Ursula Wolfs Ethik des generalisierten Mitleids

Vom „Kern einer Einstellung“ zur Basis einer Norm


Hausarbeit, 2010

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Erster Teil - Argumentationswiedergabe
2.1 Eine metaphysische Konzeption liberaler Moral
2.2 Der Standpunkt des generalisierten Mitleids
2.3 Probleme und Grenzen der Mitleidsmoral

3.. Zweiter Teil - Kritische Auseinandersetzung
3.1 Schopenhauers Beispiel der Übervorteilung einer Staatskasse
3.2 Das Einbeziehen der Tiere in die Moralkonzeption
3.3 Der Fötus und die Leidensfähigkeit
3.4 Versuch der Aufstellung einer Norm auf Grundlage der Leidensfahigkeit
3.4.1 Die Erkennbarkeit der Leidensfahigkeit und ihre Grenzen
3.4.2 Die Schutzbedürftigkeit
3.4.3 Entwicklung einer Norm aus dem „Kern einer Einstellung“

4.. Schlusswort

5. Literaturverzeichnis

6... Eidesstattliche Versicherung

1. Einleitung

Soll man Tiere moralisch berücksichtigen oder nur Menschen und was bildet, falls man Tiere berücksichtigen sollen, die Grundlage dafür? Kann es überhaupt eine Norm dafür geben? Ursula Wolf beschäftigt sich in ihrem Werk „Das Tier in der Moral“1 mit diesem Thema und versucht eine Moralkonzeption aufzubauen, in der sie Menschen wie Tiere berücksichtigt. Doch ist die Konzeption als Norm zu verstehen oder eher als eine Grundeinstellung, von der es wünschenswert ist, dass siejeder einhält?

Im ersten Teil dieser Hausarbeit wird die Argumentation Wolfs zusammengefasst. Es wird der Argumentationsgang Ursula Wolfs bis zu Ihrer Konzeption des generalisierten Mitleids und dessen Grundlage, der Leidensfähigkeit, geklärt.

Der zweite Teil der Hausarbeit besteht aus der kritischen Auseinandersetzung mit den im ersten Teil geschilderten Argumentationen Wolfs.

Einleitend werden zunächst einige wenige Textstellen und Thesen beleuchtet und genauer erläutert, hinterfragt oder gestützt.

Danach erfolgt die Auseinandersetzung mit der Kernfrage der Hausarbeit.

Ist es möglich auf Grundlage der Leidensfähigkeit, die Ursula Wolf als wichtige Eigenschaft einstuft, eine Norm weiter zu entwickeln, die Menschen und Tiere gleichermaßen berücksichtigt?1

2. Erster Teil - Argumentationswiedergabe

2.1 Eine metaphysische Konzeption liberaler Moral

Bevor Ursula Wolf direkt auf das generalisierte Mitleid eingeht, stellt sie eine Form der liberalen Moral vor, die weniger beachtet wird und die auf Michel de Montaigne zurückgeht, der das Laster der Grausamkeit als das „... allerschändlichste von allen ...“2 einstuft.

Judith Shklar knüpft genau dort an und sagt, dass ein echter liberaler Standpunkt so aussehen muss, das die Grausamkeit von allen moralischen Lastern an erster Stelle steht.

Wenn das jedoch so ist, bedeutet dies, laut Ursula Wolf, dass man religiöse und politische Konventionen in radikaler Art und Weise ablehnen muss, denn so lange man unter dem Begriff der Moral versteht, dass man Normen befolgen muss, „...kann das größte Unrecht nur die Verletzung des göttlichen Werts , derNormen o.ä. sein.“3

Betrachtet man die Grausamkeit als das größte Unrecht, dann nur deshalb, weil es einfach schlecht ist jemandem, weil man grausam ist, etwas anzutun. Dieser Umstand muss ihrer Meinung nach nicht weiter erklärt oder begründet werden, weil Grausamkeit einfach und als solches abstößt, weil sie hässlich ist.4

Wolf will jedoch zur Frage nach einem sinnvollen moralischen Standpunkt zurück und stellt fest, dass Shklars Thema lediglich die moralischen Eigenschaften von Personen behandelt.

Ein weiterer Vertreter der liberalen Moral ist Richard Rorty, der den Standpunkt vertritt, dass man auf alle Personen gleich Rücksicht nehmen muss, mit der einfachen und einzigen Begründung, weil es sich historisch so entwickelt hat.

Rorty spricht sich dagegen aus, dass man „...die moralische Rücksicht auf alle Personen an der einen wesentlichen Eigenschaft bzw. Fähigkeitfestmachen ...“ kann, „... die ihnen allen einen absoluten Wert verleiht... . “5 Nach seiner Aussage gibt es nicht die eine Eigenschaft, die alle Menschen besitzen, und aufgrund dieser ein Mensch moralisch berücksichtigt werden muss oder soll.

