Die Physiologie der Moral bei Nietzsche und Dawkins


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung: Darwinismus, Sozialdarwinismus und Dawkins´ Gen-Egoismus

3. Nietzsches Position zur Physiologie in der Genealogie der Moral

4. Nietzsches Verhältnis zum Darwinismus

5. Die Physiologie der Moral bei Nietzsche und Dawkins

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seiner „Genealogie der Moral“ fragt Nietzsche nach den Ursprüngen, der Herkunft und der Entwicklung unserer moralischen Wertbegriffe und -urteile. Sein Hauptanliegen dabei war die Untersuchung der Relevanz von moralischen Werten für das Leben.

Zu Beginn werde ich eine begriffliche Einführung in die für diese Arbeit relevanten Elemente des Darwinismus, Sozialdarwinismus und der Dawkinschen Genegoismus-Theorie geben.

Die vorliegende Arbeit möchte anfangs klären, welche Position Nietzsche zum Darwinismus vertritt. In diesem Kontext ergibt sich auch die relevante Frage, ob Nietzsche für oder gegen sozialdarwinistische Thesen plädiert. Nietzsche schließt die erste Abhandlung seiner „Genealogie der Moral“ mit einer Anmerkung, in der er interdisziplinäre, moral-historische Studien an Universitäten motivieren will, um eine „Rangordnung der Werthe“ zu bestimmen. In diesem Kontext postuliert er den Vorrang physiologischer vor psychologischen Ausdeutungen des Wertes der Moral. Da Nietzsche an einigen relevanten Stellen in der GdM Moral aus einer physiologischen Perspektive beschreibt, ist es aufschlussreich für das Nietzscheanische Verständnis von Moral, diese physiologisch zu erläutern und mit einer aktuellen physiologischen Auffassung der Moral aus einer biogenetischen Position zu vergleichen. In diesem Kontext ist es weiter sinnvoll, Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten der beiden Standpunkte herauszuarbeiten. Es ist notwendig, zuerst Nietzsches Position zum Darwinismus und danach seine Position zum Sozialdarwinismus zu erläutern, um anschließend eine physiologische Gegenüberstellung der Moral bei Nietzsche und Dawkins erheben zu können, weil im Gegensatz zum Darwinismus im Sozialdarwinismus die Moral erstmalig eine Rolle spielt. Somit ist die Erläuterung von Nietzsches Position zum Sozialdarwinismus ein wichtiges Glied in der Erläuterung der Physiologie der Moral bei Nietzsche und Dawkins.

2. Begriffsklärung: Darwinismus, Sozialdarwinismus und Dawkins´ Gen-Egoismus

Die von Charles Darwin entwickelte Evolutionstheorie ist im engeren Sinn eine Abstammungslehre. Ihr zufolge produzieren alle Lebewesen mehr Nachkommen als zum Arterhalt notwendig wären, so „[…] daß kein Land das Erzeugte zu nähren imstande wäre.“[1] Unter diesen Nachkommen gibt es nun Individuen, die hinsichtlich ihrer Formen und Eigenschaften von der Norm abweichen. Diese Abweichung bezeichnet Darwin als Variation[2]. Nun setzen sich genau die Individuen mit denjenigen veränderten Eigenschaften im „Kampf ums Dasein“[3] durch, deren veränderte Eigenschaften am besten an die Umwelt angepasst sind. Die Veränderung kommt durch einen vermehrten Gebrauch oder Nichtgebrauch der Körperteile zustande.[4] Die Individuen mit den veränderten Eigenschaften, die am besten an die Umwelt angepasst sind, vermehren sich auch deswegen verstärkt. Die Auslese – die Selektion – der am besten Angepassten führt nun zu einer Weiterentwicklung der Art. Die Veränderung der Eigenschaften findet jedoch nicht in großen Sprüngen, sondern in Form kleiner Abänderungen über längere evolutionäre Zeiträume hinweg statt.[5] Diese schrittweise Entwicklung nennt man Gradualismus. Ein weiteres Merkmal der darwinschen Evolutionstheorie ist die Speziation, d.h., dass sich aus der Aufspaltung einer gemeinsamen Urart mehrere Unterarten mit neuen Eigenschaften herausbilden.[6] Es kommt somit sowohl zu einer Vervielfachung der Arten als auch zu einer Bildung neuer Arten.

Daher ist der Darwinismus im weiteren Sinne die biologische Theorie der Entwicklung aller Lebewesen aus einer oder wenigen Urformen in der Art eines Stammbaums.

Wie beschrieben wurde, zeichnet sich die darwinsche Evolutionstheorie durch vier charakteristische Merkmale aus: Natürliche Selektion, Gradualismus, Speziation und gemeinsame Abstammung.

