Multikulturalität im Sport

Integration und kulturelle Konflikte im Profifußball


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Beispiele der Integration in Fußballnationalmannschaften
2.1 Französische Nationalmannschaft beiderWM
2.2 Deutsche U21-Nationalmannschaft bei der Junioren-EM

3 Konfliktpotenzial durch kulturelle Verschiedenheit und regionale Besonderheiten
3.1 Rassismus imFußball
3.2 Regionale Rivalitäten

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Fußball beschäftigt und begeistert jeden Tag weltweit Millionen von Menschen. Die Faszination, die dieser Sport zweifellos auszustrahlen scheint, fördert mehr noch als in anderen Sportarten den Zusammenhalt von Gruppen und schafft Zugehörigkeiten und Prozesse der bedingungslosen Identifikation. Die Anhängerschaft der großen Profivereine stellt sich mit einer derartigen Hingabe dar, die so kaum anderswo zu beobachten ist. Auch die Auswahlmannschaften der Länder vereinen oftmals ihre Nation in einer besonders intensiven Weise hinter sich.

Einige Faktoren nehmen im modernen Fußball jedoch Einfluss auf das traditionelle Zugehörigkeitsempfinden des Sportlers sowie des Betrachters zu seinem Verein oder seiner Nationalmannschaft.

Die zunehmende mediale Vermarktung des professionellen Sports und die Entwicklung des bloßen athletischen Wettstreits hin zum gesellschaftlichen Großereignis beeinflusst das Verhalten der Akteure sowie des Publikums ganz erheblich. Der Sportzuschauer wird in hochmodernen Arenen und mit der Fernsehübertragung eines Spiels aus jedem denkbaren Blickwinkel immer mehr zum Konsumenten einer Unterhaltungsdienstleistung gemacht und die Konzentration verlagert sich vom reinen sportlichen Mitfiebern mit dem Heimatverein hin zur oftmals erfolgsabhängigen Sympathie mit einem Club, deren Ursprünge nur zum Teil in lokaler Zugehörigkeit liegen. Wie bei jedem Eingriff in ein vormals bestehendes vermeintliches gesellschaftliches Gleichgewicht bleibt es jedoch nicht aus, dass sich konträr dazu Gruppierungen formieren, in denen Vereinstreue und lokale Zugehörigkeit höchste Priorität besitzen.

Zudem bewirkt die Entwicklung der ursprünglichen Sportvereine, die heute zunehmend als Wirtschaftsunternehmen verstanden werden müssen, dass kulturelle und lokale Zugehörigkeiten auf Seiten der Sportler selten werden. Fußballspieler scheinen in erster Linie Arbeitnehmer zu sein, deren sportliches Handwerk sie in großen konkurrierenden Wirtschaftsbetrieben ausüben und dabei nicht unerhebliche Verdienste für ihre Leistungen empfangen. Vereine sind am Erfolg orientiert und können geeignetes Spielermaterial für Geld erwerben und handeln auf einem weltweit organisierten und unter Vermittlern aufgeteilten Transfermarkt. Nur schwer ist es in diesem ökonomisch orientierten Umfeld denkbar, dass Spieler aus reinem Heimatgefühl ihre körperliche Leistungsfähigkeit im gesamten Verlauf ihres Sportlerlebens nur ihrem Stammverein zur Verfügung stellen. Auch die großen Sportverbände stehen im ständigen Wettstreit miteinander und nutzen jede Möglichkeit, um ihre Auswahlmannschaften als eigenes Aushängeschild mit den bestmöglichen Sportlern zu besetzen. Dies entfacht einen Kampf um die nationale Zugehörigkeit von Spielern mit mehreren Staatsbürgerschaften und verändert den Blick auf die Nationalmannschaften der Länder im Wettstreit.

Diese Verschiebungen bezüglich der Bedeutung von regionaler, nationaler und kultureller Zugehörigkeit eröffnen eine Vielzahl von Perspektiven.

