Die Entstehung von Religiosität in einer säkularen Gesellschaft

Nach Prof. Dr. Ulrich Oevermann


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Ansatz
2.1 Universelle Geltung und Religionsvergleich
2.2 Das Strukturmodell in einer säkularen Welt

3 Religiosität und religiöse Indifferenz in einer sich säkularisierenden Gesellschaft

4 Kritische Würdigung

5 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Da sich der Mensch in seiner Lebenspraxis in einer widersprüchlichen Einheit zwischen Entscheidungsverpflichtung und Begründungszwang befindet, ist er immer wieder gezwungen aus seinen Routinen auszubrechen, um Entscheidungen treffen zu können. Dieses Ausbrechen kann sich häufig krisenhaft vollziehen, auch weil der Mensch für seine Entscheidungen oftmals Gründe hat, die ihm erst im Nachhinein voll bewusst werden. Für Prof. Dr. Ulrich Oevermann ist hierbei die Krise der Normalfall und die Routine die Ausnahme, da sich der Mensch unentwegt gezwungen sieht Entscheidungen zu treffen, deren Ausgang er oftmals nicht oder nicht vollständig überblicken kann und die sein Leben ganz einschneidend beeinflussen können. Da laut Oevermann nicht die Möglichkeit besteht, dass man sich nicht entscheidet[1] muss sich der Mensch immer wieder neu entscheiden. Diese Entscheidungsmuster können aber auch nicht (immer) routinisiert werden, da er sich immer wieder auf neue Situationen einlassen und selbständig fallspezifische Entscheidungen treffen muss.

Gerade in der heutigen Zeit trifft dies in extremem Maße zu. Um dies zu verdeutlichen soll an dieser Stelle das Beispiel des Werdeganges einer Frau herangezogen werden:

Während in der Vormoderne das Leben einer Frau bereits in großem Maße vorausbestimmt war, ist es heute der Fall, dass sie frei entscheiden kann, wie sie ihr Leben gestalten will. Sie ist in der Partnerwahl völlig autonom, weil sie sich potentiell selbst versorgen kann. Sie kann prinzipiell jeden Beruf erlernen und ist nicht gezwungen einen Partner zu finden, der ihre Existenzgrundlage sichert. Sie kann sich auch dazu entscheiden auf einen Partner und eine eigene Familie komplett zu verzichten. Es gibt keine festen Regeln und Normen mehr, an denen man sich orientieren muss. Aber vielleicht auch kann. Dies zeigt nun ganz deutlich die Schwierigkeit auf. In einer Gesellschaft die auch mit „anything goes“ charakterisiert werden kann, ist der Mensch gezwungen, sein Leben selbständig zu planen, indem er Entscheidungen trifft.[2] Allerdings ist er zwar in soweit autonom, dass er selbst entscheiden kann, doch sieht er sich gezwungen diese Entscheidungen auch zu begründen. Vor seinem Umfeld, denn es wird von ihm erwartet, dass er weiß was er tut und die Entscheidungen nicht aufs Geratewohl trifft. Aber auch vor sich selbst, um seinem irdischen Leben Sinn zu geben. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelt Prof. Dr. Ulrich Oevermann das Strukturmodell von Religiosität, welches Gegenstand der vorliegenden Seminararbeit ist. Hierin beschreibt er, wie es im Menschen zur Religiosität kommt respektive kommen muss, auch in einer säkularen Gesellschaft und auch bei „religiös indifferenten“ Menschen. Im Folgenden soll deshalb zunächst der Ansatz Oevermanns dargestellt werden. Im Anschluss daran, soll der Fakt, dass auch Menschen, die nicht im weitläufig anerkannten Sinn religiös sind, aber laut Oevermann Religiosität besitzen, mit weiterführender Literatur untersucht werden. Im letzten Teil dieser Arbeit soll ein Fazit durch eine kritische Auseinandersetzung hierzu gezogen werden.

2. Der Ansatz

Bevor Oevermann selbst aufzeigt, wie er Religiosität soziologisch bestimmt, postuliert er zunächst, dass wenn man versucht Religiosität zu bestimmen, man auf die Problematik stößt, dass die bisher bekannten Versuche, ihre Theorien aus der durch religiöse Menschen gelebten Praxis von Religiosität ableiten und nicht aus einer gewissen Distanz strukturanalytisch die Praxis selbst erforschen. Hierbei beschreibt er zwei Typen in die sich religionssoziologischen Ansätze einordnen lassen:

Der erste Typ beschäftigt sich mit Kategorien des Erlebens „und expliziert Religiosität als eine spezifische Weise des Erlebens und Empfindens“[3]. Dabei geht es um das Erleben des Numinosen durch das Sich-Öffnen des Individuums ihm gegenüber und die Bereitschaft die Grenzen des Rationalen zu überschreiten. So wird der Mensch nach diesem religionssoziologischen Ansatz religiös. Alles was hierbei empfunden und erlebt wird und somit auch das Numinose lassen sich aber nicht in dem Maße erfassen, dass es rational beschrieben oder erfasst werden könnte. Es bleibt also „Unbestimmt“ respektive nicht beweisbar, was einen negativen Beigeschmack hinterlassen kann. Die Schwierigkeit dieses Ansatzes zeigt sich nun also darin, dass er versucht, aus diesen Erfahrungen Kategorien zu bilden und dabei Gegenstand und Methode vermischt.[4]

Dies muss aber laut Oevermann nicht so sein, da der Fakt, dass der Gegenstand nicht rational ist nicht bedeuten muss, dass es die Methode auch sein muss. Aber selbst wenn Methode und Gegenstand getrennt und einer „rationalen methodischen Prädikation“ folgen würde, würde dabei wohl auch nicht mehr als eine Beschreibung von subjektiven Erfahrungen herauszufinden sein. Diese wären wiederum nicht überprüfbar, da es kein gültiges Verfahren zur Realitätserschließung des Fremd-Psychischen gibt. Im Ganzen würde er also nur die subjektiven Vorstellungen paraphrasieren und niemals zu neuen Erkenntnissen führen.[5]

[...]


