Über Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie"


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Franz Kafka – Biografisches

3. Zur Epoche: Expressionismus 1910-1925

4. Zum Text: Inhaltsangabe „In der Strafkolonie“

5. Personen in der Erzählung

6. Inhaltsanalyse/ Interpretation
6.1. Deutungsmöglichkeiten der Personen und des Apparates/ Parabolische Deutung
6.2. Die Ambivalenz des Reisenden im Gegensatz zur Entschiedenheit des Offiziers
6.3. Zur Deutung des Selbstopfers

7. Sprachliche Besonderheiten & Stilmittel

8. Schlussbetrachtungen

9. Quellen- und Literaturverzeichnis

10. Schlussvermerk

1. Einleitung

„In der Strafkolonie“ ist eine im Oktober 1914 entstandene Erzählung des Autors Franz Kafka. Einzuordnen ist das Werk in die Epoche des Expressionismus. Kafka verfasste seine Erzählung kurz nach Ausbruch des ersten Weltkrieges. Das Wissen um diesen Umstand kann als ein Hinweis für die Interpretation des Werkes dienen. Wie in vielen seiner Werke geht es auch in dieser Geschichte um den Themenkomplex „Schuld und Strafe".[1]

Im Zentrum des Geschehens steht ein Offizier, der eine von dem ehemaligen Kommandanten entwickelte Hinrichtungsmaschine lobpreist. Er will den Forschungsreisenden, der der Exekution beiwohnen soll, von dem Apparat überzeugen. Als ihm dies jedoch nicht gelingt, muss er einsehen, dass die Zeit der Maschine vorüber ist. Auf diese Einsicht hin begibt er sich selbst in das Folterinstrument und lässt sich von ihm hinrichten. Der Reisende besucht nach Vollendung der Exekution die Grabstätte des alten Kommandanten und reißt anschließend übereilt ab.

Bei der Auseinandersetzung mit einer Erzählung Kafkas muss stets beachtet werden, dass es meist mehrere unterschiedliche Möglichkeiten zur Deutung gibt. Die Intention, die hinter seinen Werken steckt, ist nicht offensichtlich. Vielmehr muss sich der Leser auf die Suche nach einer versteckten Botschaft begeben. Die Texte sind jedoch nie eindeutig.[2] Die Frage „Was will uns der Autor damit sagen“ wird wohl in Kafkas Fall nie eindeutig zu beantworten sein.

Diese Tatsache macht die Auseinandersetzung mit einem Werk Kafkas umso interessanter, allerdings auch umso schwieriger. Der Autor lässt zahlreiche Fragen offen, die auch nach mehrmaligem Lesen nicht eindeutig geklärt werden können. Die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten der Erzählung sind zu zahlreich, um sie auch nur teilweise in einer solchen Arbeit abhandeln zu können. Daher liegt der Kern der folgenden Interpretation auf meiner persönlichen, bevorzugten Auslegung des Textes.

2. Franz Kafka - Biografisches

Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 als erstes Kind des wohlhabenden jüdischen Kaufmanns Hermann Kafka und seiner Frau Julie in Prag geboren.[3] Das familiäre Leben entsprach dem typischen Alltag der Bourgeoisie. Angesichts seiner Unzufriedenheit mit dem familiären Leben und seiner schulischen Ausbildung begann er mit den Werken von Philosophen wie Darwin, Haeckel und Nietzsche auseinanderzusetzen. Zudem beschäftigte er sich mit Kunst und dem Sozialismus und schloss sich der Freien Schule an, einem antiklerikalen Verein.

Schon früh prägte sich in Kafkas Wesen aus, was ihn sein Leben lang bewegen sollte: Er hatte ein starkes Interesse an literarischen, politischen und sozialen Fragen; gleichsam allerdings war ihm stets eine Unsicherheit inne, eine Angst, vor den realen Umständen. Die Unsicherheit, die ihn erfüllte, war die Ursache für seine Selbstkritik, mit der er später zahlreiche Tagebücher und Briefe füllte.[4]

Bereits im Alter von circa 15 Jahren begann Kafka zu schreiben. Die Werke, die in der Zeit als Jugendlicher entstanden, hat er später allerdings selbst vernichtet, da sie ihm nicht mehr zusagten; sie seien zu „schwülstig“. Die späteren Werke Kafkas –wie auch die Erzählung „In der Strafkolonie“ handeln von Prozess, Urteil und Strafe.[5]