In dieser Hausarbeit wird der moderne Fußball auf seine kulturellen Erscheinungen hin untersucht. Dazu werden zunächst zwei europäische Auswahlmannschaften als Beispiele für den Umgang mit Integration und Multikulturalität innerhalb eines national repräsentativen Kollektivs betrachtet.

Danach wird auf die möglichen Probleme eingegangen, die durch die fortschreitende kulturelle Vermischung und die einhergehende Herausbildung extremen Denkens entstehen. Zudem stehen auch regionale Rivalitäten mit gesellschaftlich-kulturellem Hintergrund im Blickpunkt.

Schließlich soll beantwortet werden, inwieweit der Fußball die Möglichkeit hat, Integration und Zusammengehörigkeit in einer multikulturellen Welt auch abseits des Sports zu fördern. Außerdem stellt sich die Frage, ob die kulturellen Entwicklungen im Fußball eher ein Abbild allgemeiner gesellschaftlicher Umstrukturierung sind oder ob der Sport generell einen Vorbildcharakter besitzt, der sich bei angemessener Wahrnehmung positiv aufdas menschliche Zusammenleben auswirken kann.

2. Beispiele der Integration in Fußballnationalmannschaften

Nationalmannschaften besitzen in der Regel einen gesonderten Stellenwert in der Wahrnehmung durch den Beobachter. Sie werden aus den jeweils besten Spielern eines Landes gebildet und repräsentieren den nationalen Fußballverband bei kontinentalen Wettbewerben und Weltmeisterschaften. Durch die kolonialstaatliche Vergangenheit einiger europäischer Länder und verschiedene unterschiedlich bedingte Einwanderungsentwicklungen kommt es immer wieder dazu, dass Sportler mit Migrationshintergrund mehrere Staatsbürgerschaften und damit auch das Spielrecht für mehrere Nationalmannschaften besitzen. Dabei müssen sie sich allerdings für eine Nation entscheiden, der Einsatz in offiziellen Spielen ist nur in einer Nationalmannschaft gestattet. Die Entscheidung ist nicht umkehrbar. Im Folgenden werden zwei Nationalmannschaften unter diesem Aspekt genauer betrachtet.

2.1 Französische Nationalmannschaft bei der WM 1998

Die Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich endete am 12.07.1998 im Stade de France in Paris mit einem 3:0 von Gastgeber Frankreich gegen Brasilien. Frankreich war damit erstmals Weltmeister und dementsprechend feierte man jene 22 Sportler, die dem Land auf großer öffentlicher Ebene zu Aufmerksamkeit verhalfen. Einem dieser Akteure wurde jedoch besonders gehuldigt. Zinedine Zidane, der Sohn einer eingewanderten Arbeiterfamilie aus Algerien, erzielte im Endspiel zwei Kopfballtore und verhalf der Mannschaft damit entscheidend zum Titelgewinn. Zidane stand damit aber nur stellvertretend für eine ganze Reihe von Spielern des Kaders, die ihre Wurzeln ursprünglich nicht im heutigen Frankreich hatten. Von den 22 nominierten Spielern hatten 12 einen Migrationshintergrund vorzuweisen.

„Die Equipe Tricolore des Gastgebers Frankreich gewann den WM-Titel durch Tore des Sohnes algerischer Einwanderer, dem weltbesten Fußballer der 90er Jahre, Zinedine Zidane. Die Mannschaft war mit Spielern wie Thuram, Makelele, Viera, Desailly, Karambeu, Lama, Henry, Trezeguet, Djorkaeff, Barthez und Lizarazu ein äußerst erfolgreiches buntes Gemisch mit Wurzeln in West- und Nordafrika, Armenien, Argentinien, den Antillen, der Karibik und Spanien: „Black-Blanc-Beur“, so der Schlachtruf derfranzösischen Fans.“1

