Ehrverlust bei den Unterschichtangehörigen in der Frühen Neuzeit


Hausarbeit, 2009

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – die Ehre und ihre Definition

2. Rolle der Ehre

3. Ehrverlust
3.1. Gründe für den Ehrverlust
3.1.1. Schand-, Ehren- und Körperstrafen
3.1.2. Ehrenhändel
3.2. Folgen des Ehrverlustes

4. Fazit

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

„Geld ist nicht die Hauptsache, Gesundheit ist viel mehr, die Ehre aber ist alles.“[1]

Heinrich Heine

1. Einleitung – die Ehre und ihre Definition

Aus dem Zitat von Heinrich Heine lässt sich die große Relevanz der Ehre für die Gesellschaft entnehmen. Auch wenn sein Zitat auf den ersten Blick übertrieben scheint, war die Ehre doch sowohl in der Zeit, in der Heine gelebt hatte, als auch im Mittelalter oder in der Frühen Neuzeit von zentraler Bedeutung.

In der frühneuzeitlichen Gesellschaft gab die Ehre Normen und Werte vor, sorgte damit für die Disziplinierung der Bevölkerung und diente sogar als eine Art Ersatz für die noch nicht vorhandenen Menschenrechte. Durch die Ehre konstituierte sich also der Wert jedes Einzelnen innerhalb einer Dorf- oder Stadtgemeinschaft.

Die Wichtigkeit der Ehre ergibt sich ebenfalls aus der Tatsache, dass sie mit materiellem und rechtlichem Kapital verknüpft war, worauf in dieser Hausarbeit noch eingegangen werden soll. Insofern war die Ehre entscheidend für die Entstehung von Armut und Randgruppen.

Die Ehre zählte in der Frühen Neuzeit zu den wichtigsten und allgemein anerkannten Grundwerten, trotzdem gestaltet sich die Formulierung einer Definition schwierig.[2] Das liegt vor allem an der Abstraktheit der Ehre, die einer der führenden Ehre-Forscher, Martin Dinges, mit dem Ungeheuer von Loch Ness verglich: „Es gibt Zeitgenossen, die dieses Tier ganz bestimmt gesehen haben, aber selten erfährt man Genaueres“.[3]

Klar und unumstritten ist jedoch, dass die Ehre zwei Ebenen umfasst – zum einen die Partizipation an bestimmten Werten als Begründung für die eigene Ehrwürdigkeit und zum anderen die Anerkennung dieser Ehrwürdigkeit durch andere Menschen.[4] Mit anderen Worten, es ist zwischen der inneren und der äußeren Ehre zu unterscheiden. Bei der äußeren Ehre handelt es sich um das öffentliche Ansehen, die Anerkennung und Achtung durch andere Mitglieder der Gruppe oder der Gesellschaft, also um die Reputation. Die innere Ehre hingegen meint das Selbstwertgefühl, das sich durchaus stark von der äußeren Ehre beeinflusst wird.[5] In dieser Arbeit soll die äußere Ehre im Mittelpunkt stehen, da es sich vor allem um die Ehre als einen durch die Öffentlichkeit konstituierten Wert handelt.

Inhalt und Bedeutung der Ehre waren je nach Zeit, Ort und sozialer Zugehörigkeit unterschiedlich und unterlagen außerdem einem ständigem Wandel.[6] Die Ehre war „zu keiner Zeit wirklich greifbar und definierbar“.[7] Am besten ist sie deshalb aus dem Kontext zusammenhängender Ehrauseinandersetzungen sowie durch die Gründe und Folgen des teilweisen oder kompletten Ehrverlustes zu verstehen.[8] Durch die Analyse dieser Kriterien soll in dieser Hausarbeit ein Versuch unternommen werden, das Phänomen der Ehre bzw. des Ehrverlustes konkreter darzustellen. Dabei soll weniger auf die „unehrlichen“ Berufe als Grund für den Ehrverlust eingegangen werden. Stattdessen wird dargestellt, auf welche Art und Weise die „ehrlichen“ Menschen ihre Ehre komplett oder teilweise verlieren konnten. Vor allem zwei Gründe spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle – die Ehrauseinandersetzungen, die so genannten Ehrenhändel, sowie die Schand-, Ehren- und Körperstrafen. Auf diese beiden Gründe für den Ehrverlust wird in dieser Arbeit ausführlich eingegangen.

