden Systeme: Die gleichen Ziele und Bedürfnisse können durch Benutzung unterschiedlicher kognitiver Verarbeitungssysteme verfolgt werden.

Angenommen, ein Mensch hat den Vorsatz, sportlich regelmäßig aktiv zu sein. Wenn es ihm trotz gefasster Absicht nicht gelingt, dies in die Tat umzusetzen, so ist eine mögliche Erklärung der PSI-Theorie, dass das Vorhaben zwar in seinem Intentionsgedächtnis gespeichert ist, es aber dennoch nicht den Weg in das verhaltenssteuernde System findet. Dieses für die Umsetzung verantwortliche System wird Intuitive Verhaltenssteuerung genannt. Genauso gut könnte jemand daran scheitern, dass er stets nur die unangenehmen Seiten seiner sportlichen Aktivität im Blick hat, wie beispielsweise langwierige Anfahrt und anstrengende Übungen[1]. Dies kann die Folge davon sein, dass er nicht das psychische System (Extensionsgedächtnis) aktivieren kann, welches neben den negativen auch die positiven Begleiterscheinungen des Sporttreibens im Überblick hat. Somit kann das Unvermögen, den Vorsatz in die Tat umzusetzen, mindestens zwei unterschiedliche Gründe haben.

2.4.1 Willensbahnung und Selbstwachstum

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3. Darstellung der PSI-Theorie (Modifiziert nach Kuhl 2001). Für die Aktivierung der vier Systeme sind positive oder negative Affekte (A+ oder A-) oder ihre Herabregulierung (A[+] oder A[-]) verantwortlich.

Schwierigkeiten oder Hindernissen gespeichert und über einen längeren Zeitraum verfolgt werden müssen. Es ist ein analytisch und sequenziell arbeitendes System, zu dessen Aufgaben das Denken, Planen und Repräsentieren von Absichten gehört. Steht der Ausführung beispielsweise einer sportlichen Aktivität nichts im Wege, so kann direkt die Verhaltenssteuerung aktiviert werden, und es ist keine zusätzliche Planung vonnöten. Soll aber entgegen einer ungünstigen Motivationslage (man würde eigentlich lieber zuhause bleiben) gehandelt werden, so ist es nötig, das ausführende System zu hemmen und das Vorhaben im Intentionsgedächnis zu speichern und zu planen. Somit steht es in einem Antagonismus zur intuitiven Verhaltenssteuerung. Diese Hemmung der verhaltenssteuernden Systeme äußert sich auch in einer Herabregulierung positiver Affekte (A[+]) oder in einer gedämpften Stimmung.

Eine wesentliche Aussage der PSI-Theorie ist, dass für die Aktivierung der Systeme und die Kommunikation der Systeme untereinander positive und negative Affekte verantwortlich sind. Affekte entstehen als Reaktion auf einen Reiz eines Wahrnehmungs- oder kognitiven Systems und lösen Aufsuchungs- oder Ablehnungsbereitschaft aus (positiver oder negativer Affekt). Sie entstehen nach Kuhl auch als Folge von befriedigten oder unbefriedigten Bedürfnissen aus dem Belohnungsoder Bestrafungssystem des Gehirns. Desweiteren können Erfolgs- oder Misserfolgserfahrungen positive und negative Affekte verursachen.

Die Hemmung der Intuitiven Verhaltenssteuerung erklärt, warum das Vorhaben zu gesundem Verhalten wie Sporttreiben trotz bester Planung allein oft nicht ausreicht. Wenn man nicht in der Lage ist, zum geeigneten Zeitpunkt sein Verhalten steuerndes System zu aktivieren, so wird der Plan nicht ausgeführt.

Die Intuitive Verhaltenssteuerung ist für die Ausführung von automatisierten und vorprogrammierten Handlungen zuständig und wird durch positive Affekte aktiviert (A+).