Aus dem Begriff des Sozialdarwinismus kann man bereits dessen grundsätzliche Bedeutung ablesen: In der Position des Sozialdarwinismus werden Merkmale des Darwinismus auf die menschliche Gesellschaft übertragen. Ausgangspunkt hierfür waren die Überlegungen Herbert Spencers, auf den die Formel „Überleben des Tüchtigsten“ („survival of the fittest“) zurückzuführen ist. Der Sozialdarwinismus geht davon aus, dass auch in den gesellschaftlichen Verteilungskämpfen die Tüchtigsten überleben und sich vermehren und ihre nach dem Selektionsprinzip erworbenen Eigenschaften und Fähigkeiten an ihre Nachkommen weitergeben.[7] Das bedeutet, dass ein hoher gesellschaftlicher Selektionsdruck die soziale Weiterentwicklung und den Fortschritt der Menschheit fördert und deswegen politisch nicht verringert werden sollte. Vor diesem Hintergrund ist das Selektionsprinzip im Sozialdarwinismus Erklärung und Legitimation gesellschaftlicher Verhältnisse zugleich.

Sowohl der Darwinismus als auch der Sozialdarwinismus weisen an dieser Stelle bereits zwei Gemeinsamkeiten auf: Zum einen wird in beiden Theorien ein göttlicher Eingriff in das Naturgeschehen ausgeschlossen. Im Hinblick auf die Weiterentwicklung muss die Erklärung einer göttlichen Privilegierung von Individuen und Gattungen im Darwinismus sowie einer göttlichen Privilegierung bestimmter Menschen oder Menschengruppen im Sozialdarwinismus der Erklärung durch natürliche und gesellschaftliche Selektion weichen. Zum anderen kann der Darwinismus den Anspruch geltend machen, dass er die langsame, schrittweise Entwicklung der Arten erklären kann, wohingegen der Sozialdarwinismus den langsamen Prozess der Entwicklung gesellschaftlicher (Macht-)Verhältnisse zu erläutern im Stande ist. Wenn man nun die beiden Theorien in einer Gesamtschau unter der Voraussetzung, dass auch der Mensch sowie die Gesellschaft Teil des Naturverlaufs sind und Entwicklung synonym für Fortschritt steht, betrachtet, dann liegt der Schluss nahe, dass der Forschritt nicht nur auf der Ebene der Entwicklung der Arten, sondern auch auf der gesellschaftlichen Ebene gesichert ist. Betrachtet man den Sozialdarwinismus nun vor dem Hintergrund der Moral, so ist es moralisch völlig vertretbar, wenn es einem Menschen gut geht und einem anderen schlecht, da diese Zustände Folge einer natürlichen Selektion sind.[8] Der der sozialdarwinistischen Selektion implizite Fortschrittsgedanke legitimiert den Status quo einer Gesellschaft, da dieser Ausdruck einer natürlichen Entwicklung ist. Der natürliche Status quo einer Gesellschaft braucht moralisch nicht gerechtfertigt zu werden und das bedeutet, dass der natürliche Status quo einer Gesellschaft einen höheren Stellenwert genießt als die Moral.

Dawkins führt die gesamte Entwicklung des Lebens auf die Selektion von Genen zurück. Hierbei setzen sich diejenigen Gene durch, die die meisten Kopien von sich anfertigen konnten. Dawkins´ Theorie beginnt auf der Ebene der Moleküle, die die Eigenschaft besitzen, von sich Kopien anzufertigen.[9] Diese Moleküle bezeichnet er als Replikatoren. Nun setzen sich genau diejenigen Replikatoren durch, die in Verbindung mit anderen Molekülen „Überlebensmaschinen“ wie z.B. den menschlichen Körper bauten.[10] Der Körper ist ein Vehikel der Moleküle, jedoch kein Replikator; Replikatoren sind einzig die DNA-Moleküle.[11]

Im Gegensatz zu Darwin behauptet Dawkins, dass sich eine Verhaltensweise nicht durchsetzt, wenn sie dem Wohl der Art dient, sondern sie setzt sich genau dann durch, wenn sie dem Wohl der Gene in Form einer Überlebensmaschine, d.h. dem Individuum dient. Nicht die Art, sondern das Individuum ist die Grundeinheit der Evolution. Es besteht eine Konkurrenz der Gene um ihre Verteilung in der nächsten Generation. Besonders allele Gene stehen in direkter Konkurrenz, weil sie sich nur darin unterscheiden, wie sie eine Aufgabe erfüllen.[12] Gene müssen deshalb „egoistisch“[13] sein, d.h. ihre Verbreitung auf Kosten anderer Gene erhöhen. Nun gibt es neben den Genen als biologische Replikatoren nach Dawkins auch noch kulturelle Replikatoren, die sog. Meme. Ein Mem ist eine Art Gedankenbaustein, der ähnlich zum Gen die Merkmale der Selektion, des Gradualismus, der Speziation sowie das der gemeinsamen Abstammung aufweist. „So wie Gene sich im Genpool vermehren, indem sie sich mit Hilfe von Spermien und Eizellen von Körper zu Körper fortbewegen, verbreiten sich Meme im Mempool, indem sie von Gehirn zu Gehirn überspringen, vermittelt durch einen Prozeß, den man im weitesten Sinne als Imitation bezeichnen kann.“[14]