Die Ehrforschung ist ein relativ junges Feld der Geschichtswissenschaft. Trotzdem kann man die Literaturlage als gut bezeichnen. Zu den wichtigsten Wissenschaftlern auf diesem Gebiet zählen unter anderem Richard van Dülmen, Martin Dinges und Jutta Nowosadtko. Ein grundlegendes Buch zum Verständnis der Ehre ist „Der ehrlose Mensch“ von Richard van Dülmen (Köln; Weimar; Wien 1999), in dem die Ehre in der frühneuzeitlichen Gesellschaft als ein komplexer und vielseitiger Wert dargestellt wird. Eine epochenübergreifende und sehr differenzierte Abhandlung bietet Dagmar Burkhart mit ihrem Werk „Eine Geschichte der Ehre“ (Darmstadt 2006). Bei den Sammelbänden sind vor allem zwei hervorzuheben – „Verletzte Ehre. Ehrkonflikte in Gesellschaften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit“ von Klaus Schreiner und Gerd Schwerhoff (Köln; Weimar; Wien 1995) sowie „Ehrkonzepte in der Frühen Neuzeit. Identitäten und Abgrenzungen“ von Sibylle Backmann, Hans-Jörg Künast, Sabine Ullmann und Ann B. Tlusty (Berlin 1998). Beide bieten zum einen Darstellungen mit regional und beruflich differenzierten Ehrkonzepten und stellen zum anderen neue interessante Fragestellungen vor.

Aufgrund großer Unterschiede im Ehrverständnis je nach Zeit, Stand und Region war es bei dieser Arbeit nicht möglich, eine klare Differenzierung vorzunehmen, ohne den vorgegebenen Umfang der Hausarbeit von 15 Seiten deutlich zu überstreiten. Das Thema scheint sehr breit gefächert zu sein, deshalb würde eine Differenzierung entweder den Rahmen sprengen, oder aber durch Auslassungen und Vernachlässigung der Unterschiede ein verzerrtes Bild liefern. Aus diesem Grund stellt die Hausarbeit nicht den Anspruch, auf konkrete Besonderheiten einzugehen, sondern zielt darauf, die Ehre und die Ehrlosigkeit im Ganzen darzustellen. Daraus kann zwar keine detaillierte, aber dafür eine möglichst allgemeingültige und die Grundwerte der frühneuzeitlichen Gesellschaft erfassende Darstellung entstehen.

Des Weiteren wird in der Hausarbeit vor allem auf die Unterschicht Bezug genommen. Die Dreiteilung Oberschicht-Mittelschicht-Unterschicht wird zwar in heutigen Geisteswissenschaften selten verwendet, trifft allerdings auf die frühneuzeitliche Gesellschaft zu. Auf die bürgerlichen und adeligen Ehrkonzepte und auf den Ehrverslust bei der Mittel- und Oberschicht soll deshalb nicht eingegangen werden.

Nach den bereits allgemein beschriebenen Grundzügen des Ehrphänomens soll anschließend die Rolle der Ehre für die zwischenmenschlichen Beziehungen erläutert werden, um die Definition der Ehre zu vervollständigen. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Frage, auf welche gesellschaftlichen Zusammenhänge die Ehrbarkeit der Person Einfluss nehmen konnte. Im darauf folgenden Abschnitt steht der Ehrverlust im Mittelpunkt, wobei nach einer kurzen Definition die wichtigsten Gründe analysiert werden. Schließlich erfolgt eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Ehrverlustes. Im Fazit wird dann die allgemeine Schlussfolgerung bezüglich der Bedeutung der Ehre für die frühneuzeitliche Gesellschaft vorgenommen.

2. Rolle der Ehre

Obwohl es schwer ist, eine allgemeingültige Definition zu finden, lässt sich mit großer Sicherheit sagen, dass die Ehre unabhängig von Stellung, ökonomischen Voraussetzungen, Geschlecht und Wohnort eine herausragende Rolle im Leben der Menschen in der Frühen Neuzeit spielte. Sie begründete den sozialen Status des Individuums innerhalb seiner Gruppe, aber auch innerhalb der Kommune, und war maßgebend für ein gutes Verhältnis mit den Nachbarn, beruflichen Erfolg, Wahl eines Ehepartners und Erwerb des Amtes in der Dorf- oder Stadtgesellschaft. Daraus folgt, dass niemandem seine Ehre gleichgültig sein konnte. Jeder sah es als seine Aufgabe an, über die eigene Ehre und die Ehre der Gruppe zu wachen und sie gegen Angriffe zu verteidigen, denn sie konnte sehr schnell beschädigt werden oder gar verloren gehen.[9]

