Das Leben des Claudius vor seinem Herrschaftsantritt


Seminararbeit, 2002

16 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Der junge Claudius unter der Regierung des Augustus
2.1 Claudius’ Schattendasein unter der Regierung des Tiberius
2.1 Claudius’ politische Chance unter der Regierung des Gaius

3. Schluss

4. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Häufig stehen die Lebensabschnitte einer Person im Mittelpunkt des geschichtswissenschaftlichen Interesses, in denen diese Person über die größte Macht im Laufe ihres Lebens verfügte. In dieser Arbeit ist das Interesse ein anderes. Sie soll die Zeit vor Claudius’ Machtübernahme zum Inhalt haben, seine biographische Vorgeschichte soll genauer betrachtet werden, wobei zeitgleiche Ereignisse, aufgrund des begrenzten Rahmens, nur vereinzelt Erwähnung finden können. Bezeichnet Wolfgang Seyfarth Claudius als “gelehrte[n] Sonderling auf dem Thron“1, ist es für das Verständnis seiner Herrschertätigkeit und seines Selbstverständnisses „auf dem Thron“ unabdingbar, seinen Lebenslauf vor diesen Aufgaben zu betrachten. Immerhin war Claudius schon über 50 Jahre alt, als er die Herrschaft über das Römische Reich übernahm, so dass er in dieser Fülle an Jahren viel erlebt, erlitten und eine starke Prägung bereits erfahren hatte. So beschäftigt sich die Arbeit unter anderem mit dem von Seyfarth erwähnten „gelehrte[n]“ und mit dem „Sonderling“ Claudius. Sie untersucht Claudius’ Familienverhältnisse, dessen Auswirkungen auf sein Leben und seine Beschäftigungsmöglichkeiten, denn insbesondere unter dem humanen und sozialen Aspekt ist er eine besonders interessante Persönlichkeit.

2. Der junge Claudius unter der Regierung des Augustus

Claudius (Tiberius Claudius Nero) wurde am 1. August 10 v. Chr. in Lugdunum, dem heutigen Lyon, geboren. Er war der jüngste Sohn des Nero Claudius Drusus (38 v. Chr. - 9 v.Chr.), des Bruders des späteren Princeps Tiberius, und der Antonia der Jüngeren (36 v. Chr. – 37 n. Chr.), einer Tochter des Triumvirn Marcus Antonius und der Octavia.2 Claudius hatte zwei Geschwister: Livilla und den 5 bis 6 Jahre älteren Nero Claudius Germanicus. Ein weiteres Kind seiner Eltern verstarb früh.

Als Claudius’ Vater 9 v. Chr. auf einem Germanienfeldzug vom Pferd stürzte und starb, war Claudius ungefähr ein Jahr alt. In Erinnerung an Nero Claudius Drusus’ Leistungen wurde dem Familienoberhaupt, zu dieser Zeit Nero Claudius Germanicus, der erbliche Titel „Germanicus“ verliehen. Der Tod Nero Claudius Drusus’ bedeutete insbesondere für seine Söhne nicht nur einen persönlichen Verlust, sondern hatte auch ihre politische Zurücksetzung zur Folge. Der Bruder ihres Vaters, Tiberius, erfuhr nun eine erhebliche politische Aufwärtsentwicklung, die sich unter anderem in seiner Adoption 4 n. Chr., durch den zu dieser Zeit herrschenden Kaiser Augustus, manifestierte.3 Allerdings zwang der iulische Augustus den claudischen Tiberius zur Vorbereitung der eigenen Adoption, seinen iulischen Neffen Germanicus zu adoptieren, wodurch der leibliche Sohn des Tiberius, Drusus, und Germanicus gleichermaßen zu Adoptiv-Nachkommen des Augustus’ wurden. Augustus bestimmte Tiberius, offensichtlich in Ermangelung einer besseren Lösung, zum Nachfolger, denn einen Iulier zur direkten Thronfolge gab es nicht mehr. Durch seinen Adoptionszwang, verfolgte er langfristig das Ziel wieder einen Iulier im Besitz des Thrones zu wissen.4 Infolge der Adoption des Germanicus’ in die Familie der Iulier nahm Claudius den Beinamen „Germanicus“ an, und hieß nun Tiberius Claudius Nero Germanicus.

