Ciceros erste Reden - Die Gerichtsrede M. Tulli Ciceronis pro Sex. Roscio Amerino oratio


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Testimonia

III. Inhalt und Aufbau

IV. Der historische Hintergrund der Gerichtsrede Pro Sex. Roscio Amerino

V. Stil und Eigenheiten der frühen Rede Ciceros

VI. Schlussbemerkung

VII. Bibliographie

I. Einleitung

Die Gerichtsrede für Sextus Roscius [minor] aus Ameria bildet eine klare Zäsur im Leben des M. Tullius Cicero. Mit der erfolgreichen Verteidigung des Angeklagten steigt sein Renommèe enorm, er wird nach eigenen Angaben einer der gefragtesten Anwälte in Rom.[1] Die Rede stellt zugleich den Höhepunkt einer Phase dar, die man als die frühe Phase seines Wirkens be­schreiben kann und die mit der Reise nach Griechenland und Kleinasien ihr Ende findet. Aus dieser Zeit sind vor allem noch die Rede pro Quin(c)tio in einer causa privata und die rhe­to­ri­sche Schrift de inventione zu nennen. Cicero erwähnt zwar weitere Reden vor Gericht,[2] den­noch sticht pro Roscio für den Redner selbst wie auch für andere Autoren bei weitem hervor, wie sich aus den zahlreichen Zeugnissen lesen lässt.[3] Selbstverständlich entstand dieses In­te­res­se auch aus der politischen Bedeutung des Prozesses. So vor allem in Hinblick auf die Hin­ter­männer des Falls, sowohl der Anklage als auch der Verteidigung, und die Neuordnung der Gerichte.[4]

Nachdem er sich erste Meriten und Erfolge als Redner erworben hatte, setzt die Reise nach Grie­chenland, die Cicero mit Studienzwecken und vor allem mit seiner schwachen kör­per­li­chen Verfassung begründet,[5] Plutarch dagegen mit den politischen Folgen der Verteidigung des Roscius,[6] dieser frühen Phase des homo novus gewissermaßen eine Ende. Das rhetorisch-philosophische Werk de inventione bleibt unvollendet und Cicero distanziert sich in späteren Werken sowohl von dieser Schrift als auch vom sprachlichen Stil seiner frühen Reden.[7] Die Wandelung des Stils vom assianischen zum attischen, man mag auch vom rhodischen Stil spre­chen,[8] ist Ergebnis der Studien in Griechenland, die vor allem in Athen und auf Rhodos stattfanden. Cicero hatte diese Bemühungen freilich schon in Rom begonnen, als er bei Molon von Rhodos, der bereits zu Zeiten der Diktatur Sullas in die italische Hauptstadt gekommen war, in die „Lehre“ ging.[9]

Distanzierte er sich später auch vom Stil seiner frühen Reden, so ist die Rede für Sextus Ros­cius aus Ameria doch ein bemerkenswertes Zeugnis für die Redekunst des Cicero, die gleich­sam einen überragenden Einblick in den jugendlich überschwänglichen Stil des jungen Red­ners wie auch in die große Kunst in Redeaufbau und Argumentation gibt. Gerade das wird in der Behandlung einer politisch heiklen Thematik, wie es in dieser causa der Fall ist, überaus deutlich. Die politische Dramatik des Prozesses war allen Beteiligten klar und auch spätere Berichterstatter beschreiben dies in klaren Zügen.[10] So soll sich die vorliegende Arbeit der Analyse der historischen Umstände sowie Inhalt und Stilistik der Verteidigungsrede für Sextus Roscius aus Ameria widmen.

II. Testimonia

Cicero und sein Wirken haben schon in der Antike das Interesse anderer Autoren geweckt; demzufolge ist es nicht verwunderlich, dass sich bei vielen auch Zeugnisse der hier behan­del­ten Rede pro Roscio finden lassen. Sueton, Plutarch, Gellius und weitere beschäftigen sich mit den biographischen Aspekten des Prozesses, andere, wie vor allem Quintilian, mit den stilistischen Eigenheiten Ciceros und dieser Gerichtsrede.