[1] Hierauf wird im Hauptteil dieser Arbeit noch einmal zurückzukommen sein.

[2] Doch sind es nicht nur diese existentiellen Entscheidungen, die ein Mensch treffen muss. Auch die vielen kleinen Entscheidungen, die ein Mensch tagtäglich treffen muss, lösen, die später in dieser Hausarbeit näher erläuterte, nicht-stillstellbare Dynamik aus. Auch wenn viele Entscheidungen unbewusst getroffen werden, gibt es eine Großzahl derer, die nicht routinisiert sind. Dies lässt sich exemplarisch an dem Ablauf eines normalen Morgens sehr gut aufzeigen. So fangen die Entscheidungen bereits damit an, welche Kleidung man tragen möchte. Diese muss einerseits dem Anlass angepasst werden, aber auch dem Wetter oder vielleicht auch der jeweiligen Stimmung. Ist dies entschieden, muss nun darüber nachgedacht werden, was man für den Tag an der Arbeit oder in der Universität braucht. Muss ich diese oder jene Unterlagen heute einreichen oder kann ich das auch noch morgen tun. Brauche ich das schwere Buch oder meinen Laptop, oder lasse ich sie zuhause? Weiter geht es mit dem Frühstück: Esse ich ausgiebig, weil mir heute sonst die Zeit dazu fehlt, habe ich überhaupt noch genug Zeit zu frühstücken, mache ich mir ein Frühstück und nehme dies mit oder hole ich mir etwas unterwegs. Auch wenn diese Entscheidung getroffen ist, stellt sich die Frage danach was ich essen möchte. Nehme ich nun Schinken, von dem vielleicht Rückstände in meinen Zähnen hängen bleiben oder nehme ich lieber Salami, die dann aber wieder mehr Kalorien hat. Hole ich mir mein Brötchen beim Bäcker, kann es aber auch wieder sein, dass Mayonnaise darauf ist. Ist diese Frage endgültig geklärt, kann es aber trotzdem sein, dass ich mich falsch entscheide und später ärgere. Nun muss entschieden werden, ob man lieber das Fahrrad oder die Bahn nimmt. Nehme ich das Fahrrad, kann es aber sein, dass es später regnet und ich nass werde. Nehme ich die Bahn, kann es jederzeit zu Verspätungen kommen oder ich muss neben Menschen stehen oder sitzen, die vielleicht unangenehm riechen. Dafür kann ich hier aber dann doch das schwere Buch mitnehmen und bin, wenn es nicht zu Verspätungen kommt schneller und komme dann doch noch pünktlich an. All diese Entscheidungen trifft ein Mensch Tag für Tag, ohne die Gewissheit zu haben, dass irgendeine dieser Entscheidungen einen positiven Tagesverlauf nach sich zieht.

[3] Gabriel, K.: Art. Bewährungsdynamik, Bewährungsmythos und Evidenzsicherung durch Vergemeinschaftung: Ulrich Oevermanns strukturalistischer Zugang zu Religiosität. Ulrich Oevermanns strukturalistischer Zugang zu Religiosität. In: Gabriel, K.; Reuter, H.-R. (Hrsg.), Religion und Gesellschaft. Texte zur Religionssoziologie, Paderborn 2004, S. 255. In dem kompletten Punkt 2. wurde lediglich dieses Buch als Grundlage herangezogen, um den Ansatz wiederzugeben.

[4] Vgl. Ebd., S. 254 ff.

[5] Vgl. Ebd., S. 255f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Entstehung von Religiosität in einer säkularen Gesellschaft
Untertitel
Nach Prof. Dr. Ulrich Oevermann
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Soziologische Methoden in der Religionswissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V161355
ISBN (eBook)
9783640775729
ISBN (Buch)
9783640775644
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die Entstehung von Religiosität in einer säkularen Gesellschaft, Religiosität, Säkularisierung, Prof. Dr. Ulrich Oevermann, Point of no Return, Religionssoziologie, Religiosität und religiöse Indifferenz, säkularisierende Welt, Gesellschaft, Entscheidungsverpflichtung, Begründungszwang, Krise als Normalfall, säkulare Gesellschaft, Bewährungsdynamik, Bewährungsmythos, Religion, Endlichkeit, Krise, Begründungsverpflichtung, Entscheidung, Bewährung, Nicht-Stillstellbarkeit, Diesseits, Jenseits, Sinngebung, Sinnstiftung, Evidenzsicherung, Evidenzsicherung durch Vergemeinschaftung, Religionsvergleich, religiös indifferenter Mensch, Leistungsdruck, Religionssoziologe, religiöse Indifferenz, Kirchenaustritt, Theodizee, Verdiesseitigung des Bewährungsproblems, Leistungsethik, Wirtschaftskrise, Nachruf, Zinsderivatenhändler
Arbeit zitieren
Sarah McCarty (Autor), 2009, Die Entstehung von Religiosität in einer säkularen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161355

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