Die Bergpredigt - ein rhetorisches Konstrukt?

Eine rhetorische Analyse der Bergpredigt nach Matthäus 5-7


Magisterarbeit, 2009

68 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. DIE BERGPREDIGT - EIN RHETORISCHES KONSTRUKT?

2. RAHMENBEDINGUNGEN
2.1 Die Bergpredigt als kurze Darstellung des Evangeliums
2.2 Zielpublikum der Bergpredigt
2.3 Christus als Lehrer
2.4 Der Verfasser Matthäus und der Übersetzer Luther
2.5 Das Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit
2.6 Der Heilige Geist und die Rhetorik

3. GATTUNG DER BERGPREDIGT
3.1 Die Gattung der Predigt (Homiletik)
3.2 Die Bergpredigt als Spezialform
3.3 Die literarische Funktion der Bergpredigt und ihre Wirkung

4. DIE „DISPOSITIO“ DER BERGPREDIGT
4.1 Teile der Rede
4.1.1 Die Einleitung der Bergpredigt
4.1.2 Die Erzählung als „argumentatio“
4.1.3 Der Schluss der Bergpredigt
4.2 Anordnung der Redeteile und Struktur der Bergpredigt

5. DIE „ELOCUTIO“ DER BERGPREDIGT
5.1 Die Tugenden der Bergpredigt
5.2 Der hohe Stil der Bergpredigt
5.3 Ornatus
5.3.1 Redeschmuck in Einzelwörtern
Hyperbel
Metapher
Metonymie
Passivum Divinum
Allegorie
5.3.2 Redeschmuck in Wortverbindungen
5.3.2.1 Wortfiguren
Alliteration
Anapher
Asyndeton
Chiasmus
Epipher
Figura etymologica
Gemination
Klimax/ Antiklimax
Kyklos
Parallelismus
Polyptoton
Polysyndeton
5.3.2.2 Gedanken-, Sinnfiguren
Antithese
Oxymeron
Prosopopeia
(Rhetorische) Frage
Similitudo (Gleichnis)
Sarkasmus
Rhetorische Exegese
Makarismen
Die Bildworte von Salz und Licht
Jesu Stellung zum Gesetz
Die Antithesen
Gerechtigkeit als Vertrauen vor Gott
Das Vaterunser im Zentrum der Bergpredigt
Vom Tun des göttlichen Willens

6. ACTIO - DIE „INSZENIERUNG“ IN DER BERGPREDIGT
6.1 attentum parare durch principium
6.2 Die Inszenierung durch Jesus und seinen Redaktor

7. ERGEBNIS

Zusammenfassung

LITERATURVERZEICHNIS

1. Quellen

2. Sekundärliteratur

3. Allgemeine Fachliteratur

1. Die Bergpredigt - ein rhetorisches Konstrukt?

Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm.

Mit diesen Worten beginnt eines der wichtigsten Zeugnisse christlichen Glaubens - die Bergpredigt. Sie steht sowohl im Matthäus- als auch im Lukasevangelium und enthält neben Anweisungen für verschiedene Le­bensbereiche auch das für die Christenheit wichtige „Vaterunser". Nach Überlieferungen soll die Bergpredigt eine der berühmtesten Reden Jesu Christi sein, die nach damaligen Glauben von einem seiner Jünger festge­halten worden sein soll. Die Bergpredigt also als Rede Jesu, die auch als Predigt vom Berg verstanden wurde. Heutige Forschungen gehen jedoch davon aus, dass es sich bei der Bergpredigt wahrscheinlich um eine „re­daktionelle Bearbeitung und Komposition von recht verschiedenartigem Überlieferungsgut"1 handelt. Die Bergpredigt sei als Sammlung verschie­dener Weisheiten oder Ratschläge zu betrachten - nicht als eine im Gan­zen konstruierte Rede.

Doch auch bei solch einer recht nüchternen Ansichtsweise dieses Textes, ist die Bergpredigt eines der wichtigsten Kernstücke des christlichen Glau­bens. Nicht zuletzt weil sie Teil der Bibel ist - das Exempel christlichen Glaubens. Doch was genau ist nun die Bergpredigt? Stellt die Bergpredigt eine speziell für die damalige Zuhörerschaft entworfene „Lebensanleitung" dar - eine Art Programm, das in dieser Art tatsächlich von Jesus entwor­fen und später als Rede gehalten wurde? Oder handelt es sich hierbei um ein fein konstruiertes Gebilde späterer Autoren? Und wenn ja, mit welchen rhetorischen Mitteln soll dieses Konstrukt überzeugen?

