Joseph von Eichendorff: "Die Entführung" - Menschenjagd


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Jagd und Diana –Mythos

II. Gaston und Diana

III. Dianas Absichten

IV. Pygmalion

V. Gastons Bild von Diana

VI. Gaston und Leontine

VII. Leontine als neue Diana

Schluss

Einleitung

Die Interpretation der Erzählung „Die Entführung“ stellt einen am Anfang vor große Probleme. Schon allein die Mehrdeutigkeit von Gastons Charakter gibt einem Rätsel auf. Auch erscheint der Schluss seltsam resignierend und rätselhaft. Die Frage, die sich aufdrängt ist: Warum entscheidet sich Gaston für Leontine? Was lässt ihn auf einmal zu der Person zurückkehren, der er ganz am Anfang der Erzählung begegnet ist? Zuerst mag man die Gründe für diese Entscheidung in der Psychologie der Figuren suchen. Schnell stellt sich aber heraus, dass sie über keine ausgeprägte Psychologie verfügen. Gaston entscheidet sich nicht aufgrund von Gefühlen für Leontine, sondern weil „ihr Bild“ in seiner Seele wieder aufgetaucht ist.[1] Da hier auf ein Bild verwiesen wird, lautet die Frage nun: Wie sieht dieses Bild denn aus und wie wird es konstruiert. Die Antwort auf diese Fragen findet sich wohl auf der Ebene des Discours. Hier stellt sich die Frage nach einem Bildsystem, auf das sich alle Figuren beziehen können. Die Jagd spielt in Eichendorffs „Entführung“ eine große Rolle, immer wieder wird darauf Bezug genommen. In diesem Zusammenhang ist es bedeutend, dass im Zentrum der Erzählung eine Diana steht, was auf den Diana – Mythos verweist. Die Bezüge zur Jagd sind zahlreich: Gleich zu Beginn tritt der noch namenlose Gaston als „Wildschütz“ auf, Gaston „treibt“ angeblich die Räuberbande durch den Wald, Diana selbst erlernte als Kind „Jagdkünste“, sie singt von einem „Jäger“, der sie entführen müsste, so weit nur einige der zahlreichen Stellen, die die Erzählung ganz eindeutig in den Kontext der Jagd stellen.[2] Die Jagd bietet ein Paradigma, das sich leicht auf Beziehungen übertragen lässt. Das Gerichtet - Sein des einen auf den anderen ist damit leicht darzustellen. In der Erzählung sind aber vor allem die Unstimmigkeiten und Konflikte im Bezug auf dieses Paradigma zu beachten. Das Problem ist nämlich, dass es hier um Rollen geht, die nicht so ohne weiteres mit den Figuren der Erzählung zu identifizieren sind. Auch das Leitmotiv der Masken verweist auf Eichendorffs Spiel mit Rollen.[3] Damit können durchaus auch Geschlechterrollen gemeint sein. Die Erzählweise ist die eines Er-Erzählers oder heterodiegetischen Erzählers in vorwiegend personaler Erzählhaltung. Die Perspektive ist von Abschnitt zu Abschnitt wechselnd über die Protagonisten wechselnd fokalisiert. Das macht die Analyse der Beziehungen zwischen den Figuren so schwierig, weil man in den entsprechenden Situationen immer nur die Gedanken einer Figur erfährt. Diese Perspektive entspricht auch der Haltung bei der Jagd, da man eben nicht Wild und Jäger zugleich sein kann. Da der Begriff der Jagd ein weitreichendes Paradigma bildet, liegt es nahe, an Jakobsons Grundgesetz zu denken, nach dem das Prinzip der Äquivalenz von der Achse der Selektion auf die Achse der Kombination projiziert wird.[4] Es soll also deutlich werden, inwiefern die Jagd ein Paradigma darstellt mit dem man diesen Text semantisieren kann. Es ist vor allem interessant, wie sich die einzelnen Figuren auf dieses Paradigma beziehen. Interessanterweise werden in diesem Text nämlich auch von den Figuren selbst wichtige Interpretationsleistungen erbracht.