Vor der These des egoistischen Gens scheint nun das Phänomen altruistischen Verhaltens unerklärbar, da Egoismus und Altruismus entgegengesetzte Begriffe sind. Dawkins erklärt altruistisches Verhalten aus der Perspektive von genetischer Verwandtschaft durch den Verwandtschaftsgrad.[15] Bei nahen Verwandten besteht eine mehr als durchschnittliche Chance für den gemeinsamen Besitz von Genen. Unter den engsten Verwandten (Eltern, Kindern und Geschwistern) beträgt die Chance, dass der andere das gleiche Gen trägt, 50 Prozent. Wenn also die Gefahr oder der Schaden für den Helfer nur halb so groß ist wie der Gewinn für den Empfänger, dann hat das Gen auf diese Weise eine höhere Chance sich zu verbreiten.

Das bedeutet, dass der Genegoismus altruistisches und / oder moralisch korrektes Handeln auslöst, weil es aus Sicht der Gene nützlich ist, d.h. ihrer Verbreitung dient.

[...]


[1] Darwin, 1906, S. 40.

[2] Anstelle von Variation spricht man heute von Mutation (lat. mutatio = Veränderung, Wechsel).

[3] Hier ist auf die Bedeutung des Ausdrucks „Kampf ums Dasein“ hinzuweisen: „Ich will hier bemerken, daß ich den Ausdruck >>Kampf ums Dasein<< in einem weiten und metaphorischen Sinne gebrauche; er bezieht sich auf die gegenseitige Abhängigkeit der Wesen voneinander, und (was wichtiger ist) nicht allein auf das Wesen des Individuums, sondern auch auf mögliche Nachkommenschaft.“ Darwin, 1906, S. 39.

[4] Vgl. Darwin, 1906, S. 12.

[5] Vgl. ebd. S. 219.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. Regenbogen / Meyer, 2005, S. 615f.

[8] An dieser Stelle begeht der Sozialdarwinismus einen naturalistischen Fehlschluss, in dem illegitim von einem Sein auf ein Sollen geschlossen wird. Man kann aus rein deskriptiven Aussagen keine normativen Aussagen ableiten.

[9] Vgl. Dawkins, 2008, S. 57.

[10] Vgl. ebd. S. 63.

[11] Vgl. ebd. S. 413.

[12] Vgl. ebd. S. 71. Als Allele werden Gene bezeichnet, die in direkter Konkurrenz um die Erfüllung einer Aufgabe stehen, weil sie an derselben Stelle im Genom sitzen können. Sie unterscheiden sich einzig darin, wie sie diese Aufgabe lösen.

[13] Es ist klar, dass der Ausdruck „Das egoistische Gen“ eine Personifizierung ist. Gene resp. DNA-Moleküle haben kein Bewusstsein und deshalb können sie auch nicht egoistisch sein. Egoismus bedeutet hier einen Vorteil i.S. einer Eigenschaft des einen Gens, der einen Vorrang vor einem anderen Gen sichert.

[14] Vgl. Dawkins, 2008, S. 321.

[15] Vgl. ebd. S. 171.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Physiologie der Moral bei Nietzsche und Dawkins
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Textseminar: Nietzsche: "Zur Genealogie der Moral"
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V161148
ISBN (eBook)
9783640744886
ISBN (Buch)
9783640745326
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Sehr gut gelungen ist der inhaltliche Hauptteil Ihrer Arbeit: Ihre Ausführungen zum Vergleich Dawkins/Nietzsche sind umfassend und differenziert und Ihre Argumentation ist überzeugend und stringent. Gelungen ist auch die Einleitung, in der sie Ihre Fragestellung benennen und die Gliederung Ihrer Arbeit kurz präsentieren und begründen."
Schlagworte
Physiologie, Moral, Nietzsche, Dawkins
Arbeit zitieren
Marcus Gießmann (Autor), 2010, Die Physiologie der Moral bei Nietzsche und Dawkins, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161148

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Physiologie der Moral bei Nietzsche und Dawkins


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden