Der hochmittelalterliche Fürstenhof

Warum Heinrich der Löwe durch den Erbvertrag von 1179 von Welf VI. übergangen wurde


Seminararbeit, 2010
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Forschungsdiskussion

3. Äußere Quellenbeschreibung der Historia Welforum
3.1 Ein Überblick zur Historia Welforum
3.2 Der Verfasser
3.3 Die Entstehungszeit

4. Innere Quellenbeschreibung
4.1 Die Beschreibung des Hofes von Heinrich dem Löwen
4.2 3 Thesen zur Erklärung des Übergehens Heinrichs des Löwen

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Die mittelalterlichen Welfen besitzen „außergewöhnliche Fähigkeiten zur Bewältigung politischer und familiärer Krisen“[1], sodass die Geschichtswissenschaft die Zeit von 1070 bis 1180 im bayrischen Raum auch als das „welfisches Jahrhundert“ bezeichnet. Auch wenn sich das Adelsgeschlecht der Welfen nicht langfristig in Bayern festsetzen konnte, so prägte es entscheidend den bayrischen Raum. Bernd Schneidmüller, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, konstatiert, dass die Welfen eine essentielle Rolle für das Verständnis einer mittelalterlichen Gesellschaft einnehmen. Sie zeigen, wie sich das Zusammenspiel von Familie und Politik vom 9. bis zum 13. Jahrhundert entwickelt und somit auch ein neues Selbstverständnis einer Adelsgesellschaft entsteht. Aufgrund von „Kontinuität über mehrere Generationen hinweg, entsteht ein Gespür für Geschichtlichkeit und […] Zusammengehörigkeit.“[2] Doch wie lässt sich eine Adelsgesellschaft zu Beginn des 2. Jahrtausends zusammenhalten und organisieren? Das Ethos der Welfen wurde zunächst mündlich weitergegeben und an einigen Beispielen auch verschriftlicht. Doch sehr zeitig wurde den Welfen bewusst, dass eine Verschriftlichung der Familiengeschichte notwendig wurde. So entstand die „Historia Welforum“, die älteste bekannte Familienchronik des Mittelalters, in welcher Ereignisse wie beispielsweise Krisen, Todesfälle und Erbschaftsstreitigkeiten festgehalten wurden. Dies hatte darüber hinaus unter anderem großen Einfluss auf Hausklöster, „so dass hier besondere Aktivitäten“[3] im Bereich der Chronikschreibung entfaltet wurden. Des Weiteren führt die Behandlung des Themas zu einem geschärften „Augenmaß für Zufälle, für die Relativität scheinbar zwangsläufiger Handlungsabläufe, aber auch für Diskontinuitäten in der deutschen Geschichte.“[4] So muss an dieser Stelle unbedingt auf Welf III. verwiesen werden, welcher im Jahr 1055 kinderlos stirbt. Damit ist das Geschlecht, welches seinen Ursprung bei den Langobarden findet und im 8. Jahrhundert aus dem fränkischen Adel hervorgeht, im agnatischen Sinne praktisch ausgestorben. Das Erbe tritt dennoch Welf IV. an, welcher ein Neffe des dahingeschiedenen Welfs III. ist. Mit Welf IV. begann die Zeit des Umbruchs im Geschlecht der Welfen. Er erhielt von König Heinrich IV. das Herzogtum Bayern, sodass es aufgrund der regionalen Bindung zur Sesshaftigkeit des Adels kam. Somit entwickelten sich befestigte Wohn- und Regierungssitze, was natürlich auch zu einem erhöhtem Aufkommen von Adelssippen, wie beispielsweise den Wittelsbachern, führte.