Laut Sueton wurde Claudius fast die gesamte Kindheit von verschiedenen hartnäckigen Krankheiten geplagt5 und litt seit dem Kindesalter an verschiedenen Behinderungen, die Levick zufolge möglicherweise Folgeschäden einer Verletzung bei der komplizierten, eventuell verfrühten Geburt oder die Konsequenz einer prä- oder postnatalen Infektion gewesen sein können. So meinten Historiker vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, dass Claudius Kinderlähmung gehabt haben könnte. Mittlerweile setzt sich jedoch die Meinung durch, dass er an zerebraler Lähmung erkrankt war und diese spastische Lähmungen auslöste. Jene spastischen Lähmungen, Schwäche und Verhärtungen betrafen möglicherweise nicht nur sein rechtes Bein, das er nachzog, sondern auch seine rechte Hand. Seneca stellte Claudius’ Hand in seiner späteren Regierungszeit lediglich für die Geste der Exekution als stark genug dar6 und Dio merkte an, dass Claudius’ „einen kranken Körper besaß, weshalb er mit dem Haupte und den Händen leicht zitterte“7. Im Erwachsenenalter zeigte Claudius Persönlichkeitsstörungen wie offensichtliche und scheinbare Teilnahmslosigkeit, aber auch Wutausbrüche. Doch können diese Störungen eventuell auf seine Lähmungen zurückgeführt werden, denn Opfer zerebraler Lähmung werden oft emotional und deprimiert. Sicherlich litt Claudius unter dem psychologischen Effekt seiner physischen Frustration, den eigenen Körper nicht unter Kontrolle zu haben.8 Auch eine deutliche und saubere Artikulation scheinen ihm physische Schwierigkeiten, die eventuell durch eine Verletzung der Gehirnrinde ausgelöst wurden und in Verbindung mit der Lähmung stehen könnten, erschwert zu haben. So berichtet Levick über Äußerungen Senecas bezüglich seiner Artikulationsschwierigkeiten und Stimmeigenarten. „[I]t (seine Stimme) belonged to no land-animal but was the kind of voice a sea-creature has, raucous and throaty: you couldn’t even tell what language he was speaking.”9 Diese Schwierigkeiten verschlimmerten sich im Falle emotionaler Anspannung. Wurde Claudius wütend, knurrte und geiferte er und seine Nase lief.10

Die erste öffentliche Bestätigung dafür, dass bei Claudius etwas sonderbar verlief, erfolgte als er im Jahre 5/6 n. Chr. seine ’toga virilis’, die Kleidung des Mannesalters, bekam. Normalerweise wurde dieses zeremonielle Ereignis, bei dem der Vater seinen Sohn in das überfüllte Forum führte, von viel Jubel und großen Feierlichkeiten begleitet, doch in Claudius’ Fall wurde dieser spezielle Tag zu einer heimlichen Aktion, bei der er um Mitternacht ohne feierliches Geleit in einer Sänfte zum Kapitol getragen wurde.

Als Claudius und Germanicus im Jahre 6 n. Chr. zu Ehren ihres toten Vaters Spiele präsentierten, war Claudius in einen Mantel eingehüllt.11

Die Familie bemühte sich demnach intensiv darum, seinen unvorteilhaften Eindruck, den er durch seine Behinderungen hinterließ, zu verstecken und ihn vor der Öffentlichkeit möglichst völlig zu verbergen. Schließlich wussten sie um die Empfindlichkeit des römischen Volkes auf Gebieten wie Erscheinung, Sprache und Verhalten - alles Bereiche in denen Claudius größere Defizite hatte und somit leicht zur Zielscheibe des öffentlichen Spottes und Hohnes werden konnte. Dass sich diese Verachtung und der negative Eindruck auf die gesamte Familie niederschlagen könnten, wurde gefürchtet.12 Claudius’ physische Situation dürfte also die Hauptursache für die Handhabung seines öffentlichen Erscheinens gewesen sein.

Da Augustus und Livia Wert auf die standesgemäße Ausbildung der Prinzen legten, vernachlässigte die Familie seine Ausbildung nicht. Der junge Claudius wuchs vermutlich weitestgehend nicht im Haushalt seiner Mutter, sondern als Mitglied des augusteischen „Kindergartens“, zusammen mit Germanicus, Drusus (Tiberius’ Sohn), Agrippa Postumus, Gaius, Lucius und den vielen fremden Prinzen am Hof, heran. Soweit überliefert, hatten die Prinzen des kaiserlichen Hauses Lehrer von Rang.