„Rhetorik lehrte nicht nur, Texte zu machen; dank ihres ausgebauten „Sys­tems", vor allem im Bereich der Stilistik, ermöglichte sie es auch, Dichtung zu interpretieren."2 Dies soll auch die Hauptaufgabe in der vorliegenden Arbeit sein. Die Analyse soll zeigen, ob die Bergpredigt als Rede (aus rhe­torischer Sicht) betrachtet werden kann und wie sie konstruiert ist. Dabei werde ich mich auf die Bergpredigt nach Matthäus 5-7 stützen. Aus Grün­den des Umfangs kann ein synoptischer Vergleich mit Lukas in dieser Ar­beit nicht stattfinden. Als Grundlage soll die erste Übersetzung von Martin Luther dienen, auch hier aus Platzgründen leider nicht mit einem Rückgriff auf das griechische Original.

Zunächst werde ich in Kapitel 2 ein paar Rahmenbedingungen klären, die dem besseren Einfinden in den Arbeitsbereich dienen sollen. Die Bergpre­digt lässt sich nicht in eine der klassischen Redegattungen einordnen, da­her müssen weitere Kategorisierungen herangezogen werden. Das Pro­blem der Gattung soll also Thema des dritten Abschnitts sein. Im vierten Kapitel werde ich den Aufbau der Bergpredigt analysieren. Dabei wird ein Modell von Ulrich Luz mit Erweiterung von Stiewe und Vouga die Grundla­ge darstellen. Auch wenn die Bergpredigt auf den ersten Blick eher wild zusammengewürfelt scheint, soll die Analyse das Gegenteil beweisen. Daraufhin werde ich mich näher mit der elocutio befassen, die nicht nur einen detaillierteren Einblick in die Stilfrage, sondern auch einen Überblick über die verwendeten Tropen und Figuren geben soll. Einige Bibelstellen sollen im Anschluss daran noch einmal näher betrachet werden. Die actio kann natürlich nur bis zu gewissen Ausmaßen und vor allem in redaktio­neller Hinsicht analysiert werden, sollte aber dennoch nicht unberücksich­tigt gelassen werden.

Insgesamt soll mit den einzelnen Aspekten der Analysearbeit gezeigt wer­den, dass eine Konstruktion und Kompostition hinter der Bergpredigt steckt. Dies soll nach der Systematik der rhetorischen Produktionsstadien geschehen, soweit dies möglich ist.

Wichtigstes Hilfswerk bei der Erstellung dieser Arbeit ist das Werk von Pe­tersen, der eine Untersuchung der Rhetorik in der Bergpredigt durchführte, allerdings mit Hauptaugenmerk auf die Quellennutzung durch Matthäus. Weiteres Mittel zur Analyse der dispositio ist die Arbeit von Stiewe und Vouga, die einen wichtigen Beitrag zum Aufbau der Bergpredigt geleistet haben. Auch die Auflistung der „Stilfiguren der Bibel" von Bühlmann und Scherer ist zu nennen und als wichtigste Grundlage für die elocutio der „Grundriß der Rhetorik" von Gert Ueding.

2. Rahmenbedingungen

2.1 Die Bergpredigt als kurze Darstellung des Evangeliums

Die Gemeinschaft der Christen, wird schon sehr früh „Kirche" genannt. Sie war es auch, die Ende des 4. Jahrhunderts verbindlich und abschließend festgelegt hat, welche der vielen Texte über Jesus Christus und die Ge­meinschaft der Christen, die im ersten und zweiten Jahrhundert entstan­den waren, zur Bibel gehören sollten. Seither gilt die Bibel als Grundlage für christliches Leben.

Die Bergpredigt selbst ist eines der wichtigsten Kernstücke jener christli­chen Grundlage, denn es beinhaltet beispielsweise das Vaterunser, aber auch das Gebot der Nächstenliebe, das nach vielen Theoretikern als die Kernaussage gilt. Die Sonderstellung der Bergpredigt ist schon bei und durch Augustin diskutiert worden. Man betrachtete sie vom 4. bis zum 19. Jahrhundert als die Charta der Verkündigung Jesu. Die Interpretation der Bergpredigt lief verständlicherweise parallel zur Entwicklung der Kirche und dem veränderten Verständnis des Evangeliums.