Zur Erläuterung des Zusammenhangs zwischen diesen Systemen wird oft eine Untersuchung mit dem Namen Stroop - Aufgabe benutzt. Der amerikanische Psychologe Stroop entwickelte in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Aufgabe, bei der Probanden die Farbe, in der gezeigte Wörter geschrieben waren, benennen mussten. Da die gezeigten Wörter aber selbst andere Farbe beschreiben (Das Wort BLAU in grün geschrieben), ist dazu ein kleiner Willensprozess nötig. Der Impuls, zu antworten was man liest, muss hierbei unterdrückt werden. Die Untersuchung zeigte, dass dieser Willensakt Zeit verbraucht und somit sich die Reaktionszeit der Probanden verlängerte. Kuhl und Kazén fanden 1999 heraus, dass die Reaktionszeit sich wiederum verkürzte, wenn man Probanden vor dem Zeigen des Farbwortes kurz ein positiv belegtes Wort (wie z. B. Glück oder Erfolg) zeigte. Somit konnte belegt werden, dass positiver Affekt, in diesem Fall erzeugt durch Einblenden eines positiven Begriffs, die intuitive Verhaltenssteuerung aktiviert und den für die Aufgabe nötigen Willensakt unterstützt. Die Wahrnehmung des Objekterkennungssystems registriert bewusst einzelne Sinneseindrücke. Es stellt wahrgenommene Eindrücke der Außen- oder Innenwelt in den Vordergrund des Bewusstseins und fokussiert sich vor allem auf Fehler und Neuartiges. Objekte werden aus ihrem Kontext herausgelöst und isoliert betrachtet. Negative Stimmungen und Gefahrensituationen (A-) aktivieren das System, das in einem Antagonismus zum Extensionsgedächtnis steht. Damit das System in Kontakt zum Extensionsgedächtnis treten kann und wahrgenommene Informationen dort gespeichert werden können (Selbstwachstum), ist eine Herabregulierung des negativen Affekts nötig (A[-]). Das Objekterkennungssystem nimmt Informationen auf und gibt sie an das Extensionsgedächtnis weiter; es liefert somit sozusagen den „Input“ für das Wachstum des Gedächtnisses.

Das Extensionsgedächtnis wird als ausgedehntes Erfahrungssystem bezeichnet, das unbewusst arbeitet viele Informationen gleichzeitig verarbeiten kann. Es bietet einen Überblick über bisherige Erlebnisse und Lebenserfahrungen, die in der momentanen Situation hilfreich sein können. Wegen der großen Speicherkapazität arbeitet das Gedächtnis unbewusst und kann nur indirekt „gefühlt“ werden. Nach Kuhl ist dies das komplexeste und intelligenteste der vier psychischen Systeme (vgl. Abbildung 3), das vor allem benutzt wird wenn viele Informationen gleichzeitig benötigt werden, beispielsweise bei der Repräsentation von Personen. Es ist auch für die Repräsentation der eigenen Person und des eigenen „Selbst“ verantwortlich und hilft zu überprüfen, ob beispielsweise gesetzte Ziele mit dem eigenen Selbst und seinen Bedürfnissen vereinbar sind.

Wird ein Ziel in vollkommender Übereinstimmung mit dem eigenen Selbst verfolgt, so entspricht dies der intrinsischen Motivation von Deci & Ryan (s.o.) oder hoher Selbstkonkordanz nach Seelig & Fuchs (2006). Das Konstrukt der Selbstkonkordanz baut auf der Selbstbestimmungstheorie auf und ist ein Merkmal dafür, wie stark eine Zielintention mit den persönlichen Werten und Interessen der Person übereinstimmt (Seelig & Fuchs, 2006).

Nach Kuhl umfasst die Informationsaufnahme des Objekterkennungssystems nicht nur Objekte im engeren Sinne, sondern auch Emotionen und Gefühle. Wenn nun beispielsweise eine schmerzhafte Erfahrung erlebt und verarbeitet wird (A [-]), so wird das Extensionsgedächtnis durch diese Selbstbahnung aktiviert und zwischen den Systemen findet ein Informationsaustausch statt. Durch den nun ermöglichten Zugang zum Extensionsgedächtnis kann ein positiver Affekt zur Umsetzung einer schwierigen Absicht erzeugt werden.

