Joseph Beuys - zwischen Kunst und Kult


Seminararbeit, 2009

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Analyse
2.1 Der erweiterte Kunstbegriff und die soziale Plastik
2.2 Die Person Joseph Beuys
2.3 Beuys und die Figur des Schamanen
2.4 Materialien

3. Zusammenfassung

Literatur

1. Einleitung

Joseph Beuys war einer der berühmtesten deutschen Nachkriegskünstler, der nicht nur künstlerisch, sondern auch gesellschaftspolitisch aktiv war. Seine Werke und Aktionen erscheinen dem Betrachter bis heute meistens schwer greifbar, vielleicht sogar rätselhaft. Er verwendete nicht nur ungewöhnliche Materialien für seine Kunst, sondern brachte diese auch in einen ungewohnten Kontext. Doch seine Kunst nicht unmittelbar greifbar zu machen war von ihm intendiert, denn er wollte Denkprozesse provozieren. Er entwickelte die Definition eines erweiterten Kunstbegriffs und konzipierte daraus die Vorstellung einer sozialen Plastik als allumfassendes Kunstwerk. Er wollte sein Wirken und Schaffen gerade nicht im musealen Bereich verhaftet sehen, sondern in die Gesellschaft und Politik eindringen. Dabei betonte er stets seine Einheit von Künstler, Politiker und Pädagoge. Seine eigene Person spielte eine entscheidende Rolle bei seiner künstlerischen Arbeit. Im Zuge der Entwicklung wurde auch sein Äußeres ab einem bestimmten Zeitpunkt gewissermaßen uniformiert. Man kennt ihn gekleidet in Anglerweste, Jeans, Lederstiefel und den legendären Filzhut. Er trug diese Kleidung privat sowie während seiner Aktionen, wodurch die Grenze zwischen Privatmann und Künstler verschwamm. Es ist in der Folge ein regelrechter Kult um seine Person entstanden.

Der Begriff Kult wird im Allgemeinen für die Bezeichnung von religiösen oder spirituellen Handlungen genutzt. Wenn man den Begriff etwas weiter fasst, kann man aber sagen, dass bereits eine Gemeinschaft, die wie auch immer geartete Rituale nutzt, um eine Person zu huldigen, einen Kult praktiziert. Neben dem Durchführen von Ritualen sind auch andere kultische Handlungen möglich, beispielsweise das Halten von Predigten, das gemeinsame Beten oder aber die Inszenierung von Mythen, also von nicht belegten Erzählungen, die den Anschein von Wahrheit erwecken. Erst durch die Bereitschaft einer Gemeinschaft kann eine Person zu einer Kultfigur werden. Allerdings kann die Person, die kultisch verehrt wird, diesen Kult um die eigene Person auch begünstigend beeinflussen, indem sie sich durch bestimmte Verhaltensweisen oder Handlungen zu einer Projektionsfigur oder einem Vorbild macht. Ein gewisses Charisma ist dabei sicherlich Voraussetzung. Menschliche Kultfiguren scheinen abgegrenzt von der Gemeinschaft einen nahezu unantastbaren Status zu haben.

Das Spannungsfeld zwischen Beuys als Privatperson und Kultfigur soll im Folgenden kritisch betrachtet werden. Ein besonderes Augenmerk soll darauf liegen, was Beuys selbst dazu beigetragen hat, zu einer Kultfigur zu werden und inwieweit er dies beabsichtigte. Dazu werde ich zunächst auf den erweiterten Kunstbegriff Beuys’ eingehen und schließlich auf dessen Ausformung im Rahmen der sozialen Plastik. Besondere Beachtung finden anschließend die Person Beuys an sich und seine Rolle als Schamanen. Abschließend werden die von Beuys am häufigsten eingesetzten Materialien betrachtet.