2.2 Zielpublikum der Bergpredigt

Nach Lambrecht3 seien die direkten Adressaten die Jünger; Argument da­für ist Textstelle 5, 1-2, nach der Jesus die Volksscharen meide, indem er sich auf den Berg zurückzieht und anschließend seine Jünger zu ihm tre­ten. Außerdem ein Beweis: „die Sprüche von 5, 13-16 über das Salz der Erde und das Licht der Welt, womit deutlich auf die Pflicht der Jünger hin­gewiesen wird, vor den anderen Menschen Zeugnis abzulegen"4.

Gegen diese Auffassung gibt es einige Forschungsmeinungen. Schon Lu­ther wandte sich gegen die römisch-katholische Auffassung, die die Berg­predigt als „consilia" betrachtete, also nicht als allgemein verbindliche Ge­bote, die von jedem Christen zu erfüllen seien, sondern als „Räte", die dem Stand einer besonderen Vollkommenheit, wie beispielsweise dem Mönchtum, Vorbehalten seien5.

Doch wird die Bergpredigt natürlich heute, wie wohl auch damals schon von Luther, als umfassender betrachtet. Sie soll ethische Anleitung für die ganze Menschheit sehen.

Im Laufe dieser Arbeit wird deutlich gezeigt werden, dass die Bergpredigt keine spontane und aus zufällig gewählten und zusammengesetzten Ein­zelteilen entstandene Komposition ist, sondern eine sorgfältig rhetorisch durchdachte Rede. Als solche hat sie als Adressaten gewiss nicht einfach nur „Leute vom Lande", sondern ein weit aus kultivierteres und gebildete­res Publikum:

„Wahrscheinlich war das Matthäusevangelium für Gläubige der Gemeinde einer größeren Stadt bestimmt, in der ein nicht unerheblicher Teil der Le­ser eine sprachliche Bildung genossen hatte; dafür ist die Rhetorisierung der Bergpredigt zu deutlich auf sprachverständige Adressaten gerichtet"6.

Ein zweiter Hinweis sei die gewählte Sprache des Evangeliums - das Griechische. Diese Sprache sei nach Petersen nicht die Sprache des alten Jerusalems, sondern die Sprache des antiken, gebildeten Griechenlands, das die Kunst der Rhetorik als grundlegend und sehr hoch erachtete.

2.3 Christus als Lehrer

Laut dem Neuen Testament ist Jesus von Nazareth der Christus, also Messias und Sohn Gottes. Nach heutigen Forschungen und neutesta- mentlich belegten Stellen war Jesus ein Wanderprediger, der im heutigen Israel und Westjordanland tätig war. Man geht davon aus, dass Jesus schreiben und lesen konnte7 und zusätzlich, zu seiner Muttersprache Ara- mäisch, auch des Hebräischen mächtig war, da (wie auch in der Bibel be­legt) er das Alte Testament nicht nur sehr gut kannte - oft las er in den Synagogen daraus vor, legte sie auch aus und diskutierte mit den Pries­tern. Als belesener Wanderprediger musste er sich somit auch mit der he­bräischen Poesie und der semitischen Rhetorik ausgekannt haben,

Von seinen Jüngern wurde Jesus auch mit „Rabbi" angesprochen, was so­viel heißt wie „mein Meister" und dem Begriff Lehrer entspricht. Dieser Ausdruck zeugt von hohem Respekt gegenüber Jesus, da sonst nur die damaligen Pharisäer mit diesem Titel geehrt wurden. Dieser Titel bedeutet aber auch, dass Jesus sozusagen wie auch die Pharisäer für die Ausle­gung der zehn Gebote zuständig war.

2.4 Der Verfasser Matthäus und der Übersetzer Luther

Matthäus hat sich laut zahlreichen Forschungsergebnissen in seinem Evangelium zu einem großen Teil auf den mit Petrus verbundenen Mar­kus-Evangelisten und der ihm wahrscheinlich schriftlich vorliegenden Lo- gientraditionen als Quellen gestützt. Das etwa 10-15 Jahre ältere Luka­sevangelium konnte er nicht ignoriert haben, was synoptische Vergleiche zeigen. Zusätzlich soll Matthäus auch mündliche Quellen genutzt haben. Hinweise darauf seien unter anderem die ersten beiden Kapitel seines Evangeliums und der Auferstehungsbericht8.

