Krieg und Frieden in der frühen Neuzeit bzw. im Zeitalter des 30-jährigen Krieges


Seminararbeit, 2007
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Übersicht und Intention

2 Der 30-jährige Krieg - Charakteristik

3 Kriegs- und Friedenstheorien am Vorabend des 30-jährigen Krieges
3.1 Der „Gerechte Krieg“ und Bellizismus
3.1.1 Krieg als Notwendigkeit: Augustinus und der Krieg um Glauben
3.1.2 Frieden durch rationale Gewalt: Niccolò Machiavelli´s „Il Principe“
3.1.3 Grotius 1625: „De iure belli ac pacis“ und die Verrechtlichung des Krieges
3.1.4 Mangelndes gesellschaftliches Friedensverständnis
3.2 Friedenstheorien und Friedensaufrufe: Motoren des „Westfälischen Friedens“
3.2.1 Jean Bodin: De la Republique 1577 und Michel de L´Hôspitals Rede
3.2.2 Erasmus von Rotterdam: Querela pacis - Die Klage des Friedens
3.2.3 Emeric Crucè´s Le Nouveau Cynée 1623 und Herzog von Sully´s Le Grand Dessein 1523: Frieden für den ganzen Erdkreis
3.2.4 Utopien: Morus 1516, Campanella 1602 und Bacon

4 Zwischenfazit: Der „ewige Frieden“ als Lächerlichkeit

5 Theorie der Bellizität: Der 30-jährige Krieg als Ursache der Staatenentstehung

6 Der „Westfälische Friede 1648“ und seine Bedeutung für die Entstehung moderner Staatstheorien (Hobbes, Kant, Rousseau und Locke)
6.1 Renaissance und Verlangen nach Rechtssicherheit: Plädoyer für den „ewigen Frieden“
6.1.1 Der „ewige Friede“ in der Praxis
6.1.2 Der „ewige Friede“ in der Staatstheorie
6.2 Herstellung der Staatlichen Souveränität und Errichtung des internationalen Systems
6.2.1 Das „Gleichgewichtsdoktrin“ in der Praxis
6.2.2 Das Souveränitätsdenken in der Staatstheorie
6.3 Stärkung des Föderalismusgedanke
6.3.1 Der Föderalismusgedanke in der Praxis
6.3.2 Idealisierung in der Staatstheorie
6.4 Religiöse Toleranz und Religionsfreiheit

7 Schlussgedanken und Diskussionsbeiträge der Unterrichtsstunde

8 Literatur

1 Übersicht und Intention

„Si vis pacem, para bellum“ - Eine geschickte Kriegsvorbereitung (para bellum) soll Krieg verhindern helfen. So lautet die Maxime der aktuellen Konfliktforschung und Friedenssicherung (vgl. Senghaas 2004: 17). Friede wird demnach heute als ein gesellschaftspolitischer Wert erachtet, den es zu halten gilt da nur durch ihn Wohlstand geschaffen werden kann. Die Epoche, in der umgekehrt Krieg als Normalzustand galt, ja sogar verherrlicht wurde, ist gerade mal ein paar hundert Jahre alt. Die Epoche reicht zurück in die frühe Neuzeit, eine besonders für den Bildungsprozess der modernen Nationalstaaten relevantes Zeitgeschehen.

Einen Überblick darüber, inwiefern sich die Geschehnisse der frühen Neuzeit auf unser heutiges Politisches System auswirken, soll dieses Essay geben. Ziel ist die Darstellung von Staatsbildungsrelevanten Theorien, die innerhalb der frühen Neuzeit bzw. im Rahmen der Auseinandersetzungen der damaligen Intellektuellen mit Krieg und Frieden verfasst worden sind. Die Arbeit untersucht die Zeiträume unmittelbar vor Ausbruch des Kriegsgeschehens, die entstandenen Theorien während des Treibens sowie die Auswirkungen des Westfälischen Friedens. Letzteres geschieht dadurch, dass jene Vertragselemente des Westfälischen Friedens von 1648 herausgearbeitet werden, die zentrale Bedeutung für die weitere staatstheoretische Entwicklung besitzen. Zusätzlich wird auf den Gedanke von Burkhardt eingegangen, der mit seiner Theorie der „Bellizität“ darstellt, inwiefern nicht die Existenz der Staaten an sich, sondern vielmehr ihr Entstehungsprozess zum Kriegsgeschehen beitragen kann. Die Arbeit befasst sich demzufolge mit folgenden zentralen Fragestellungen:

a) Welche gesellschaftspolitischen Ursachen sind für den Kriegsausbruch festzustellen?
b) Welche friedens- und kriegstheoretischen Leistungen wurden in der Zeit vollbracht, die vor allem für die spätere Staatenbildung relevant sind bzw.
c) welche friedenstheoretischen Anstrengungen wurden unternommen, um Kriege zu verhindern?
d) Welche gesellschaftlichen und institutionell-staatlich relevante Veränderungen hat der Krieg gebracht?