Zum Beispiel verbindet ein Mensch mit Fitnesstraining negative Gefühle (Es macht keinen Spaß und es ist anstrengend). Wenn er die negativen Gefühle durch Beruhigung herabreguliert (Eigentlich war es gar nicht so schlimm das letzte Mal), so kann der Zugang zum Extensionsgedächtnis Motivation erzeugen (Nach dem Sport fühle ich mich immer besser).

Anhand des Phänomens der Fremdinfiltration lässt sich die Interaktion verdeutlichen. Negativer Affekt führt dazu, dass Probanden fremde Aufträge oder Vorgaben zu einem späteren Zeitpunkt als selbst gewählt erinnern. Kuhl erklärt dies durch den fehlenden Selbst- und Extensionsgedächtniszugang bedingt durch negative Affekte.

2.4.2 Affektregulation

Wie beschrieben wurde ist Affektregulation für die Aktivierung der Systeme und für die Umsetzung von Absichten von entscheidender Bedeutung. Zur Umsetzung schwieriger Absichten ist es von Vorteil, wenn man sich positiven Affekt im Sinne von Selbstmotivierung erzeugen kann. Wenn hingegen Zugang zum Selbstsystem erlangt werden soll, so kann es nötig sein, dass negativer Affekt herabreguliert werden muss. Diese Fähigkeiten zur Regulation der eigenen Gefühle werden bei Martens & Kuhl (2009) auch als „emotionale Intelligenz“ beschrieben. Menschen, die in der Lage sind, schnell negative Emotionen herab zu regulieren oder positive Gefühle zu erzeugen, werden von Kuhl als „handlungsorientiert“ bezeichnet; jene, die dazu neigen, in negativer Stimmung zu verharren, als „lageorientiert“. Nach Kuhl äußert sich der Optimismus und die erfahrene Selbstkompetenz der Handlungsorientierten auch in einer hohen Selbstwirksamkeitsüberzeugung im Sinne von Bandura (vgl. Kapitel 2. 2. 2). Umgekehrt können pessimistische Überzeugung und Unsicherheit Folge einer nicht bewältigten Lageorientierung sein. Ein Großteil der Menschen besitzt jedoch nicht nur eine Form der Affektregulation, sondern hat die Möglichkeit bei verschiedenen Situationen zwischen Handlungsorientierung und Lageorientierung zu wechseln.

[...]


[1] Das fiir das Hervorheben und Konzentrieren auf einzelne Aspekte zustandige System wird in der Theorie Objekterkennungssystem genannt. Fiir den Uberblick und das gleichzeitige Verarbeiten von vielen Informationen ist das Extensionsgedachtnis verantwortlich.

Excerpt out of 73 pages

Details

Title
Nächstes Jahr ändere ich mein Leben. Warum gute Vorsätze so oft scheitern
Subtitle
Selbststeuerung und Sportteilnahme beim Fitnesstraining - Gesundheitsverhalten mit Hilfe der PSI Theorie von Julius Kuhl betrachtet
College
Christian-Albrechts-University of Kiel
Grade
2,7
Author
Year
2009
Pages
73
Catalog Number
V160488
ISBN (eBook)
9783640747900
ISBN (Book)
9783640748105
File size
907 KB
Language
German
Tags
Nächstes, Jahr, Leben, Warum, Vorsätze, Selbststeuerung, Sportteilnahme, Fitnesstraining, Gesundheitsverhalten, Hilfe, Theorie, Julius, Kuhl
Quote paper
Ole Bartussek (Author), 2009, Nächstes Jahr ändere ich mein Leben. Warum gute Vorsätze so oft scheitern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160488

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