Die Ehre setzte in der Gesellschaft klare Grenzen des Handelns, sie war konstitutiv für die Normen und diente als eine Art „’Matrix’ […], innerhalb derer der Einzelne wie auch die Gruppe agierten und ihre Rechte und Interessen zur Absicherung des Lebens gegen andere wahrnahmen“.[10] Die Kriterien konnten durchaus unterschiedlich sein, was man anhand der Ehrverletzungen, die im nächsten Abschnitt behandelt werden, sehen kann. „Ehre“ und „Unehre“ waren stets relative Begriffe, vor allem im Bezug auf Randgruppen und Unterschichtangehörige. Obwohl Mitglieder solcher Gruppen von den sozial und rechtlich höher stehenden Schichten grundsätzlich als unehrlich angesehen wurden, besaßen sie selbst einen eigenen Ehrenkodex und konnten sich somit untereinander „ehrlich“ verhalten.[11]

Als Indikator für die Reputation bzw. soziale Wertschätzung einer Person innerhalb der frühneuzeitlichen Gesellschaft wurde die Ehre durch die Öffentlichkeit konstituiert. Ehrbares Verhalten wurde mit Zuwachs an Ehre belohnt, unehrliches Handeln führte zum Ehrentzug bis hin zur völligen Ehrlosigkeit. Die Ehre war zwar ein symbolisches Kapital, ließ sich allerdings auch materialisieren, indem ein „gutes“ Leben durch informelle Beziehungen innerhalb der Gesellschaft mit Unterstützung (beispielsweise durch die Hilfe der Nachbarn) in schweren Lagen belohnt werden konnte.[12]

Vor allem die Gesetze der Ständegesellschaft waren für die Konstituierung der Ehre entscheidend. So waren in der Ständegesellschaft einerseits Herkunft und Beruf für die Zugehörigkeit zu einem Stand Voraussetzung, andererseits mussten die Menschen auch auf standesgemäße Lebensführung achten, wenn sie die Ehre, und somit auch die Standesrechte, nicht verlieren wollten.[13] Außerhalb des Standes gab es also kein Recht und keine Ehre.[14]

Die Ehre war zwar von sozialer Position und ökonomischen Möglichkeiten abhängig, hatte aber gleichzeitig einen autonomen, darüber hinaus gehenden Wert.[15] Auch Bindungen an Familie und Stand spielten eine große Rolle, trotzdem stellte die Ehre kein rein angeborenes oder erworbenes Gut dar, sondern musste ständig mit aller Wachsamkeit gegen jede Bedrohung geschützt werden.[16] Wenn ein Mensch nicht auf seine persönliche Ehre achtete, litt sie dramatisch darunter, ganz gleich, wie groß sein Stand und seine Ehrbarkeit bis zu diesem Zeitpunkt waren.[17]

Die Ehre prägte das Leben der Menschen in der frühneuzeitlichen Gesellschaft in besonderem Maße – auch weil sie schnell verloren gehen konnte. Auf welche Art und Weise dies geschehen konnte, wird im nächsten Abschnitt eingegangen.

3. Ehrverlust

Für die Entstehung des Phänomens der Unehrlichkeit gibt es verschiedene Gründe – Scheu vor Kontakt mit dem Tod, Ekel vor Schmutz und Gestank, Xenophobie (sowie allgemein die Angst vor Unbekanntem und Geheimnisvollem), christliche Moralvorstellungen und andere.[18]

Die Unehre konnte in der Frühen Neuzeit sowohl gleich bei der Geburt erworben werden, als auch mit der Wahl einer bestimmten Lebensweise oder eines Berufs, durch die Ausübung bestimmter Handlungen (bewusst oder unbewusst) und durch Strafgesetze.[19] Ein völliger Ehrverlust, die Infamie, bezog sich allerdings nur auf verurteilte Verbrecher und Selbstmörder.[20]

Juristisch gesehen wurde ab dem 17. Jahrhundert zwischen der rechtlichen (infamia iuris) und der so genannten faktischen (infamia facti) Infamie unterschieden. Infamia iuris bezog sich auf Personen, die den peinlichen Strafvollzug (Verstümmelungs- und Prügelstrafen, Brandmarkungen etc.) überlebt hatten und dadurch in Unehrlichkeit geraten waren. Dagegen war infamia facti unabhängig vom Strafverfahren und betraf Personen mit unmoralischem Lebenswandel wie Prostituierte, Kuppler, aber auch unehelich Geborene und oft auch ihre Mütter, selten Väter. Somit bestand sogar de jure nicht zwangsläufig ein Zusammenhang zwischen Unehrlichkeit und Verurteilung, vor allem auch da nicht jedes Verbrechen sofort die Infamie nach sich zog.[21]