2 Der 30-jährige Krieg - Charakteristik

Mit dem Zerfall des weströmischen Reiches sollte es fast 1000 Jahre dauern, bis in Europa wieder ein ähnlich kodifiziertes Rechtssystem geschaffen wurde und das Ende des mittelalterlichen „dunklen Zeitalters“ Europas einleitete (vgl. Koppe 2001: 117): Die Verträge des Westfälischen Friedens von 1648 setzten den 30 Jahre anhaltenden und brutalen Kriegsverwirrungen ein Ende und waren zugleich Anfang einer neuen Ära.

Bis das Mittelalter von der „frühen Neuzeit“ abgelöst wurde, sprach man quasi von einem „faktischen Stillstand“ der Zivilisation auf „niedrigen Niveau“ (Koppe 2001: 117). Kontinuierliche Kämpfe zwischen Kleinfürsten und Bischöfen während fast des ganzen Mittelalters schufen letztendlich ab dem 10. und 11. Jahrhundert größere Staatseinheiten wie etwa das westfränkische/französische oder das deutsche Königtum und „Römisches Reich deutscher Nation“ (Koppe 2001: 117).

Dem Dreißigjährigen Krieg ging der Hundertjährige Krieg zwischen den Königen Frankreichs und England voraus. Beides waren sie Glaubens- und Machtanspruchskriege, die sich aus nur durch kurze Friedenszeiten unterbrochenen einzelnen Teilkriegen zusammensetzten und deswegen als ein einziger Krieg von der Bevölkerung wahrgenommen wurden. In der Literatur werden diese Teilkriege vereint durch Charakteristiken und Eindrücken von Dichtern der damaligen Zeit, die den Krieg beschrieben als „…etwas Herausragendes, das den Erfahrungshorizont der normalen Kriege in Alteuropa überschreite“ (Burkhardt 1992: 18). Datiert werden die Teilkriege, aus denen sich der 30-jährige Krieg zusammensetzt, zwischen den Jahren 1617 - 1620 (vgl. Burkhardt 1992: 18) bzw. 1648 (vgl. Koppe 2001: 117).

Burkhardt (1992, 15ff.) bezeichnet den 30-jährigen Krieg als „den Krieg der Kriege“. Im frühneuzeitlichen Europa empfand man die Kriegswirren als ein Krieg mit besonders langer Dauer und besonders schweren Auswirkungen für die Weiterentwicklung Kontinentaleuropas. Aufgrund der Vielzahl der verschiedenen Teilkriege, die sich alle auf den europäischen Kontinent ereigneten, war eine Unterscheidung nur noch schwer möglich, so dass diese als ein einziges Kriegsgewirr von der Bevölkerung wahrgenommen wurden. Burkhart spricht von „Kriegsverdichtung“. Neben der Kumulierung verschiedenster, lose miteinander verknüpfte Konflikte beteiligten sich zugleich fast alle größeren Mächte der damaligen Zeit. Der 30- jährige Krieg kann demzufolge als ein erster internationaler Krieg der Neuzeit angesehen werden.

3 Kriegs- und Friedenstheorien am Vorabend des 30-jährigen Krieges

In diesem Kapitel erfolgt eine kurze Bestandaufnahme der vorherrschenden Einstellung innerhalb der Gesellschaft europäischer Großmächte, wie sie am Vorabend als auch während des 30-jährigen Krieg herrschte. Trägt die bellizistische Affinität zum Ausbruch des Krieges bei, so kann man davon ausgehen, dass es die frühneuzeitlichen Friedenstheoretiker als „Rufer wider dem Krieg“ zu verdanken ist, die dem verbrecherischen Treiben ein schnelleres Ende setzen konnten als z. B. den 100-jährigen Glaubenskrieg 1337 - 1453 zwischen England und Frankreich. Beide gesellschaftlichen Tendenzen, Kriegsverherrlichung und Friedensappelle, werden im Folgenden vorgestellt.