Die Autorin gibt sich mit der Aussage Rortys jedoch nicht zufrieden. Sie findet doch eine Eigenschaft, die alle Menschen miteinander teilen, und mehr noch, die die Menschen auch mit den Tieren teilen. Es ist die Fähigkeit zu leiden. Zweifellos besitzen Menschen und auch Tiere diese Eigenschaft, weshalb sie die Frage aufwirft, ob demnachjeder Mensch undjedes Tier zu den Objekten der Moral gehört.

Rorty nimmt dazu keine Stellung, stellt aber fest, dass es eine ganz besondere Art des Leidens gibt, die jeder Mensch empfinden kann. Er meint damit die Demütigung und fugt hinzu, dass zu dieser Empfindung „... alle und nur Personenfähig sind... .“6

Eine Person ist demnach als Wesen zu verstehen, das gedemütigt werden kann, was laut Wolf dazu führt, dass der Personenbegriff eingeengt wird, da die Objekte der Moral die Personen sind und das moralische Unrecht die Demütigung. Dieser Standpunkt ist, so der Vorwurf Wolfs, letztlich derselbe, wie Kant, Habermas oder Tugendhat ihn vertreten.

Außerdem ist ihr unklar, weshalb das Personsein nur auf die Fähigkeit des gedemütigt werden beschränkt sein soll und dies die einzige relevante moralische Eigenschaft von Personen sein soll.

Ursula Wolf erklärt dazu, dass es durchaus auch Personen geben kann, die behaupten, dass sie nicht gedemütigt werden können, weil ihnen diese Eigenschaft fehlt und es ihnen schlichtweg nichts ausmacht, wenn man sie demütigt.

Für die Autorin bleibt demnach nur die Leidensfähigkeit als die einzige Eigenschaft, die alle Personen gleichermaßen besitzen und die sie gleichzeitig auch mit den Tieren teilen.

Wolf meint, es wäre dann „... konsequent zu sagen, daß das, was Wesen zu Gegenständen der Moral macht, die Leidensfähigkeit ist, und daß die Hinsichten der Rücksicht entsprechend alle Formen des Leidens sind.“7

2.2 Der Standpunkt des generalisierten Mitleids

Im vorhergehenden Kapitel zeigt Ursula Wolf, dass es keine hinreichenden Gründe dafür gibt, das man nur Personen moralisch berücksichtigen muss, und auch nicht, weshalb man nur Personen berücksichtigen muss, die gedemütigt oder erniedrigt werden können.

Sie kommt zu dem Schluss, dass wir als Wesen in den verschiedenen Bereichen nach einem guten Leben streben. Erreichen wir dieses Ziel nicht oder kommt es zu Lebensphasen, in denen es uns schlecht geht, so leiden wir. Dieser Umstand trifft nicht nur auf Menschen zu, sondern ebenso, und in genau demselben Maße, auf Tiere.

Zwar ist der Bezug der Tiere auf ihr eigenes Wohl -weniger reflektiert...“, jedoch ist dies kein Grund die Moral aufPersonen zu beschränken.“8

Sie erklärt daran den wesentlichen Unterschied zu Wertkonzeptionen. Denn dort nimmt man auf Wesen moralisch Rücksicht, wenn sie schützenswert sind, und das sind sie „... durch ihren Bezug auf einen höheren Wert, der unverletzlich ist.“9

In der von ihr vertretenen Moralkonzeption des generalisierten Mitleids jedoch gibt es den Bezug auf einen unverletzlichen, höheren Wert nicht. In ihr sind alle Wesen moralisch zu berücksichtigen, die schutzbedürftig sind. Mehr noch sind dies Wesen auf die man sogar grundsätzlich Rücksicht nehmen muss.

Dadurch schließt sie auch die Tiere ein, denn die Möglichkeit des Rücksichtnehmens trifft auf alle Menschen und auf Tiere zu, ganz gleich, ob sie in der Lage sind, ihr Wohl oder Übel zu reflektieren.

Wichtig ist nur, dass sie in der Lage sind zu leiden oder das es ihnen gut oder schlecht gehen kann. Hieraus ergibt sich die Moralkonzeption eines generalisierten, also verallgemeinerten Mitleids. Sie stellt die Leidensfähigkeit in den Mittelpunkt der Moral.

Keineswegs soll diese Moralkonzeption aber als eine Norm aufgefasst werden, was die Autorin mehrmals betont. Vielmehr macht sie deutlich, dass diese Haltung „... der Kern einer Einstellung...“10 ist.

Es geht ihr darum zu zeigen, dass es eine Grundeinstellung sein soll, dass man Wesen moralisch berücksichtigt, die leidensfähig sind, und diese Gesamtheit der Wesen auch als leidensfähig begreift.

Nicht verwechselt werden soll dies ihrer Meinung nach mit dem utilitaristischen Prinzip, nachdem man sein Leben damit verbringen muss, das Leiden auf der Welt zu vermindern. Jedoch räumt sie ein, dass die aus ihrer Grundeinstellung abzuleitenden konkreten Normen noch offen sind.