Von 1901 bis 1906 studierte er in Prag Jura und Germanistik und promovierte 1906 in Jura. Anschließend war er als Aushilfskraft in dem Versicherungskonzern „Assicurazioni Generali“ tätig. Diese Arbeit vermochte ihn jedoch nicht zufrieden zu stellen, weshalb er einen Kursus für Arbeiterversicherung an der Prager Handelsakademie besuchte. Ab 1908 arbeitete er in der „Arbeiter-Unfall-Versicherungsgesellschaft für das Königreich Böhmen und Prag“. Noch im gleichen Jahr erschienen im „Hyperion“ erste Prosastücke Kafkas. Großen Einfluss übte in jener Zeit der Schriftsteller Franz Blei auf ihn aus. Er war es auch, der Kafkas Aufmerksamkeit auf den Roman „Der Garten der Foltern“ von Octave Mirbeau lenkte, der ihm als eine Inspiration für seine Erzählung „In der Strafkolonie“ diente.[6] Zwischen 1910 und 1912 unternahm er Reisen nach Deutschland, Frankreich, Ungarn, Italien und die Schweiz. Ab 1910 begann er Tagebuch zu führen und sich selbstanalytisch mit seinen Träumen und Erfahrungen auseinander zu setzen.[7]

Zeitlebens empfand er sich als unverstandenen Einzelgänger. Eine engere Freundschaft verband ihn lediglich mit Franz Werfel und Max Brod. Kafkas Interessen waren in seinen ersten Berufsjahren äußerst weit gefächert. Er besuchte Vorträge über Psychoanalyse, Relativitätstheorie und Quantentheorie. Er las Kleist, Flaubert und Robert Walser und hatte Beziehungen zur „Tschechischen Anarchistischen Bewegung“.[8]

1914 verlobte er sich mit Felic Bauer, löste jedoch die Verlobung wieder. In dieser Zeit schrieb er die erste Fassung des Romans „Der Verschollene“, des Weiteren die Geschichten „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“. 1913 erschien mit „Betrachtung“ sein erstes Buch. 1917 verlobte er sich nochmals mit Felice, löste die Verlobung jedoch nach Ausbruch seiner Lungentuberkulose im Herbst. 1918 lernte er Julie Wohrzyk kennen, mit der er sich verlobte. 1920 begann er einen regen Briefwechsel mit der tschechischen Übersetzerin Milena Jesenská und löste die Verlobung zu Julie.[9] 1922 musste er seinen Beruf aufgeben, da er an Tuberkulose erkrankt war. Ab 1923 lebte er freier Schriftsteller zusammen mit Dora Diamant in Berlin. Am 3. Juni 1924 erlag er in einem Wiener Sanatorium der Kehlkopftuberkolose. In seinem Testament sah er vor, dass all seine literarischen Werke nach seinem Tode verbrannt werden sollten. Sein langjähriger Freund Max Brod veröffentliche Kafkas Schriften jedoch gegen dessen Willen.[10]

3. Zur Epoche: Expressionismus 1910-1925

Das bedeutungsvollste geschichtliche Ereignis in der Zeit des Expressionismus war der Erste Weltkrieg. Auf die Schriftsteller des Expressionismus wirkten insbesondere der Darwinismus, der Kulturpessimismus Nietzsches und Freuds Psychoanalyse ein.

Der Begriff „Expressionismus“ leitet sich vom lateinischen Wort „expressio“ ab und bedeutet „Ausdruck“. Zunächst wurde der Epochenbegriff als Sammelbezeichnung für die gegen die Prinzipien des Naturalismus und Impressionismus gerichteten jungen Maler in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg genutzt.[11] Der Schriftsteller Kurt Hiller übertrug den Begriff später auch auf die jungen Dichter der damaligen Zeit.[12]

Ab 1910 entstand ein neues Krisenbewusstsein unter den Künstlern. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigten sich immer mehr junge Künstler unzufrieden mit ihrer Umwelt. Sie begannen gegen das festgefahrene Bürgertum, den Imperialismus, den Kapitalismus, die Industrialisierung und die Mechanisierung des Lebens zu protestieren. Dieser neuen Generation an Künstlern war die Angst vor einer nahenden Katastrophe gemein.[13] Im Zentrum ihres Schaffens stand das Verlangen nach geistiger Erneuerung.

Im Gegensatz zur Epoche des Impressionismus ließen sich Kunst und Wirklichkeit nun nicht mehr miteinander vereinen. Der Künstler sah sich mit einer Welt konfrontiert, in der er nur Unordnung und Disharmonie erkennen konnte. Die Wirklichkeit schloss nun auch das Geistig-Seelische mit ein.[14] Im Gegensatz zum Naturalismus, der die Ordnung der materiellen Realität hinterfragt, besteht im Expressionismus das Bild von einer immateriellen Ordnung der Wirklichkeit –fernab von dem sinnlich wahrnehmbaren.[15] Das innere Erlebnis wurde dem äußeren Leben übergeordnet. Der expressionistische Künstler stellt nicht die Wirklichkeit in den Mittelpunkt, sondern die Wahrheit, die er überbringen will.[16] Die Künstler sehnten sich nach einer besseren Welt und nach einer anderen, neuen Menschheit.[17]