Luther war nach Stolt ein lateinisch denkender Übersetzer. So manches Mal ergebe sich der „Sinn eines dunklen deutschen Luthersatzes erst durch eine Rücküberset­zung ins Lateinische. Manche Stelle kann in eine klareren Licht erschei­nen, wenn man statt eines vagen, allgemeinen deutschen Ausdrucks den entsprechenden lateinischen Fachterminus setzt. Dies gilt insbesondere für die Rhetorik"9.

Wortschatz-, Syntax- und Stilfragen müssten im Rückgriff auf das Lateini­sche analysiert werden. Nur so könne vieles, was auf den ersten Blick wie Unvermögen aussehe, sich als beabsichtigt herausstellen, wie zum Bei­spiel die Aneinanderreihung von Argumenten ohne ersichtliches Prinzip. Doch Luthers Bibeldeutsch sei entgegen, der bis vor wenigen Jahren in der Forschung allgemein vertretenen Meinung, keine besonders volkstüm­liche Alltagssprache, sondern stand unter dem Einfluss des Lateinischen, ist also sub specie latinitas10 zu betrachten. Mehrfach habe man „Latinismen als volksnahe deutsche Alltagssprache gewertet, so z. B. die Wortstellung „Ihr werdet finden das Kind", „Sehet an die Vögel unter dem Himmel", „Könnt ihr trinken den Kelch" usw. In diesen Fällen steht jedoch eindeutig fest, daß Luther hier von der Wortfolge des lateinischen Vulgata sowie der griechischen Vorlage beeinflußt war."11

Nach Stolt gab es vor wenigen Jahren noch die Forschungsmeinung, Lu­ther habe zwar einen eigenen Stil und entsprechend lutherische Stilmittel und Figuren wie Allegorie, Metapher, antithetischen Parallelismus, Häu­fung, Steigerung und Hyperbel. Allerdings bewertete man Luthers Sprache immer wieder als formlos. Mit dem herrschenden Bild vom volkstümlichen, deutschen, impulsiven und aufrichtigen Luther und der gängigen Auffas­sung von Rhetorik habe man Luthers Text durch die Brille seiner eigenen Vorurteile bewertet. Dazu kam die Auffassung, Luther habe die Rhetorik abgelehnt und gemeint, „sie tauge nichts"12. Als Stolt die Belege unter die Lupe nahm, zeigte es sich, „daß es sich um falsch verstandene Aurifaber- zitate handelte."13 Ein Hinweis hätte die Einschätzung Luthers durch des­sen Zeitgenossen und deren Nachfolger sein müssen, die, alle „an der Rhetorik geschult", in Luther einen „Rhetor in deutscher Sprache, einen deutschen Cicero!"14 sahen. Luthergegner Emser habe ihm sogar zum Vorwurf gemacht, er wolle „aus der Kunst der Rhetorik die Leute occipi- ern“15.

Luther sei es nicht leicht gefallen, in einer volkstümlichen, volksnahen All­tagssprache zu schreiben. Meist habe er einen Sachverhalt zunächst latei­nisch durchdacht und auch formuliert, um ihn dann ins Deutsche zu über­setzen. Im „Sendbrief vom Dolmetschen“ klagte er: „die lateinischen Buch­staben hindern aus der Maßen sehr, gut deutsch zu reden“16.

Die Ausführung über den Übersetzer Luther soll zeigen, dass das Grund­werk Matthäus, das selbst mit rhetorisch ausgefeilten Redeschmuck17 an­gereichert war , in seiner Grundintention und Form auch für das Deutsche weder verformt noch verfälscht wiedergegeben ist, sondern durch die fachkundige Übersetzung Luthers, die eben nicht bloße Übersetzung ist, auch im Deutschen in seiner rhetorischen Ausarbeitung erhalten ist. In den „Summarien über die Psalmen und Ursachen des Dolmetschens“ sagt Luther: „ Wie denn alle Schulmeister lehren, daß nicht der Sinn den Wor­ten, sondern die Wort[e] dem Sinn dienen und folgen sollen“. Trotz der Be­achtung rhetorischer Regelwerke hielt sich Luther an den Grundsatz rem tene, verba sequentur. Diese Vorrangigkeit der Sache res erinnert parallel an Augustins Auffassung des Verhältnisses von res und signa und dessen Übersetzungsverständnis18.