Auf den Einwand, ob ihr Modell vielleicht nur einfach der Wertmoral entnommen und damit unbegründet ist, erwidert sie, dass dies nur für diejenigen zutrifft, die nur mit letzten Gründen zufrieden sind. Diesen Wunsch nach den letzten Gründen könne sie nicht erfüllen. Wohl aber zumindest zweitletzte Gründe anführen.

Zum einen den, dass Wesen, die leiden, nun einmal Mitleid bei demjenigen erzeugen, der dieses Leid sieht. Zum anderen sind Personen nicht nur moralische Objekte sondern auch moralische Akteure. Nicht nur sie selbst müssen moralisch berücksichtigt werden sondern jede Person ist ihrerseits auch ein Akteur, der andere Personen berücksichtigen muss.

Dabei versucht trotzdem jede Person sein eigenes Leben gut zu gestalten. Man muss also Personen „...als Wesen behandeln, die u.a. ihr eigenes Leben leben wollen.“11 Hindert man ein Individuum daran, ihr Leben so gestalten, wie es dies will, so leidet es und man verstößt gegen die moralische Rücksicht, wenn man sie dazu zwingt ihr Glück zugunsten der Behebung eines fremden Leidens zu opfern.12

Hier räumt die Autorin ein, dass es scheinbar ein Gewichtungsproblem gibt. Diese Gewichtung kann aber durch die aus der liberalen Moral entstandene und von ihr entwickelte Mitleidskonzeption mit übernommen werden.

Ursula Wolf stellt klar, dass dadurch, dass die relevante Eigenschaft für eine moralische Rücksicht die Leidensfähigkeit ist und das alle Wesen, die diese Eigenschaft besitzen, gleich behandelt werden müssen, unabhängig davon, ob es sich um einen Menschen oder ein Tier handelt.

Hier führt sie Shklars ersten Punkt an, der besagt, dass eine metaphysikfreie Mitleidsmoral in eine metaphysikfreie Weltsicht eingebettet ist. Somit kann man nicht das Argument gegen ein Rücksichtnehmen gegenüber Tieren abschwächen, nur weil Tiere in ihrer „... kulturellen Tradition weniger wichtig sind als Menschen oder ...“ weil „... in ihrem eigenen Leben die Tiere subjektiv wenig Bedeutung haben.“13

Die Gleichheit ist nicht davon abhängig, ob ein Individuum beispielsweise eine kulturelle Tradition hat sondern nur, ob es leiden kann.

[...]


1 Wolf, Ursula (2004). Das Tier in der Moral (S72—85). Frankfurt am Main: Vitorrio Klostermann Verlag

2 Wolf, Ursula (2004). Das Tier in der Moral (S.72). Frankfurt am Main: Vitorrio Klostermann Verlag

3 ebd., S.72

4 Vgl.ebd., S.73

5 ebd., S.73

6 ebd., S.13

7 ebd., S.14

8 ebd., S.76

9 ebd., S.76

10 ebd., S.76

11 ebd., S.77

12 Vgl. ebd., S.77

13 ebd., S.78

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Ursula Wolfs Ethik des generalisierten Mitleids
Untertitel
Vom „Kern einer Einstellung“ zur Basis einer Norm
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Philosophie)
Veranstaltung
Mitleidsethik
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V160796
ISBN (eBook)
9783640738472
ISBN (Buch)
9783640738755
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ursula Wolfs generalisiertes Mitleids versucht zu erklären, weshalb Tiere moralisch berücksichtigt werden sollen und ist nicht nur unter Tierschützern sehr bekannt. Nach Wiedergabe der wichtigsten Argumente und ihrer kritischen betrachtung wird ihre Grundeinstellung zu einer Normenbasis weiter entwickelt. Hausarbeit kann als Vorlage für andere gelten, und vor allem als Begründung für den Tierschutz inkl. Agumente und einem Lösungsvorschlag.
Schlagworte
Ursula Wolf, generalisiertes Mitleid, Mitleidsethik, Tierethik, Vegetarier, Veganer, Moral, moralisch, moralisch berücksichtigen, schützen, Tiere, Tiere schützen, metaphysisch, Staatskasse, Fötus, Leidensfähigleit, Schutzbedürftigkeit, leidensfähig, schutzbedürftig, Mord
Arbeit zitieren
Ing. Roberto Grebarsche (Autor), 2010, Ursula Wolfs Ethik des generalisierten Mitleids, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160796

Kommentare

  • Gast am 28.8.2018

    Ganze 4 Literaturangaben!!! Spricht für die Qualität der Arbeit. Benotung nicht nachvollziehbar. Komischer Aufbau für eine wissenschaftliche Hausarbeit

Im eBook lesen
Titel: Ursula Wolfs Ethik des generalisierten Mitleids



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