Der Marner - Analyse der Rätselsangsprüche ,Ich spür ein wunder dur die lant‘ und ,Ez slouc ein wip ir man ze tode‘ mit kurzem Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung:

1 Das Rätsel
1.1 Begriff
1.2 Kategorien und Verfahren des Rätsels
1.3 Die Textfunktion
1.4 Das Rätsel bei den Sangspruchdichtern

2 Der Marner
2.1 Text und Übersetzung
2.2 Analyse

3 Der Tannhäuser
3.1 Text und Übersetzung
3.2 Analyse

4 Der Vergleich

Literaturverzeichnis

1 DAS RÄTSEL

1.1 Begriff

Das Rätsel zählt zu den vorliterarischen Formen, „ die in den weiteren Umkreis der Literatur gehören, die aber in wesentlichen Punkten der gängigen Vorstellung von Literatur nicht entsprechen.[1] Meistens werden sie anonym herausgegeben, in verschiedenen Varianten und überwiegend mündlich überliefert. Die Struktur eines einfachen Rätsels kann man durch eine Dreiecksbeziehung darstellen: „ Der gesuchte Gegenstand wird umschrieben durch ein Bild, das in eine naheliegende Sphäre (ver-)führt und oft die Assoziation eines falschen Gegenstands abruft; erst die Transformation in eine andere Sphäre bringt den richtigen Gegenstand zum Vorschein.“[2] Es entsteht eine Spannung zwischen der richtigen und der erwünschten Antwort – und diese Spannung macht das Rätsel aus.

1.2 Kategorien und Verfahren des Rätsels

In diesem Abschnitt führe ich die vorhergehenden Bestimmungen des Rätsels näher aus, indem ich mich vor allem mit der Verschlüsselung und der Textfunk-tion beschäftige.

Um die Kategorie „Rätsel“ zu erfüllen, muss ein Text nicht nur verschlüsselt sein, sondern auch lösbar[3]. Für die Verschlüsselung ist eine gewisse „ Doppelnatur[4] typisch, denn das Rätsel versucht sowohl, den Gegenstand zu verschlüsseln, als auch ihn zu beschreiben. Dadurch kommt die im vorherigen Abschnitt erwähnte Spannung zwischen der richtigen und der erwünschten Antwort zu Stande. Es ist spannend und für eine literaturwissenschaftliche Untersuchung nützlich zu untersuchen, wie diese Doppelnatur gelingt.

Bevor der Rezipient zu der richtigen Lösung gelangt, muss er das ganze semantische Spektrum des verwendeten Wortschatzes in Betracht ziehen, „ so ist z.B. das Adjektiv ‚jung‘ eine unscharfe Angabe, die ihre genaue Bestimmung erst durch eine Bezugsgröße erhält (‚junges‘ Gestein, ‚junge‘ Pflanze usw.)[5]. Bei diesen Überlegungen werden ihm jedoch einige Anhaltspunkte durch den Autor zur Hilfe gestellt, indem er beispielsweise andere im Text enthaltene Wörter, die sich auf das nicht eindeutige Wort beziehen, zur Rate ziehen kann.

Im Gegensatz zu der älteren Forschung hält man am metaphorischen Charakter des Rätsels nicht mehr fest[6]. Im Gegensatz zu Metaphern entsteht während des Lösens von Rätseln keine „ Bewusstseinslage der doppelten Bedeutung[7], wie es bei Metaphern zutrifft. Es geht vielmehr um eine Entschlüsselung der verschiedenen Bildbereiche, darum, „ aus dem Komponenteninventar eines Bildspenderlexems dasjenige semantische Merkmal herauszusuchen, das analog auf den Bildempfänger übertragbar ist.[8] Da den Charakter des Rätsels als „metaphorisch“ anzusehen kompliziert ist, empfiehlt A. Schönfeldt[9], von direkten und indirekten Angaben in Rätseln zu sprechen. Eine direkte Angabe bedient sich der natürlichen Sprache und ersetzt diese nicht durch andere Ausdrücke, im Gegenteil zu einer indirekten Angabe. Eine indirekte Angabe erfordert daher, dass der Rezipient diese Ausdrücke entschlüsselt. Für das Entschlüsseln ist der jeweilige Erwartungshorizont des Rezipienten von Bedeutung[10].