2. Analyse

2.1 Der erweiterte Kunstbegriff und die soziale Plastik

Beuys’ anthropologische Intention, die Kunst und das Leben nicht mehr isoliert voneinander zu betrachten, sondern in eine untrennbare Beziehung zueinander zu stellen, geht auf ein angebliches Erlebnis in seinem Leben im Jahre 1943 zurück: Er war im Krieg Sturzkamfflieger und wurde in jenem Jahr aus einer Höhe von 600 Metern über der Krim abgeschossen. Schwer verletzt ist er zunächst dem hohen Schnee und der eisigen Kälte schutzlos ausgeliefert, wird aber schon bald von vorbeiziehenden nomadischen Tartaren gefunden und acht Tage lang gepflegt. Seine Verletzungen reiben sie mit Fett ein, sie wickeln seinen Körper in Filz und nähren ihn unter Anderem mit Honig. Er wird wieder gesund und schließlich von einem Suchkommando gefunden und in ein Lazarett gebracht.[1] Von dieser Geschichte, die Beuys immer wieder selbst erzählt hat, hat wahrscheinlichjeder schon einmal gehört, der sich schon einmal für Beuys interessiert hat. Es konnte aber belegt werden, dass die Geschichte nicht den biografischen Tatsachen entspricht, es sich also um einen von Beuys geschürten Mythos handelt. So heißt es bei Müller, dass Beuys zwar tatsächlich in einem Sturzkampfflieger über der Krim abgeschossen wurde, sich in Wirklichkeit aber unmittelbar danach in einem Krankenhaus befunden hat. Von dort aus hat er nämlich einen Brief an die Ehefrau seines Co-Piloten geschrieben, der bei dem Abschuss getötet wurde.[2] Es drängt sich die Frage auf, warum Beuys diese unwahre Geschichte verbreitet hat. Zunächst wird esjedoch darum gehen, wie Beuys zu seinem erweiterten Kunstbegriff kam. Aufgrund der nicht verarbeiteten Kriegserlebnissen machte sich in ihm um 1955 ein "depressiver Erschöpfungszustand" breit. Hinzu kamen finanzielle Probleme. Der Zustand war aber nicht nur eine Belastung, sondern zugleich Ausgangspunkt zu einer Neuerung, der einen geistigen Prozess in ihm auslöste. Beuys brachte von diesem Zeitpunkt an Krankheiten mit psychischen Krisen in Verbindung. Er kam zu der Ansicht, dass Krisen darauf drängen, überholte Denkmuster los zu lassen und sich neue an zu eignen.[3] Er sah Krisen demnach fortan als Zustände, die eine Entwicklung anstoßen und etwas vorher nicht da Gewesenes entstehen lassen. Diese Überzeugung übertrug er auf die Kunst, was später in den erweiterten Kunstbegriff mündete. Kunst war für Beuys eine traditionelle menschliche Ausdrucksform, die nicht verschwinden sollte, aber die seiner Ansicht nach dringend erweitert werden musste.[4] Beuys propagierte schließlich, dass jeder Mensch ein Künstler sei. Es heißt in der Literatur: „Kreativität wird von Beuys nicht auf den Bereich der bildenden Kunst eingeschränkt. Die erweckte gestaltungsfähige Kraft kann auf allen Gebieten tätig werden, muß [sic] zum Lebensprinzip werden. Der freie kreative Mensch ist Grundlage und Baumeister der neuen Gesellschaft. Er ist der Träger der Revolution, der umwälzenden Neuerungen.“[5] Kreativität ist demnach für Beuys nicht nur dem Künstler zu eigen, der etwa ein Bild malt oder eine Skulptur meißelt, sondern ist allen Menschen zu eigen. Sie zeigt sich im Prinzip in allen alltäglichen Aktivitäten, die Menschen verrichten. Die These, dass jeder Mensch ein Künstler ist, soll nicht bedeuten, dass jeder schöne Bilder zu malen in der Lage ist. Beuys meint vielmehr, dass jeder Akt im Leben eine kreative Handlung ist, da jeder Akt das Denken und die Fähigkeit zur Anpassung an Gegebenheiten erfordert. Deutlich einher geht dies mit einem politischen Anliegen nach aktiver Teilnahme eines jeden an der Demokratie. Um die Gesellschaft grundlegend zu verändern, was seiner Meinung nach notwendig war, brauchte es die Hilfe aller. Aussagen wie: „Sie müssen alle ins aktive Mitgestalten hineinkommen, und das ist ja der wesentliche Punkt des erweiterten Kunstbegriffs. [...] So ist diese Sache um den erweiterten Kunstbegriff die zentrale Frage unseres Lebens geworden." und "Also der erweiterte Kunstbegriff sagt ja nichts anderes, als daß [sic]jeder Mensch ein Künstler ist [...].“[6] bringen dies auf den Punkt.

Beuys war dagegen, dass seine Kunst interpretiert wurde. Er schlug vor, lieber zu beschreiben, was man sah, denn dadurch wurde es möglich, in den Bereich dessen zu kommen, was er meinte. Die Kunst sollte schließlich nicht unmittelbar auf etwas stoßen, sondern dazu antreiben, dass der Betrachter selbständig denkt und dadurch zu Erkenntnissen kommt oder zumindest etwas erspürt, denn damit gerate immerhin etwas in Bewegung. Deutlich heißt es: "Kunst ist nicht zum Verstehen da, sonst brauchte [sic] es keine Kunst zu geben. Es könnten dann logische Sätze in Form von Texten zum Beispiel sein."[7] Hier wird im Übrigen auch deutlich, wie wenig Kunst für Beuys mit ästhetischem Selbstzweck oder gar Dekoration zu tun hat, was in der Kunst damals wie heute auch eine Rolle spielen kann. Verstehen heißt bei Beuys nicht, eine in sich geschlossene Interpretation zu finden. Seine Arbeiten wollen durch ihre Ausstrahlung Gedankenprozesse und Assoziationen anregen, verborgene menschliche Erfahrungen freisetzen und das Bewusstsein verändern. Sich mit dem Beschreiben von Werken oder dem Erspüren zufrieden zu geben, dürfte allerdings fielen Menschen schwer fallen, da einen dies in der Unsicherheit zurück lässt. Der Betrachter von Beuys’ Kunst muss die Bereitschaft haben, sich einzulassen und auseinander zu setzen und gegebenfalls keine schnellen Antworten zu finden. Dass der Betrachter leicht im Rätselhaften stecken bleibt, dürfte auch dazu beigetragen haben, dass Beuys ein Kultstatus anhaftet. Allzu leicht entsteht das Gefühl, dass man die Botschaft des "genialen" Künstlers nur nicht verstanden hat, sie aber mit Sicherheit da ist. Dies gibt ihm einen besonderen Status und eine gewisse Unantastbarkeit.