I. Jagd und Diana - Mythos

Da in dieser Erzählung die Jagd eine so große Rolle spielt muss erst einmal geklärt werden, was man darunter versteht. Jagd ist nur als symbolisches Verhalten begreifbar, das weit über die reine Nahrungsbeschaffung hinausgeht.[5] Es geht nicht um das reine Töten von Tieren, sondern darum ein besonderes Tier aus einem bestimmten Grund zu töten.[6] Daher bedeutet Jagen auch immer, sich und sein Handeln in einen symbolischen Kontext zu stellen. Schließlich muss erst einmal bestimmt werden, welches Tier es wert ist, gejagt zu werden und warum es sterben muss. Jagd kann man nur auf ein besonderes Tier machen, das vor allem „wild“ sein muss.[7] Der Bezug zu einem besonderen Tier eröffnet auch die Möglichkeit, die Jagd auf die Liebe und das Verliebt – Sein zu beziehen. Ein wildes Tier im Sinne des Jägers ist eines, das nicht zahm ist und nicht Teil des menschlichen Lebensraumes.[8] Insofern ist es sehr problematisch, dass in dieser Erzählung Jagd auf Menschen gemacht wird. Es sei denn, dass diese Menschen sich selbst außerhalb des menschlichen Bereichs befinden. Die Jagd ist eine bewaffnete Konfrontation zwischen Menschsein und Wildsein, zwischen Kultur und Natur.[9] Da der Mensch auch zur Natur gehört ist diese Aussage natürlich problematisch. Im Lauf der Geschichte hat sich diese Verständnis aber gewandelt: Jagd kann man auch so verstehen, dass sie sich in die Ordnung der Gesellschaft einfügen muss und nicht nur gelebte Leidenschaft ist.[10] Gerade durch ihren Symbolgehalt kommt der Jagd ja auch eine kulturelle Funktion zu. Die Göttin Diana hat viele Funktionen: Sie ist Göttin der Jagd, Verteidigerin der Wildnis und der wilden Tiere und Schutzgöttin der Geburt.[11] Schon hier wird deutlich, dass sie auch gegensätzliche Elemente in sich vereinigt: Sie steht sowohl mit dem Leben als auch mit dem Tod in Verbindung. Außerdem vertritt sie beide Seiten der Jagd. Auch der Gejagte wird von ihr beschützt. Zu ihren Eigenschaften zählen Reinheit und Jungfräulichkeit, wobei sich dieses Bild im Lauf der Geschichte auch umgekehrt hat.[12] Auch die Jungfräulichkeit steht bei einer Göttin der Geburt logischerweise zur Disposition. In Bezug auf die Entführung sind die beiden wichtigsten Aspekte, dass man Diana sowohl mit dem Jäger als auch mit dem Wild in Verbindung bringen kann.

II. Gaston und Diana

Die Jagd wird hier zum beziehungsstiftenden Spiel zwischen zwei Menschen gemacht, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Diese Jagd, auf die sich die beiden Protagonisten Diana und Gaston nur teilweise freiwillig einlassen, wird von ihnen sehr unterschiedlich interpretiert. Während Gaston versucht, die Jagd aus ihrem ursprünglichen Kontext zu lösen und für seine Liebeserklärung an Diana zu nutzen, scheint Diana diese inszenierte Jagd aus dem bedingten Bereich des Spiels in den unbedingten Raum der Jagd auf Leben und Tod ziehen zu wollen. Sie will „auf Leben und Sterben“ von einem Jäger auf sein Schloss entführt werden, oder singt zumindest davon.[13] Schon an diesem Punkt rückt Diana also auch in die Nähe des Todes. Tod hat natürlich auch mit Reinheit zu tun in dem Sinne, dass etwas verschwindet. Warum will sie, dass ihr Entführer sein Leben riskiert? Reicht ihr erst das als Beweis wahrer Liebe? Liebe scheint Diana nicht im Sinn zu haben. Es geht um eine unbedingte Form der Jagd, die sich nicht als Spiel begreifen lässt. Gastons Motivation, sich auf die Wette einzulassen, besteht am Anfang darin „die Stolze zu demütigen“.[14] Gaston will also eine dominante Position, die des Jägers, einnehmen. Für Gaston verflacht die Jagd, die für Diana mit absoluter Freiheit verbunden ist, aber zum bloßen Spiel, er ist in diesem Sinne gar kein Jäger.[15] Sein Verständnis der Jagd beinhaltet keinen Ausbruch aus einer Ordnung, sondern deren Etablierung. Für ihn ist nicht alles der Jagd untergeordnet. Die Liebe oder zumindest das Begehren einer anderen Person stehen für ihn immer noch darüber. Erst als die Wette schon abgeschlossen ist, ahnt er, dass es auch für ihn um mehr geht: „Es war ihm wie eine prächtige Nacht, vor der eine marmorkalte Sphinx lag, er musste ihr Rätsel lösen, oder sie tötete ihn.“[16] Dies kann man auch als Hinweis darauf lesen, dass es in diesem Spiel nicht nur um Sieg oder Niederlage, sondern auch um Erkenntnis geht. Es geht auch um die Verständigung über Wissen, um die Klärung von Begriffen. Zwar scheint Dianas Einsatz höher zu sein, aber Gaston ahnt, dass das Verlachen im Fall des Scheiterns seine Existenz bedroht.[17] Er hätte dann seine Identität als Jäger verloren. Die Frau distanziert sich mit diesem Lachen vom Mann und stellt seine patriarchalische Überlegenheit in Frage.[18] Das Lachen würde Gastons Ordnung in Frage stellen. Insofern würde sich die Demütigung, die Gaston Diana beibringen wollte umkehren. Er will sich auf keinen Fall in eine unterlegene Position drängen lassen. Gaston will also auch beweisen, dass er ein Jäger und ein richtiger Mann ist. Für Gaston ist seine Rolle als Jäger auch ein Symbol seiner Männlichkeit. Dies zeigt sich zum Beispiel, wenn er auf Dianas Bemerkung, dass der König alles zahm gemacht habe und sie nur Grillen in den Hecken gefunden habe, antwortet, dass jeder wackere Bursche eine solche Grille leicht überholen könne.[19] In diesem Sinne kann man auch sein Urteil über Olivier lesen, dem er mangelnde Männlichkeit unterstellt, weil er es nicht geschafft hat Diana zu erobern.

