Die Bedeutung der Begriffe "Spiel", "Spieltrieb" und "Schein" in Schillers Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die herausragende Bedeutung der Begriffe „Spiel“, „Spieltrieb“ und „Schein“ in Friedrich Schillers Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“
2.1 Spiel und Spieltrieb beim Menschen
2.1.1 Der Mensch als zwiespältiges Wesen – Eine Analyse von Stofftrieb und Formtrieb
2.1.2 Die Gegensätzlichkeit von Stoff- und Formtrieb
2.1.3 Der „Spieltrieb“ als vermittelnde Kraft zwischen Stofftrieb und Formtrieb
2.2 Der Zusammenhang von Spiel und Schein in der ästhetischen Philosophie Schillers
2.2.1 Der Begriff „Schein“
2.2.2 Spiel und Schein als ästhetisch-kulturelle Phänomene
2.3 Wie aktuell ist Schillers Theorie von der erzieherischen Wirkung des Spiels für unsere heutige Zeit?

3 Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis:

1 Einleitung

Friedrich Schillers Werk „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ ist eine seiner wichtigsten philosophischen Schriften. Besonders bemerkenswert ist, dass Schiller diese in Form von Briefen abgefasst hat. „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ ist eine Kritik an der Gesellschaft nach dem Scheitern der Französischen Revolution. Schiller wollte die damaligen Gesellschaftsverhältnisse ändern, aber nicht auf politischem Wege, sondern durch einen ästhetischen, um genau zu sein, durch die Beschäftigung mit der Kunst. Der zentrale Begriff hierfür lautet „Freiheit“. Im zweiten Brief äußert er sich dazu folgendermaßen:

Ich hoffe, Sie zu überzeugen, dass diese Materie weit weniger dem Bedürfnis als dem Geschmack des Zeitalters fremd ist, ja dass man, um jenes politische Problem in der Erfahrung zu lösen, durch das ästhetische den Weg nehmen muss, weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert. (2. Brief, S. 560. 25ff.)[1]

Für Schiller steht fest, die Kultur seiner Zeit muss verändert werden. Es geht ihm vorrangig um die Bedeutung der Schönheit für das Wesen des Menschen. Einer der zentralen ästhetischen Begriffe in Schillers Sprachgebrauch ist hier der „Spieltrieb“. Schiller sieht diesen sogar als eine Art Grundelement des menschlichen Wesens. Im Folgenden möchte ich deshalb die Begriffe „Spiel“ und „Spieltrieb“ genauer betrachten und die in den Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ so bedeutende Verbindung zwischen „Spiel“ und „Schein“ darstellen. Schließlich werde ich noch auf die Aktualität von Schillers Theorie der erzieherischen Wirkung des Spiels für die heutige Zeit eingehen.[2]

2 Die herausragende Bedeutung der Begriffe „Spiel“, „Spieltrieb“ und „Schein“ in Friedrich Schillers Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“

2.1 Spiel und Spieltrieb beim Menschen

2.1.1 Der Mensch als zwiespältiges Wesen – Eine Analyse von Stofftrieb und Formtrieb

Nach Schiller ist der Mensch eine Art gespaltenes Wesen, das aus zwei grundlegenden Trieben besteht. Diese beiden Triebe bezeichnet er als „Stofftrieb“

(= „Sachtrieb“) und „Formtrieb“ (12. Brief, S. 596ff.). „Schiller bezeichnet mit ‚Trieb’ den aus sich drängenden Drang, die Einheit und Ganzheit des Menschen herzustellen […].“[3] Mit der Einheit des Menschen meint Schiller die Verbindung von Sinnlichkeit und Vernunft. Der Stofftrieb bedeutet hierbei die sinnliche Komponente des Menschen, der Formtrieb die vernünftige. Eine genauere Charakteristik der beiden Triebe erfolgt im 12. Brief:

Der erste dieser Triebe, den ich den Sachtrieb nennen will, geht aus von dem physischen Dasein des Menschen oder von seiner sinnlichen Natur, und ist beschäftigt, ihn in die Schranken der Zeit zu setzen und zur Materie zu machen: […] Materie aber heißt hier nichts als Veränderung oder Realität, die die Zeit erfüllt; mithin fordert der Sachtrieb, dass Veränderung sei, dass die Zeit einen Inhalt habe. Dieser Zustand der bloß erfüllten Zeit heißt Empfindung, und er ist es allein, durch den sich das physische Dasein verkündigt. (12. Brief, S. 596f.7ff.)

