Die Rolle der Krankenpflege im Nationalsozialismus am Beispiel der „T4“-Aktion in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein (1940-1941)


Hausarbeit, 2010
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Anmerkung zur Sprache

3. Die Krankenpflege im Nationalsozialismus

4. „Euthanasie“ während des Nationalsozialismus

5. Die T4-Aktion

6. Das Pflegepersonal in den „T4“-Tötungsanstalten
6.1 Auswahl des Pflegepersonals für die „T4“-Tötungsanstalten
6.2 Biographien des Pflegepersonals für die „T4“-Tötungsanstalten

7. Durchführung der T4-Aktion in der Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein
7.1 Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein (1811-1939)
7.2 Die NS-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein (1940-1941)
7.3 Die Aufgaben des Pflegepersonals in der Tötungsanstalt Sonnenstein
7.4 Die Rolle des Pflegepersonals in der Tötungsanstalt Sonnenstein

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ Wer altes Unrecht duldet, lädt neues ins Haus. “[1]

(Verfasser unbekannt)

Dieses abendländische Sprichwort erinnert daran, dass es immer geboten ist, sich mit einer – auch unschönen – Vergangenheit auseinanderzusetzen, um die aktuellen Handlungen und Ansichten kritisch zu reflektieren. Vor diesem Hintergrund ist es von großer Bedeutung, die Rolle der Krankenpflege im Nationalsozialismus in der Zeit zwischen 1933 und 1945 nicht aus den Augen zu verlieren, sondern weiterhin zu thematisieren. Die Krankenpflege hat sich als Berufsgruppe neben den Ärzten der nationalsozialistischen Weltauffassung unterstellt und maßgeblich zur Verbreitung der rassenideologischen Auffassung sowie zur Durchführung rassenideologischer Handlungen beigetragen. In meiner eigenen Ausbildung ist diese Thematik meines Erachtens nicht ausreichend behandelt worden, so dass ich es für mich als angehende Lehrkraft umso wichtiger finde, mich mit dieser Thematik kritisch auseinanderzusetzen. Bei der vorliegenden Arbeit geht es darum, die Rolle der Pflegekräfte während der „T4“-Aktion in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein zu erfassen.

2. Anmerkung zur Sprache

Bei einer Arbeit, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt, gibt es immer das Problem des Sprachgebrauchs. Es gilt einerseits, die Terminologie der Täter zu vermeiden, andererseits hat man oft keine andere Wahl, als die Begriffe zu benutzen, die von den Nationalsozialisten geprägt wurden. Als Beispiel sei hier der Begriff „Euthanasie“ angeführt, dessen Verwendung bei den Nationalsozialisten nichts mit der üblichen Verwendung des Begriffes zu tun hat. Um solche Euphemismen deutlich zu machen, sind in dieser Arbeit entsprechende Begriffe in Anführungszeichen gesetzt worden.

3. Die Krankenpflege im Nationalsozialismus

Die Ideologie des Nationalsozialismus wurde entscheidend geprägt durch die Rassenlehre, die für Hitler und die meisten führenden Nationalsozialisten das Schlüsselelement der nationalsozialistischen Weltanschauung darstellte. Die Politik der Nationalsozialisten stand unter der Priorität der Rassenpolitik. Jedes neue Gesetz und jede neue Verordnung wurde in Bezug auf die Wirksamkeit hinsichtlich der Rassenideologie untersucht. Der nationalsozialistischen Regierung reichte es jedoch nicht aus, Repressalien und Gesetze gegen die zu erlassen, die sie als „artfremd oder minderwertig“ einstufte, sondern es galt zudem, bei denjenigen, die sie als „rassisch wertvoll“ einstuften, praktische Überzeugungsarbeit zu leisten. Es ging darum, die Menschen von der Rassenpolitik zu überzeugen und zur Mitarbeit zu bewegen.[2] Der Krankenpflege – als der größten Berufsgruppe innerhalb des Gesundheitswesens – wurde für das Erreichen der Ziele der nationalsozialistischen Regierung eine besondere Bedeutung beigemessen. Durch eine grundlegende Neuordnung der Krankenpflege sollten die vielen verschiedenen, zersplitterten Berufsverbände unter einer nationalsozialistischen Führung zusammengeführt werden. Die pflegerische Berufsauffassung sollte gleichzeitig so weit wie möglich von der nationalsozialistischen Weltanschauung durchdrungen werden. Der größte Widerstand gegen die Rassenideologie wurde bei den kirchlichen Verbänden vermutet. Diese sollten durch Aktivitäten verdrängt und geschwächt werden, wogegen die Verbände gestärkt wurden, die sich den nationalsozialistischen Zielen anschließen wollten und konnten. Die NS-Schwesternschaft gehörte der NS-Volkswohlfahrt an, die als Organisation der NSDAP anerkannt wurde. Die NS-Schwestern haben sich nach ihrer Ausbildung mit einem Eid Adolf Hitler und der nationalsozialistischen Weltauffassung verpflichtet.[3]