Durch drei Zusammenhänge wird die Ehre bzw. Unehre in der Frühen Neuzeit greifbar: öffentliche Verleumdung oder Verruf, „unehrliche“ Tätigkeit oder Standeszugehörigkeit und, wie bereits erwähnt, „unehrenhaftes“ bzw. kriminelles Verhalten mit darauffolgender Verurteilung durch ein obrigkeitliches Gericht.[22]

[...]


[1] Heine, Heinrich: Briefe 1842-1849. Berlin 1995, S. 19.

[2] Vgl. Nowosadtko, Jutta: Betrachtungen über den Erwerb von Unehre. Vom Widerspruch „moderner“ und „traditioneller“ Ehren- und Unehrenkonzepte in der frühneuzeitlichen Ständegesellschaft. In: Vogt, Ludgera; Zingerle, Arnold (Hrsg.): Ehre. Archaische Momente in der Moderne. Frankfurt am Main 1994, S. 230.

[3] Zitiert in: ebenda, S. 230.

[4] Vgl. Burkhart, Dagmar: Eine Geschichte der Ehre. Darmstadt 2006, S. 28.

[5] Vgl. Wellmann, Hans: Der historische Begriff der ‚Ehre’ – sprachwissenschaftlich untersucht. In: Backmann, Sibylle; Künast, Hans-Jörg; Ullmann, Sabine u. a. (Hrsg.): Ehrkonzepte in der Frühen Neuzeit. Identitäten und Abgrenzungen. Berlin 1998, S. 28.

[6] Schuster, Peter: Ehre und Recht. Überlegungen zu einer Begriffs- und Sozialgeschichte zweier Grundbegriffe der mittelalterlichen Gesellschaft. In: Backmann, Sibylle; Künast, Hans-Jörg; Ullmann, Sabine u. a. (Hrsg.): Ehrkonzepte in der Frühen Neuzeit. Identitäten und Abgrenzungen. Berlin 1998, S. 65.

[7] van Dülmen, Richard: Der ehrlose Mensch. Unehrlichkeit und soziale Ausgrenzung in der Frühen Neuzeit. Köln; Weimar; Wien 1999, S. 96.

[8] Vgl. ebenda, S. 96-97.

[9] Vgl. ebenda, S. 1-2.

[10] ebenda, S. 97.

[11] Vgl. Burkhart, S. 28.

[12] Vgl. Backmann, Sibylle; Künast, Hans-Jörg: Einführung. In: dieselben, Ullmann, Sabine u. a. (Hrsg.): Ehrkonzepte in der Frühen Neuzeit. Identitäten und Abgrenzungen. Berlin 1998, S. 15.

[13] Vgl. Burkhart, S. 29.

[14] Vgl. van Dülmen, Richard: Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit. München 2005, S. 194.

[15] Vgl. van Dülmen 1999, S. 1.

[16] Vgl. van Dülmen 2005, S. 196.

[17] Vgl. ebenda, S. 194. Anzumerken ist an der Stelle, dass höhere Stände v. a. durch ihre finanziellen Möglichkeiten bessere Chancen hatten, in einer kritischen Situation die Ehre wiederherzustellen.

[18] Vgl. Burkhart, S. 43.

[19] Vgl. Nowosadtko, S. 234.

[20] Vgl. van Dülmen 1999, S. 99.

[21] Vgl. Nowosadtko, S. 234-236.

[22] Vgl. van Dülmen 1999, S. 99. Dass nicht jedes Verbrechen zur Unehrlichkeit führte, ergibt sich aus der Unterscheidung zwischen „ehrlichen“ und „unehrlichen“ Verbrechen, die ausführlicher im Abschnitt über die Schand-, Ehren- und Körperstrafen erläutert werden.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Ehrverlust bei den Unterschichtangehörigen in der Frühen Neuzeit
Hochschule
Universität Rostock  (Historisches Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V161210
ISBN (eBook)
9783640741977
ISBN (Buch)
9783640742028
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ehre, Unterschicht, Würde, Ehrverlust
Arbeit zitieren
Slava Obodzinskiy (Autor), 2009, Ehrverlust bei den Unterschichtangehörigen in der Frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161210

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