„Sofern der Mensch sinnlich, d. i. durch Gefühle, Neigungen und Begierden bestimmt ist, hat er diesen elementaren Trieb in sich.“[4]

Der zweite jener Triebe, den man den Formtrieb nennen kann, geht aus von dem absoluten Dasein des Menschen oder von seiner vernünftigen Natur, und ist bestrebt, ihn in Freiheit zu setzen, Harmonie in die Verschiedenheit seines Erscheinens zu bringen, und bei allem Wechsel des Zustands seine Person zu behaupten. (12. Brief, S. 598.15ff.)

Jeder Mensch hat also diese beiden Triebe in sich verankert, aber sie sind so gegensätzlich, dass sie miteinander in Konflikt geraten. Dennoch sind sie beide notwendig. „In geregelter Wechselwirkung würden beide Triebe die Idee der Menschheit realisieren; in der Wirklichkeit aber streiten sie miteinander.“[5] Der Stofftrieb strebt nämlich immer nach Sinnlichkeit, der Formtrieb nach Vernunft. „Der Stofftrieb, der darauf dringt, dem Menschen Welt zu verschaffen, hat ihn somit zu treiben, sich empfindend und fühlend zur Welt zu verhalten; denn nur im Zustand des Gefühls öffnet sich dem Menschen die Welt.“[6] Folglich soll der Stofftrieb den Menschen bewusst in die Welt setzen. Stofftrieb bedeutet jedoch immer Beschränkung der Zeit im Hier und Jetzt. Der Mensch ist durch den Stofftrieb an eine bestimmte Zeit gebunden und befindet sich somit in der Realität.[7] Schiller beschreibt diesen Zustand folgendermaßen:

Wo also der Sachtrieb ausschließend wirkt, da ist notwendig die höchste Begrenzung vorhanden; der Mensch ist in diesem Zustande nichts als eine Größen-Einheit, ein erfüllter Moment der Zeit – oder vielmehr Er ist nicht, denn seine Persönlichkeit ist solange aufgehoben, als ihn die Empfindung beherrscht, und die Zeit mit sich fortreißt. (12. Brief, S. 597.15ff.)

Der Mensch darf nicht nur vom Sachtrieb allein beherrscht werden, da er somit nicht zur angestrebten Einheit seines Wesens gelangt. Herrscht nur dieser sinnliche Trieb, ist der Mensch nichts als eine bestimmte Größe in der beschränkten Zeit. „Wenn er auch die Selbstverwirklichung des Menschen verhindert, so ist der Mensch doch unlösbar mit ihm verbunden; denn nur der sinnliche Trieb verschafft dem Menschen, indem er ihn zur Materie macht und in die Schranken der Zeit setzt, Dasein und Welt.“[8] Ohne die Wirkung des Formtriebes kann der Mensch jedoch nicht die vollkommene Einheit erreichen, da sonst die Komponente der Vernunft fehlen würde. „Der Mensch hat ihn in sich, sofern er durch Vernunft, und zwar praktische und theoretische Vernunft, beseelt ist. Er ist der Antrieb der Wesensverwirklichung, der auf Behauptung des Personseins im Wechsel des Wirklichen dringt.“[9] Der Formtrieb steht zum Stofftrieb (Sachtrieb) in einem ganz bestimmten Verhältnis: „Wenn der Sachtrieb nur Fälle macht, so gibt der Formtrieb Gesetze; Gesetze für jedes Urteil, wenn es Erkenntnisse, Gesetze für jeden Willen, wenn es Taten betrifft.“ (12. Brief. S. 598.32ff.) Für den Formtrieb existieren die Schranken der Zeit nicht mehr.