Es zeigt sich, dass die Welfen eine bedeutungsvolle Rolle in der Geschichte des hohen Mittelalters einnehmen und diese zugleich auch entscheidend mitgestalten. Aufgrund dieser Bedeutung der Welfen für die Geschichtswissenschaft entschied ich mich nach dem eingehenden Studium der Literatur für dieses Thema. Die umfangreiche Literaturlage sowie der Fakt, mit der ältesten Familienchronik des Mittelalters zu arbeiten, beeinflussten mich darüber hinaus, den Hof der welfischen Adelsgesellschaft näher zu betrachten. Ein letzter Beweggrund für meine Themenwahl ist der Bezug zu Sachsen, da die Welfen sich keinesfalls ausschließlich in Bayern oder im Bodenseeraum verorten lassen, sondern zu einem Großteil auch in Sachsen. So lassen sich die bayerischen Aufenthalte „von Heinrich dem Löwen während seiner Herzogsherrschaft zwischen 1156 und 1180 gerade Mal in neun Fällen nachweisen.“[5] Zunächst mag man glauben, dass es nur wenige Belege in der Geschichtswissenschaft für die Aufenthalte Heinrichs des Löwen in Bayern gibt, da viele Historiker immer wieder diese neun Aufenthalte beschreiben, so auch Ferdinand Kramer: „Herzog Heinrich der Löwe hielt sich […] nur neunmal, insgesamt kaum zwei Jahre dort auf, um die ansehnlichen Kompetenzen […] wahrzunehmen.“[6] Demgegenüber stehen allerdings hunderte Belege für Aufenthalte des Fürsten in Sachsen, sodass man eine deutliche Präferenz Heinrichs des Löwen ableiten kann. Dadurch wird ebenso deutlich, dass der Welfenhof im Bodenseeraum zum Scheitern verurteilt war, was letztlich auch durch die „ökonomischen Potentiale einer politischen Neuorientierung in den Nordosten“[7] bedingt war. Schlussendlich lässt sich konstatieren, dass die Welfen eine interessante Grundlage für eine nähere Auseinandersetzung bieten. Um das Thema näher einzugrenzen, entscheide ich mich bewusst für die Diskrepanz in der Erbfolge im Jahre 1179. Hier soll festgestellt werden, welche Beweggründe Welf VI. hatte, seinem Neffen, Heinrich dem Löwen, die italienischen Besitzungen vorzuenthalten und jene an Kaiser Friedrich Barbarossa zu geben, welcher nach kognatischer Linie ebenfalls ein Neffe Welfs VI. war.

2. Forschungsdiskussion

Auch die Herrschaft der Welfen im hohen Mittealter „konkretisierte sich im Hof“[8], sodass letztlich auch die Regierungsorte beeinflusst wurden. Dennoch ist festzustellen, dass die Erforschung der Welfen, gerade in der Zeit ihrer Obrigkeit in Bayern, nur schwach ausgeprägt ist, wofür es mehrere Motive gibt. Zunächst lässt sich feststellen, dass es sehr schwerfällt, eine Genealogie des Welfengeschlechts zu erstellen, bei welcher Personen richtig zugeordnet werden können. Attila Zarka sieht die Ursache dafür in dem „Übergangshorizont zwischen der Ein- und Zweinamigkeit.“[9] Zarka sieht diesen Übergangshorizont für den gesamthistorischen Abriss als wenig bedeutsam an. Dennoch ist eine Genealogie eines Adelsgeschlechts die Grundvoraussetzung für eine historische Untersuchung und erleichtert eben auch jene.

Des Weiteren wirkt sich die relativ kurze Amtszeit der Welfen in Bayern sowie das vermeintlich geringe Interesse von Heinrich dem Löwen am Herzogtum Bayern negativ auf die Erforschung des Themas aus, sodass bisher nur wenig über die Herrschaft der Welfen in Bayern beschrieben werden kann. Es ist darauf zu verweisen, dass das Adelsgeschlecht der Welfen nur von 1070 bis zur Reichsacht 1179 die Regierung des Herzogtums Bayern inne hatte, sodass das Reichslehen Bayern und Sachsen Heinrich dem Löwen 1180 aberkannt wurde und er ins Exil nach England flüchtete.

An dieser Stelle muss darauf verwiesen werden, dass die Geschichtsforschung häufig nur eine Person, nämlich Heinrich den Löwen, mit den Welfen und dem Herzogtum Bayern in Verbindung bringt, sodass man die schlechte Kenntnis der Geschichte eindeutig erkennen kann. Dies bestätigt auch Ferdinand Kramer in seinem Aufsatz „Die Welfen: Eine europäische Dynastie in Bayern“. Kramer beschreibt den Wissensstand der Geschichtswissenschaft vorzüglich, indem er schreibt: „Heinrich der Löwe und München, auf dieses Begriffspaar wird man schlagartig verkürzen dürfen, was in der öffentlichen Erinnerung am stärksten verhaftet geblieben ist von der im Hohen Mittelalter über vier Generationen währenden Herrschaft der Welfen in Bayern.“[10] Dennoch stellte Kramer fest, dass das Herzogtum Bayern eine entscheidende Schlüsselstellung für die Geschichte der Welfen einnahm. Schließlich konnten die welfischen Ländereien nahe dem Bodensee und in Italien, welche Welf VI. unterstanden, hervorragend mit dem Herzogtum Bayern gekoppelt werden, sodass sich das Adelsgeschlecht bald zu einer bemerkenswerten Macht in Europa entwickeln konnte. Dies zeigt auch die Verbindung nach England, welche durch die zweite Ehe Heinrichs des Löwen mit der englischen Königstochter Mathilde zu Stande kam, sodass „die Welfen auch später Zugriff auf die Grafschaften Poitou und Marche sowie das Herzogtum Aquitanien in Frankreich und auf die Grafschaft York in England bekamen.“[11] Es wird somit deutlich, dass das Herzogtum Bayern für die Welfen keinesfalls ein ungeliebter Zusatz war, sondern die Basis für eine expandierende Macht im Zentrum Europas.