1.3 Die Textfunktion

Das Rätsel ist „ eine Form des Be-fragens[11] und kann der Textfunktion nach den ungeregelten[12] Prüfungsfragen zugeordnet werden. Dadurch kann das Rätsel als eine initiative Sprechhandlung charakterisiert werden, die zum Raten anregt. Aus diesem Grund bestimmt A. Schönfeldt[13] das Rätsel als dialogische Kommunikationsform und ermöglicht so, das Rätsel als ein Dialog oder Gespräch zu analysieren. Man muss jedoch darauf achten, dass das Rätsel oft synonym mit der Rätselaufgabe verwendet wird, weswegen Tomasek[14] zwischen dem Akt des Rätselns und dem Rätsel als Gattung (= im Sinne der Rätselaufgabe) unterscheidet. Es zeigt sich also, dass die Definition des Rätsels durch die Textfunktion als Prüfungsfrage und durch die Verschlüsselung erfolgen kann.[15]

1.4 Das Rätsel bei den Sangspruchdichtern

Da es sich bei den zu analysierenden Texten um Sangsprüche handelt, beschäftige ich mich nun mit der Funktion des Rätsels bei dieser Gattung.

Im dreizehnten Jahrhundert, aus dem beide Texte stammen, gab es noch keinen genauen Begriff des Rätsels. Deswegen ist es häufig nicht einfach, zwischen Sprüchen zu unterscheiden, die sich einer Anspielung bedienen, und denen, die ein Rätsel sind.[16]

Die Sangspruchrätsel richteten sich an gebildetes Publikum, was man durch „ die Verwendung ausdrucksseitiger Verschlüsselungen (Anagramm), [den] Rückgriff auf typisches Bildungsgut (Kalendarisches, Meteorologisches), die Verarbeitung von Themen aus der klösterlichen lateinischen Rätseltradition und die Benutzung anspruchsvoller Strophenformen zeigen [kann][17].

Die Beliebtheit der Sangsprüche zu dieser Zeit kann man auf verschiedene Gründe zurückführen. Erstens war diese Gattung für die Belehrung von Vorteil, die man durch das Rätsel auflockern konnte. Zweitens „ (liebte) der späthöfische Rezipient (…) an der Lyrik seiner Zeit den intellektuellen und ästhetischen Reiz verschlüsselter Kunst“[18]. Beim Marner kann man allerdings die Verwendung des Rätsels auch um der Polemik willen verfolgen[19].

In folgenden Ausführungen analysiere ich zwei Rätsellieder der Sangspruchdichter: „ Ich spür ein wunder dur die lant “ vom Marner und „ Ez slouc ein wip ir man ze tode[20] “. In der Analyse erfolgt eine genaue Betrachtung des Textes, um einen abschließenden Vergleich zu ermöglichen, der die Besonderheit beider Lieder hervorheben soll.

2 DER MARNER

2.1 Textund Übersetzung

Ich[21] spür[22] ein wunder dur die lant

Ich bemerke ein Wunderwesen überall im Land.

In gelwer grüener varwe schîn,

In gelb-grünem Farbenglanz,

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ez hât fuoz, ougen noch die hant,

es hat weder Fuß, Augen noch die Hand,

und wil doch bî den liuten sîn,

und will dennoch bei den Leuten sein,

beide armen unde rîchen.

sowohl bei den Armen als auch bei den Reichen.

Ez bindet manegen âne bant,

Es verbindet viele ohne ein Band,

ez vert die Tuonouwe und den Rîn,

es fährt über die Donau und den Rhein,

ez treit den hêrren ir gewant

es trägt das Gewand der Herren/Herrscher

und trinket mit den fürsten wîn;

und trinkt mit den Fürsten Wein;

ez kann bî den frouwen slîchen.

es kann bei den Frauen schleichen,

Ez stirbet hie und wahset dort, ez vert spât unde fruo,

Es stirbt hier und wächst dort, es fährt spät und früh,

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ez sleich ûf einen boum der êrsten megede zuo,

es schlich auf einen Baum des ersten Mädchens,

ez slouc der werlde vierden teil,

es erschlug den vierten Weltteil,

und sleht noch ouch

und schlägt heute noch

vil manegen gouch.

sehr viele Tore.

rint âne horn.

Rind ohne Horn.

ez hât vil manic man sîn heil,

Es haben sehr viele Männer ihr Heil,

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

sîn lîp, sîn sêl von im verlorn:

ihren Leib, ihre Seele durch ihn verloren:

sag an, wem mac ez sich glîchen?

sage nun, wer könnte es denn sein?