Der erweiterte Kunstbegriff mündet schließlich in den der sozialen Plastik. Das traditionelle Kunstverständnis, in dem der Schaffende bildende Kunstwerke schafft, wird von Beuys auf weitere Tätigkeiten ausgedehnt. Jeder einzelne gestaltet die Gesellschaft, Kultur, Politik und Umwelt mit und formt sie somit plastisch. Die Gesellschaft sollte durch soziales Verhalten und Handeln neu plastisch geformt werden. Konkret heißt dies, dass die Demokratie wahrhaftiger werden sollte. Besonders der Begriff der Plastik veränderte sich durch Beuys insofern, als er sich auf alles, was zum Leben gehört, bezog. Plastik wurde allumfassend.[8] Auch Denkprozesse zählten dazu[9] Zum plastischen Modellieren des Denkens sind alle dem Menschen zur Verfügung stehenden Mittel adäquat, wie etwa auch das Sprechen.[10] Den Weg, seine Kunst den Menschen näher zu bringen, sah Beuys in der Provokation. Durch nichts anderes hätte er Aufmerksamkeit bekommen. Er wollte über seine Kunst diskutieren, um dadurch den Menschen seinen erweiterten Kunstbegriff nahe zu bringen. Er provozierte durch Arbeiten, die in Form und Inhalt den konventionellen Maßstäben nicht entsprachen. Sie verschlossen sich gängigen Interpretationsansätzen. Dazu heißt es in einem Zitat: „Es ist doch gar nicht schlimm, wenn die Leute aggressiv werden [...]. Dann kommen wir wenigstens ins Gespräch [...]. Provokation heißt immer: Jetzt wird auf einmal was lebendig. Wenn das alles schon so verhärtet ist, dann muss man doch das mal wirklich generell anstoßen, dass das alles Mal hochkommt [...]. Aber das habe ichja erreicht durch meine Plastiken, dass die Leute sich darüber aufgeregt und dann darüber gesprochen haben.“[11] Es war Beuys also bewusst, dass es schwierig sein würde, die Menschen von diesem neuen Bewusstsein über Kunst und Gesellschaft zu überzeugen. Er muss dem normalen Bürger mit seinen unkonventionellen Äußerungen und Aktionen "abgehoben" erschienen sein.

[...]


[1] Müller, Martin: Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt: Schamanismus und Erkenntnis im Werk von JosephBeuys, Alfter 1993, S. 35 f.

[2] Ebd., S. 36 f.

[3] Adriani, Götz [u. a.]: Joseph Beuys, Köln 1994, S. 40.

[4] Lunau, Sybille-Kathrin: Kunst zwischen Pathologie und Erlösung. Zur Anwendung und Erweiterung der Kunst bei Franz Rosenzweig und Joseph Beuys, Münster 1996, S. 165.

[5] Harlan, Volker [u.a.]: Soziale Plastik. Materialien zu Joseph Beuys, Achberg 1976. S. 102.

[6] Fischer, Knut: Joseph Beuys im Gespräch mitKnutFischer und WalterSmerling, Köln 1989, S. 47 ff.

[7] Schellmann, Jörg: Zu den Multiples von Joseph Beuys, München 1992. S.20.

[8] Adriani 1994. S.54 f.

[9] Lunau 1996.S.187f.

[10] Adriani 1994, S. 55.

[11] Fischer 1989, S.16.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Joseph Beuys - zwischen Kunst und Kult
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Religionswissenschaft)
Veranstaltung
Seminar „Künstlerkult von der Romantik bis in die Gegenwart"
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V161204
ISBN (eBook)
9783640745760
ISBN (Buch)
9783640746361
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beuys, Kult, Kunst, Schamane, Mythos, Kultfigur, soziale Plastik, erweiterter Kunstbegriff
Arbeit zitieren
Miriam Sowa (Autor), 2009, Joseph Beuys - zwischen Kunst und Kult, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161204

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