Vor der Weltmeisterschaft gab es in Frankreich immer wieder kritische Stimmen zur Nominierung von Trainer Aimé Jacquet. Trotz der zeitlichen Distanz zu historischen Ereignissen wie dem Algerienkrieg und dem Ende der Kolonialstaatlichkeit in Europa wurden die Einwanderer von Teilen der Gesellschaft noch immer äußerst kritisch betrachtet und gerade in Bezug auf die Fußballnationalmannschaft sah es nicht jeder gerne, wenn beispielsweise die Mehrzahl der Spieler dunkelhäutig war. Nach Ende der Weltmeisterschaft verstummten diese Stimmen zunächst, doch die Einwanderer selbst mussten bald feststellen, dass sich an der grundlegenden Akzeptanz ihnen gegenüber nicht viel verändert hatte.

"Man akzeptiert uns nur als Franzosen", sagen die jungen farbigen Staatsbürger dort, "wenn es um Sport, besonders um Fußball geht und wir da erfolgreich sind, nicht aber im normalen öffentlichen Leben des Landes und schon gar nicht in den Sphären der politischen und wirtschaftlichen Macht."2

Während und kurz nach der Weltmeisterschaft 1998 schienen alle Franzosen geschlossen hinter ihrer Nationalmannschaft zu stehen und der Herkunft der Akteure keine Bedeutung beizumessen. Augenscheinlich veränderte sich dies zusehends wieder, als der Erfolg verblasste. Außerhalb des Sports und der breiten öffentlichen Wahrnehmung waren nach dem ersten Triumph einer derart multikulturell aufgestellten Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft kaum Folgen zu verzeichnen. Bereits 2001 musste ein Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Algerien in Paris in der Folge von Ausschreitungen beendet werden, weil sich zwischen den Migranten aus den Pariser Vororten und der Staatsgewalt Diskrepanzen auftaten. So wurde zum Beispiel die Französische Nationalhymne von der farbigen Bevölkerung boykottiert und führende Politiker mit Gegenständen beworfen, weil die jungen Bürger mit Migrationshintergrund sich nicht ausreichend berücksichtigt und akzeptiert sahen.

Es ist in diesem Fall zu beobachten, dass sich die Akzeptanz der Sportler mit Migrationshintergrund tatsächlich nur auf den Sport beschränkt. Kein Franzose möchte sich vorstellen, wie viel schwächer eine ausschließlich französisch-stämmige Nationalmannschaft im Vergleich zur momentanen Situation wäre. Dass die Migranten jedoch auch die fußball-fernen Gesellschaftsteile ebenso bereichern könnten, wird bei weitem nicht als so selbstverständlich angesehen.

2.2 Deutsche U21-Nationalmannschaft bei derJunioren-EM 2009

Die deutsche Junioren-Nationalmannschaft wurde 2009 mit einem Kader Europameister, in dem 11 von 23 Spielern einen Migrationshintergrund aufzuweisen hatten. Welchen Stellenwert diese Akteure für die Mannschaft hatten, zeigt das Auftaktspiel gegen Spanien. In der Startformation fanden sich 9 dieser Spieler mit Migrationshintergrund wieder und bildeten damit den Großteil des erfolgreichen Teams.

„Tunesische Wurzeln hat der Kapitän der U21, Sami Khedira. Für den Sohn einer deutschen Mutter und eines tunesischen Vaters stand nie zur Debatte, für welches Land er spielt. "Ich habe mich trotz Anfragen aus Tunesien schon sehr früh entschieden.

[...]


1 Andreas Merx 2006, Dossier Fußball & Integration, Nationalmannschaft und Integration, Heinrich-Böll- Stiftung

2 Hans Woller, Dezember 2005, Dossier Fußball-WM 2006, Bundeszentrale für politische Bildung

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Multikulturalität im Sport
Untertitel
Integration und kulturelle Konflikte im Profifußball
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Individuelle und interkulturelle Diversität
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V161048
ISBN (eBook)
9783640742530
ISBN (Buch)
9783640742875
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Integration, Fußball, Kultur, Migration
Arbeit zitieren
Philipp Nawroth (Autor:in), 2010, Multikulturalität im Sport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161048

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