Die Inszenierung von Geschlechterrollen bei Jürgen Klauke

Die Serie "Transformer" aus dem Jahr 1973


Seminararbeit, 2010
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Aufbau der Serie Transformer
2.1. Bildbeschreibung
2.2. Das Medium Fotografie

3. IdentitätundGeschlecht
3.1. Körperlichkeit
3.2. Das Männliche und das Weibliche
3.3.InszeniertesGeschlecht

4. Zusammenfassung

Abbildungen

Abbildungsnachweis

Literatur

1. Einleitung

Die Serie Transformer ist im Jahre 1973 entstanden und besteht aus drei Bildern, auf denen der Künstler selbst zu sehen ist. Die Fotografien zeigen ihn frontal in enger, roter, glänzender Lederkleidung auf einem Sessel sitzend vor einem schlichten weißen Hintergrund. Durch seine Kleidung, die den Charakter von Fetischkleidung aufweist, begibt er sich in die Tradition der popkulturellen Entwicklungen der siebziger Jahre, vor allem des Glam Rock, in der androgyne Männlichkeit zu einem weit verbreiteten und massenwirksamen Phänomen wurde. Hinweise auf Weiblichkeit finden sich vor allem durch Kleidung und Schminke. Allerdings ist Klauke nicht bestrebt, das Männliche zu verstecken, vielmehr erzeugt er ein zwischen den Geschlechtern changierendes körperliches Konstrukt. Indem der Künstler weibliche und männliche Elemente auf der Oberfläche seines Körpers vermischt, also ein binär codiertes Subjekt darstellt, verwirrt er den Betrachter und thematisiert herrschende Diskurse über Identität, Geschlecht, gängige geschlechtliche Rollenschemata und Körperlichkeit.

Zu Beginn der siebziger Jahre befand sich das Medium Fotografie noch in der Phase der Etablierung. Die Fotografie als künstlerisches Medium in Abgrenzung zum Medium der Dokumentation hatte sich noch nicht vollständig durchgesetzt und bot daher Raum zum Experimentieren.

Die Analyse beginnt mit einer Bildbeschreibung der dreiteiligen Serie Tranformer. Danach folgt eine kurze Darstellung der charakteristischen Eigenschaften des Mediums Fotografie an sich, dem Stellenwert für Klaukes Arbeit allgemein und seine Relevanz für die Serie Transformer. Anschließend wird der Aspekt von Subjekt und Körperlichkeit diskutiert, um schließlich zu der Frage zu gelangen, in welcher Beziehung Geschlecht und Identität im Allgemeinen und im Speziellen bei Klaukes Arbeit stehen. Im Rahmen dessen wird ein besonderes Augenmerk auf die Inszenierung des Männlichen und Weiblichen gelegt, also darauf, auf welche Art und Weise Klauke Geschlechtlichkeit inszeniert. Im Vordergrund steht insgesamt vor allem der von Judith Butler breit thematisierte performative Aspekt, der Geschlechtlichkeit zukommt.

2. Aufbau der Serie Transformer 2.1 Bildbeschreibung

In der Serie Transformer (Abb.1-3), die aus drei Fotos besteht und im Jahre 1973 entstanden ist, istjeweils der Künstler selbst zu sehen. Er sitzt auf einem roten Sessel vor einem hell-weißen Hintergrund. Der Ort ist in keiner Weise näher bestimmt oder definiert.

Er trägt glänzende rote Lederstiefel mit breiten hohen Absätzen und eine eng anliegende rote Lederhose. Seine Beine sind jeweils übereinander geschlagen. Über dem nacktem Oberkörper, der eine deutliche Behaarung aufweist, trägt er eine rote Lederjacke mit rotem Pelzkragen. Seine Jacke, Hose und Stiefel glänzen, was ihnen den Charakter von subkultureller Fetisch-Kleidung verleiht. Um den Oberkörper hat er sich auf der Höhe der Brustwarzen einen Riemen geschnallt, an dem an der Stelle der Brustwarzen zwei phallusartige Gebilde befestigt sind, die nach oben ragen. Sein Gesicht ist mit weißer Schminke überzogen, seine Lippen leuchten kräftig rot. Auch seine Fingernägel sind tief rot lackiert. Über der Augenpartie trägt er eine Maske und um seinen Hals mehrere silberne Ketten in unterschiedlichen Längen.