Sueton liefert hier eine kurze Beschreibung der Ereignisse, indem er das Lebensjahr und die Um­stände angibt, danach aber zügig zur Reise nach Athen übergeht:

XXVI anno aetatis Cicero Quintium defendit. Roscio contra Chryso­gonum defenso Cicero Athenas secedit et inde post triennium Romam regreditur.

Suet . de vir. illustr. 81,1

Plutarch geht in seiner Cicero-Vita ein wenig ausführlicher auf die Geschehnisse ein. Für ihn steht in erster Linie die Erklärung der politischen Umstände im Vordergrund. Er sieht die Grün­de für die Reise nach Griechenland im Zorn Sullas, den sich Cicero zuzog, indem er dessen Freigelassen Chrysogonos während des Prozesses angriff, und dem er sich entziehen wollte, indem er nach Athen reiste.[11] Plutarch geht sicher fehl, liegt doch zwischen dem Pro­zess und der „Studienreise“ ein Zeitraum von mehreren Monaten. Andererseits wird Cicero auch kaum offen zugegeben haben, vor Sulla zu fliehen, und Plutarch konnte in seinem Werk auf die Autobiographie Sullas zurückgreifen, der er seine Gedanken hätte entnehmen kön­nen.[12] Einen Schluss konnte man ebenfalls aus der Tatsache ziehen, dass Cicero erst im Jahre 77, knapp ein Jahr nach Sullas Tod wieder nach Rom zurückkehrte. Plutarch mag hier mit den Gründen für die Griechenlandreise irren und zu Gunsten Ciceros argumentieren, seine Be­schrei­bungen zeigen dennoch die politische Tragweite, die diesem Prozess auch in späteren Jahren noch beigemessen wurde:

…Χρυσόγονος ἀπελεύθερος Σύλλα προσαγγείλας τινὸς οὐσίαν, ὡς ἐκ προγραφῆς ἀναιρεθέντος, αὐτὸς ἐωνήσατο δισχιλίων δραχμῶν. ἐπεὶ δὲ Ῥώσκιος ὁ υἱὸς καὶ κληρονόμος τοῦ τεθνηκότος ἠγανάκτει καὶ τὴν οὐσίαν ἐπεδείκνυε πεντήκοντα καὶ διακοσίων ταλάντων ἀξίαν οὖσαν, ὅ τε Σύλλας ἐλεγχόμενος ἐχαλέπαινε καὶ δίκην πατροκτονίας ἐπῆγε τῷ Ῥωσκίῳ, τοῦ Χρυσογόνου κατασκευάσαντος, ἐβοήθει δ’ οὐδείς, ἀλλ’ ἀπετρέποντο, τοῦ Σύλλα τὴν χαλεπότητα δεδοικότες, οὕτω δὴ δι’ ἐρημίαν τοῦ μειρακίου τῷ Κικέρωνι προσφυγόντος οἱ φίλοι συμπαρώρμων, ὡς οὐκ ἂν αὐτῷ λαμπροτέραν αὖθις ἀρχὴν πρὸς δόξαν ἑτέραν οὐδὲ καλλίω γενησομένην.

Plut . Cic. 3

Quintilian thematisiert das Alter und den jugendlichen Stil Ciceros an einer Stelle der Rede, an der sich auch Cicero in späteren Jahren stößt.[13] Nichtsdestotrotz erklärt der Rhetoriklehrer den Er­folg des Redners:

Si quid desit operi, supplet aetas, et si qua sunt dicta iuveniliter, pro indole accipiuntur, ut totus ille Ciceronis pro Sexto Roscio locus: „quid enim tam commune quam spiritus vivis, terra mortuis, mare fluctuantibus, litus eiectis?” Quae cum sex et viginti natus annos summis audientium clamoribus dixerat, defervisse tempore et annis liquate iam senior idem fatetur.