2.2 Analyse

Das Wunderwesen, das es in dem Lied zu erraten gilt und das im Stollen 1 generell charakterisiert wird, kann kein Mensch sein. Denn es erscheint einerseits im gelb-grünen Glanz, andererseits hat es weder „ fuoz, ougen noch die hant “ (Z. 3). Dennoch strebt es danach, unter den Menschen zu sein. Das Wunderbare dieses Wesens sind auch seine Kräfte. Denn es vermag es, Menschen ohne ein Instrument („ âne bant “, Z. 6) zu verbinden, es kann sich über die Grenzen hinwegbewegen („ vert die Tounouwe und den Rîn “, Z. 7) und es ist auch nicht an den natürlichen Lebensablauf gebunden. Es ist nämlich im Stande, zu sterben und neu geboren zu werden („ stirbet hie und wahset dort “, Z.11). Die Ausklammerung des Wesens aus dem Bereich des Natürlichen bekräftigt seine Bezeichnung „ rint âne horn “ in Zeile 16. Diese Beschreibung bezieht sich meiner Meinung nach nicht etwa auf die Unerfahrenheit des Wesens (da es ja schon etliche Zeit auf der Erde weilt), sondern auf seine Nicht-Zugehörigkeit zu der Welt des Natürlichen.

In der ersten Strophe des Stollens 2 wird die allgemeine Beschreibung des zu erratenden Wesens auf die Gesellschaft zugespitzt. Der Einfluss des Wesens ist nicht zu unterschätzen: es steht bei den Herrschern in hohem Ansehen, es darf ihr Gewand tragen. Mit den Fürsten trinkt es Wein und hat dadurch womöglich Einfluss auf ihre Entscheidungen. Auch die Frauen vertrauen ihm. Das Wesen darf bei ihnen sein, die Frauen sehen also keine Gefahr durch ihn bestehen. Dies deutet entweder auf eine Bewährung des Wesens in der Vergangenheit, sodass die Frauen wissen, man kann sich darauf verlassen, oder das Wesen wird nicht als gefährlich eingeschätzt, so wie man kleinen Kindern nie etwas Schlimmes zutraut. Hier spielt die nicht-menschliche Natur eine Rolle. Bei einem Menschen erwartet man gewissermaßen die Möglichkeit, von ihm verraten oder betrogen zu werden, bei einem übernatürlichen Wesen fehlt einem die Erfahrung, sodass eine blinde Zuversicht möglich ist.

[...]


[1] Art. Vorliterarische Formen in: Fischer Lexikon Literatur, S. 1979.

[2] Art. Vorliterarische Formen in: Fischer Lexikon Literatur, S. 1995.

[3] Vgl. Tomasek 1994 – Das deutsche Rätsel im Mittelalter, S. 27.

[4] So auch a. a. O., S. 31.

[5] A. a. O., S. 32.

[6] Vgl. Tomasek 1994 – Das deutsche Rätsel im Mittelalter, S. 33.

[7] Pfeiffer – Lyrikanalyse, online verfügbar unter www.uni-graz.at/erna.pfeiffer/materialien/lyrikanalyse.doc.

[8] Tomasek 1994 – Das deutsche Rätsel im Mittelalter, S. 36.

[9] Schönfeldt 1978 - Zur Analyse des Rätsels, S. 60-73.

[10] Vgl. Tomasek 1994 – Das deutsche Rätsel im Mittelalter, S. 37.

[11] A. a. O., S. 50.

[12] Vgl. A. a. O., S. 50f.

[13] Vgl. Schönfeldt 1978 – Zur Analyse des Rätsels, S. 69.

[14] Vgl. Tomasek 1994 – Das deutsche Rätsel im Mittelalter, S. 54.

[15] Vgl. auch Tomasek 1994 – Das deutsche Rätsel im Mittelalter, S. 54.

[16] Vgl. A. a. O., S. 301.

[17] A. a. O., S. 301f.

[18] A. a. O., S. 303.

[19] So a. a. O., S. 303: die im d ôn des n ît -Rätsels gehaltene Scheltstrophe gegen Reinmar von Zweter.

[20] Ich gebe diese Texte nach der Ausgabe von Tomasek wieder. Siehe Tomasek 1994 – Das deutsche Rätsel im Mittelalter, S. 274 und 277.

[21] Die von mir vorgenommene Gliederung in Stollen 1,2 und den Abgesang orientiert sich an der Melodie und der Form. Die letzten Zeilen der Stollen und des Abgesangs haben keinen Auftakt und bilden so den Rahmen des jeweiligen Teiles.

[22] Hier spielt Marner auf Apok 13,1 an, wo die Erscheinung des Tieres der Apokalypse eingeleitet wird.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Marner - Analyse der Rätselsangsprüche ,Ich spür ein wunder dur die lant‘ und ,Ez slouc ein wip ir man ze tode‘ mit kurzem Vergleich
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Veranstaltung
HS Der Marner und seine Feinde
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V160575
ISBN (eBook)
9783640736737
ISBN (Buch)
9783640736829
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marner, Analyse, Rätselsangsprüche, Vergleich
Arbeit zitieren
Paula Svoboda (Autor), 2010, Der Marner - Analyse der Rätselsangsprüche ,Ich spür ein wunder dur die lant‘ und ,Ez slouc ein wip ir man ze tode‘ mit kurzem Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160575

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