Seine Körperhaltung auf dem ersten Foto (Abb.l) wirkt entspannt lässig: Er lehnt sich in seinem Sessel zurück und blickt den Betrachter durch die Maske hindurch an. Seine linke Hand hält diese Maske am Rand mit Daumen und Zeigefinger leicht fest, so als handelte es sich um eine Sonnenbrille, die er sich zurecht rückt. Die übrigen Finger sind dabei leicht abgewinkelt, wodurch sie der Pose eine gewisse Eleganz verleihen. Sein Mund ist leicht geöffnet, wodurch die Zunge sichtbar ist. Auf der zweiten Fotografie (Abb. 2) richtet sich der Künstler leicht auf und scheint den um seine Brust gespannten Riemen in die richtige Position zu rücken. Er beugt sich dem Betrachter entgegen und blickt dabei in Richtung Kamera. Auf der dritten Fotografie (Abb. 3) hebt er seine Maske mit der rechten Hand leicht an, wodurch sein rechtes Auge sichtbar wird. Mit der linken Hand führt er eines der phallusartigen Gebilde zum Mund und leckt daran mit seiner herausgestreckten Zunge.

2.2. Das Medium Fotografie

Die Fotografie ist ein Medium, das die Realität scheinbar dokumentarisch abbildet. Was auf einem Foto zu sehen ist, scheint dem abgebildeten Individuum genau zu entsprechen. Erst wenn wir uns klar machen, welche technischen Mittel zur Bildbearbeitung und Verfremdung zur Verfügung stehen, und dass abgebildete Individuen vor dem Akt des Fotografierens „hergerichtet“ werden (können), um dann „in Szene gesetzt“ zu werden, um dieses oder jenes darzustellen oder einen erwünschten Eindruck zu erwecken, können wir uns ein wenig von dem Glauben an die Authentizität des Abgebildeten abgrenzen. Der Verführung an diesen Glauben unterliegen wir dennoch immer wieder. Die Fotografie wird damit zu einem Bindeglied zwischen der Wirklichkeit und unseren Vorstellungen, Träumen, Wünschen, Projektionen und gesellschaftlichen und den damit verbundenen kulturellen Prägungen. Lange sah man die Fotografie fast uneingeschränkt als objektives Medium an, da sie anhand eines technischen Apparates nach optischen Naturgesetzen die Umwelt eben scheinbar neutral einfängt und wiedergibt.1 Doch schon Vertreter der sozial­dokumentarischen Fotografie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie etwa Dorothea Lange, sahen ein, dass eine Fotografie mehr abbildet als die objektive Realität.2 Man hinterfragte die Fotografie erst Jahrzehnte nach ihrem Aufkommen und ihrer Verbreitung hinsichtlich ihrer künstlerischen und auch gesellschaftlich-sozialen Inhalte. Und es kam erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu der Frage, welche Rolle dem abgebildeten Individuum auf einem Foto zukommt. Pultz sagt in diesem Zusammenhang: „Weder der Körper noch die Fotografie besitzen festgelegte Bedeutungen. Sie haben kein absolutes oder unveränderliches Wesen. Ihr Sinn wird durch soziale, historische und kulturelle Faktoren bestimmt.“3 Das bedeutet, dass kein menschlicher Körper ohne Sichtbarmachen von gesellschaftlichen Werten durch die Fotografie abgebildet und rezipiert werden kann. Was der Betrachter auf oder in einer Fotografie sieht, ist auch und vor allem das, was er selbst durch seine habituelle Prägung in sich trägt. Pultz zielt in dem angeführten Zitat demnach auch auf den Begriff Ideologie ab. Eine Ideologie, also ein System von Ideen, Vorstellungen, Mythen und Begriffen, setzt dem Individuum in einen identifikatorischen Bezugsrahmen, der bestimmte Wahrnehmungsprozesse, die für die Ideologie und ihre Reproduktion grundlegend sind, vorschreibt. Darüber hinaus ist der Begriff Repräsentation ein Schlüsselbegriff, denn er bedeutet nicht die schlichte Wiedergabe von etwas. So schreibt Angerer: „Diesem Begriff wird im deutschen Sprachgebrauch fälschlicherweise meist seine Mehrdeutigkeit entzogen, indem er ausschließlich als Darstellung verstanden wird. Doch Repräsentation bedeutet darüberhinaus [sic] auch Vertretung (im politischen Kontext) sowie Vorstellung. Diese Mehrfach-Bedeutung ist grundlegend, da sie der Kritik an einer essentiellen Definition von Subjekten Schranken setzt.“4 So war und ist das Medium Fotografie nie Mittel objektiver Repräsentation im Sinne von Darstellung, sondern beinhaltet weitere Aspekte und muss differenzierter wahrgenommen werden. Sie ist auch „Mittel sozialer Kontrolle bzw. „Strukturierung der Gesellschaft“, und zwar „im Hinblick auf Geschlechts-, Rassen-, und Klassenzugehörigkeit“.5 Pultz thematisiert des Weiteren den Begriff Subjekt, der im Sinne von Foucault nicht gleichzusetzen ist mit dem des Individuums, da dieses durch äußere beherrschende Einflüsse unter Kontrolle gehalten wird und nicht „frei“ ist in seinem Sein.6 Das Subjekt ist also das vergesellschaftete, von außen bestimmte Wesen, das sich den äußeren Machtstrukturen nie wird entziehen können. Ein Individuum hingegen wäre frei und selbst-bestimmt, daher existiert es im Sinne von Foucault nicht. Diese subtile Abgrenzung hinsichtlich der beiden Begriffe wird im Folgenden hinsichtlich ihrer Verwendung bzw. in Übereinstimmung mit dieser Logik berücksichtigt.