„Denn Übersetzen ist ein immer bedenkenswerter Vorgang: Es ist ein Ver­mitteln und nicht die Restauration eines Vorgegebenen. Wer übersetzt, schließt die Mehrdeutigkeit mit ein, schließt aber die Vieldeutigkeit aus. Wer in der Wörtlichkeit das Ideal sieht, setzt den Begriff an die Stelle der Bedeutung, die textgebunden ist. Text und Satz stehen eben vor dem ein­zelnen Wort.“19

Für Melanchton hatte die Rhetorik nicht bei der Produktion ihre wichtigste Aufgabe, sondern bei der Rezeption von Texten. Ohne die Kenntnis von Rhetorik hätte man keine Möglichkeit klassische Texte zu verstehen. Auf dieser Ansicht soll auch die Bearbeitung und Beurteilung der vorliegenden Arbeit basieren.

2.5 Das Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit

Bis zu Luthers Bibelübersetzungsarbeit nahm das Volk die Inhalte der Bi­bel nur entgegen. Erst mit der Bibellektüre für Zuhause begann die Aus­einandersetzung mit dem Text als solchen und nicht mehr allein mit der in­haltlichen Ebene. Bis heute existieren viele Bibelübersetzungen, die nicht auf der Grundlage basieren, den Text auch unter rhetorischen Gesichts­punkten und mit der rein textualen Materie bewerten. Oft ist in solchen Übersetzungen eine deutliche Überformung auf die rein inhaltliche Ebene zu sehen. In vielen Fällen, einfach nur, um durch eine 'mündlichere' Über­setzung ein größeres Textverständnis zu schaffen. Doch wenn man davon ausgeht , dass, wie Schweizer beschreibt, eine „Verzahnung von Sprech- und Schriftsprache"20 existiert, dann ist man mit der Lutherübersetzung we­sentlich näher am gemeinten Wortlaut, als mit heutigen „Gute Nachricht"- Übersetzungen. Schweizer sagt dazu: „Vermuten kann man, daß Texte mit hoher momentaner Aktualität (zur Zeit ihrer Abfassung) der mündli­chen Rede der jeweiligen Gegenwart sehr nahe stehen." Eine sture Über­setzung in die Alltagssprache hat oft eine negative Auswirkung.

„Die Funktion als Glaubensdokument hatte oft auch antirhetorische Effek­te: Um Aufschluß über Gottes Wirken und Willen zu bekommen wurden in starr orthodoxer oder gar fundamentalistischer Interpretation jeder Couleur und Buchstabe, jedes Wort oder jeder Satz der Bibel mit theologischer <Sachinformation> gleichgesetzt. Jeder Gedanke an einen subjektiv-ge­staltenden Schreiber, der seinem eigenen Glaubenswissen Ausdruck ver­leiht, wurde ersetzt durch die Sekretärshypothese: Der Autor als willenlo­ses Werkzeug, das getreulich die Einflüsterungen des Heiligen Geistes festhält. [...] Der antirhetorische Effekt, der dann eintritt, wenn Texte durch Kanonisierung eine übersteigerte Wertschätzunge erhalten, zeigt sich bei sehr vielen biblischen Texten darin, daß sie im Lauf des Textüberliefe- rungs- und Textbildungsprozesses in ihrem Ursprungsbestand (aus Ehr­furcht) zwar erhalten blieben, aber vielfältig überformt wurden. [...] Rheto­risch betrachtet lösen Texte mit solcher Vorgeschichte permanent Irritatio­nen aus."21

Um diese antirhetorische Überformung zu umgehen, soll in dieser Arbeit, wie schon in der Einleitung erwähnt, die Übersetzung von Luther aus dem Jahre 1545 die Grundlage sein.

2.6 Der Heilige Geist und die Rhetorik

Inwieweit sind die Ziele der Rhetorik mit den Dogmen des Christentums vereinbar? In der Bergpredigt heißt es bei Mt. 5, 37: „Ewer rede aber sey Ja / ja / Nein / nein / Was drüber ist / das ist vom vbel.“ Dieser Satz könnte als Aufruf zum Verzicht von argumentativ gestalteter Rede betrachtet wer­den. Doch dagegen kann ein Argument des Kirchenvaters und Rhetorik­lehrers Augustin gestellt werden:

„Da aber die Redekunst neutral ist - sie kann nämlich sehr effektiv sein, entweder um zu etwas Gutem zu überreden oder zu etwas Schlechtem - , warum nehmen sich dann die Rechtschaffenen ihrer nicht mit Eifer an, da­mit sie für die Wahrheit kämpfe, wenn doch die Bösen sie benutzen, um ihre verwerflichen und eitlen Interessen zur Beförderung des Unrechts und der Irrlehre durchzusetzen?“22.

