Befinden wir uns in einer Renaissance der nachfrageorientierten Konjunkturpolitik?


Seminararbeit, 2010
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die keynesianische Idee der antizyklischen Wirtschaftspolitik
2.1. Die Entwicklung der keynesianischen Idee
2.2. Die keynesianische Grundlage zur Wirtschaftspolitik

3. Die Wiederkehr der klassischen Theorien – Die neoklassische Theorie

4. Keyneus resurrectus – eine Renaissance
4.1. Eine neue Wirtschaftskrise
4.2. Konjunkturmaßnahmen nach Keynes
4.3. Ein Zukunftsausblick für Keynes

5. Schlussfolgerung

6. Literaturverzeichnis

7. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

Ob von Natur aus, durch das Schicksal oder aus reiner Erbarmungslosigkeit, gegen manche Gegner kann man nicht gewinnen. Die Flucht vor einem ausgewachsenen Löwen kann ein Mensch aus eigener Kraft nicht erfolgreich beenden. Der jagende Koloss erreicht bei einem Körpergewicht von 250 kg eine Spitzengeschwindigkeit von 60 km/h und würde seine Beute einfach über den Haufen rennen (vgl. Zimmermann 2010). Wie kann sich der Mensch nun dieser Gefahr erwehren? Wie sich schützen, ohne das Ungeheuer zu töten? Mit anderen Worten: wie kann er es beherrschen?

Er fängt es, sperrt es zwischen die bedrückende Enge von Stahlstangen und beinahe augenblicklich, doch ganz bestimmt nach einiger Zeit, sind sie verflogen. Die Freiheit. Die Kraft. Hinfort die majestätische Würde. Hinfort die Gefahr. Hinfort das Ungeheuer und alles, was es dazu gemacht hat. Bald ist der Löwe gebrochen. Was dann in ihm getötet wurde, kann niemals wiedergebracht werden. In Freiheit wird der Mensch von ihm gefressen, doch in Ketten gelegt, stirbt alles, was er jemals war!

Wie so oft spiegelt sich des Menschen Machenschaft in den Gegebenheiten der Natur wieder. Der Mensch will beherrschen, was er nicht kontrollieren kann. Ganz nach Goethes Zauberlehrling schafft er sich seine unkontrollierbaren Ungeheuer dabei meist sogar selbst (vgl. Goethe 1827). Bei Goethe war es ein Besen. Unser Ungeheuer heute ist die Wirtschaft.

Wie des Zauberlehrlings Besen entwickelte sie sich anders als erhofft, und wie der Löwe richtete sie Schaden an in ihrem stetigen Auf und Ab. Ein Mann namens Keynes schuf letztlich den Plan eine Kette zu errichten, die stark genug sein sollte, die Wirtschaft zu bändigen! Alsbald jedoch erschienen Kritiken und Theorien, die das genaue Gegenteil von Keynes behaupteten. Und schnell kam die Erkenntnis: in Freiheit wird der Mensch von der Wirtschaft gefressen, doch in Ketten gelegt stirbt alles, was sie jemals war. Wirtschaftliche Krisen, wie wir sie erleben, sind nichts als das Produkt dieser Gefangenschaft (vgl. Mühlfenzel 1984: 11-15). Keynes‘ Lehre wurde niedergelegt. Doch trotz der Angst vor ihr stellt sich die Frage: sollte die keynesianische Idee auf ewig im Grab liegen? Der Löwe fiel erneut über die Menschen her. In dieser Arbeit soll geklärt werden ob und wie die verfluchte Kette deshalb erneut zusammengeschweißt wurde, um das Ungeheuer zu bändigen. Die Frage lautet: befinden wir uns in einer Renaissance der nachfrageorientierten Konjunkturpolitik?

Keynes selbst schrieb nicht nur seine „Allgemeine Theorie“ mit mehr als 300 Seiten, in welcher er quasi endgültig auf seine Theorie einging. Er schrieb in den Jahren zuvor noch einige andere Bücher, um seine Gedanken wirklich vollständig ausführen zu können. Dies soll verständlich machen, dass in dieser Arbeit leider nur sehr knapp auf sein Gedankengut eingegangen werden kann, während die Hauptbetrachtung auf der die Renaissance betreffenden neuen Wirtschaftskrise liegt. Dennoch soll es nicht unbeachtet bleiben und zusammen mit einem kurzen geschichtlichen Abriss über den Aufstieg des keynesianischen Gedankengutes im ersten Kapitel dieser Arbeit behandelt werden. Das sich daran anschließende Kapitel soll klären, weshalb es überhaupt zu einer Abwendung von Keynes kam, da dies natürlich im Zusammenhang von elementarer Bedeutung für das Verständnis ist, wieso die keynesianische Idee überhaupt eine Wiederbelebung erfuhr. Das Hauptaugenmerk soll, schließlich auf der eigentlichen Renaissance und den vorausschauenden Überlegungen liegen, welche, basierend auf den vorausgegangenen Erkenntnissen, soweit ausgearbeitet werden, wie es der zur Verfügung stehende Rahmen erlaubt. Jedes europäische Land wirklich umfassend zu untersuchen, wäre unglaublich interessant und abhängig von der Gründlichkeit eine Monate wenn nicht sogar Jahre in Anspruch nehmende Aufgabe. Die Bearbeitung soll dennoch so umfassend wie möglich erfolgen, jedoch ist Deutschland eine besondere Aufmerksamkeit zugedacht.

2. Die keynesianische Idee der antizyklischen Wirtschaftspolitik

2.1. Die Entwicklung der keynesianischen Idee

„Wer nicht aus der Geschichte lernt, ist dazu verurteilt, die Fehler der Vergangenheit stets aufs neue zu wiederholen“ (Hallwirth 1998, 32). Es ist wichtig, in die Vergangenheit zu blicken. Die hier wichtige Vergangenheit beginnt mit dem Namen John Maynard Keynes – einem Engländer und Wirtschaftswissenschaftler. Inspiriert von der Weltwirtschaftskrise von 1929, die wie eine Krankheit die Welt befallen hatte, entwickelte Keynes „gegen die damals vorherrschende klassisch-liberale Ökonomie“ (Hampe 1984: 93) seine „Medizin“. Hauptsächlich ist dies seine „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ von 1936 (vgl. Keynes 2002), doch auch seine vorherigen Werke sollten in der Entwicklung seiner Theorie nicht vergessen werden (vgl. Hampe 1984: 93-94).

Zwei Hauptpunkte seiner Kritik stachen gleich in das Problemnest der damaligen Zeit: das alte System sei unfähig im Sinne der Vollbeschäftigung zu handeln und es versage bei einer gerechten Einkommens- und Vermögensverteilung (vgl. Hampe 1984: 98). Schon 1943 schrieb Ludwig Ehrhard in einer Denkschrift, dass die Weltwirtschaftskrise keinesfalls ihre Ursachen im Kapitalmangel hatte. Vielmehr war sie begründet in einer zu geringen Nachfrage, die entweder auf natürliche oder auf künstliche Weise geschaffen werden muss (vgl. Hallwirth 1998: 37). Besser hätte wohl auch Keynes seine von der Weltwirtschaftskrise beeinflussten Gedanken nicht zusammenfassen können.

Fast alle Mitglieder der heutigen OECD führten nach dem Krieg die von Keynes entwickelten Ideen ein (vgl. Brockhaus 2006: Stichwort: Weltwirtschaft: Wohlstand und Wirtschaftskrisen (1950-85); vgl. Keynes 2002). Deutschland ließ sich mehr Zeit. Auch wenn in den Gutachten vom 3.6. und 8.7.1956 schon die Parallelpolitik vom wissenschaftlichen Beirat für Wirtschaft bemängelt und eine antizyklische Politik zur „Bekämpfung konjunktureller Ausschläge“ (Bundesministerium für Wirtschaft 1973: 304) vorgeschlagen wurde, so dauerte es doch noch über zehn Jahre, bis Keynes auch in der Bundesrepublik seinen vollen Einzug hielt (vgl. Ebenda: 301-310). Nachdem Mitte der 60iger Jahre die Arbeitslosenzahlen nach oben sprangen, war „das Vertrauen in die Selbstheilungs- und -steuerungskräfte der Marktwirtschaft erschüttert“ (Hallwirth 1998: 41). Was man suchte, war eine stabile Lösung für eventuell auftretende Probleme. Der 8. Juni 1967 brachte das STGW hervor und mit ihm den Staat als teilnehmenden Akteur zur Abfederung von Wirtschaftskrisen durch eine gezielte Steuerung der Nachfrage der öffentlichen Haushalte (vgl. Hallwirth 1998: 41-43). Die Bundesregierung hatte noch in diesem Jahr zusätzliche staatliche Ausgaben von 8 Mrd. DM, also etwa 1,5% des damaligen Bruttosozialproduktes, um die Wirtschaft aus dem Tief von 1966 herauszuholen. Der Aufschwung kam im Jahre 68. Die Keynesianer jubelten. Der offensichtliche Beweis für das Funktionieren ihrer Theorie war vollbracht und diese damit in Deutschland etabliert (vgl. Vomfelde 1985: 28). Bis 1982 dauerte in Deutschland die „Periode der aktiven Konjunkturpolitik“ (Ehrlicher 1991: 43).

2.2. Die keynesianische Grundlage zur Wirtschaftspolitik

Lassen wir die Frage einmal außen vor, wie nah der Keynesianismus an Keynes eigentliche Gedanken herankommt. Die von Keynes geprägten Ökonomen vertreten die Ansicht, dass sich der private Sektor innerhalb einer Volkswirtschaft instabil verhält (Instabilitätsthese). Diese Instabilität äußert sich in Wellen des Konjunkturverlaufs. Symmetrisch mit dem Konjunkturverlauf schwanken Produktion, Einkommen und somit schließlich auch Konsumausgaben. Durch Preis- und Lohnstarrheit wird von einem Marktpessimismus ausgegangen, also dass die Selbstheilungskräfte des Marktes nicht genügen, um die Schwankungen selbst auszugleichen. Seine Lehre bezieht und stützt sich also hauptsächlich auf die wirksame Nachfrage in einer Volkswirtschaft (vgl. Keynes 2002: 20-29; vgl. Hampe 1984: 96; vgl. Hallwirth 1998: 10; vgl. Vomfelde 1985: 13; vgl. Grömling 2005: 8). Diese wird unterteilt in die Nachfrage nach Konsumgütern und Investitionsgütern, also die Nachfrage der Haushalte und der Unternehmen. Hierbei ist erstere natürlich abhängig vom Einkommen und Sparverhalten während die zweite vom Zins abhängt (vgl. Hampe 1984: 96). Wenn die Nachfragen dieser beiden makroökonomischen Faktoren nicht ausreichen, kommt es zum Einbruch der Wirtschaft. Deswegen ist es unablässig, dass dieses Nachfragedefizit über „die Ausdehnung der Aufgaben der Regierung“ (Keynes 2002: 321) ausgeglichen wird (vgl. Ehrlicher 1991: 17). So wie die Wirtschaftswissenschaftler der 80iger Jahre sagten, dass eben diese keynesianische Grundidee die Wirtschaft zerstöre, so sah Keynes sie als „das einzige durchführbare Mittel, die Zerstörung der bestehenden wirtschaftlichen Formen in ihrer Gesamtheit zu vermeiden“ (Keynes 2002: 321).

Ein zweiter von ihm angesprochener Fakt für einen Aufschwung ist die Kreditfinanzierung. Ebenfalls aufbauend auf der Notwendigkeit einer hohen wirtschaftlichen Nachfrage müssen die Kreditbedingungen für die privaten und öffentlichen Haushalte angepasst werden, was einen möglichst geringen Kreditzinssatz bedeuten würde (vgl. Hampe 1984: 100). Damit ist quasi der Schritt zur aktiven Konjunktursteuerung durch den Staat vollends geschafft, indem die wirtschaftliche Nachfrage mithilfe öffentlicher Finanzen angekurbelt wird, wodurch ein Defizit im Haushalt entsteht oder entstehen kann. Alexandra Ehrlicher unterscheidet drei Defizitarten: das konjunkturbedingte Defizit, welches durch Mindereinnahmen und höhere Ausgaben ganz allein Einzug hält in einer schwachen Konjunktur. Das strukturelle Defizit, das „bei Annäherung der Wirtschaft an die Normalauslastung weiter bestehen bleibt“ (Ehrlicher 1991: 21) und im Falle von Deutschland seit einigen Jahren sogar wächst und zu einem noch stärkeren Abdriften von der Normalauslastung führt (vgl. Ehrlicher 1991: 18-21). Letztendlich das antizyklische Defizit. Dies ist die sogenannte „Defizitfinanzierung (Deficit Spending)“ (Brockhaus 2006: Stichwort: Defizitfinanzierung), also die Verschuldung, die der Staat auf sich nimmt, um die Wirtschaft vor Einbrüchen zu bewahren oder ihr zu neuem Aufschwung zu verhelfen (vgl. Ehrlicher 1991: 20-21).

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Befinden wir uns in einer Renaissance der nachfrageorientierten Konjunkturpolitik?
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Wirtschaft und Politik
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V160702
ISBN (eBook)
9783640741250
ISBN (Buch)
9783640741397
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Keynes, nachfrageorientiert, Konjunktur, Konjunkturpolitik, Wirtschaft, Wirtschaftskrise, Fiskalpolitik, angebotsorientiert, neoklassisch, Wirtschaftstheorie
Arbeit zitieren
Jan Seichter (Autor), 2010, Befinden wir uns in einer Renaissance der nachfrageorientierten Konjunkturpolitik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160702

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