Was ist behavioristisches Denken?


Essay, 2005

3 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Was ist behavioristisches Denken?

Der Behaviorismus als Lehre vom Verhalten und seiner Anpassung an die Umwelt verdankt sich im Wesentlichen der Instrumentalisierung technischer Vernunft innerhalb der neuzeitlichen Naturwissenschaft, die von Anbeginn die Beherrschung der Natur zum Wohle der Menschheit anstrebte. Die in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts sich entwickelnden, als Abkömmlinge des naturalistischen Stroms der Psychologie anzusehenden behavioristischen Theorien sind bestimmt vom Fortschrittspathos insbesondere der aufblühenden Technik, an welcher sie sich unmittelbar orientieren. So wie der Mensch durch die von ihm hervorgebrachten technischen Errungenschaften sich sein Leben erleichtert und Genuss verschafft, so sollte die Erforschung des Verhaltens eben zur Verbesserung desselben beitragen. Die unmittelbare praktische Ausrichtung, die Anwendbarkeit der Psychologie im Leben, zu der, so lautet der Vorwurf beispielsweise J. B. Watsons, die bisherige Bewusstseinspsychologie nicht taugte, machte zunächst die Attraktivität des Behaviorismus aus, dessen Anhänger sich mit ihren Ansichten in das dominierende, vom Herrschaftswillen und den Glauben an die scheinbar unendliche Möglichkeit der Selbsterschaffung getragene, von Perfektionismus und der Selbstdefinition des Menschen über Leistung und äußerlichen Erfolg, über Ziele und Zahlen geprägte Weltbild nahtlos einfügten. Die Pädagogik wurde dabei vorzugsweise zum Anwendungsgebiet auserkoren, um die Utopie des die ganze Welt umgestaltenden, <<neuen>> Menschen zu verwirklichen. Durch wechselseitige Verhaltenskontrolle bzw. der von B. F. Skinner propagierten <<programmierten Instruktion>> sollte der praktische Fortschritt aufgrund von mehr oder weniger willkürlicher Modellierung der Person und mitunter ethisch zweifelhaften Experimenten sich vollziehen. Zudem rückte die Entwicklung der Verhaltenstherapie in den Brennpunkt des Interesses, die einen vermeintlich raschen Erfolg versprach, indem man sich nicht mehr die Mühe eines geduldigen Verstehens des Patienten machen zu müssen glaubte, die Not des Patienten, die Angst, die Identifikationskrisen und Gefühlsambivalenzen das Selbsterleben – auch das des Therapeuten, der der Maxime folgte immer den anderen, nie sich selbst zum Gegenstand der Forschung zu machen - außer acht ließ und stattdessen unter Ausschluss tiefer liegender Störungen die psychischen Symptome per Gegenkonditionierung des als erlernt aufgefassten, unangepassten Verhaltens einzudämmen suchte.

Dem Behaviorismus liegt ein erkenntnistheoretisches Modell zugrunde, das an die tabula rasa Theorie J. Lockes anknüpft. Die Psychogenese eines Menschen wird im Behaviorismus lerntheoretisch im Sinne von einfachen Reiz-Reflex Verbindungen als Herausbildung <<bedingter Reflexe>> vorgestellt, die potentiell beliebig variieren können. Die Existenz von bedeutungsvollem Angeborenem wird abgelehnt. Damit eine Person ein wünschenswertes Verhalten hervorbringt, käme es insofern lediglich auf die Setzung der entsprechenden Reize an, die dann zu den erwünschten Reaktionen führten. Der dem innewohnende Gedanke, nämlich dass im Grunde jeder alles werden kann, entsprach natürlich der Idee des <<american dream>>, so dass der Behaviorismus auch als amerikanische Psychologie schlechterdings und Hauptrepräsentant dessen, was die USA im 20. Jahrhundert darstellen galt.

Die subjektive Bedeutungsverleihung aller Gegebenheiten, mithin die geistigen Einstellungen und Haltungen einer Person, die sich in ihren Handlungen ausdrücken werden vom Behaviorismus methodisch vollkommen ausgeklammert bzw. ganz verleugnet. Diese höchst fragwürdige Reduktion des Menschen rein auf das beobachtbare Verhalten korreliert einerseits mit der Herkunft des Behaviorismus aus der Tierpsychologie, wo man meinte auf keinerlei mentale Prozesse bei der Erforschung tierischen Lernens angewiesen zu sein, andererseits mit dem Bestreben, die Psychologie zu einer exakten Naturwissenschaft zu machen und einem positivistischen Wissenschaftsideal, das die Methode des Quantifizierens, in diesem Falle von Erleben und Verhalten zum Totalanspruch erhebt, des weiteren mit der Intention alle Erscheinungen auf einfachste Mechanismen zurückzuführen. Hiermit entstand eine die Autonomie des Menschen als Fiktion verwerfende Psychologie ohne Seele, innerhalb deren die psychische Innenwelt eliminiert, mentale Begriffe wie Geist, Empfindungen, Gedanken, Gefühle strikt vermieden wurden.

In gewisser Weise führen die Behavioristen den radikalen Zweifel des Descartes an der Erkenntnis konsequent fort, denn hier wie dort gilt die Grundannahme, dass nur der Außenstandpunkt, die mathematisch-naturwissenschafliche Methode zu gesicherten Einsichten über den Menschen führt. Bereits das dualistische Weltbild des Descartes, die von ihm supponierte Trennung des Körpers, den er als seelenlosen Automaten betrachtete, vom Geist, der seiner Auffassung nach der Materie unvermittelt gegenübersteht, verband sich mit der prinzipiell negativen Einstellung hinsichtlich der Gefühle als Inbegriff des Undefinierbaren und Dunklen, objektiv nicht recht zu Fassenden. Im Behaviorismus wird nun allerdings dem Geist überhaupt keine Beachtung mehr geschenkt und das Verhalten nach dem Modell der Newtonschen Mechanik in strenge Kausalzusammenhänge eingepfercht, teils auf physiologische Zusammenhänge zurückgeführt, teils als Reaktionen auf von außen kommende Reize erklärt.

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Ende der Leseprobe aus 3 Seiten

Details

Titel
Was ist behavioristisches Denken?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Grundansätze der Psychologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
3
Katalognummer
V161175
ISBN (eBook)
9783640775217
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Denken
Arbeit zitieren
Tobias Fiege (Autor), 2005, Was ist behavioristisches Denken?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161175

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