Zu Goethes "Prolog im Himmel" im Faust

Wunde Mensch


Seminararbeit, 2006
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Hüter und Behütete

II. Advocatus hominis

III. Einigkeit und Recht und Freiheit

IV. Konfiguration des Disparaten

Literaturverzeichnis

Einleitung

Goethe hat seinem Lebenswerk – die Auseinandersetzung mit dem Fauststoff begleitete ihn über die gesamte Dauer seines schriftstellerischen Schaffens[1] – drei Prologe vorangestellt. Auf die Zueignung, „der lyrischen Selbstaussage des Dichters“[2] folgt das Vorspiel auf dem Theater, in dem dem Leser ein Metadiskurs über die Schwierigkeiten der Vermittlung zwischen dichterischem Schaffen und der Veröffentlichung und Kommerzialisierung desselben zuteil wird. Das letzte Präludium ist der Prolog im Himmel. Hier wird das Tor zum Werk endgültig aufgestoßen: Aus jenseitiger Perspektive wird der Protagonist Faust eingeführt und eine kosmologische Ordnung entworfen, „die das folgende Geschehen in den göttlichen Schöpfungsplan integriert“[3] und als durch ihn bedingt ausweist. Dergestalt formt Goethe mit dem Prolog im Himmel den großen Rahmen des gesamten Dramas und die Exposition der Handlung.

Im Prolog im Himmel setzt Goethe seine Figuren in eine Konstellation, als deren Vorbild das biblische Buch Hiob angesehen werden darf. Goethe selbst hat mehrfach darauf hingewiesen[4]. Im Buche Hiob fasst Gott in der himmlischen Ratsversammlung den Beschluss, dem Teufel freie Hand zu lassen, um so die Frömmigkeit des gottgetreuen – und deshalb sehr vermögenden – Hiob zu erproben. Mit der alttestamentarischen Schilderung des von Leid heimgesuchten Hiob entwickelte sich über die Jahrhunderte ein Diskurs über die Rechtfertigung Gottes angesichts des von ihm trotz seiner angenommenen Güte und Allmacht zugelassenen oder verursachten Leidens in der Welt. Dieser Diskurs fand Ende des 17. Jahrhunderts mit Leibniz, der dafür den Begriff der Theodizee prägte, seinen ersten Höhepunkt.

Durch die Nähe zum Buch Hiob rückt der Prolog im Himmel in den Kontext der Theodizee. Auch im Prolog versammelt der Herr die „himmlischen Heerscharen“ um sich, das Diabolische in Person von Mephistopheles tritt hinzu und es kommt zum Zwiegespräch. Zwar ist es – wie im Buch Hiob – der Herr, der das Gespräch auf seinen „Knecht“ (299) lenkt, doch zeigt sich, dass Goethe im Vergleich zum Hiobsbuch fundamentale Umwertungen vornimmt und die Figuren ihrer alttestamentarischen Herkunft und Denkweisen entfremdet.

Goethe fügt mit dem Zwiegespräch zwischen dem Herrn und Mephistopheles und der daraus sich ergebenden „Wette“ (331) eine neue Dimension in den Fauststoff und sprengt durch die Einbettung in eine kosmologische Ordnung die Tradition seiner Bearbeitungen. Er erhebt den Mythos des nach Entgrenzung strebenden Teufelsbündlers auf eine höhere Stufe der Generalisierbarkeit, er macht das Faustdrama zum universalen Menschheitsdrama. Durch die Verdoppelung des Paktes gewinnt die Durchdringung der Weltenkreise durch Faust und Mephistopheles einen jenseitigen Horizont.

Meine These ist, dass es Goethe gelingt, durch die im Prolog vollzogenen Umwertungen christlicher Traditionen in Bezug auf die Vorstellungen von Engeln, Teufel und Sünde, sowie durch die Darstellung der daraus sich ergebenden kosmischen Ordnung, seiner Tragödie eine Offenheit zuteil werden zu lassen, die das Werk den Umwälzungen der Zeit enthebt.