Augustinus Rhetorikverständnis ist somit instrumentell: Die „Rhetorik als Technik, derer man sich bedienen kann - mißbräuchlich oder im besten Sinn“23. Was hier an Praxisreflexion innerhalb der Rhetorik bleibe, sei schließlich der bloße Appell an den Redner, sich der Rhetorik in guter Weise zu bedienen.

Dem antiken vir bonus dicendi disertus werde der christliche praedicator verbi die gegenübergestellt. Beide agieren auf den Hörer bezogen. Augus­tinus praedicator unterscheide sich vom orator jedoch dadurch, dass er zugleich Hörer Gottes sei.

Augustinus integrierte die Rhetorik in das Christentum aufgrund seiner rhetorischen Vergangenheit. Er habe sich immer für eine Rezeption grie­chisch-römischen Gedankenguts eingesetzt. Er forderte „die Christen ein­dringlich dazu auf, von den Philosophen, besonders den Platonikern, Wahrheiten zu übernehmen"24, die ihrem Glauben passten. Zu diesen Er­rungenschaften der eigentlichen Heiden zählte der Kirchenvater auch die Rhetorik. Sie sei für ihn nichts Verwerfliches, „lediglich der verkehrte Wille derer, die von ihr schlechten Gebrauch machen"25. So konnte sich der Christ nun nicht nur der christlichen Sprache und Inhalte, sondern auch der Rhetorik bedienen.

Es „wurde nun beides möglich, und zwar unter Berufung auf Augustinus; man konnte es unterlassen sich überhaupt auf Rhetorik einzulassen, weil es sich ja dabei nur um Technik, nur um Formalien handle - und man konnte ebenso behaupten, sich auf Rhetorik einzulassen, sie aber zu­gleich instrumentell verkürzen."26

So erkläre sich, dass der Weg von Rhetorik als Partner zur Theologie an­gebahnt war, „aber durch ihn zugleich auch teilweise wieder verdeckt wor­den"27.

Damit ist nicht nur die Wichtigkeit der Rhetorik für die Produktion, sondern auch für die Rezeption biblischer Texte erläutert und dargestellt. Zusammengefasst lässt sich eine Satz aus dem Artikel „Christliche Rheto­rik" des Historischen Wörterbuchs der Rhetorik zitieren. Hier heißt es: Alle forschungsgeschichtlichen Ansätze haben eine Gemeinsamkeit: „Immer geht es darum, Form als Inhalt und Inhalt als Form zu begreifen"28.

[...]


1 Zager, W.: Bergpredigt und Reich Gottes; 2002.

2 Walter Jens (Vorwort); in: Plett 2001.

3 Lambrecht 1984. S. 28.

4 Ebd.

5 Vgl. Strecker 1984: S. 13ff.

6 Petersen 2001: S. 332.

7 Siehe Mt. 19,4 und Johannes 8,6.

8 Vgl. Hengel 2007.

9 Stolt 2000: S. 27ff.

10 ebd.

11 Stolt 2000:S. 28.

12 Nach Irmgard Weithases damals häufig zitierten Buch „Zur Geschichte der gesprochenen deut­schen Sprache“.

13 Stolt 2000: S. 31.

14 ebd. S. 32.

15 ebd. S. 32.

16 Zitiert nach Stolt 2000: S. 30.

17 Näheres dazu in Kapitel 3.

18 Siehe nächstes Kapitel.

19 Magaß 1985: S. 269.

20 Berger 1984: S. 15.

21 Schweizer 1992: Sp. 1552.

22 Augustinus IV, II 3.

23 ebd.

24 Petersen 2001: S. 100.

25 Augustinus II, 40,60; Zitiert nach Petersen 2001: S. 101.

26 ebd.

27 ebd.

28 Otto 1994: Sp. 200ff..

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Die Bergpredigt - ein rhetorisches Konstrukt?
Untertitel
Eine rhetorische Analyse der Bergpredigt nach Matthäus 5-7
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Seminar für Allgemeine Rhetorik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
68
Katalognummer
V161325
ISBN (eBook)
9783640755790
ISBN (Buch)
9783640755943
Dateigröße
739 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bergpredigt, rhetorische Analyse
Arbeit zitieren
Yasmine Schöttle (Autor), 2009, Die Bergpredigt - ein rhetorisches Konstrukt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161325

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