Ein weiterer Beitrag zur Erforschung der Welfen wird der Geschichtswissenschaft von Joachim Ehlers geliefert. Ehlers, ein deutscher Historiker und emeritierter Professor für mittelalterliche Geschichte, beschreibt äußerst detailreich die Zusammensetzung des Hofes Heinrichs des Löwen mittels der Unterscheidung in einen Kernhof und mehrere Außenhöfe. So konstatiert Ehlers für den Kernhof Heinrichs des Löwen eine ministerialische Dominanz, sodass man daraus schlussfolgern kann, dass Heinrich der Löwe ständig von einer engen „herzoglichen Dienstmannschaft“[12] sehr hohen Ranges begleitet wurde. Des Weiteren verweist der Autor darauf, dass diesem Kernhof auch der Hofklerus angeschlossen ist und somit in einer engen Bindung zum Fürsten steht. Die Außenhöfe werden von den Edelfreien besetzt, welche dennoch eine enge Bindung zu Heinrich dem Löwen pflegen. Joachim Ehlers schließt mit dem Fazit, dass sich Heinrich der Löwe stets mit Personen höheren Amtes umgab, welche die eine starke Stellung des Herzogs sicherten.

Abschließend soll der Beitrag „Hofämter am welfischen Fürstenhof“ von Claus-Peter Haase in dieser Forschungsdiskussion Erwähnung finden, da er sich gezielt mit den Ämtern am Hofe der Welfen auseinandersetzt. Dabei stehen allerdings nicht ausschließlich die Hofamtsträger Heinrichs des Löwen im Mittelpunkt, sondern es werden auch die Hofamtsträger der folgenden Regenten bis ins 14. Jahrhundert genannt, wie beispielsweise Pfalzgraf Heinrich oder Herzog Otto das Kind. Haase stellt in seiner Beschreibung das Aufkommen der Hofämter an fürstlichen Höfen dar und beschreibt dieses als vermutliche „Nachahmung des königlichen Hofes.“[13] Ebenso skizziert Haase den Hofbegriff sowie die verschiedenen Ämter und verdeutlicht somit dem Leser recht anschaulich die Thematik. Nach eingehender Analyse der Hofämter und der Zuordnung der historischen Persönlichkeiten resümiert er, dass die Hofämter am Hofe Heinrichs des Löwen und seiner Nachfahren nur wenig mit dem Entwurf von der Historia Welforum übereinstimmen. Er schließt mit Gedanken, dass jener Entwurf in der Historia Welforum einzig „ein Idealbild der Errichtung von Hofämtern“[14] entwickeln soll.