III. Dianas Absichten

Es stellt sich auch die Frage nach Dianas Absichten. Da sie die meist als die Flüchtende erscheint überrascht es umso mehr, dass sie bevor die Wette zustande kommt so vehement die Initiative ergreift. Es ist Gaston, der ihr Lied als Aufforderung zur Entführung auffasst, wenn er fragt: „Und wenn es wirklich einer wagte?“[20] Worum geht es in diesem Lied? Zuerst singt Diana über die Nacht, die „samt Manschetten

[...]


[1] Joseph von Eichendorff; Werke in sechs Bänden: Dichter und ihre Gesellen, Erzählungen II.; Frankfurt am Main 1993; S. 507.

[2] Eichendorff; Entführung; S. 469, 474, 478, 484.

[3] Köhnke, Klaus; „Hieroglyphenschrift“; Untersuchungen zu Eichendorffs Erzählungen; Sigmaringen; 1986; S. 127.

[4] Link, Jürgen; Pfarr, Rolf; Semiotik und Interdiskursanalyse; in: Bogdal; Klaus-Michael (Hg.); Neue Literaturtheorien, Eine Einführung; Opladen 1997; S. 119.

[5] Carmill, Matt; Tod im Morgengrauen, Das Verhältnis des Menschen zu Natur und Jagd; Zürich 1993; S. 46.

[6] Carmill, Matt; Tod im Morgengrauen; S. 46.

[7] Carmill, Matt; Tod im Morgengrauen; S. 46.

[8] Carmill, Matt; Tod im Morgengrauen; S. 46.

[9] Carmill, Matt; Tod im Morgengrauen; S. 47.

[10] Mauser, Wolfram; Diana und Aktäon, Zur Angst – Lust des verbotenen Blicks; in: Roebling, Irmgard; Sehnsucht und Sirene, Vierzehn Abhandlungen zu Wasserphantasien; Pfaffenweiler 1992; S. 305.

[11] Mauser, Wolfram; Diana und Aktäon; S. 294.

[12] Mauser, Wolfram; Diana und Aktäon; S. 294.

[13] Eichendorff; Entführung; S.484.

[14] Eichendorff; Entführung; S. 482.

[15] Denneler, Iris; In Spiegelwänden tausendfach verdoppelt, Eine typologische und gesellschaftskritische Untersuchung zu Eichendorffs Erzählung „Die Entführung“; in: Aurora, Jahrbuch der Eichendorff – Gesellschaft; Sigmaringen1989 (49); S. 88.

[16] Eichendorff; Entführung; S. 485.

[17] Denneler, Iris; In Spiegelwänden; S. 79.

[18] Denneler, Iris; In Spiegelwänden; S. 79.

[19] Eichendorff; Entführung; S. 483.

[20] Eichendorff; Entführung; S. 484.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Joseph von Eichendorff: "Die Entführung" - Menschenjagd
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V160887
ISBN (eBook)
9783640739196
ISBN (Buch)
9783640739226
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsch, Germanistik, Joseph von Eichendorff, Die Entführung, Romantik, Jagd, Gender
Arbeit zitieren
Harald Kienzler (Autor), 2004, Joseph von Eichendorff: "Die Entführung" - Menschenjagd, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160887

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