3.1 Der „Gerechte Krieg“ und Bellizismus

3.1.1 Krieg als Notwendigkeit: Augustinus und der Krieg um Glauben

Was Platon bereits um etwa 400 v. Chr. in seinem ersten Buch seiner Politea im Gespräch mit Polemarchos formulierte, nämlich dass „der Gerechte in keinem Falle jemandem Schaden zufügt“ (vgl. Platon 2001: 28), wird 1000 Jahre später durch Augustinus revidiert. Eine Legitimation für kriegerisches Handeln somit zu schaffen, lag wohl kaum in den Absichten Augustinus, dennoch tat er es: In seinem um 410 geschriebenen berühmtesten Werk, „Vom Gottesstaat“, beschreibt er die Geschichte der Menschheit als „den Schauplatz des Ringens zwischen Glaube und Unglaube“ (vgl. Blum et al 1997: 65). Gleichzeitig legalisiert er darin den Krieg, indem er die These des „gerechten Krieges“ darin vertritt, die später von Hugo Grotius (1548 - 1645) aufgegriffen wurde:

Obwohl Krieg als Sünde galt und somit einen absoluten Gegensatz zum Frieden in der damaligen Zeit darstellte, wurde er doch mit ihm vereint. Die Vereinigung vollzog sich dann, wenn ein Krieg um „des Friedens willen“ nötig war (vgl. Koppe 2001: 141). Frieden war nur möglich durch Gerechtigkeit, was einen sog. „Zwangsfrieden“ gutheißen würde.

Das Problem dabei ist die Willkür derer man sich bedienen kann: Es lag in den Augen des Betrachters oder viel mehr der damaligen weltlichen und kirchlichen Herrscher, wann ein Krieg als „gerecht“ und wann als „ungerecht“ betitelt wurde. Machiavellis Aufforderung, dass nur allein der Fürst über Krieg und Frieden zu bestimmen hatte (vgl. 3.1.2) untermauerte dies. Die Institutionalisierung von Verbrechen gegen die Menschheit und Menschlichkeit, die seit dieser Zeit die Europäische Geschichte durchzog, hat ihre Wurzeln in dieser moralischen Rechtfertigung. Sie beginnt in der europäischen Geschichte mit der Verkennung der Absichten Jesus unter Papst Urban 10951 und verfolgt uns übrigens bis in die Gegenwart, wenn Bush jun. seine Invasion in den Irak mit der Ausrottung der „Achse des Bösen“ entschuldigt.

3.1.2 Frieden durch rationale Gewalt: Niccolò Machiavelli´s„Il Principe“ 1513

Macchiavelli verstärkte, wohl ungewollt, ebenso das kriegskulturelle Denken in der frühen Neuzeit und verhinderte mit seinen Thesen, dass Friedensvorstellungen die nötige Resonanz fanden (vgl. Koppe 2001: 150). Erasmus Plädoyer an die Herrscher, lieber die Herrscherposition aufzugeben als aus diesem Grunde ein schlechter Mensch zu werden (vgl. Kap. 3.2.2), wird durch Machiavelli ins Gegenteil verkehrt in dem er fordert: “… vom Guten solange nicht ablassen, wie es m ö glich, aber sich zum B ö sen wenden, sobald es n ö tig “ (Ottmann 2006: 15). Ziel Machiavellis ist es nicht mehr, einen Herrscher zu einem guten Menschen zu erziehen, sondern Herrschaft selbst zu stabilisieren. Ottmann (vgl. 2006: 15) bezeichnet Machiavellis Werk als ein „Handbuch der Techniken der Macht“.2

Für einen Bruch mit der Moral plädiert Machiavelli nach Meinung der Autorin jedoch nur scheinbar, denn Macht kann der Fürst nur erhalten, wenn er das Volk sich zum Freunde macht. Nur das Volk vermag in schlechten Zeiten seinen Sturz, sei es durch eine interne Verschwörung oder durch das Volk selbst, zu verhindern. Dies kann aber nur geschehen, wenn der Principe den Schutz des Volkes übernimmt und ihn „Gutes“ tut (vgl. Machiavelli 1986: 79):

„… bei der Aneignung eines Staates (muss) der Eroberer (zwar) alle Gewalttaten in Betracht ziehen ( … ) die zu begehen n ö tig ist, und dass er alle auf einen Schlag auszuführen hat, damit er nicht jeden Tag von neuem auf sie zurückzugreifen braucht, sondern, ohne sie zu wiederholen, die Menschen beruhigen und durch Wohltaten für sich gewinnen kann. ( … ) Wohltaten ( … ) muss man nach und nach erweisen, damit sie besser wahrgenommen werden

(Machiavelli 1986: 73).