Quint .inst. 12,6,4

Gellius ergeht sich in seinen Noctes Atticae in einer Diskussion zum Problem, in wel­chem Lebensjahr Cicero die Rede für Sextus Roscius nun gehalten habe. Die Thematik mag ein wenig kleingeistig erscheinen, interessant ist hier jedoch die Erwähnung mehrerer Auto­ren, die zu Quintilians Zeiten über den Gerichtsprozess geschrieben hatten. Demnach wurde schon bei Cornelius Nepos, Fenestella und Pedianus Asconius über das Alter Ciceros zum Zeitpunkt der Rede referiert, anscheinend mit unterschiedlichen Angaben, was das Alter des Vertei­di­gers betraf:

Atque is [Cornelius Nepos, d. Verf.] tamen in librorum primo, quos de vita illius [Cicero, d. Verf.] composuit, erasse videtur, cum eum scripsit tres et viginti annos natum primum causam iudicii egisse Sextumque Roscium parridici reum defendisse. Dinumeratis quippeannis a Q. Caepione et Q. Serrano, quibus consulibus ante diem tertium Nonas Ianuariis M. Cicero natus est, ad M. Tullium et Cn. Dolabellam, quibus consulibus causam privatam pro Quinctio apud Aquilium Gallum iudicem dixit, sex et uiginti anni reperiuntur. Neque dubium est, quin post annum, quam pro Quinctio dixerat, Sex. Roscium reum parricidii defenderit annos iam septem atque viginti natus L. Sulla Felice II Q. Metello Pio consulibus. In qua re etiam Fenestellam errasse Pedianus Asconius animadvertit, quod eum scripserit sexto vicensimo aetatis anno pro Sex. Roscio dixisse. Longior autem Nepotis quam Fenestellae error est, nisi quis vult in animum inducere Nepotem studio amoris et amicitiae adductum amplifi- candae admirationis gratia quadriennium suppressisse, ut M. Cicero orationem florentem dixisse pro Roscio admodum adulescens videretur.

Gell . 15, 28, 2

Der ältere Seneca spielt gleichsam auf das Alter an, in welchem Cicero den Sulla indirekt herausforderte:

quid (referam) consulatum salutarem urbi, quid exilium consulatu honestius, quid provocatam inter initia adulescentiae libertate tirocinii tui Sullanam potentiam, quid Antonium avulsum Catilinae, rei publicae redditum?

Sen. suas. 7,2

Quintilian beschäftigt sich vor allem mit Rechtsfragen und nutzt hier zweimalig die causa des Sextus Roscius als Fallbeispiel:

Coniectura omnis aut de re aut de animo est. Vtriusque tria tempora, praeteritum praesens futurum. De re et generales quaestiones sunt et definitae, id est, et quae non continentur personis et quae continentur. De animo quaeri non potest nisi ubi persona est et de facto constat. Ergo cum de re agitur aut quid factum sit in dubium venit aut quid fiat aut quid sit futurum, ut in generalibus “an atomorum concursu mundus sit effectus, an providentia regatur, an sit aliquando casurus”: in definitis “an parricidium commiserit Roscius”,…

Quint. inst. 7,2,2

Et sive invicem accusant, sive crimen reus citra accusationem in adversarium vertit, ut Roscius in accusatores suos, quamvis reos non fecisset, sive in ipsos quos sua manu perisse dicemus factum deflectitur, non aliter quam in iis quae mutuam accusationem habent utriusque partis argumenta inter se comparantur.

Quint. inst. 7,2,23

Gaius Iulius Victor geht in seiner Analyse auf den rhetorischen Kunstgriff des Verteidigers ein, mit welchem, um den Angeklagten aus dem Licht der Anklage zu nehmen, andere mög­liche Urheber präsentiert werden:

Secunda species est, in qua reus eligit aliquem facinoris auctorem, tamen ditra accusationis periculum, ut M. Tullius removendi a Sexto Roscio criminis causa Capitonem et Magnum et Glauciam designat facinoris auctores.