Wo also der Formtrieb die Herrschaft führt, und das reine Objekt in uns handelt, da ist die höchste Erweiterung des Seins, da verschwinden alle Schranken, da hat sich der Mensch aus einer Größen-Einheit, auf welche der dürftige Sinn ihn beschränkte, zu einer Ideen-Einheit erhoben, die das ganze Reich der Erscheinungen unter sich fasst. […] Wir sind nicht mehr Individuen, sondern Gattung; das Urteil aller Geister ist durch das unsrige ausgesprochen, die Wahl aller Herzen ist repräsentiert durch unsre Tat. (12. Brief, S. 599.24ff.)

Schiller betont hier, dass der Mensch nicht mehr Individuum ist. Das bedeutet aber, dass der Formtrieb den Menschen an seiner Selbstverwirklichung hindert.[10]

Stofftrieb und Formtrieb sind folglich gegensätzliche Triebe, die miteinander in Wettstreit geraten. Der Stofftrieb repräsentiert die Empfindungen des Menschen und macht ihn zum sinnlichen Wesen, das innerhalb der Schranken der Zeit existiert. Der Formtrieb stellt die Seite der Vernunft dar; er arbeitet gegen die Individualität des Menschen und hebt die Grenzen der Zeit auf. Dadurch scheint der Mensch in ständigem Zwiespalt zu leben.[11]

2.1.2 Die Gegensätzlichkeit von Stoff- und Formtrieb

Nach den vorherigen Überlegungen könnte man glauben, dass der Mensch zur angestrebten Einheit kommt, wenn beide Triebe zusammenwirken.[12] Dies trifft aber nicht zu, da sie beide widersprüchliche Interessen vertreten. Monika Tielkes spricht hier vom Antagonismus der beiden Triebe.[13] Man muss jedoch bei der Betrachtung von Stofftrieb und Formtrieb Folgendes beachten: „Diese Gegnerschaft der Triebe durchherrscht zwar die Natur des Menschen, aber der Antagonismus bildet keinen notwendigen Widerspruch, sondern lediglich einen trügerischen Widerstreit.“[14] Die beiden Triebe sind zwar gegensätzlich, aber jeder zielt auf sein eigenes Gebiet, nicht auf dasselbe.[15] Friedrich Schiller schildert dieses Verhältnis von Stoff- und Formtrieb im 13. Brief sehr ausführlich.

Wahr ist es, ihre Tendenzen widersprechen sich, aber nicht in denselben Objekten, und was nicht aufeinander trifft, kann nicht gegeneinander stoßen. Der Sachtrieb fordert zwar Veränderung, aber er fordert nicht, dass sie auch auf die Person und ihr Gebiet sich erstre title="">[16] An dieser Stelle kommt bei Schiller der Begriff der „Kultur“ ins Spiel:

[…] einem jeden dieser beiden Triebe seine Grenzen zu sichern, ist die Aufgabe der Kultur, die also beiden eine gleiche Gerechtigkeit schuldig ist, und nicht bloß den Sachtrieb, sondern auch diesen gegen jenen zu behaupten hat. Ihr Geschäft ist also doppelt: erstlich: die Sinnlichkeit gegen die Eingriffe der Freiheit zu verwahren: zweitens: die Persönlichkeit gegen die Macht der Empfindungen sicher zu stellen. (13. Brief, S. 601.1ff.)

Sobald der Mensch einem der beiden Triebe die Oberhand überlässt, macht er die Existenz seines eigenen Wesens zunichte und beraubt sich der Möglichkeit, zur absoluten Einheit zu gelangen.

Er kann die Extensität, welche der leidenden Kraft gebührt, der tätigen zuteilen, durch den Formtrieb dem Sachtriebe vorgreifen, und dem empfangenden Vermögen das bestimmende unterschieben. In dem ersten Fall wird er nie Er selbst, in dem zweiten wird er nie etwas Anders sein; mithin eben darum in beiden Fällen keines von beiden folglich – Null sein. (13. Brief, S. 602f.33ff.)