3. Äußere Quellenbeschreibung der Historia Welforum

3.1 Ein Überblick zur Historia Welforum

Die Historia Welforum stellt das Hauptwerk des welfischen Traditionszusammenhanges dar und beschreibt die Geschichte der süddeutschen Welfen, sodass man feststellen kann, dass die Historia Welforum für das Adelsgeschlecht der Welfen verfasst wurde. Die Chronik des Welfengeschlechts findet ihren Beginn in der Beschreibung der Generationenfolge der Familie und setzt zu der Zeit eines Urahnen Karl des Großen ein. Des Weiteren wird die Familiengeschichte verherrlicht, indem die fränkische Ursprungsgeschichte mit der trojanischen Ursprungssage verknüpft wird und somit den Welfen einer Stellung höheren Ranges bescheinigt wird. Anschließend befasst sich der Chronist mit der, für ihn relativ unsicheren, Vergangenheit der Adelsfamilie, was an einigen Stellen nachweisbar wird, sodass nur wenig vorhandenes Wissen ausreichend ausgeschmückt wird. Als Beweis hierfür sei beispielweise die Verlegung des Benediktinerabteis von Altomünster nach Weingarten anzuführen, welche er mit Welf II. in Verbindung bringt. Tatsächlich ist jene Verlegung erst zu Zeiten Welfs IV. geschehen, nämlich im Jahre 1056. Die folgenden Kapitel 13 bis 15 beschäftigen sich vorrangig mit der Geschichte Welfs IV. und der Regentschaft der Welfen in Bayern, wodurch die Welfen eine politisch bedeutende Position erlangen. Des Weiteren endet mit Welf IV. die Epoche der Wechselherzöge, da eben jener das Amt des Fürsten durch seine Söhne Welf V. und Heinrich dem Schwarzen sichert. Abgeschlossen wird die Welfenchronik mit 17 Kapiteln aus der zeitlichen Perspektive des unbekannten Verfassers. Dies stellt einen Bruch zum bisherigen Stil der Erzählung dar, da der Autor nun auf gesicherte Angaben, wie beispielsweise Augenzeugenberichte oder persönliche Erfahrungen, zurückgreifen kann. Die Chronik endet plötzlich mit dem Tod Welfs VII. Die Historia Welforum gilt in der Geschichtswissenschaft als eine der wichtigsten Quellen des Mittelalters. Sie stellt ein weit verbreitetes Werk dar, was daran zu belegen ist, dass heute etwa ein Dutzend Handschriften erhalten sind.

[...]


[1] Bernd Schneidmüller (a), Die Welfen und ihr Braunschweiger Hof im hohen Mittelalter, in: Bernd Schneidmüller (Hrsg.): Die Welfen und ihr Braunschweiger Hof im hohen Mittelalter: Zur Einführung, S. 1-15, Wiesbaden, 1995, S. 3.

[2] Karl Schmidt, Welfisches Selbstverständnis, in: Karl Schmidt (Hrsg.): Gebetsdenken und adeliges Selbstverständnis im Mittelalter. Ausgewählte Beiträge. Festgabe zu seinem sechzigsten Geburtstag, S. 424-453, Sigmaringen, 1983, S. 434.

[3] Gerd Althoff, Anlässe zur schriftlichen Fixierung adeligen Selbstverständnisses, in: ZGO 134 (1986), S. 34-46, Stuttgart, 1986, S. 40.

[4] Bernd Schneidmüller (a), S. 4.

[5] Bernd Schneidmüller (b), Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung (819-1252), Stuttgart 2000, S. 214.

[6] Ferdinand Kramer, Die Welfen: Eine europäische Dynastie in Bayern, in: Alois Schmidt, Katharina Weigand (Hrsg.): Die Herrscher Bayerns. 25 historische Portraits von Tassilo III. bis Ludwig III., S. 70-91, München, 2000, S. 71.

[7] Bernd Schneidmüller (a), S. 7.

[8] Bernd Schneidmüller (a), S. 10.

[9] http://www.aventinus.geschichte.uni-muenchen.de/wp-content/plugins/aventinus/pdf.php?post=22 (Stand: 03. September 2010)

[10] Ferdinand Kramer, Die Welfen: Eine europäische Dynastie in Bayern, in: Alois Schmidt, Katharina Weigand (Hrsg.): Die Herrscher Bayerns. 25 historische Portraits von Tassilo III. bis Ludwig III., S. 70-91, München, 2000, S. 70.

[11] Ferdinand Kramer, S. 76.

[12] Joachim Ehlers, Hofämter am welfischen Fürstenhof, in: Bernd Schneidmüller (Hrsg.): Die Welfen und ihr Braunschweiger Hof im hohen Mittelalter, S. 43-59, Wiesbaden, 1995, S. 58.

[13] Claus-Peter Haase, Hofämter am welfischen Fürstenhof, in: Bernd Schneidmüller (Hrsg.): Die Welfen und ihr Braunschweiger Hof im hohen Mittelalter, S. 95-122, Wiesbaden, 1995, S. 96.

[14] Claus-Peter Haase, S. 114.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der hochmittelalterliche Fürstenhof
Untertitel
Warum Heinrich der Löwe durch den Erbvertrag von 1179 von Welf VI. übergangen wurde
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Der hochmittelalterliche Fürstenhof
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V160539
ISBN (eBook)
9783640737130
ISBN (Buch)
9783640737383
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Warum, Heinrich, Löwe, Erbvertrag, Welf, Welfen
Arbeit zitieren
Stefan Gnehrich (Autor), 2010, Der hochmittelalterliche Fürstenhof, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160539

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