Iul. Vict . rhet. 377, 11

Auf Selbstzitate und Hinweise Ciceros auf eigene Taten muss schwerlich hingewiesen wer­den. Während er im Brutus und in de officiis von seiner Verteidigungsrede für Roscius berich­tet, distanziert er sich im orator von seiner iuvenilis redundantia:

[312] Eodem tempore Moloni dedimus operam; dictatore enim Sulla legatus ad senatum de Rhodiorum praemiis venerat. itaque prima causa publica pro Sex. Roscio dicta tantum commendationis habuit, ut non ulla esset quae non digna nostro patrocinio videretur. deinceps inde multae, quas nos diligenter elaboratas et tamquam elucubratas adferebamus.

Cic . Brut. 312

Quantis illa clamoribus adulescentuli diximus [de supplicio parricidarum], quae nequaquam satis defervisse post aliquanto sentire coepimus: Quid enim tam commune quam spiritus vivis, terra mortuis, mare fluctuantibus, litus eiectis? Ita vivunt, dum possunt, ut ducere animam de caelo non queant; ita moriuntur ut eorum ossa terram non tangant; ita iactantur fluctibus ut numquam adluantur; ita postremo eiciuntur ut ne ad saxa quidem mortui conquiescant, et quae sequuntur; sunt enim omnia sic ut adulescentis non tam re et maturitate quam spe et exspectatione laudati. Ab hac etiam indole iam illa matura: "Uxor generi, noverca filii, filiae paelex." [108] Nec vero hic erat unus ardor in nobis ut hoc modo omnia diceremus. Ipsa enim illa [pro Roscio] iuvenilis redundantia multa habet attenuata, quaedam etiam paulo hilariora,..

Cic . or. 107

Maxime autem et gloria paritur et gratia defensionibus, eoque maior, si quando accidit, ut ei subveniatur, qui potentis alicuius opibus circumveniri urgerique videatur, ut nos et saepe alias et adulescentes contra L. Sullae dominantis opes pro Sex. Roscio Amerino fecimus, quae, ut scis, extat oratio.

Cic . off. 2,51

Wie man aus den zahlreichen Testimonia entnehmen kann, zeigt die vielfältige Art und Wei­se, auf die sich in der Antike mit der oratio pro Sex. Roscio Amerino beschäftigt wurde, sei es aus historischem, biografischem, stilistisch-rhetorischem oder rechtlichem Blickwinkel, doch gleichsam ihre enorme Bedeutung, die sie in jeglicher Hinsicht für das Wirken Ciceros im Rechtswesen und in der Rhetorik seiner Zeit hatte. So sei im Folgenden nach der Darstellung der Rede auch auf die historischen Hintergründe einzugehen.

[...]


[1] Cic . Brut. 312.

[2] ibid.

[3] Vgl. unten II., sowohl fremde als auch eigene Zeugnisse.

[4] Dazu unten IV., zur Neuordnung der Gerichte vgl. Hantos 64f.

[5] Cic . Brut. 313f.

[6] Plut. Cic. 3.

[7] Cic . or. 107f. , Brut. 316.

[8] Vgl. Landgraf 13.

[9] Cic . Brut. 312.

[10] Vgl. unten II.

[11] S. auch Buchheit Anm. 3.

[12] Vgl. Plut. Frg. 16 und 20.

[13] Cic . or. 107.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Ciceros erste Reden - Die Gerichtsrede M. Tulli Ciceronis pro Sex. Roscio Amerino oratio
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V160659
ISBN (eBook)
9783640739264
ISBN (Buch)
9783640739578
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gerichtsrede, Tulli, Ciceronis, Roscio, Amerino, Ciceros, Reden
Arbeit zitieren
Matthias Zein (Autor), 2010, Ciceros erste Reden - Die Gerichtsrede M. Tulli Ciceronis pro Sex. Roscio Amerino oratio, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160659

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