Finnland unter russischer Herrschaft

Ursachen für das Erwachen des finnischen Nationalbewußtseins und des Strebens nach Unabhängigkeit


Hausarbeit, 2008

7 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhalt

Einleitung
I. Russlands widersprüchlicher Umgang mit Finnland
II. Die unterschiedlichen innerpolitischen Strömungen Finnlands

Fazit und Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Nach mehreren Jahrhunderten zahlreicher Kämpfe zwischen den sich im Norden Europas gegenüberstehenden Kontrahenten, übernahm letztendlich Russland im Finnischen Krieg gegen Schweden 1809 die Kontrolle über das Land. Diese Besetzung sollte anschließend von einiger Dauer sein und verschiedene Akzentuierungen der Besatzungspolitik erleben. So stand das Land zunächst einer russischen Politik gegenüber, die zwar das autonome Großfürstentum Finnland des russischen Zarren schaffte. Doch ab dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts war es dem Versuch der Vereinheitlichung und Russifizierung ausgesetzt. Dabei bildeten sich verschiedene innenpolitische Strömungen und staatstheoretische Tendenzen, die zu einem inneren und äußeren Kampf und zur Unabhängigkeit Finnlands während des ersten Weltkrieges führten.

In diesem Zusammenhang kann man sich der weitergehenden Frage zuwenden, welches die Ursachen für das Erwachen des finnischen Nationalbewusstseins und des Strebens nach Unabhängigkeit waren1.

I. Russlands widersprüchlicher Umgang mit Finnland

Die Zeit der Besatzung durch Russland wurde von jedem Zaren anders geprägt. Aurélien Sauvegeot beschreibt den Beginn dabei sogar als „Eroberung“2, wobei die Autonomie Finnlands durch den auf der Verfassung beruhenden finnischen Senat und den gleichzeitigen Status des Zaren als Großfürst Finnlands zum Ausdruck kommen sollte.3 L.A. Puntila spricht in diesem Zusammenhang von „einer Epoche der Bürokratie und des erstarrten Konstitutionalismus“, aber auch davon, dass der Wechsel des Machthabers den Finnen mehr Freiheit gewährte.4 Der ständevertretende Reichstag wurde erst nach dem Krimkrieg unter Alexander II. wieder einberufen und hätte zur „ersten Periode der verfassungsmäßigen Gesetzgebung [geführt], während der man die liberalen Ideen des damaligen Europa unter Mitwirkung des Großfürsten zu verwirklichen bestrebt war“.5 Zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ermöglichte die Rücknahme zahlreicher Gewerbebeschränkungen und die Geldautonomie eine erste Phase der zaghaften Industrialisierung.6 Diese Gewährung von reeller Autonomie erlaubte auch die Verbreitung einer eigenen finnischen Kultur, die es unter schwedischer Herrschaft nicht in Schriftsprache gegeben hatte und die später eine immer prägendere Rolle spielen sollte, unter anderem als ein großer Teil der Bevölkerung die von Elias Lönnrot zusammengetragene Volksdichtung verinnerlichte.7

Gleichzeitig waren die anderen Teile Russlands einer autoritären Politik ausgesetzt, die die Missgunst gegenüber der finnischen Autonomie in der öffentlichen Meinung wachsen ließ.8 Besonders Alexander III. und Nikolaus II. trugen mit ihrem Versuch der Vereinheitlichung und Russifizierung unter anderem mit gegen den Willen des Reichstages durchgeführten Reformen, wie der des Postwesens zur weiteren Radikalisierung des Verhältnisses.9 Die Ernennung des Militärs Nikolai Iwanowitsch Bobrikow zum Generalgouverneur 1898 und die darauf folgende Erklärung des Februarmanifests, welches die Autonomie weiter beschränkte, brachten den Willen der stärkeren Angliederung Finnlands an Russland zum Ausdruck.10 Die Reichweite des Wehrpflichtgesetzes, welches auch Finnen zum Dienst in der russischen Armee zwingen sollte, scheiterte daran, dass sich die Mehrheit der Betroffenen der Einberufung widersetzte11 und der Versuch, die russische Sprache als Verwaltungssprache durchzusetzen daran, dass die Bevölkerung, die Verwaltung und die Politik weiterhin der finnischen und schwedischen Sprache Gebrauch machten.12 Bobrikow, der mit der Diktaturverordnung quasi die Macht über Finnland bekommen hatte und seine repressive Politik voran trieb, fiel deshalb bei den finnischen Nationalisten in Ungnade, was zu seiner Ermordung 1904 führte.13 Ein Jahr später, während der Unruhen in Russland, wurden sämtliche Begrenzungen der Autonomie nach einem Generalstreik vom Zaren zurückgenommen und das allgemeine und gleiche Wahlrecht für den Reichstag gewährt, um wenig später, unter dem neuen russischen Ministerpräsidenten Pjotr Arkadjewitsch Stolypin eine noch radikalere Politik gegen finnische Revolutionäre und Autonomie-Verfechter anzuschlagen, welche vor allem die politische Zentralisierung des russischen Zarenreiches zum Inhalt hatte und bis zum ersten Weltkrieg das politische Leben in Finnland zum erliegen brachte, dann aber mit der Oktoberrevolution und der Unabhängigkeit Finnlands scheiterte.14