Claudius wurde ein besonders barscher und schlagfertiger ‚paedagogus’ (‚paedagogus’ bezeichnet jene erwachsenen Personen, meist Sklaven, die die freigeborenen römischen und griechischen Knaben in der Öffentlichkeit begleiteten und sie Anstand lehrten) zugewiesen.13 Dieser „Barbar“14 (wie Sueton ihn nannte) war einst Aufseher über die Maultiere und wurde ihm zugewiesen, damit er ihn bei jeder Gelegenheit möglichst grausam züchtige. Seinen paedagogus behielt er über die übliche Zeit hinaus, bis ins mündige Alter hinein, woran deutlich wird, wie früh die Sonderbehandlung und Ausgrenzung des Claudius begonnen haben. Sueton äußerte, Claudius habe sich über diese körperlichen Übergriffe in einer seiner späteren Schriften selbst beklagt15 und eine von ihm sogar noch während seiner Regentschaft sehr häufig verwandte Redensart war angeblich „Sprich, aber rühre mich nicht an!“16, die vermuten lässt, dass er in seinen jungen Jahren oft erlebt hat, wie eine Ermahnung durch körperliche Züchtigung unterstrichen wurde.

Doch nicht nur die Misshandlungen, auch die Feindseligkeit seiner Mutter Antonia ihm gegenüber, machten Claudius’ Kindheit zu einer schlechten. So bezeichnete Antonia Claudius einmal als „Mißgeburt von einem Menschen [...], der von der Natur nicht vollendet, sondern lediglich begonnen worden sei. Und wenn sie jemandem Beschränktheit vorwerfen wollte, sagte sie immer, er sei einfältiger als ihr Sohn Claudius.“17 So schockierend diese Aussagen auch sein mögen, man muss bei ihrer Beurteilung die Mentalität dieser Zeit berücksichtigen. Immerhin hieß es im Zwölftafelgesetz, dass das römische Bewusstsein, trotz einer gewissen Humanisierung in späterer Zeit, doch noch prägte, „cito necatus tamquam ex XII tabulis insignis ad deformitatem puer“18. Dieses Recht leitete sich aus dem Recht der väterlichen Gewalt (patria potestas) des Familienvorstandes über sämtliche eheliche Abkömmlinge ohne Rücksicht auf deren Alter ab. Ein Recht aus der väterlichen Gewalt war jenes über Leben und Tod des Kindes (ius vitae ac necis); die schleunige Tötung eines missgestalteten Knaben nach dessen Geburt war gesetzgeberisch erwünscht und nach Berichten schon in einer ‚lex regia’, die dem Romulus zugeschrieben wurde, angeordnet.19 Berücksichtigt man dies, weist das Verhalten der Familie des Claudius’ schon eine gewisse Humanisierung auf.

[...]


1 Seyfarth, W.: Römische Geschichte 1, S. 107

2 vgl. Grant, M.: Die Römischen Kaiser, S. 46

3 vgl. Levick, B.: Claudius, S. 11f

4 vgl. v. Haehling, R.: Tiberius in: Clauss, M.: Die Römischen Kaiser, S. 54f

5 vgl. Suet. Cl. 2,1

6 vgl. Levick, B.: Claudius, S. 13f

7 Dio 60 2,1

8 vgl. Levick, B.: Claudius, S. 15

9 Seneca zit. nach Levick, B.: Claudius, S. 14

10 vgl. Levick, B.: Claudius, S. 14

11 Suet. Cl. 2,2

12 vgl. Levick, B.: Claudius, S. 15

13 vgl. Malitz, J.: Claudius - der Prinzeps als Gelehrter in: Strocka, V. M.: Regierungszeit des Kaisers Claudius, S. 135

14 Suet. Cl. 2,2

15 Suet. Cl. 2,2

16 Suet. Cl. 40,3

17 Suet. Cl. 3,2

18 Düll, R.: Das Zwölftafelgesetz, S. 32

19 vgl. Düll, R.: Das Zwölftafelgesetz, S. 82

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Leben des Claudius vor seinem Herrschaftsantritt
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Der Kaiser Claudius und seine Zeit
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V16060
ISBN (eBook)
9783638210102
ISBN (Buch)
9783640126620
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Leben, Claudius, Herrschaftsantritt, Proseminar, Kaiser, Zeit
Arbeit zitieren
Constanze Mey (Autor), 2002, Das Leben des Claudius vor seinem Herrschaftsantritt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16060

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