Zur Repräsentation von Subjekten heißt es bei Pultz: „Da diese Repräsentationen die Subjekte und ihre Wirklichkeit erst konstituieren, lassen sie sich nicht im Hinblick auf ein Reales (die unverzerrte Wirklichkeit) überprüfen: nicht die Wahrheit der Repräsentationen kann analysiert werden, sondern nur ihre Effekte.“7 Fotografische Abbildungen von Subjekten zeigen dem Betrachter also Anschauungen, durch die das abgebildete Subjekt erst zu einem solchen wird. Der Betrachter ist nicht in der Lage, ein Bild des Subjekts wahrzunehmen, das keine dies erst konstituierenden Aspekte enthält, denn das wahrgenommene Subjekt wäre keines, wenn diese fehlten. Der Betrachter ist schließlich auch selbst Teil des Systems, ist selbst Subjekt und konstituiert sich selbst in derselben Weise. Eine Wirklichkeit „an sich“ kann somit nicht wahrgenommen werden, sondern nur ihre Resultate und Auswirkungen.

In der feministischen Forschung thematisierte man in der Auseinandersetzung vor allem den männlichen Blick durch die Fotografie, da man zu dem Schluss gekommen war, dass das Weibliche dem Männlichen als das Objekthafte unterworfen war und somit ein Ungleichgewicht der Geschlechter vorlag, was seine Fortsetzung und Bestärkung in der Fotografie fand.8 „Die Photographie verschärfte also die Allmachtsphantasien eines ,definitorischen’ Blicks und die Codierung eines Sehens, das Männlichkeit mit Sehen und Weiblichkeit mit Betrachtet-Werden gleichsetzte.“9 Über das Medium Fotografie werden folglich auch geschlechtsspezifische Kodierungen abgehandelt, die ein gesellschaftliches Machtgefüge widerspiegeln. Dieser Umstand ist vor allem deshalb relevant, weil diese Strukturen schließlich auch vorgeben, was im Diskurs als normal zu betrachten ist. Fotografische Abbildungen wirken demzufolge performativ. Klauke thematisiert diese Eigenschaft von Fotografien, indem er sich selbst zum inszenierten Objekt des fotografischen Vorgangs macht und Attribute von Männlichkeit und Weiblichkeit am eigenen Körper vermischt, übersteigert und die Grenzen zwischen ihnen verwischt. Es heißt dazu genau: „Bildfigur ist stets der Künstler selbst, Autor und Akteur in einem. Er inszeniert sich selbst, d. h. er posiert in Kostüm und Maske, ausgestattet mit oft karikaturistisch überzogenen Accessoires. Von Selbstportraits zu sprechen, scheint nicht ratsam. Denn Klauke lotetja nicht sich selbst in seinen verschiedenen Facetten mit diesen oder jenen Abgründen seiner Persönlichkeit aus, sondern er stellt anhand seines eigenen Körpers Figuren dar, und er stellt mit den Requisiten Bilder her, in denen es um bestimmte Themen geht, um Sexualität, Gewalt, Einsamkeit. Er macht seine Figur zum Bild.“10 Klauke benutzt also seinen eigenen Körper als Medium. Seine Person ist dabei irrelevant, da er in Rollen schlüpft, um Fragen nach gesellschaftlichen Themen aufzuwerfen und aufzugreifen. Die Fotografie ist also für Klauke adäquates Medium, um die Realität seiner Körperlichkeit nach zu zeichnen, die er benötigt, um jene Aspekte zu transportieren, die sich auf einer Metaebene befinden.