I. Hüter und Behütete

Der Prolog im Himmel wird eröffnet durch einen Lobgesang der drei Erzengel Raphael, Gabriel und Michael. Die Erzengel künden von den „unbegreiflich hohen Werke[n]“ (249), deren Anblick ihnen Stärke verleiht (247 und 267). In der Rede von den hohen Werken beziehen sich die Engel auf den „Sphärenlauf“ (258), auf der „Erde Pracht“ (252), auf den Wechsel der Tageszeiten und die Naturgewalten; also auf die wohlgefügte Ordnung der Sphären und der Natur. Verwerfungen und Verheerungen durch Urgewalten werden unter der Prämisse der Unergründbarkeit göttlichen Schaffens und Waltens unter die Herrlichkeit der Werke subsumiert. Die „Göttersöhne“ (344) proklamieren demnach den Glauben an eine Teleologie, an einen übergeordneten Heilsplan. Alle Brüche und Inkongruenzen werden zu einem konsistenten Schöpfungsmythos nivelliert, der unter dem Dogma der Unergründbarkeit Gültigkeit beanspruchen kann. Die Erzengel repräsentieren so den biblischen Glauben an uneingeschränkte Allmacht des Herrn und an eine Teleologie der Schöpfung ins Gute und Erhabene.

Ihr Vortrag zeigt eine Parallele zur Ideologie des Hiobsbuches: Der zu Unrecht sich bestraft wähnende Hiob fällt letztlich deshalb nicht von Gott ab, weil er die göttliche Allmacht anerkennen muss und nicht weil ihm bewiesen wurde, dass er zu Recht bestraft wurde; der grausame Gott, entblößt durch sein – aus moralischer Sicht – inakzeptables Vorgehen, setzt an die Stelle der Güte „begründungslose Machterweise“[5], beschneidet also die Entwicklung eines Moraldiskurses zugunsten einer positivistischen Machtkonstellation.

Gerade die Nähe des Prologs zum biblischen Buch Hiob und der dadurch angeregten Diskussion über die Rechtfertigung Gottes in Anbetracht der unter Übeln leidenden Menschen legt die Annahme nahe, dass die Engel sich im Dienste einer Ideologie äußern, denn sie verdecken die ethische Frage nach Recht und Unrecht unter einem Mantel aus Pathos und inkonsistenter Bildhaftigkeit. Sie scheinen der menschlichen Sphäre ganz und gar enthoben.

So verweist zu Beginn ein Rekurs auf das in der Antike aufgekommene, im 18. Jahrhundert weitläufig bekannte und von Goethe gekannte Konzept der Sphärenharmonie: Das klangliche Gefüge, der in ihren Bahnen sich bewegenden Planeten, bleibt der Wahrnehmung der Menschen entzogen, die Engel dagegen, wie von Raphael beschrieben, hören den Donnergang der Sonne, den Kanon der Sphären (243f) – nicht nur in dieser Hinsicht hat Michelsen also Unrecht, wenn er konstatiert: „Was die Menschen empfinden, wissen und bezeugen die Erzengel“[6]. Eben das nicht: Obgleich sie sich selbst als solche bezeichnen (265), treten die Engel gerade nicht als Boten, soll heißen als Mittler zwischen Diesseits und Jenseits, auf, sondern wissen im Gegenteil nur von „Sonn’ und Welten“ (279) zu berichten, nichts aber von den Menschen. Sie wissen nicht, was die Menschen empfinden und können es daher auch nicht bezeugen – und dies auf direkte Anweisung des Herrn. So enthält die an „die echten Göttersöhne“ (344) adressierte Ansprache des Herrn, die durch das einleitende „Doch“ (344) klar Bezug nimmt auf seine vorhergehenden Erklärung, den Menschen den Teufel zugeteilt zu haben, damit seine Tätigkeit nicht erschlaffe, die Anweisung, sich eben nicht – wie der Teufel – um die Menschen zu kümmern, sondern stattdessen sich „an der lebendig reichen Schöne“ (345) zu erfreuen und das Schwankende mit „dauernden Gedanken“ (349) zu befestigen. Was nichts anderes heißt, als weiterhin die versöhnende, tröstende Ideologie zu predigen, sich fernzuhalten von allem, was die Unergründbarkeit göttlichen Wirkens antasten und ihre biblisch-christliche Theologie in Frage stellen könnte – nämlich von den Menschen, ihrem natur- und geisteswissenschaftlichen Zweifel und ihrer prekären Stellung in der Komposition der Schöpfung.

[...]


[1] Vgl.: Trunz S. 481 od. Jeßing S. 80.

[2] Borchmeyer S. 550.

[3] Buck S. 363.

[4] Vgl.: Trunz S. 507.

[5] Bocian S. 161.

[6] Michelsen S. 40.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Zu Goethes "Prolog im Himmel" im Faust
Untertitel
Wunde Mensch
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Dramenanalyse: Die Dramen J. W. Goethes
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V160718
ISBN (eBook)
9783640740215
ISBN (Buch)
9783640740611
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Faust, Prolog im Himmel, Hiob, Theodizee, Moderne, Mephisto
Arbeit zitieren
Bernd Jäger (Autor), 2006, Zu Goethes "Prolog im Himmel" im Faust , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160718

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