Grausamkeiten sind für Machiavelli dazu da, den Schrecken zu beenden, als ein Schrecken ohne Ende zu generieren (vgl. Ottmann 2006: 16). Der wütende Tyrann wird dadurch jedoch nicht gerechtfertigt, dennoch scheint es im Principe zunächst einerlei, ob ein Tyrann an der Macht ist oder nicht. Wichtig sei, dass der Herrscher als guter Herrscher scheine, egal ob er es tatsächlich sei oder nicht.3 Hass- und Feindgefühle des Volkes gegenüber dem Herrscher sind absolut zu vermeiden, denn nur so können innere Verschwörungen seiner Machtposition nichts anhaben. „Gut geordnete Staaten und kluge Fürsten waren mit Eifer darauf bedacht, (…) das Volk zufrieden zu stellen und bei guter Stimmung zu halten“ (Machiavelli 1987: 147).

Der Bruch zu den Platonikern und zum Christentum wird bei Machiavelli trotzdem deutlich: Während von Platon über das Christentum bis Cicero „gutes Tun“ stets mit einem transzendenten Wesen begründet wurde (sei es die Idee des Guten oder Gott selbst), ist es bei Machiavelli umgekehrt der Macherhalt, der den Handelnden zum Tun von „Guten“ zwingt. Nicht das „Gute“ rechtfertigt bei Machiavelli Machterhalt, wie es den Leuten zur damaligen Zeit vorgegaukelt wurde, sondern umgekehrt, Machterhalt die gute Tat. Sophistisch formuliert: Nicht das „Gute“ legitimiert bei Machiavelli das „Böse“, sondern das „Böse“ das „Gute“. Mag sein, dass Machiavelli erkannt hatte, dass transzendente Gründe bei den Herrschern nicht griffen und Unterdrückung und Schikane sowieso die Regel waren. Mag sein, dass er deshalb versuchte, den Spieß umzukehren, indem er die „Mäuse mit dem Speck zu fangen“ suchte. Gefährlich war dennoch seine offene Aussprache für die Rechtfertigung und Notwendigkeit der Herrscher, grausame Taten zu vollziehen (ohne ein grausamer Herrscher zu sein!), insofern diese des Machterhaltes und Stabilität diente.

[...]


1 1095 rief Papst Urban II. zu den Kreuzzügen auf, um gegen „Ungläubige“, „Ketzer“ und „Häretiker“ vorzugehen. Das maximale Ausmaß dieser Perversität von „Glaubenskriegen“ wurde erreicht, in dem Männer, Frauen und Kinder von einem offiziell ernannten „Großinquist“ durch die „heilige Inquisition“ bis ins 18. Jahrhundert niedergemetzelt wurden (vgl. Koppe 2001: 129).

2 Niccolo Machiavelli (1469 - 1527)

3 In seinen „Discorsi“ von 1513 - 1519 l lässt sich Machiavelli dafür umsomehr die Tyrannis aus, in der er sie als “Verabscheuungswürdige“, die nichts anderes vom Volk zu erwarten hätten als „Schande, Vergeltung, Schmach, Gefahr und Aufregung“ (vgl. Ottmann 2006: 31 zit. n. Disc. I, 19).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Krieg und Frieden in der frühen Neuzeit bzw. im Zeitalter des 30-jährigen Krieges
Hochschule
Hochschule für Politik München
Veranstaltung
Grundformen der politischen Ordnung - Der moderne Staat
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
25
Katalognummer
V161201
ISBN (eBook)
9783640747047
ISBN (Buch)
9783640747214
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische Theorie, 30jähriger Krieg, Staatstheorie, Konfliktforschung, Bellizismus, gerechter Krieg, Kriegsforschung, Friedenstheorie, Politische Systeme, Demokratie, Westfälischer Friede
Arbeit zitieren
Ramona Seel (Autor), 2007, Krieg und Frieden in der frühen Neuzeit bzw. im Zeitalter des 30-jährigen Krieges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161201

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