3. Identität und Geschlecht 3.1. Körperlichkeit

Hinsichtlich der Körperlichkeit dreht es sich bei Klauke vor allem um den performativen Status der Geschlechter. Er stellt dem Betrachter die Frage nach sexueller Identität und der Definition von Männlichkeit in Abgrenzung zur Weiblichkeit. Er imitiert in der Transformer-Serie weiblich konnotierte Haltungen und verweist auch durch die Kleidung auf Weiblichkeit. Die Art, wie er Arm und Hand hält, wenn er die Maske auf einem der Bilder zurecht rückt, das Überschlagen der Beine, die Maske an sich, der feine Pelzkragen, der rote Lippenstift, der rote Nagellack - all dies sind Belege dafür. Der Körper reproduziert laut Butler kulturelle Normen und ist somit das Produkt eines normativen Prozesses, der den Körper zum Faktum macht, auf dessen Oberfläche sich ein kulturelles Bewusstsein ausagiert. Unterschieden wird zwischen sex als biologisches Geschlecht und gender, das auf die kulturellen Prägungen abzielt und damit zusätzlich die normativen Identitäts- und Rollenkonzepte widerspiegelt, die den Attributen männlich und weiblich zugeordnet werden.11 Zur geschlechtlichen Identität kommt es über performative Akte, die „in Übereinstimmung mit wiedererkennbaren Mustern der Geschlechter-Intelligibilität geschlechtlich bestimmt sind.“12 Die Plattform der Heterosexualität gibt demnach bestimmte Rollenschemata und Perspektiven vor, die als „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ gelten und damit auch identitätsbildend sind.

[...]


1 Pultz, John: Derfotografierte Körper, Köln und London 1995, S. 9.

2 Lange, Dorothea: Dorothea Lange looks at the American country woman, Fort Worth [u.a.] 1968, S. 5 f.

3 Pultz 1995,S.7f.

4 Vgl. Angerer, Marie-Luise (Hg.): The Body of Gender: Körper/Geschlechter/Identitäten, Wien 1995, S. 29.

5 Vgl. Pultz 1995, S. 10.

6 Pultz 1995, S. 9 f.

7 Vgl. ebd., S. 10.

8 Vgl.: Strunk,Marion(Hg.): Gender Game. Körper-Medien-Blicke - Männlichkeiten, Tübingen2002. S. 11ff.

9 Vgl. ebd., S. 14.

10 Strunk2002, S. 111.

11 Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main 1991, S. 190f.

12 Vgl. ebd., S. 37.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Inszenierung von Geschlechterrollen bei Jürgen Klauke
Untertitel
Die Serie "Transformer" aus dem Jahr 1973
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Kunsthistorisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar "Inszenierte Fotografie"
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V161208
ISBN (eBook)
9783640747054
ISBN (Buch)
9783640747221
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jürgen Klauke, Fotografie, Geschlechterrollen, Transformer, Inszenierung, Identität, Geschlecht, Performanz
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Miriam Sowa (Autor), 2010, Die Inszenierung von Geschlechterrollen bei Jürgen Klauke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161208

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