Literarische Formen und Vertreter des Expressionismus

1. Lyrik

Bis zum ersten Weltkrieg bedienten sich die Expressionisten vor allem der lyrischen Form. In der Lyrik konnten die Autoren ihre Gedanken am besten in Worte fassen. Autoren wie Georg Trakl, August Stramm und Georg Heym veröffentlichten Gedichtbände. Besondere Bedeutung hat Jakob von Hoddis’ „Weltende“ von 1911. Der Autor hat in seinem Gedicht die Überzeugungen einer ganzen Generation dargelegt. Nicht nur brachte er die Verachtung für die gesellschaftlichen Verhältnisse in diesem lyrischen Werk zum Ausdruck; auch die nahende Katastrophe nahm er den realen Ereignissen vorweg.

Ein überaus bedeutsames Werk ist Kurt Pinthus’ Anthologie „Menschheitsdämmerung“, in der zahlreiche namhafte Autoren, wie Erbst Stadler und Geog Heym und auch das Werk Hoddis’ vertreten sind.
Die häufigsten Motive der Expressionistischen Lyrik waren Angst, Krieg, Tod und Melancholie. Die Autoren nutzen neue sprachliche Mittel, um ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen: Sie verwenden Neologismen, ungewohnte Rhythmen und eine abgehackt abgerissene Sprachweise. Sie formten so eine für den Leser unwirklich erscheinende Welt.[18]

2. Epik

Während der Lyrik ein überaus hoher Stellenwert zuzurechnen ist, wurde die Bedeutung der Epik trotz vieler epischer Texte aus dieser Epoche von der Nachwelt eher gering geschätzt. Erst während des ersten Weltkrieges gewann die erzählende Prosa an Bedeutung. Häufig verwendetes Motiv war „Der jüngste Tag“. Prosa mit reflexiven und selbstreflexiven Inhalten, wird unter der Kategorie Reflexionsprosa vereint. Andere Werke hatten die Verbesserung der Welt zum Ziel und standen im Zeichen des Messianismus. Einige wichtige Vertreter der expressionistischen Epik waren Alfred Döblin, Verfasser von „Die Ermordung einer Butterblume“, Carl Einstein und auch Franz Kafka.[19]

3. Dramatik

Auch im Drama fanden die Autoren ein geeignetes Medium für die eindrucksvolle Demonstration ihrer Vorstellungen. Besonders die Erneuerung der Menschheit, der Wandel des Menschen wurde zu Beginn auf die Bühne gebracht. In folge des Ersten Weltkrieges kamen auch Themen wie Technikfeindlichkeit und Hass gegenüber der Zivilisation in den Stücken vor. Wichtige Vertreter der Dramatik waren unter anderem R.J. Sorge („Der Bettler“), Walter Hasenclever („Der Sohn“, „Menschen“), Paul Kornfeld („Ein Geschlecht“) und Oskar Kokoschka („Mörder, Hoffnung der Frauen“, „Der brennende Dornbusch“). Besonders charakteristisch für die Dramen des Expressionismus waren lange Monologe, ein abstraktes Bühnenbild und stark körperliche Ausdrucksformen. Im Zentrum stand die Seele, nicht der Charakter und die Protagonisten waren meist überindividuell angelegt.[20]

[...]


[1] Königs Erläuterungen und Materialien: Kafka – Erzählungen, S. 5

[2] Epochen der deutschen Literatur, S. 424

[3] www.franzkafka.de

[4] Franz Kafka: In der Strafkolonie. Eine Geschichte aus dem Jahr 1914, S. 9-10

[5] http://www.franzkafka.de

[6] Franz Kafka: In der Strafkolonie. Eine Geschichte aus dem Jahr 1914, S. 11-12

[7] Der Brockhaus: Literatur, S. 407

[8] Franz Kafka: In der Strafkolonie. Eine Geschichte aus dem Jahr 1914, S. 12

[9] ebd., S. 13-14

[10] http://www.kafka.uni-bonn.de/index.shtml

[11] Brockhaus Literatur, S. 231

[12] http://www.literaturwelt.com/epochen/express.html

[13] Brockhaus Literatur, S. 231

[14] http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/expressionismus.html

[15] Frank Krause: Literarischer Expressionismus, S. 229

[16] http://www.pohlw.de/literatur/epochen/express.html

[17] http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/expressionismus.html

[18] ebd.

[19] http://www2.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/729.pdf

[20] http://www2.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/729.pdf

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Über Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie"
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Erzählen um 1900
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V161395
ISBN (eBook)
9783640746187
ISBN (Buch)
9783640746804
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Strafkolonie, Expressionismus
Arbeit zitieren
Antje Weckmann (Autor), 2009, Über Franz Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161395

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