Osmo Jussila sieht die Ursachen für die Phasen der Repression als direkte Konsequenz der finnischen Freiheitsforderungen nach dem Krimkrieg, da zuvor nur der Zar die Verbindung zwischen Russland und Finnland darstellte und nun weitere Freiheiten mit der stärkeren Vereinheitlichung mit Russland verbunden wurden.15 In den Augen des Historikers Fred Singleton war die Repression weniger durch finnische Unabhängigkeitsbestrebungen bedingt, als viel mehr Ausdruck individueller Reichsführung des jeweiligen Zaren.16 Die Widersprüchlige Politik Russlands wurde in Finnland von verschiedenen Gruppierungen unterschiedlich wahrgenommen und bewertet und bildeten die Grundlage für spätere Unabhängigkeitsbemühungen.

[...]


1 Zur Beantwortung der Frage wird im Folgenden besonders die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des ersten Weltkrieges betrachtet, da sie die wichtigsten nationalen Bestrebungen beinhaltet.

2 Sauvegeot, A. (1968). Histoire de la Finlande (1. ed., Vol. I). Paris: Imprimerie Nationale. S. 157.

3 Nesemann, F. (2003). Ein Staat, kein Gouvernement - Die Entstehung und Entwicklung der Autonomie Finnlands im russischen Zarenreich (1. Ausg.). Frankfurt am Main: Peter Lang. S. 59.

4 Puntila, L. A. (1980). Politische Geschichte Finnlands 1809-1977 (1. ed.). Helsinki: Kustannusosakeyhtiö Otavan painolaitokset Keuruu. S. 29.

5 Ebenda. S. 43.

6 Feltes-Peter, A., Randebrock, S., & Eis, R. (2006). Finnland (1. ed.). Ostfildern-Kemnat: Baedeker. S. 51.

7 Vgl. Klumpp, G., Holst, S., & Schellbach-Kop, I. (2005). Hyvä kello kauas kuuluu (1. ed.). Hamburg: Buske Verlag. S. 244-245.

8 Jutikkala, E., & Pirinen, K. (1964). Geschichte Finnlands (1. ed.). Stuttgart: Alfred Kröner Verlag Stuttgart. S. 304-305.

9 Singleton, F. (1989). A Short History of Finland (1. ed.). Cambridge: Cambridge University Press. S. 96.

10 Jutikkala, E., & Pirinen, K. (1964). Geschichte Finnlands (1. ed.). Stuttgart: Alfred Kröner Verlag Stuttgart. S. 314-316.

11 Ebenda S. 319-320.

12 Ebenda. S. 321.

13 Sauvegeot, A. (1968). Histoire de la Finlande (1. ed., Vol. I). Paris: Imprimerie Nationale. S. 258.

14 Singleton, F. (1989). A Short History of Finland (1. ed.). Cambridge: Cambridge University Press. S. 100-106.

15 Jussila, O., Hentilä, S., & Nevakivi, J. (1999). Politische Geschichte Finnlands seit 1809 - Vom Großfürstentum zur Europäischen Union (1. ed.). Berlin: Berlin Verlag Arno Spitz GmbH. S.102.

16 Vgl. Singleton, F. (1989). A Short History of Finland (1. ed.). Cambridge: Cambridge University Press. S.104.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Finnland unter russischer Herrschaft
Untertitel
Ursachen für das Erwachen des finnischen Nationalbewußtseins und des Strebens nach Unabhängigkeit
Hochschule
Sciences Po Paris, Dijon, Nancy, Poitier, Menton, Havre
Veranstaltung
-
Note
1,00
Autor
Jahr
2008
Seiten
7
Katalognummer
V160860
ISBN (eBook)
9783640740284
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine stringente Bewertung der historischen Ereignisse.
Schlagworte
Finnland, Russland, Russische Herrschaft, Alexander, Zar von Russland, Großfürst Finnlands, Russifizierung, Nikolaus, Februarmanifest, Helsinki
Arbeit zitieren
Dominique Omakowski (Autor), 2008, Finnland unter russischer Herrschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160860

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