Aus diesen Worten wird deutlich: eine Versöhnung beider Triebe ist oberstes Ziel![17]

2.1.3 Der „Spieltrieb“ als vermittelnde Kraft zwischen Stofftrieb und Formtrieb

Versöhnung der beiden Triebe bedeutet, dass beide in gleicher Weise befriedigt werden. Dies wäre der ideale Zustand der Einheit des menschlichen Wesens. Doch wie kann diese Versöhnung erreicht werden? Schiller möchte dieses Problem durch die Wirkung eines anderen Triebes lösen, den er „Spieltrieb“ (14. Brief, S. 607.25.) nennt. Hierbei handelt es sich aber nicht um einen „dritten Grundtrieb “ (13. Brief, S. 600.6f.) im Menschen, sondern um einen „neuen Trieb“ (14. Brief, S. 607.16.). Schiller charakterisiert den Spieltrieb folgendermaßen:

Der Sachtrieb will, dass Veränderung sei, dass die Zeit einen Inhalt habe; der Formtrieb will, dass die Zeit aufgehoben, dass keine Veränderung sei. Derjenige Trieb also, in welchem beide verbunden wirken, (es sei mir einstweilen, bis ich diese Benennung gerechtfertigt haben werde, vergönnt, ihn Spieltrieb zu nennen) der Spieltrieb also würde dahin gerichtet sein, die Zeit in der Zeit aufzuheben, Werden mit absolutem Sein, Veränderung mit Identität zu vereinbaren. (14. Brief, S. 607.20ff.)

Alle Gegensätze der beiden Triebe des Menschen könnten somit durch den Spieltrieb miteinander versöhnt werden.

[...]


[1] „Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen“ zitiere ich nach: Friedrich Schiller Theoretische Schriften. Hrsg. v. Rolf-Peter Janz. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1992. S. 556-677.

[2] Für Punkt 1 vgl. Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Hrsg. v. Klaus L. Berghahn. Stuttgart: Reclam 2000. S. 254-286.

[3] Tielkes, Monika: Schillers transzendentale Ästhetik. Untersuchungen zu den Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Phil. Diss. masch. Köln: 1973. S. 78.

[4] Ebd., S. 78.

[5] Wernly, Julia: Prolegomena zu einem Lexikon ästhetisch-ethischen Terminologie Friedrich Schillers. Hildesheim: Verlag Dr. H. A. Gerstenberg 1975. S. 91.

[6] Tielkes, M.: Schillers transzendentale Ästhetik. S. 79.

[7] Vgl. Tielkes, M.: Schillers transzendentale Ästhetik. S. 79.

[8] Tielkes, M.: Schillers transzendentale Ästhetik. S. 81.

[9] Ebd., S. 82.

[10] Vgl. Ebd., S. 83.

[11] Für Punkt 2.1.1 vgl. Tielkes Monika: Schillers transzendentale Ästhetik. S. 77-84.

[12] Vgl. Ebd., S. 84.

[13] Vgl. Ebd., S. 84.

[14] Ebd., S. 85.

[15] Vgl. Ebd., S. 86.

[16] Vgl. Fuhrmann, Helmut: Zur poetischen und philosophischen Anthropologie Schillers. Vier Versuche. Würzburg: Königshausen & Neumann 2001. S. 119.

[17] Für Punkt 2.1.2 vgl. Tielkes, Monika: Schillers transzendentale Ästhetik. S. 84-90. und Fuhrmann, Helmut: Zur poetischen und philosophischen Anthropologie Schillers. S. 119-121.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Begriffe "Spiel", "Spieltrieb" und "Schein" in Schillers Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen"
Hochschule
Universität Regensburg  (für Germanistik )
Veranstaltung
Hauptseminar Aleatorik und Spiel
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V161383
ISBN (eBook)
9783640744831
ISBN (Buch)
9783640745265
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Begriffe, Spiel, Spieltrieb, Schein, Schillers, Briefen, Erziehung, Menschen
Arbeit zitieren
Michaela Kertesz (Autor), 2007, Die Bedeutung der Begriffe "Spiel", "Spieltrieb" und "Schein" in Schillers Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161383

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