4. „Euthanasie“ während des Nationalsozialismus

Um den geschichtlichen Zusammenhang verständlich zu machen, ist eine Beschreibung des „Euthanasie“-Gedankens in der Rassenideologie der Nationalsozialisten notwendig. Die hierfür verwendete Literatur beschreibt die „Euthanasie“ während des Nationalsozialismus als erstes Kapitel des NS-Genozids. Die „Eugenik“ als „Wissenschaft von der Aufwertung der menschlichen Rasse durch verbesserte Fortpflanzung“ entstand im 19. Jahrhundert innerhalb der Bewegung des Sozialdarwinismus.[4] Parallel dazu bildete sich in Deutschland die „Rassenhygiene“ heraus, die sich von Beginn an mit Fragen der „Euthanasie“ beschäftigte.[5] Die „Euthanasie“-Morde, die mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges durchgeführt wurden, waren das Ergebnis von traditionellen Vorurteilen, die schon lange vor Hitlers Machtübernahme bestanden hatten, in Verbindung mit den jüngsten politischen Entwicklungen.[6] Die „Euthanasie“ diente als Mordprogramm als Modell für sämtliche NS-Vernichtungsaktionen. Die „Euthanasie“ ist nicht nur eine Einleitung für den NS-„Genozid“, sondern war sein erstes Kapitel.[7]

5. Die T4-Aktion

In der Tiergartenstraße 4 arbeitete die „Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten“, über die das gesamte Abrechnungsverfahren, zum Beispiel die Abrechnung von Pflegegeldern, organisiert wurde.[8] Der Sitz dieses eher unscheinbaren Amtes gab dem staatlich organisierten Verbrechen den Decknamen Aktion-„T4“ und war eine von drei Tarngesellschaften für die organisierten Tötungen. Nach einem festen Plan wurden sämtliche Heil- und Pflegeanstalten mit ihren Patienten erfasst. Vom Reichsministerium ausgehend wurden Fragebögen an die Heil- und Pflegeanstalten verschickt.[9] Diese Meldebögen sollten von den zuständigen Ärzten der Anstalt ausgefüllt werden. Dabei sollte der Abschnitt für das Todesurteil zunächst freigelassen werden.[10] Anhand dieser zurückgesendeten Meldebögen entschieden jeweils drei der etwa dreißig Begutachtungsärzte der „T4“-Aktion über ein Todesurteil.[11] In sechs speziell dafür umgebauten Anstalten wurden zwischen Januar 1940 und August 1941 über 70.000 Menschen vergast.[12] Im Einzugsgebiet jeder Mordstätte wurden mehrere Heil- und Pflegeanstalten als Zwischenanstalten eingerichtet. Offiziell gab es für die Angehörigen der Patienten durch diese zeitliche Verzögerung des Transportes die Möglichkeit, Widerspruch zu erheben und der Zwischenaufenthalt sollte die Möglichkeit eröffnen, Fehlentscheidungen im Begutachtungsverfahren zu korrigieren. Tatsächlich aber dienten die Zwischenanstalten der Verschleierung, und den Leitern dieser Anstalten war es ausdrücklich verboten, Patienten von einem geplanten Weitertransport zurückzustellen.[13] Das Euthanasieprogramm wurde in Deutschland auch auf die Häftlinge der Konzentrationslager ausgeweitet. Die Zahl und die Größe der Konzentrationslager nahmen 1940 in Deutschland zu, aber in den Lagern gab es noch keine Tötungseinrichtungen. Das führte zu einer Zusammenarbeit zwischen den SS-Lagerärzten und den „T4“-Ärzten. Die Selektion der Häftlinge fand durch die SS-Lagerärzte in den Lagern mit der Unterstützung der erfahrenen „T4“-Ärzte statt. Offiziell galten dieselben Selektionsmerkmale wie bei den psychisch kranken Patienten der Heil- und Pflegeanstalten. Inoffiziell wurden durch hochrangige SS-Führer jedoch andere Kriterien angewendet, die nicht schriftlich fixiert waren. Bei diesen inoffiziellen Anweisungen handelte es sich um rassische, eugenische, soziale und politische Selektionskriterien.[14] Nach der Selektion durch die SS-Lagerärzte und die „T4“-Ärzte wurden die Häftlinge in die Tötungsanstalten transportiert und dort vergast. Den Häftlingen der Konzentrationslager wurde der Transport in ein Sanatorium mit besserer Verpflegung und Behandlung in Aussicht gestellt.[15] Im Rahmen dieser „T4“-Mordaktion mit dem Aktenzeichen 14f13 wurden zwischen 10.000 und 20.000 Menschen ermordet.[16] Nachdem Hitler die mündliche Anweisung an die Verantwortlichen der „Euthanasie“-Aktion gab, die „Euthanasie“ zu stoppen, galt die „Aktion-T4“ ab August 1941 offiziell als beendet. Die Tötungsanstalten wurden aufgelöst und die Gaskammern und Krematorien abgebaut. Das Personal wurde zum größten Teil von den Nachfolgeanstalten übernommen, in denen das Töten weiterging.[17] Diese Phase des Tötens von August 1941 bis zum Kriegsende bezeichnet man als „wilde Euthanasie“.[18]

[...]


[1] http://www.zitate-online.de

[2] Vgl. Brigitte Breidig: Die Braunen Schwestern: Ideologie, Struktur, Funktion einer nationalsozialistischen Elite. Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 85. Stuttgart, 1998.

[3] Vgl. Hilde Steppe (Hg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus. Frankfurt/Main, 20019.

[4] Vgl. Henry Friedlander: Der Weg zum NS-Genozid: Von der Euthanasie zur Endlösung. Berlin 1997.

[5] Vgl. Hans-Walter Schmuhl: Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie: Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“, 1890-1945. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 75. Göttingen 1987.

[6] Vgl. Henry Friedlander: Der Weg zum NS-Genozid. Berlin 1997.

[7] Vgl. Henry Friedlander: Der Weg zum NS-Genozid. Berlin 1997.

[8] Vgl. Hilde Steppe (Hg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus. Frankfurt a. M., 20019.

[9] Vgl. Aly Götz (Hg.): Aktion T4 1939-1945: Die Euthanasie-Zentrale in der Tiergartenstraße 4. Stätten der Geschichte Berlins, Band 26. Berlin 1987.

[10] Vgl. Hilde Steppe (Hg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus. Frankfurt/Main, 20019.

[11] Vgl. Aly Götz (Hg.): Aktion T4 1939-1945. Berlin 1987.

[12] Vgl. Hilde Steppe (Hg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus. Frankfurt/Main, 20019.

[13] Vgl. Hans-Walter Schmuhl: Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Göttingen

1987.

[14] Vgl. Henry Friedlander: Der Weg zum NS-Genozid. Berlin 1997.

[15] Vgl. Aly Götz (Hg.): Aktion T4 1939-1945. Berlin 1987.

[16] Vgl. Henry Friedlander: Der Weg zum NS-Genozid. Berlin 1997.

[17] Vgl. Alice Platen-Hallermund: Die Tötung Geisteskranker in Deutschland aus der Deutschen Ärztekommission beim Amerikanischen Militärgericht. Bonn 20014.

[18] Vgl. Hilde Steppe (Hg.): Krankenpflege im Nationalsozialismus. Frankfurt/Main, 20019.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Krankenpflege im Nationalsozialismus am Beispiel der „T4“-Aktion in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein (1940-1941)
Hochschule
Charité - Universitätsmedizin Berlin  (Institut für Geschichte der Medizin Charité – Universitätsmedizin Berlin)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V160817
ISBN (eBook)
9783640738496
ISBN (Buch)
9783640738786
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
T4-Aktion, Krankenpflege im Dritten Reich, Braune Schwestern, Euthanasie, Pirna Sonnenstein, Tötungsanstalt, NS, KZ, Pflege im Nationalsozialismus, Holocaust, Verbrechen an der Menschheit, Vergasung, T4
Arbeit zitieren
Doris Freyberg (Autor), 2010, Die Rolle der Krankenpflege im Nationalsozialismus am Beispiel der „T4“-Aktion in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein (1940-1941), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160817

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